Selfie von HAW-Absolvent Ben Lamberty
Selfie: Ben Lamberty, Grafik: Jana Trietsch

Ben Lamberty hat an der HAW Design studiert. Mittlerweile arbeitet er als Modefotograf in New York City. Im Interview erklärt er, warum er glaubt, dass Magazine überleben, was ein gutes Foto ausmacht und warum er kürzlich ein Meme von Hillary Clinton nachgestellt hat.

FINK.HAMBURG: Ben, acht Jahre nach deinem Abschluss arbeitest du heute als Fotograf für große Modehäuser. Deine Fotostrecken wurden im „ZEITmagazin“, der „Vogue Arabia“ und dem „Dansk Magazin“ veröffentlicht. Aber lass uns vorne anfangen: Wieso bist du Modefotograf geworden?

Ben Lamberty: Ich hatte schon als Jugendlicher eher Benetton-Werbestrecken von Oliviero Toscani, als Popstars an der Wand hängen. Trotzdem wusste ich lange nicht, welche Richtung ich einschlagen würde. Ich habe viel gemalt und gezeichnet, mich für Kunst und Gestaltung interessiert. In meinem zweiten Semester an der HAW habe ich dann einen der begehrten Plätze im Modefoto-Kurs bekommen. Hätte es diesen Kurs nicht gegeben, wäre ich heute vielleicht kein Modefotograf. Dadurch bin ich im zweiten Semester zu meinem ersten Foto-Job gekommen: einer Modestrecke zum Thema Neon/Rave für das Stadtmagazin „Prinz“.

Wie sieht ein gutes Modefoto aus?

Ein gutes Modefoto ist ein Zeugnis seiner Zeit. Im besten Falle passiert darin etwas Unerwartetes. Es spielt mit Assoziationen und löst Gefühle aus. Die Herausforderung ist, etwas über das Foto hinaus auszusagen und eine Geschichte zu erzählen.

Was macht die Modefotografie für dich so spannend? Kritische Stimmen halten die Fashionbranche für ein sehr oberflächliches Business.

Oberflächlich bildet Modefotografie Kleidung ab, die verkauft werden soll. Aber Mode ist ja nicht allein Bekleidung, sondern eine Ausdrucksform – Ausdruck von Identität, Persönlichkeit, eines Lebensgefühls, einer Haltung. Und genau das macht Modefotografie so spannend. Sie bedient sich an Elementen aus Film, Musik und Geschichte und kann durchaus politisch sein. Themen wie Diversity sind in den letzten Jahren omnipräsent geworden. Niemand möchte heute mehr ausschließlich Fotos von weißen, blonden Menschen sehen. Nehmen wir zum Beispiel die Frühjahr-Sommer-Kampagne von Benetton 2018, die wieder Toscani als Fotograf geshooted hat [Anm. d. Red.: Sie zeigt lachende Jugendliche unterschiedlicher Hautfarben, die alle Röcke tragen. Die Grenzen zwischen den Geschlechtern verschwimmen dabei völlig.] – sowas kommt in der heutigen Gesellschaft an – denn die Gesellschaft besteht ja auch aus vielen verschiedenen Menschen, die sich repräsentiert sehen wollen.

Du hast dein Diplom in Kommunikationsdesign gemacht. Ein Studiengang, der auch viel an freien Kunsthochschulen gelehrt wird. Wie bewertest du das Studium an der HAW?

Das Studium an der HAW beschäftigt sich mit angewandtem Design. Ich hatte mich damals auch bei Kunsthochschulen beworben, dort wurde ich aber nicht genommen – zum Glück, wie ich heute weiß. Ich bin kein freier Künstler, sondern brauche gewisse Themenvorgaben für meine Arbeiten. Manchmal denke ich: Je enger der Rahmen, desto kreativer werde ich. Das Studium an der HAW ist wirtschaftsbezogener, als das an freien Hochschulen oder Universitäten. Wir hatten strenge Deadlines, mussten unsere Arbeiten präsentieren und harte Kritik entgegennehmen. Unsere Dozenten haben auch echte Redakteure und Kreativdirektoren in die Kurse eingeladen – ein Bezug zur Praxis, den ich sehr geschätzt habe.

Nach einigen Jahren als Fotograf in Hamburg und Berlin, bist du vor sechs Jahren nach New York gegangen. Bestimmt ist das Arbeiten dort etwas anders.

