Wie Kinder und Jugendliche das Internet nutzen, könnte sich durch Artikel 13 der geplanten EU-Urheberrechtsreform verändern. Ist das das Ende von Fan-Content? Drei Youtuber äußern sich bei der Tincon zum umstrittenen Upload-Filter.

Die 13 ist eine Unglückszahl. Diese Regel greift gerade für alle Youtuber umso mehr, wenn es um Artikel 13 der geplanten EU-Urheberrechtsreform geht. Von einem Upload-Filter ist da die Rede – und die Folge ist eine Diskussion darüber, welchen Einfluss er darauf hat, wie Kinder und Jugendliche digitale Medien nutzen, um sich zu entfalten. „Wenn man bedenkt, wie wichtig das Internet mittlerweile für Jugendliche ist, wäre eine Einschränkung wahnsinnig problematisch“, findet Paul Schulte vom Youtube-Kanal „Ultralativ“.

Mit großer Mehrheit stimmten die Abgeordneten des Europaparlaments Anfang September im zweiten Anlauf für einen Entwurf zur Reform des Urheberrechts. Besonders Artikel 13 ist umstritten. Plattformen sollen demnach haften, wenn urheberrechtlich geschützte Inhalte hochgeladen werden. Bisher gilt das sogenannte Providerprivileg: Der Überbringer, also die Plattform, muss nicht für das Überbrachte einstehen. Erst, wenn die Betreiber auf ein Vergehen hingewiesen werden und nicht handeln, machen sie sich strafbar.

Um sich zukünftig gegen rechtliche Maßnahmen zu schützen, müssten Plattformen einen Upload-Filter einrichten. Der sortiert dann automatisch Inhalte, die als urheberrechtlich geschützt eingestuft werden, aus. Warum das für die Szene so tragisch ist? Der Filter gleicht einem Todesurteil für Memes und Gifs, jenen Mini-Videos, die sich meist aus Bildern von Serien und Filmen zusammensetzen und zur Kommentierung vor allem von jungen Onlinern verschickt werden.

Schulte hofft, dass der Gesetzesentwurf erst noch durch viele Instanzen gehen muss. Am Ende müsse eine Lösung ohne Upload-Filter gefunden werden. Fynn Kröger, mit dem er seinen Kanal gemeinsam betreibt, hält sogar eine fehlerfreie technische Umsetzung für unmöglich. „Die Plattformen werden lieber zu viel blockieren als zu wenig“, vermutet er.

Welch Unmut die im Europaparlament getroffene Entscheidung schürt, war jüngst auf der Tincon – kurz für Teenagerinternetwork Convention – spürbar. Die Konferenz zur digitalen Jugendkultur fand das zweite Jahr in Folge nicht nur in Berlin sondern auch in Hamburg statt, auf Kampnagel. Hier sind bewegte Bilder sogar offline präsent: Lebendig gewordene Memes in Form von Glückskatzen mit Grumpy-Cat-Masken winken den Besucherinnen und Besuchern auf dem Gelände entgegen.

Kampnagel wurde zum Schulhof

Die Tincon versteht sich als Konferenz zur digitalen Gesellschaft für 13- bis 21-Jährige. Wer älter ist, darf erst nach 15 Uhr rein. An der Organisation waren ebenfalls Jugendliche beteiligt, so auch Lisanne aus dem U21-Team. „Es gibt ein Team, das zum Beispiel Texte für die Webseite schreibt“, sagt sie. Das Programm setzt sich aus Talks, Workshops und Panels mit Personen zusammen, die Jugendliche sonst nur auf dem Bildschirm sehen und die ihre Idole sind. Die Tincon bietet eine Möglichkeit, sich abseits von Twitch-Chats und Youtube-Kommentaren mit Gleichgesinnten auszutauschen.

Einen Tag lang heißen die Lehrer dann „Ultralativ“, „Coldmirror“ oder „Liberiarium“ und sind hauptberuflich Youtuber. Auf dem Stundenplan der Schülerinnen und Schüler stehen Thumbnail-Analyse, Fanfiction schreiben und Cut-Out-Animationen basteln. Während der Vorträge aufzustehen oder auf sein Smartphone zu gucken, ist ausdrücklich erlaubt. Die Pausen zwischen den einzelnen Programmpunkten verbringen die Jugendlichen in der Gaming Area.

