Am Mittwoch präsentierte Sebastian Fitzek seinen neuen Psychothriller „Der Insasse“ im Audimax der Universität Hamburg. Mit FINK.HAMBURG hat er vorher über Psychiatrien, seine Smartphone-Zwangsstörung und Halloween gesprochen.

Würdest du dich freiwillig in eine Psychiatrie voll verurteilter Straftäter einweisen lassen? Auch nicht, wenn dort der einzige Mensch wäre, der dir die Wahrheit über das Verschwinden deines Kindes verraten könnte? Der Protagonist Till Berghoff im neuen  Thriller „Der Insasse“ des bekannten deutschen Krimibuchautors Sebastian Fitzek entscheidet sich für das Experiment. Er will dem Mann nahe sein, der seinen sechsjährigen Sohn Max entführt haben soll. FINK.HAMBURG hat Sebastian Fitzek vor der Premiere getroffen.

FINK.HAMBURG: Woher kam die Idee zum neuen Buch „Der Insasse“?

Sebastian Fitzek: Ich habe mit einem Polizisten geredet und der sagte, er sei sich relativ sicher, dass es in Berlin einen Inhaftieren gibt, der mehr auf dem Kerbholz hat, als das, wofür er verurteilt worden ist. Er sagte aber auch, er sei sich sicher, dass sie ihm nichts  nachweisen können. Der Täter schweigt und die Ermittler haben schlechte Karten. Aber er ist ja zumindest in Haft. Dann dachte ich mir: Was wäre, wenn er meiner Familie etwas angetan hätte und ich würde nie Gewissheit bekommen? Wenn ich ein etwas mutigerer Familienvater wäre, dann würde ich versuchen, in die Nähe des Täters zu kommen. Das ist das Kernthema dieses Buches. Würde ich lieber die schlimmste aller Wahrheiten erfahren, aber Gewissheit haben? Oder würde ich lieber im Ungewissen bleiben, aber weiterhin noch etwas Hoffnung haben? Zwischen diesen beiden Polen muss sich Till Berghoff entscheiden.

Bei seiner Lesung am 24.10.2018 las Sebastian FitzekMan sieht Sebastian Fitzek auf der Bühne. "Der Insasse" vor 1.800 Fans.
Sebastian Fitzek las aus seinem Buch „Der Insasse“ vor 1.800 Fans im Audimax der Uni Hamburg

Sind Psychiatrien ein Ort, den Sie selbst fürchten?

Man muss differenzieren: Es ist keine herkömmliche Psychiatrie, es ist eine Gefängnis-Klinik, ein staatlicher Vollzug. Ich vermeide normalerweise in meinen Büchern immer die Gleichsetzung „psychisch krank“ gleich „gefährlich“. In der Regel sind psychisch Kranke, wenn überhaupt, nur für sich selbst gefährlich. Aber hier haben wir es nun mal mit verurteilten Straftätern zu tun, die zudem noch eine psychiatrische Behandlung brauchen. Ich habe relativ wenig Angst davor, dass ich selbst in eine Gefängnis-Klinik komme. Das würde voraussetzen, dass ich zum Straftäter werde und ich hoffe, soweit habe ich mich im Griff.

Gibt es einen Grund, für den man Sie in eine Psychiatrie einweisen könnte?

(lacht) Man könnte mich in einer herkömmlichen Psychiatrie bestimmt wegen meiner Handyzwangsstörung behandeln. Ich habe in den letzten Tagen meine Bildschirmzeit beobachtet. Ich habe echt viele Stunden am Tag aktiv oder passiv das Handy in der Hand. Das ist auf jeden Fall gruselig, wenn man zu diesen Smartphonezombies mutiert. Da hätte ich hin und wieder gerne Verhaltensmaßregeln. Oder jemanden, der sagt: „Jetzt machst du aber mal das Handy aus!“

Ich lese in meinen Lesungen relativ wenig

Wie haben Sie sich auf die Lesung von „Der Insasse“ vorbereitet?

Ich habe ja schon ein Fundament: das Buch. Nun mache ich es mir selbst aber schwer, weil ich in meinen Lesungen relativ wenig lese. Am Anfang bin ich mit dem Gedanken herangegangen, dass es viel interessanter ist, hinter die Kulissen zu blicken. Mehr über den Menschen hinter dem Buch zu erfahren. Ich rede also auch darüber, wie ich auf meine Ideen komme. Ich baue einen Monat vor der Lesung ein Gerüst auf und suche Materialien. Aber ich werfe gerne auch nochmal einen Tag vorher alles um. Ich beginne heute beispielsweise mit etwas, das sich erst vor drei Tagen ereignet hat. Und ich variiere.

Die Verfilmung ihres Romans „Abgeschnitten“ läuft gerade in den Kinos. Wie war das für Sie, den Film zum ersten Mal zu sehen?

Das war tatsächlich ein schizophrener Moment: Ich habe von der Theorie gehört, dass Geisteskrankheit sich darüber definiere, dass man der Meinung sei, dass Bilder, die man im Kopf hat, auf einmal real werden. Man kann nicht mehr zwischen Fiktion und Wirklichkeit unterscheiden. Als Michael Tsokos und ich dieses Buch geschrieben haben, hatten wir als Handlungsort Helgoland im Kopf. Im Film wird all das, was wir uns ausgedacht haben, real. Das ist ein ganz komischer Moment. Auch weil die Verfilmung so nah am Buch ist. Zum Glück ist das Buch schon 2012 erschienen und wir haben viele andere Sachen dazwischen gemacht. So haben wir einen gewissen Abstand.

