Honigfabrik_Wilhelmsburg
Das Kulturzentrum Honigfabrik liegt am Ufer des Veringkanals. Foto: Johanna Felde

Arbeitslosigkeit, Kriminalität, Bauruinen: Jahrzehntelang war Wilhelmsburg der wunde Punkt Hamburgs. Seit ein paar Jahren entdecken die Hamburger ihren größten Stadtteil wieder. Eine Fototour durch „Willy“.

Wilhelmsburg ist ein Stadtteil der Gegensätze: Wunderschön verzierte Altbauten treffen auf heruntergekommene Fabrikgebäude, idyllische Grünanlagen auf triste Industrieflächen und die historische Windmühle Johanna steht mitten im Multi-Kulti-Viertel. Natur und Industrie liegen dicht beieinander: An der südlichsten Spitze teilt sich in grüner Idylle die Elbe, im Norden türmen sich die Schiffscontainer in die Höhe und Fabrikschlote rauchen.

Unsere etwa 15 Kilometer lange Radtour durch Wilhelmsburg hat uns von einer alten Windmühle über das Dockville-Gelände, bis zur Honigfabrik geführt. Auch an einem bekannten Drehort sind wir vorbeigekommen. Einen so weitläufigen Stadtteil erkundet man am besten auf dem Rad. Wilhelmsburg ist eine Elbinsel. Wer sie vom nördlichen Festland aus erkunden will – so nennen Wilhelmsburger augenzwinkernd die Teile Hamburgs, die nördlich der Elbe liegen – kann seine Tour durch den alten Elbtunnel starten, die S-Bahn nehmen oder wochentags mit der Fähre übersetzen.

1. Windmühle Johanna

„Unsere Johanna“, sagt Uwe Schmidt und schaut lächelnd hinauf zu der reetgedeckten Windmühle, die von alten Linden umsäumt wird. Er kümmert sich schon lange ehrenamtlich um die Windmühle und wohnt seit 1950 in Wilhelmsburg. Herrschaftlich thront Johanna auf dem kleinen Hügel, einem ehemaligen Deich. Im Tümpel spiegeln sich ihre roten Flügel, die heute still stehen.

„Die Windmühle wurde nach Johanna Sievers benannt. Sie war die letzte Müllerin“, sagt Uwe Schmidt und deutet auf eine Tafel, die vor der Mühle an der Wand lehnt. Er geht ein paar Schritte um die Windmühle herum und zeigt auf eine Häusergruppe direkt neben der Windmühle „Johanna Sievers verstarb leider vor ein paar Jahren. Hier, in ihrem kleinen Haus direkt neben der Mühle.“

Uwe Schmidt gibt uns eine Führung durch die Windmühle: Unten liegt ein kleines Café, in dem am ersten Sonntag des Monats ehrenamtliche Helfer die Besucher mit Kaffee, selbstgebackenem Kuchen und Mühlenbrot bewirten. Das erwirtschaftete und gespendete Geld fließt direkt in die Pflege des Gebäudes. „Der Erhalt ist sehr teuer, ein Fass ohne Boden.“ Uwe Schmidt führt uns über eine kleine Holztreppe ein Stockwerk nach oben. Mehlsäcke und verschiedene Maschinen stehen in dem engen, niedrigen Raum. Der alte Mahlstein wird einmal im Monat aktiv. Das frisch gemahlene Mehl wird dann in der Mühle verkauft.

2. Inselpark

Wer sich fragt, ob man wirklich unbedingt mit dem Fahrrad fahren muss, ist spätestens beim Besuch des Inselparks überzeugt. Auf dem ehemaligen Landesgartenschaugelände befinden sich eine Kletterhalle, ein Basketballstadion, Spielplätze und einige Schrebergärten. Kurzum: Das Gelände ist sehr weitläufig.

3. MS Dockville-Festival-Gelände

Wer ans MS Dockville Festival denkt, denkt an kleine Pfade, die durch das Unterholz führen, verwunschene Ecken in denen man Blumenkränze knüpfen oder Seifenblasen in die Luft schicken kann, Hängematten zum Ausruhen und glühende Sonnenuntergänge vor der Hafensilhouette. Von diesem Glanz, den tanzenden Massen und der guten Musik ist im November wenig übrig. Wir stehen vor verschlossenen Türen. Beim Blick durch die Gitterstäbe entfaltet sich eher ein tristes Bild: Planen verdecken die Bars, hölzerne Sitzgelegenheiten und übrig gebliebene Kunstwerke. Wir kommen lieber im Sommer wieder.