Fankultur fördern

Fanfictions sind von Fans produzierte Geschichten, die auf bestehenden Büchern, Filmen, Serien und Spielen basieren. Meist werden diese online mit Leuten geteilt, die die gleichen Interessen haben.

Urheberrechtlich ist das Verbreiten von Fanfinctions strafbar, da die Rechte an den Figuren, den Schauplätzen und der Handlung weiterhin bei den Urhebern der Ausgangswerke liegen.

Die Pionierin der Deutschen Youtube-Szene ist Kathrin „Kaddi“ Fricke, besser bekannt als Coldmirror. Ihrem Youtube-Kanal folgen mehr als eine Million Menschen. Auf der Tincon hält sie zusammen mit Lea Kaib, die den Buchblog „Liberiarium“ betreibt, einen Vortrag über Fanfictions. Sie ermutigt ihre Zuhörer, eigenen Fan-Content zu erstellen. Durch das Teilen von den Geschichten im Internet lernten Jugendliche nicht nur Gleichgesinnte kennen, sie erhalten auch hilfreiche Kritik zu ihrer Arbeit.

Fricke ist 2006 mit Neuvertonungen von „Harry Potter“-Filmen auf Youtube bekannt geworden. Geplant habe sie ihren Erfolg nicht: „Ich habe meine allerersten Videos damals angefangen mit dem Wissen, dass genau zwei Leute aus meinem Freundeskreis das lustig finden.“

Youtube nutzt bereits eine Filter-Technologie: Mit dem sogenannten Content-ID-System können Urheberrechtsinhaberinnen und -inhaber identifizieren, ob ihre Inhalte von anderen unerlaubt veröffentlicht wurden. Dafür stellen sie Material bereit, das mit hochgeladenen Videos auf Youtube abgeglichen wird. Die Urheberin oder der Urheber kann dann entscheiden, was mit dem Video passiert, das mit ihrem oder seinem Werk übereinstimmt.

Hätte es damals einen Upload-Filter gegeben, hätte dieser ihre Videos vermutlich gar nicht erkannt, „weil die so eine schlechte Qualität haben“. Wegen Urheberrechtsverletzung wurden ihre drei Fan-Vertonungen „Harry Potter und ein Stein“, „Harry Potter und der geheime Pornokeller“ und „Harry Potter und der Plastik Pokal“ jedoch bereits mehrfach durch das Content-ID-System von Youtube gelöscht. Ihre Fans laden es allerdings einfach wieder hoch.

Durch einen Upload-Filter könnte es in Zukunft sehr schwierig werden, Fan-Content hochzuladen. Fricke empfiehlt, trotzdem das zu machen, was einem Spaß macht und das Ergebnis privat an Freunde zu schicken. „Als es Youtube noch nicht gab, wurden Synchros per VHS-Kassette auf dem Schulhof getauscht.“ So könnte dann die digitale Jugendkultur in Zukunft offline stattfinden.

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Melina Deschke, geboren 1992, kommt aus dem Pott. In Hamburg hat sie sich schon 2013 verliebt, während einer Hospitanz bei der Gaming-Sendung „Reload“, die vom ARD-Digitalkanal „Einsplus“ ausgestrahlt wurde. Dort sammelte sie ihre ersten Erfahrungen im Videoschnitt. Bereits zuvor spielte sie bei einem Praktikum in der Redaktion von „Vorzocker“ beruflich Videospiele. In Düsseldorf studierte sie Kommunikationsdesign und fand heraus, dass sie lieber kommuniziert als designt. Für den Hochschulsender „Paradise Park“ berichtete sie von Kunst- und Kulturveranstaltungen. Im Falle einer Zombie-Apokalypse wird Melina zu den wenigen Überlebenden gehören: Für ihre Bachelorarbeit schaute sie mehr als 100 Zombie-Filme. Kürzel: meld