Aljoscha Pause ist Fußballdeutschlands bedeutendster Filmemacher. In seiner neuesten Dokumentation „Being Mario Götze“ porträtiert er den WM-Helden von 2014. FINK.HAMBURG hat mit dem Regisseur gesprochen.

„Schürrle, der kommt an. Mach ihn, Mach ihn! Er macht ihn! Mario Götze!“ Beim WM-Finale 2014 schrieb Mario Götze Geschichte und schoss Deutschland zum vierten WM-Titel. Heute, vier Jahre später, ist er weder in der Nationalmannschaft noch Stammspieler bei Borussia Dortmund. Für den Film „Being Mario Götze“ begleitete der deutsche Regisseur Aljoscha Pause den Profi in seiner schwersten sportlichen Krise.

Pause dokumentiert seit Jahren die Fußballbranche. In seinen bisherigen Filmen thematisiert er unter anderem Homosexualität im Fußball, das Leben als Fußballprofi am Beispiel von Thomas Broich in „Tom meets Zizou“ oder den Weg zum Profitrainer. FINK.HAMBURG hat mit ihm über die Zusammenarbeit mit Mario Götze gesprochen.

FINK.HAMBURG: Wie ist die Idee zum Film „Being Mario Götze“ entstanden?

Aljoscha Pause: Im September 2017 kam die Sport-Streaming-Plattform DAZN auf mich zu mit der Idee, einen Dokumentarfilm über Mario Götze zu drehen. Ich fand das sehr spannend, da ich der Meinung war, dass die Biografie von Götze eigentlich alles hat, was eine gute Geschichte braucht: Sie zeigt das ganze Spannungsfeld zwischen Jahrhunderttalent sowie maximalem Erfolg auf der einen und Krisen sowie Rückschlägen auf der anderen Seite. Darüber hinaus kann man eigentlich alle großen Fragen des Fußballs von Heldenverehrung über Erwartungshaltung und Kommerzialisierung bis hin zu ultimativem Leistungsdenken und Medien-Irrsinn daran exemplarisch festmachen. Das hat mich sehr gereizt.

Wie lief die Zusammenarbeit mit Götze?

Wir haben uns in ersten Gesprächen schnell angenähert. Er musste Vertrauen in meine Arbeitsweise fassen – nicht zuletzt auch mein Credo verstehen, dass ich ihm, wenn ich authentisch arbeiten möchte, kein Veto-Recht am fertigen Film einräumen kann. Er hat sich dafür meine bisherigen Filme angesehen. Ich wiederum musste mir darüber klar werden, dass er es wirklich ernst meint. Da sind wir dann erstaunlich schnell zusammen gekommen. Es hat mich überrascht und auch begeistert, wie offen und interessiert er in Bezug auf Dokumentarfilme generell, aber eben auch in Bezug auf das Projekt ganz konkret war. Der BVB, insbesondere die Medienabteilung, hat mich dann wirklich toll bei der Umsetzung unterstützt. Auch, weil sie aus der Vergangenheit bereits wussten, dass ich sensibel mit meinen Themen umgehe, aber natürlich vor allem, weil klar war, dass Mario den Film selber wollte.

Wie ist es mit einem Spieler zu arbeiten, der nicht für seine Offenheit gegenüber den Medien bekannt ist und mitten in einer sportlichen Krise steckt?

Das Interessante war, dass Mario direkt bei unserem ersten Treffen ganz anders rüberkam, als ich erwartet hatte. Mir wurde schnell bewusst, dass es einen großen Unterschied gibt zwischen dem Privatmenschen und der medialen Kunstfigur. Er war sofort sehr neugierig, offen und locker. Ich fand es spannend, zumindest ein wenig von diesem echten und nahbaren Menschen im Film zu transportieren. Und dadurch auch etwas Nachvollziehbarkeit und Empathie seitens des Publikums möglich zu machen.

Diese Nähe ist Ihnen also besonders wichtig bei Ihren Dokumentationen?

Prominente werden in der Öffentlichkeit und in den Medien ja vor allen Dingen bewertet, um nicht zu sagen verurteilt. Ich arbeite lieber anders. Mir geht es in einem Dokumentarfilm darum, möglichst genau zu zeigen, was tatsächlich ist – und nicht darum, meinem Protagonisten möglichst viele Fehler nachzuweisen. Was nicht bedeutet, dass ich keine kritischen Fragen stelle. Im Gegenteil. Mario hat sich, und das war sehr aufschlussreich, gerade in der Phase, in der es am Schwierigsten für ihn wurde, sehr beeindruckend für den Film zur Verfügung gestellt. Nämlich just in dem Moment, in dem ihn sein Vereinstrainer Peter Stöger öffentlich sehr hart kritisiert hat und Götze am Tag darauf von Jogi Löw erfuhr, dass der ihn nicht für die Länderspiele gegen Spanien und Brasilien nominieren würde.