War es schwer für Sie, dass jemand anderes Ihre Ideen umgesetzt hat?

Nein, man braucht Zutrauen. Im Vorfeld haben wir mit Regina Ziegler gesprochen, eine der erfolgreichsten Filmproduzentinnen Deutschlands. Sie hat gesagt: „Ich sehe das im Kino. Und ich sehe das mit Christian Alvart [Anm. d. Redaktion: unter anderem Tatort-Regisseur], der auch schon in Hollywood gedreht hat.“ Dann haben wir uns getroffen und er hat gesagt: „Ich sehe Moritz Bleibtreu in der Hauptrolle.“ Alvart hat den Film genau so umgesetzt, wie er es uns versprochen hat. Wir haben ihm im Vorfeld das Vertrauen gegeben und wurden belohnt. Das Konzept hat uns einfach überzeugt.

Die Hauptfigur in „Der Insasse“ hat Extremes zu durchleiden

Kriminalität, Gesellschaft und Politik hängen immer zusammen. Sind Ihre Bücher auch politisch?

Ich glaube, das ganze Leben ist politisch. Wenn man alle meine Bücher liest, kriegt man einen ganz guten Querschnitt davon, was ich so denke. Das ist manchmal deutlicher, wenn es um Umweltpolitik geht, wie beispielsweise in „Noah“. Aber selbst in „Der Augensammler“ geht es um die Prioritätensetzung von Familie. Familienpolitik und Bildungspolitik sind zwei Dinge, von denen ich denke, dass sie das Fundament sind. Und das wir all das, was wir am Anfang in der Familie und in der Bildung falsch machen, später ganz schwer korrigieren können. Ich bin kein politischer Autor, aber es lässt sich nicht vermeiden, wenn man über relevante Themen schreibt, dass man auch bestimmte Saiten zum Klingen bringt.

Für welches Ihrer Bücher braucht man die stärksten Nerven?

Ich habe mir sagen lassen, dass „Der Insasse“ sehr intensiv sein soll. Man selber spürt das nicht so. Als ich es mehrfach gelesen habe – ich lese immer selbst mehrfach laut vor, bevor ich es abgebe – muss ich sagen: ja. Aber die Intensität eines Buches bemisst sich nicht nach der Gewaltdarstellung. Sie bemisst sich nach der inneren Reise, die jemand macht. Und die Hauptfigur in „Der Insasse“ hat Extremes zu durchleiden.

Nächste Woche ist Halloween. Verkleiden Sie sich?

Ich persönlich nicht. Ich bewaffne mich mit Süßigkeiten, weil ich in einer sehr kinderreichen Gegend wohne. Die Kinder trauen sich auch bei mir zu klingeln, was ich ein gutes Zeichen finde, ehrlich gesagt. Ich bin oft gefragt worden, wie man an Halloween Leute erschrecken kann. Ich finde Verkleidungen sind gar nicht so gruselig, sondern die kleinen Momente. Ein Freund von mir, der Autor Chris Carter, wird hin und wieder umarmt von seinen Fans beim Signieren. Wenn er jemanden gruseln will, dann spricht er meistens den weiblichen Fans ins Ohr: „Dein Haar riecht ganz anders, wenn du schläfst.“ Das ist sehr gruselig. (lacht)

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Hannah Lesch, Jahrgang 1994, überlebte bereits Wildwasser-Rafting mit Krokodilen in Namibia. Dort hat sie auch Bogenschießen gelernt. Nach dem Bachelor im Wissenschaftsjournalismus ging sie für ein Freiwilliges Soziales Jahr nach Afrika, um für die „Deutsche Welle Akademie“ Trainings für Medienschaffende anzubieten. Nebenbei organisierte sie ein Festival, bei dem in 48 Stunden Filme produziert wurden. Wissenschaftsjournalistin möchte sie werden, seit sie bei „Jugend forscht“ einen Preis gewonnen hat. Dafür kartierte sie Mauereidechsen. Und nein, mit Harald Lesch ist sie nicht verwandt. Ihren Namensvetter und ihr Idol würde sie trotzdem gerne mal treffen. Immerhin: Seine Gehaltsabrechnung wurde ihr beim Praktikum beim „Bayerischen Rundfunk“ aus Versehen zugestellt. Geöffnet hat sie diese aber nicht. Kürzel: hl
Als Fitnesstrainerin spornt Thoya Maria Urbach, Jahrgang 1994, mehrmals in der Woche bis zu 30 Leute zu Höchstleistungen an. Studiert hat sie Kulturwissenschaften in Lüneburg und Barcelona und dabei das Schreiben für sich entdeckt. Bei der „Brigitte“ hospitierte sie in der Onlineredaktion. Während eines Praktikums in der Unternehmenskommunikation bei Deutschlands größter Containerreederei faszinierte sie die Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen aus der ganzen Welt. Die Hamburgerin schippert in ihrer Freizeit gerne mit der Fähre über die Elbe, ist aber auch in anderen Städten unterwegs – etwa in St. Petersburg. Denn etwas Russisch kann sie auch. Kürzel: tmu