4. Soulkitchen-Halle

Der Veringkanal ist ein beliebter Ort zum Spazierengehen. Auf Höhe des Clubs Turtur hat man einen guten Ausblick auf die leerstehende Soulkitchen Halle auf der anderen Uferseite. Das als Musikbar genutzte Gebäude wurde 2013 geschlossen. Viele kennen sie aus Fatih Akins gleichnamigen Film. Vorbild war das griechische Restaurant Sotiris in Altona. Nachdem wir ein paar Fotos geschossen haben, schauen wir uns die berühmte Filmkulisse von der Hinterseite aus an. Ein Bauzaun versperrt uns den Zutritt – nicht aber die Sicht auf die heruntergekommene Halle.

5. Honigfabrik und Sanitaspark

Wir wechseln wieder die Uferseite und fahren weiter den Veringkanal entlang. Nach ein paar Minuten erreicht man den Sanitaspark. Von hier aus hat man einen schönen Blick auf die Honigfabrik. Auf dem Dach haben sich Möwen niedergelassen, vor dem Gebäude liegt ein kleines Boot. Es ist ruhig hier. An einer Seite des Gebäudes ist ein Neubau aus buntem Glas angebracht worden, ums Eck liegt ein kleiner Hinterhof. Ein Jugendlicher sitzt hinter einer Scheibe im Erdgeschoss und spielt Schlagzeug. Eine ältere Dame spricht uns an: „Wissen Sie, hier wurde zuerst gar nicht Honig hergestellt – sondern Margarine. Und heute machen wir hier Gymnastik.“

6. Reiherstiegviertel

Wer lange Fahrrad fährt und fotografiert, muss natürlich auch mal eine Pause einlegen. Die Kaffeeklappe an der Fährstraße versorgt uns mit exzellentem Kaffee und einem schmackhaften Mittagstisch. Das Bistro liegt mitten im Reiherstiegviertel. Im Ende des 19. Jahrhunderts entstandenen Arbeiterviertel gibt es heute szenige Bars, Cafés und Restaurants. Gleichzeitig hat es sich den rauen Charm der Vergangenheit erhalten und es leben viele unterschiedliche Nationen Tür an Tür. Zur Gründung des Hamburger Freihafens entstanden hier prachtvolle Altbauten, die man heute noch bestaunen kann.

Für die Rückfahrt stellen wir unsere geliehenen Stadträder ab und fahren mit der Fähre 73 von der Ernst-August-Schleuse aus zu den Landungsbrücken. Wieder am nördlichen Elbufer angekommen, fühlen wir uns ein bisschen so, als wären wir in einem wunderbaren Paralleluniversum gewesen. „Wir sind wie eine große Familie – wir Wilhelmsburger“, hat Uwe Schmidt in der Windmühle Johanna vor ein paar Stunden beim Verabschieden zu uns gesagt. Das merkt man. Willy, we love you.

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Johanna Röhr, Jahrgang 1991, sagt gerne etwas, kann aber auch zuhören - am liebsten wenn's um Sport geht. Und das immer brandaktuell auf Twitter. Sie liebt ihre Heimat München, Nilpferdbabys und gute Satire. Noch fühlt sie sich in Hamburg wie im Ausland, aber das wird sich bestimmt noch ändern. Sie ist Social-Media-Redakteurin bei Spiegel Online und Kommunikationstrainerin, hat aber auch schon als Stadionmoderatorin der Frauenmannschaft des FC Bayern gearbeitet. Sie ist Autorin eines Münchner Stadtführers. Modetrends findet sie cool, merkt das aber immer erst, wenn sie vorbei sind.
Die Stimme von Johanna Felde, Jahrgang 1993, hat schon so manches junge Paar ins Eheglück begleitet: Eine Zeitlang sang sie in einer Band, die unter anderem bei Hochzeiten auftrat. Die gebürtige Wolfsburgerin mit russlanddeutschen Wurzeln hat sich in Berlin und Schottland für Obdachlose engagiert. Neben ihrem Studium der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an der Freien Universität in Berlin hat sie Praxiserfahrung beim ARD Text und WeltN24 gesammelt. Danach arbeitete sie bei Edition F im Bereich Native Advertising, was ihr Interesse am Verhältnis zwischen Journalismus und PR weckte. Jetzt wohnt sie zusammen mit einem Pärchen in einer 3er-WG im Schanzenviertel – und das funktioniert erstaunlich gut.