HAW Sound Design Absolvent Michael Manzke. Foto: Melina Mork
Michael Manzke, M.A. Sound/Vision-Absolvent der HAW Hamburg. Foto: Melina Mork

Wie kommt der Ton in den Film? HAW-Absolvent Michael Manzke hat mit FINK.HAMBURG über seine Arbeit als Sound Designer und darüber gesprochen, wie er Klangwelten für Filme erschafft.

Wind rauscht durch die Blätter eines Baumes, eine Eule schreit und eine Holztür wird knarrend geöffnet – ein Gruselfilm-Klischee erster Klasse, aber es beweist: Mithilfe einfacher Töne kann eine Stimmung erzeugt werden. Im Film ist der Ton ein wichtiges Gestaltungsmittel, das die Handlung unterstreicht und Emotionen erzeugt. Michael Manzke ist Master-Absolvent des Studiengangs Sound/Vision der HAW Hamburg. Noch im Studium vertonte er den Kurzfilm „Watu Wote“, der vergangenes Jahr einen Studentenoscar bekam.

FINK.HAMBURG: Was ist Sound Design?

Michael Manzke: Sound Design heißt einfach übersetzt Klanggestaltung. Wenn man beim Film arbeitet, erhält der Sound Designer vom Set nur Dialoge und ein paar Zusatzgeräusche. Das heißt, alle Geräusche, was man in dieser filmischen Realität ausdrücken möchte, muss man später in der Postproduktion neu erschaffen. Da kann man einerseits versuchen, die Realität nachzubilden. Gleichzeitig kann man auch gezielt mit Klängen Stimmungen und Emotionen inszenieren.

Was gefällt dir daran besonders gut?

Es ist schön zu sehen, wenn man den Film das erste Mal aus dem Bildschnitt bekommt, dass die Handlung ungefähr funktioniert. Aber der Zuschauer kann erst in die Stimmung eines Filmes eintauchen, wenn der Klang gestaltet wurde. Im Idealfall merkt der Zuschauer das Handwerk gar nicht, sondern guckt sich den Film an und ist für ein oder zwei Stunden in einer anderen Realität gefangen. Es ist cool, wenn man das mitkriegt und sich selbst fragt: „War das Geräusch schon vorher da, oder habe ich das da gerade reingepackt?“

Warum hast du dich für das Studium entschieden?

Mir war relativ früh klar, dass ich irgendwas mit Ton machen will. Bei einer Netzrecherche habe ich dann den Studiengang „Sound Design“ an der HAW Hamburg entdeckt. Ich fand es gut, dass er nicht so verschult ist. Hier ist man, bis auf einige Vorlesungen am Anfang, recht frei in seinen Projekten. Auch in Kooperationen mit anderen. Rückblickend ist es gut, dass einem Freiraum gelassen wird und dass einem bei den Projekten die Möglichkeit gelassen wird, Fehler zu machen und daraus zu lernen.

Regler in der Regie des Tonlabors
Regler in der Regie des Tonlabors. Foto: Melina Mork

An welcher Stelle der Filmproduktion kommt der Sound Designer ins Spiel?

Die Idealvorstellung ist, dass man bereits vor dem Dreh mit ins Team geholt wird. Dann wird nicht erst überlegt, wie der Ort eigentlich klingen oder was da für eine Grundstimmung herrschen soll, wenn der Bildschnitt schon durch ist. Dann muss man das nicht alles später in der Post-Produktion draufsetzen. Die Realität ist aber eher, dass der Dreh abgeschlossen ist, Schnitt und Bildschnitt schon stehen und sich dann darum gekümmert wird, dass man jemanden für den Ton sucht.

Wie setzt man diese Grundstimmung um?

Man hat natürlich immer ein paar Klischees im Kopf. Bei einem dunklen Wald, der gruselig klingen soll, denkt man zuerst an heulenden Wind, klappernde Äste und die böse, böse Eule. Es gibt Klischees, die man erfüllen kann, manchmal auch muss, aber es gibt kein Allgemeinrezept. Da ist viel Trial and Error im Spiel.

Greift man eher auf ein Tonportfolio zurück oder produziert man alle Geräusche selbst?

Wenn man den Ton vom Set bekommt, schneidet man als erstes Störgeräusche raus. Anschließend schaut man, wo noch Schritte fehlen oder wo jemand beispielsweise eine Tasse absetzt. Diese Geräusche macht man dann im Studio nach.  Bei den Geräuschaufnahmen arbeitet man in einem Studio, wo dann viel Klimbim rumliegt und es verschiedene Untergründe gibt, auf denen man Schritte nachmachen kann. Bei Atmosphärengeräuschen wie Blätterrauschen im Wind oder Verkehr in der Stadt gibt es viel Gutes in Ton-Bibliotheken. Man muss auch lernen, sein Ego abzuschalten. Wenn das Geräusch aus der Bibliothek besser klingt, als das, was man selbst aufnimmt, dann ist das okay. Wenn man den Ton selbst produziert, kauft man oft wilde Requisiten – das ist der Grund weswegen wir auch eine Autotür im Lager liegen haben.

Was habt ihr mit der Tür gemacht?

In einem Film wurde eine Bustür eingetreten. Ich wollte die Resonanz von der Tür haben. Und es macht selbstverständlich mehr Spaß, selbst eine Tür einzutreten und daran rumzuwerkeln, als in einer Tonbibliothek „Tür eintreten“ zu suchen.

