Wohnungssuchende geben im Netz schnell ihre Daten raus. Foto: Luisa Höppner

Betrugsfälle auf dem Hamburger Wohnungsmarkt nehmen zu. Neben falschen Vermietern, die Kautionen kassieren, treten vermehrt Identitätsbetrüge auf. Doch was passiert mit persönlichen Daten, die an Dritte gelangen?

Das Telefon klingelt. Thilo Kortmann* ist gerade dabei, eine Tiefkühlpizza in den Ofen zu schieben und hebt ab. Am anderen Ende der Leitung meldet sich ein Kommissar der Kriminalpolizei Hamburg mit nüchterner Stimme: „Guten Abend Herr Kortmann, Sie sind Opfer eines Identitätsdiebstahls geworden.“ Bis Kortmann die Worte des Kommissars begreift, vergehen einige Augenblicke. Krampfhaft versucht er sich daran zu erinnern, wo er in den letzten Wochen seine Daten hinterlegt hat, bis ihm der Kommissar das entscheidende Stichwort gibt: Wohnungssuche im Netz.

Erhöhte Chance auf eine Zusage?

Vor einigen Wochen war Kortmann auf der Suche nach einer größeren Wohnung und antwortete auf mehrere Inserate verschiedener Immobilien-Websites. Einigen Anfragen fügte er eine Ausweiskopie, seinen Gehaltsnachweis und die ausgefüllte Mieterselbstauskunft an. Die Offenlegung seiner Daten würde ihm gegenüber anderen Interessenten bessere Chancen auf die Wohnungen ermöglichen, hieß es in einigen Inseraten. Rückmeldungen erhielt er keine, außer von der Polizei: Man habe versucht, auf seinen Namen mehrere Kredite aufzunehmen. „Der Kommisar erklärte mir, ich sei Opfer eines Datenraubs geworden, indem jemand meine Unterschrift gefälscht und meinen Ausweis mit einer anderen Adresse versehen habe“, erzählt Kortmann. „Gott sei Dank ist mir nichts passiert und Geld habe ich auch nicht verloren. Aber trotzdem ist es ein beängstigendes Gefühl zu wissen, dass jemand da draußen in Besitz meiner persönlichen Daten ist. Denn der Täter konnte bisher nicht überführt werden.“

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Was kann jetzt noch mit den Daten passieren?

Laut Siegmund Chychla, Vorstandsvorsitzender des Mietervereines zu Hamburg, hat Kortmann richtig gehandelt. „Dadurch, dass er den Vorfall zur Anzeige gebracht hat, kann ihm selbst nichts mehr passieren.“ Wenn in seinem Namen etwa ein illegaler Kauf getätigt wird, kann er dafür nicht belangt  werden. „Dennoch können seine Daten durch Dritte missbraucht werden. Die Betrüger können sich glaubwürdig hinter seiner Identität verstecken und weitere Straftaten begehen, über deren Ausmaß ich nur mutmaßen kann“, erklärt Chychla. Seinen Vermutungen nach handelt es sich bei den Tätern um einen engen Personenkreis, der aus dem Ausland operiert. Die IP-Adressen, unter denen sich die Betrüger anmelden, seien aufgrund ihrer komplexen Verschlüsselung nicht zurückzuverfolgen. Da könne selbst die Polizei nichts mehr tun. Deshalb sagt der Mieterverein:

„Ein seriöser Vermieter setzt einen Interessenten niemals unter Druck. Er fragt nur nach Dem vollen Namen und Der Telefonnummer.“

Die Konsequenzen solcher Betrugsfälle

Diese Art von Betrugsfällen gibt es laut Chychla seit etwa einem halben Jahr und sie nehmen zu. Genaue Zahlen gibt es der Polizei und dem Mieterverein zufolge nicht. 80 Prozent der Fälle werden gar nicht erst zur Anzeige gebracht. Grund dafür ist zum einen die Aussichtslosigkeit, den Täter zu identifizieren und zum anderen die Häufigkeit der Fälle. Bei derartigen Vorkommnissen würden Wohnungssuchende zudem, wenn überhaupt, um verhältnismäßig geringe Beträge im drei- bis vierstelligen Bereich gebracht. „Für das Bundesverwaltungsgericht sind diese Angelegenheiten deshalb eher von sekundärer Dringlichkeit“, so Chychla.