Das war für Mario sehr schmerzhaft, da sich da bereits abzeichnete, dass es nichts mit der WM werden würde. Und dennoch stand er am nächsten Tag zum Interview bereit – obwohl er mit keinem Medienvertreter darüber sprach. Das fand ich stark – und das wurde bezeichnender Weise auch eins der besten Interviews des Films.

Aljoscha Pause und Mario Götze bei den Dreharbeiten zu "Being Mario Götze"
Aljoscha Pause und Mario Götze bei den Dreharbeiten zu „Being Mario Götze“. Foto: Eduard Bopp

Können Sie Götzes Vorsicht im Umgang mit den Medien verstehen?

Marios Grundhaltung und auch seine Skepsis gegenüber den Medien, die er immer noch hat, kann ich sehr gut nachvollziehen. Jeder, der das infrage stellt, sollte sich mal ganz ernsthaft fragen, wie er selbst reagieren würde, wenn er schon viele schlechte Erfahrungen mit der Dramatisierungsmaschinerie gemacht hat. Wir vergessen bei den Ikonen des Sports und anderer Bereiche immer sehr schnell, dass es sich auch bei denen immer um ganz normale Menschen handelt.

Bei Ihren bisherigen Filmen standen Ihre Protagonisten nicht so sehr im Fokus der Öffentlichkeit. Inwieweit war die Zusammenarbeit mit Mario Götze nun anders?

Eigentlich ist meine Arbeitsweise immer ziemlich ähnlich. Vielleicht sind die Zeitfenster etwas kleiner, in denen man bestimmte Sachen abdrehen kann. Aber auch da muss ich sagen, dass durch Götzes Leidenschaft und Interesse an dem Filmprojekt wirklich sehr viel möglich gemacht wurde. Auch viele Absprachen habe ich direkt mit ihm am Telefon oder per WhatsApp getroffen und nicht immer über die Berater. Das war schon sehr angenehm. Andererseits bekommt man manchmal ein Gefühl, als würde man gerade im Auge des Hurrikans arbeiten. Wenn es plötzlich aktuell brennt, wenn einem also die Aktualität in Form einer Krise oder eines Erfolgserlebnisses in die Quere kommt. Draußen tobt alles, Götze gibt aber keine Interviews, und drinnen im Auge des Sturms sitzen wir und führen ein ganz ruhiges Gespräch für den Film. Das war schon eine spannende Perspektive.

„Being Mario Götze“ von Aljoscha Pause feiert am 18. Oktober deutschlandweit Premiere. In Hamburg läuft er um 19 Uhr im Studio-Kino.

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Tobias Zuttmann, Jahrgang 1995, ist als Kind so heftig in eine Glastür gelaufen, dass er darin steckengeblieben ist. Heute bewältigt er lieber einen Halbmarathon. Nach dem Ressortjournalismus-Studium im fränkischen Ansbach absolvierte er eine Reihe von Praktika, unter anderem beim WDR, ZDF und „Kicker“. Am längsten blieb er bei ProSiebenSat.1 in der Redaktion der Sportsendung „ran“, denn auf Sport liegt auch im Journalismus sein Fokus. Anschließend folgte die Übernahme als freier Mitarbeiter. Wenn Tobias nicht gerade auf Weltreise ist, kann man ihn während der Football-Saison im ICE auf der Strecke Hamburg-München antreffen, wenn „ran“ wieder mal nach einem kompetenten Sportbericht verlangt. Dafür zeigt er vollen Einsatz: Für acht Stunden Arbeit fährt er innerhalb eines Tages zwölf Stunden Zug. Kürzel: tz
Björn Rohwer, Jahrgang 1993, liebt drei Dinge: Sport, Musik und Technik. Während er beim Sport lieber zuschaut, ist er bei der Musik mit vollem Einsatz dabei. Seit seinem sechsten Lebensjahr singt der studierte Musikwissenschaftler im Knabenchor, spielt Klavier, Saxophon und Klarinette. Zum Journalismus hat ihn seine dritte Leidenschaft gebracht: die Technik. Für verschiedene Gamingformate rezensiert er Videospiele, führt Interviews und verfasst Hintergrundberichte. In seinem 2014 erschienenen Buch „Unnützes Wissen für Gamer“ gibt er die Antwort darauf, warum Super Mario einen Schnauzbart trägt oder wieso Lara Croft eine große Oberweite hat. Das Buch hat er während eines Kreuzbandrisses geschrieben, den er sich beim Schulsport zuzog. Das Ende der Sportlerkarriere war der Anfang des Schreibens. Kürzel: bro