Mein Ziel war immer: Wenn ich 30 bin, möchte ich in einer der Modemetropolen London, Paris, Mailand, oder New York arbeiten – einfach um mich kreativ weiterzuentwickeln. Ich habe mit 16 angefangen, an der Green-Card-Lotterie teilzunehmen. Mit 30, hat es dann geklappt: Ich habe eine Green Card gewonnen und bin sofort nach New York gezogen. Fotoproduktionen in New York sind meist aufwendiger produziert und strenger durchgetaktet, als ich es von Berlin oder Hamburg kenne. Weil in Deutschland in der Regel weniger Menschen an einem Set arbeiten, wird mehr improvisiert und es gibt größeren kreativen Spielraum. In New York sind Überstunden sehr teuer, deshalb gibt es klare Zeitpläne, die eingehalten werden müssen. Es ist schön zu wissen, dass man ab 18 Uhr frei hat, aber es kann den Zeitdruck schon erhöhen.

Heute haben die meisten Fotografen ihr Portfolio auf Instagram und shooten statt Modestrecken in Hochglanzmagazinen häufig auch Social Media-Kampagnen. Wie hat sich dein Arbeiten durch die neuen Medien verändert?

Social Media eröffnet neue Wege, Mode zu zeigen. Für meine letzte Arbeit habe ich beispielsweise bekannte Memes aus der digitalen Welt für eine Modestrecke nachstellen lassen [Anm. d. Red.: Ein Beispiel: Ein Model im roten Valentino-Kleid lacht wie Hillary Clinton]. Es gibt so ein großes Angebot online – wer Aufmerksamkeit will, muss sich heute anstrengen und neue, kreative Wege finden. Das Internet hat auf jeden Fall die Art zu arbeiten verändert, beschleunigt vor allem. Früher wurden an einem Shootingtag drei bis vier Kampagnenmotive geshooted, heute sind es am gleichen Tag 25. Für mein Arbeiten ist es irrelevant, ob meine Fotos auf Social Media-, oder offline verwendet werden. Ein Editorial in Hochglanzzeitschriften, wie der „Vogue“ ist natürlich immer noch sehr angesehen. Mittlerweile machen aber selbst berühmte Fotografen, wie der Engländer Albert Watson, exklusive Arbeiten nur für Online-Plattformen wie Models.com – wegen der Reichweite.

Die Modefotografie ist gerade mit dem Wandel von Print zu Online hart umkämpft. Würdest du Menschen trotzdem raten, in dieser Branche zu arbeiten?

Man sollte sich im Klaren darüber sein, dass Modefotografie ein Ausdauer-Job ist. Gerade jetzt, wo es immer weniger Platz in den Magazinen gibt, und die Magazine selbst immer weniger werden [Anm. d. Red.: Zuletzt sorgte die Einstellung der Printausgabe der amerikanischen Glamour durch den Condé Nast-Verlag für Aufruhe in der Branche], steht die Frage im Raum, wie es mit der Branche weitergeht. Ich würde aber dagegenhalten: Kreativ gesehen geht es Magazinen gut – weil nämlich nur die überleben, die wirklich Qualität liefern. Viele Magazine sind hinsichtlich ihrer ursprünglichen Funktion, dem Vermitteln von Neuigkeiten, mittlerweile irrelevant geworden. Sie sind zum Luxus- und Nischenprodukt geworden – wie Schallplatten. Eigentlich ist die Form überholt, aber sie ist doch so einzigartig und hat einen großen emotionalen Wert. Ich bin überzeugt, dass sie bestehen bleibt, oder sogar wieder modern wird. Aber die Mode, die wir fotografieren, ist eben auch kein Massenprodukt.

Das Interview mit Ben Lamberty führte Jana Trietsch für die neunte Ausgabe des Hamburger „Nicht Jetzt“- Magazins (erscheint am 30.03.2019). Darin werden neben Interviews und Modetexten verschiedene Fotostrecken der Abschlussarbeiten von Modedesignern der HAW Hamburg erscheinen.

Vorheriger ArtikelTeichwette: Flossfahrt durchs Eis
Nächster ArtikelU3-Station Landungsbrücken wird saniert
Jana Trietsch, Jahrgang 1992, weiß, warum Michel aus Lönneberga in Wirklichkeit Emil heißt. Die gebürtige Darmstädterin verbrachte im Rahmen ihres Medienkulturwissenschaften- und Psychologiestudiums zwei Semester im schwedischen Uppsala und kann seitdem die Bücher ihrer Kindheit in Originalsprache lesen. Nach dem Studium lernte Jana in der Lokalredaktion des „Darmstädter Echos“ ihre Heimat neu kennen. Es folgten PR-Praktika in Stockholm und Berlin im Mode- und Lifestylebereich, die Jana eine Redakteursstelle im Brand Marketing bei Zalando einbrachten. Nebenher schreibt sie als freie Autorin für „Mit Vergnügen“ und „Refinery29“ über Kultur, Mode und Millennials. Manchmal denkt sie dabei an ihren früheren Traum: eine wöchentliche Kolumne, geschrieben in einem roten Ferienhaus in Småland. jt