Was ist mit Geräuschen, die es nicht in Bibliotheken gibt und die nicht selbst herzustellen sind?

Postkarte mit dem Spruch Möge der Sound mit dir sein im Sound Design Tonlabor
Motivationspostkarte in der Regie des Tonlabors. Foto: Melina Mork

Man zerlegt das Geräusch im Kopf und fragt sich, was hat das für einen Rhythmus oder was hat das für einen Tonhöhenverlauf. Wenn man zum Beispiel eine sehr großen Maschine rattern und klackern lassen möchte, sucht man sich etwas Ähnliches, aber Kleineres. Ein häufiger Trick ist, die Geräusche der kleineren Maschine dann in halber Geschwindigkeit abzuspielen. Dadurch werden sie eine Oktave tiefer und das Gerät wirkt automatisch größer. Das habe ich früher oft auch bei Fahrzeuggeräuschen gemacht.

Du hast am Oscar nominierten Kurzfilm „Watu Wote“ mitgearbeitet. Wie war das?

Den Kurzfilm „Watu Wote“ haben wir zusammen mit der Hamburg Media School produziert. Für ungefähr zwei Wochen waren wir dafür in Kenia. Da war ich noch als Set-Ton-Meister und Sound Designer dabei und hatte einen kenianischen Ton-Assistenten. Spannend war, wie sehr die Leute, die aus Kenia dabei waren, an der Geschichte hingen. Die fanden es toll, dass die jemand verfilmt. Die Postproduktion habe ich hier an der HAW gemacht. Ich glaube, wenn es die Möglichkeit nicht gegeben hätte, über das Tonlabor bei solchen Filmen mitzumachen und die Infrastruktur zu nutzen, dann wäre das ganze Projekt wahrscheinlich nicht so umsetzbar gewesen.

Was ist der Unterschied zwischen Set-Ton-Meister und Sound Designer?

Als Set-Ton-Meister ist man am Set für die Tonaufnahme von Dialogen verantwortlich, ohne Stör- und Hintergrundgeräusche. Wenn man weiß, die Sound Designer könnten in der Post-Produktion spezielle Geräusche vom Set brauchen, dann nimmt man die direkt auf. Zum Beispiel ein historisches Auto oder eine Pferdekutsche. Die Sound Designer arbeiten dann mit dem Material, das der Set-Ton-Meister gesammelt hat. Sie können damit spielen und es verfeinern.

Was sind deine Pläne nach dem Master-Abschluss?

Ich arbeite mittlerweile seit ein paar Jahren als Set-Ton-Meister. Gerade funktioniert das gut. Im Moment stehe ich lieber am Set und arbeite im Team über mehrere Wochen als in einem düsteren Studio zu sitzen. Obwohl das auch seinen Reiz hat.

Lieber Hollywood oder Hamburg?

Natürlich ist es verführerisch, wenn man sich vor Augen hält, was einige Hollywoodfilme an Budget zur Verfügung haben. Da kann man dann viel mehr herumspielen. Ich war mal auf einem Workshop von Randy Thom und Ben Burtt von der Skywalker Ranch. Wenn die das Geräusch von Explosionen brauchen, gehen sie beispielsweise kurz in den eigenen Wald und sprengen irgendwas in die Luft. Das klingt erstmal lustig, aber so lange der Film ein gutes Buch hat und man sich da auf die Geschichte einlassen kann, dann braucht es das gar nicht. Da finde ich Drama oder Thriller oder andere emotionale Genres auf Dauer spannender.

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Melina Mork, Jahrgang 1996, isst trotz ihrer Leidenschaft fürs Ausschlafen am liebsten Frühstück, auch gerne mal um 16 Uhr. Mit sieben Jahren wollte sie Stadionsprecherin werden, aber als in der Schule die Länge ihrer Essays zunehmend eskalierte, beschloss sie, dass sie lieber Journalistin werden will. Nach dem Abitur zog sie für das Studium in Kulturjournalismus von Salzgitter nach Hamburg. Erste Praxiserfahrungen sammelte Melina beim „Netzpiloten Magazin“ und der „Szene Hamburg“. Wenn sie nicht gerade Video-Essays bingewatched, arbeitet sie beim YouTube-Channel „In Bed with“ mit. Dort lädt sie Musiker ein in verschiedenen Betten Hamburgs Akustik-Sessions zu spielen und fragt sie zu allem aus, was mit Schlafen und Träumen zu tun hat. Kürzel: mrk
Für Sophie Schreiber, Jahrgang 1994, beginnt ein gemütlicher Morgen nicht nur spät, sondern auch mit einem Frühstück im Bett. Auf Reisen sucht sie hingegen das Abenteuer: Nach dem Abitur durchquerte sie Australien und machte einen Roadtrip durch Deutschland. In Hamburg ist sie allerdings fest verwurzelt. Selbst während ihres Studiums der Kulturwissenschaften in Lüneburg pendelte sie. Ihr Faible für das Schreiben entdeckte sie während eines Praktikums in der Hamburger Redaktion von „Kulturnews“. Dort sammelte Sophie erste Erfahrungen im Lokaljournalismus, führte Interviews und berichtete über Festivals. Ihr Wissen kann sie nun bei FINK.HAMBURG anwenden und vertiefen. Das Pendeln hat damit auch ein Ende und Sophie bleiben morgens ein paar Minuten länger unter der Bettdecke. Kürzel: sch

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