Nancy ist gerne jemand anderes und erfindet Geschichten in Onlineforen. Als sie ein Fahndungsfoto in den Nachrichten sieht, meldet sie sich bei den Eltern der Entführten. Ein Film über Identität und Einsamkeit sowie Lügen und Wahrheit.

Es ist dunkel, Nancy sitzt im leeren Haus allein vor dem Fernseher und sieht in den Nachrichten ein Interview mit einem Elternpaar, dessen Tochter vor 30 Jahren entführt wurde. Sie wird unruhig, geht an den Computer und druckt das Bild aus, dass sie gerade in den Nachrichten gesehen hat. Wissenschaftler haben mit einem Computerprogramm entworfen, wie das Gesicht des entführten Mädchens heute aussehen könnte. Nancy hält sich das Bild vor dem Spiegel neben ihr Gesicht, die Ähnlichkeit ist groß.

„Nancy“ ist der erste Spielfilm der Regisseurin Christina Choe, bisher hat sie nur Kurzfilme und Dokumentationen gedreht. In einem Interview mit „Woman and Hollywood“ erklärte sie, die größte Herausforderung beim Dreh sei die Finanzierung gewesen – der Film konnte durch Crowdfunding realisiert werden. „Nancy“ feierte Anfang 2018 auf dem Sundance Filmfestival 2018 in Utah Premiere und wurde mit dem Waldo Salt Screenwriting Award ausgezeichnet.

Die dringende Suche nach Familie

In kontrastreichen Bildern und mit wenigen Worten erzählt der Film die Geschichte Nancys: Die junge Frau, gespielt von der britischen Schauspielerin Andrea Riseborough, die unter anderem aus der Serie „Black Mirror“ bekannt ist, ist eine Einzelgängerin und flüchtet sich in Lügengeschichten. Sie postet beispielsweise unter falschem Namen in Onlineforen für trauernde Eltern und zeigt Kollegen Bilder von einem erfundenen Trip nach Nordkorea.

Als ihre Mutter stirbt, hat Nancy niemanden mehr. Dann sieht sie in den Nachrichten das Interview mit dem verzweifelten Paar, dessen Tochter vor 30 Jahren verschwand. Sie sucht so dringend nach Eltern, wie dieses Paar nach seinem Kind.

Der Film begleitet Nancy in das fremde Leben und große Haus der Akademiker. Sie schläft im Zimmer der verschwundenen Tochter, zwischen verstaubten Kuscheltieren und goldgerahmten Fotos. Die Fremden werden zu Eltern, sie wird zur Tochter. Schöne Momente häufen sich im Verlauf des Films, Nancy verändert sich, lächelt, lacht.

Auch wenn am Ende das Ergebnis des DNA-Tests entscheiden wird, geht es im Film weniger um eine Suche nach den eigenen Wurzeln, als um die Suche nach sich selbst. Ein spannendes und mitreißendes Drama, kühl aber eindrücklich erzählt.

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Hannah Lesch, Jahrgang 1994, überlebte bereits Wildwasser-Rafting mit Krokodilen in Namibia. Dort hat sie auch Bogenschießen gelernt. Nach dem Bachelor im Wissenschaftsjournalismus ging sie für ein Freiwilliges Soziales Jahr nach Afrika, um für die „Deutsche Welle Akademie“ Trainings für Medienschaffende anzubieten. Nebenbei organisierte sie ein Festival, bei dem in 48 Stunden Filme produziert wurden. Wissenschaftsjournalistin möchte sie werden, seit sie bei „Jugend forscht“ einen Preis gewonnen hat. Dafür kartierte sie Mauereidechsen. Und nein, mit Harald Lesch ist sie nicht verwandt. Ihren Namensvetter und ihr Idol würde sie trotzdem gerne mal treffen. Immerhin: Seine Gehaltsabrechnung wurde ihr beim Praktikum beim „Bayerischen Rundfunk“ aus Versehen zugestellt. Geöffnet hat sie diese aber nicht. Kürzel: hl