Folgen für Betroffene

Für Betrugsfälle gibt es keine Versicherung. Tätigt ein Wohnungssuchender in gutem Glauben Überweisungen an einen vermeintlichen Vermieter, ist das Geld weg. Ausnahme: Wenn Dritte unrechtmäßig versuchen, auf die Konten der Opfer zuzugreifen und Banken voreilig Beträge auszahlen, dann kann der Geschädigte das Geld von der Bank zurückfordern.

„Leider kann auch der Mieterverein zu Hamburg nicht mehr Hilfe leisten, als Wohnungssuchende für den bewussten Umgang mit den persönlichen Daten zu sensibilisieren“, sagt Chychla. Fakt ist: Auf dem Hamburger Wohnungsmarkt herrscht Notstand, sodass Suchende schnell bereit sind, persönliche Daten von sich preiszugeben und im Voraus hohe Beträge an potenizelle Vermieter zu zahlen. Für Betrüger ist das ein lukratives Geschäft.

Schutz vor trügerischen Wohnungsinseraten

Hauptsitz des Mietervereins zu Hamburg am Berliner Tor. Foto: Luisa Höppner

Abzocke, Identitätsklau und Fake-Wohnungen der Mieterverein nennt sechs Tipps, um sich vor Betrug bei der Wohnungssuche im Netz zu schützen.

  1. Datenintransparenz:
    Solange kein Mietvertrag vorliegt, ist der Interessent laut Datenschutzgesetz nur dazu verpflichtet, seinen Namen und seine Telefonnummer preiszugeben. Auch bei Sammelbesichtigungen von Wohnungen müssen dem Vermieter keine weiteren Informationen zugespielt werden.
  2. Provisionsfreiheit:
    Seit 2015 darf kein Makler mehr Provisionen vom Mieter persönlich verlangen, erst recht nicht im Voraus.
  3. Anbieter- und Wohnungsexistenz:
    Wichtig ist auch, sich über die Existenz des Anbieters eines Inserats und der Wohnung zu informieren. Ist der Vermieter über eine Telefonnummer erreichbar? Häufig verstecken sich falsche Vermieter hinter großen Immobilienunternehmen. In diesem Fall bietet es sich an, das betreffende Unternehmen zu kontaktieren und nach der Existenz der Person zu fragen. Die Bilder zu Wohnungen lassen sich über die Google-Rückwärtssuche im Internet überprüfen.
  4. Kautionen in Raten:
    Fordern Vermieter einen Interessenten zur Zahlung von Kautionen auf, bevor ein Mietverhältnis abgeschlossen wurde, kann man sicher sein, dass es sich um einen potenziellen Betrüger handelt. Zudem ist vielen Mietern nicht bewusst, dass Kautionen in den ersten drei Monaten eines Mietverhältnisses gestaffelt bezahlt werden und nicht als ganze Summe zu Beginn.
  5. Kein Zeitdruck:
    Seriöse Vermieter haben selbst ein Interesse daran, ihre potenziellen Mieter kennen zu lernen und dadurch besser einschätzen zu können. Sie hinterlassen schließlich einem Fremden ihr Eigentum. Deshalb nehmen sie bei der Terminabsprache für eine Besichtigung Rücksicht auf den Interessenten und lassen ihm später genügend Zeit, um den Mietvertrag zu lesen.
  6. Fehlerfreies Inserat:
    Seriöse Inserate vermitteln dem Interessenten alle wichtigen Angaben, sind frei von Rechtschreibfehlern und: Eine Maisonette-Wohnung in Eppendorf für 700 Euro warm gibt es nicht!

*Name geändert