Der erste Eindruck: Warum will ich gut ankommen?

Psychologie

Der erste Eindruck: Beim WG-Casting entscheiden oft die ersten Sekunden über das WohnglückIllustration von Anna Karetnikova
Illustration von Anna Karetnikova

Es gibt Gelegenheiten, bei denen wir unbedingt einen guten Eindruck hinterlassen möchten – etwa beim WG-Casting, Bewerbungsgespräch oder ersten Date. Um gut anzukommen, machen wir manchmal eigenartige Dinge. Ob es sinnvoll ist, Powerposen einzunehmen und was es damit auf sich hat, dass eine junge Frau vor ihrer Verabredung süßes Steinobst isst, hat FINK.HAMBURG-Redakteurin Jana Trietsch herausgefunden.

Situation 1: WG-Casting

Ich stehe vor der Haustür einer Eimsbütteler Altbauwohnung. In genau drei Minuten startet mein halbstündiger Timeslot bei einem WG-Casting. Bevor ich auf den Klingelknopf drücke, pudere ich meine vom Radfahren verschwitzte T-Zone ab, drücke den Gute-Laune-Track von Enrique Iglesias auf meinem Handy auf Pause und überprüfe via Frontkamera meine Schneidezähne auf Börek-Reste.

Seit ich einen Vortrag der Sozialpsychologin Juliane Degner in Hamburg besucht habe, bin ich mir dieser kleinen Vorbereitungen etwas mehr bewusst. Es sind Vorbereitungen auf den ersten Eindruck. Laut Degner sind das eigentlich nur 100 Millisekunden. In der Zeitspanne von einem Blinzler bewerte unser Gehirn das Gegenüber. Dabei verarbeite es unzählige Eindrücke: Geruch, Klang der Stimme, Gestik, Mimik. Daraus folgern wir, wie sympathisch, vertrauenswürdig, attraktiv, kompetent oder aggressiv wir jemanden finden. Die Krux: Kontrollieren können wir das nicht.

Im Zeitraum von ein Mal Blinzeln bewertet unser gehirn DAS gegenüber

Beim WG-Casting habe ich also nur einen Wimpernschlag Zeit, um mein Gegenüber davon zu überzeugen, mit mir wohnen zu wollen. Klingt kurz. Tatsächlich ist an dem Spruch, dass es für den ersten Eindruck keine zweite Chance gibt, etwas dran. Laut Juliane Degner ist es wissenschaftlich belegt, dass sich der erste Eindruck mit fortschreitender Zeit lediglich verfestige. Das liege daran, dass sich die Informationen, die unser Gehirn für den ersten Eindruck verarbeitet, wie ein Wahrnehmungsfilter über das künftige Verhalten des Gegenübers legen.

beim ersten Eindruck helfe vor allem eines: Ähnlichkeit

Wir kommen am besten bei Menschen an, die so sind wie wir, sagt die Sozialpsychologin. Ähnlichkeit fördere Vertrauen und bestätige uns selbst. Wenn meine potenzielle neue Mitbewohnerin mir also in denselben weißen Birkenstocks die Türe öffnet und ebenfalls aus Süddeutschland kommt, bin ich quasi schon eingezogen. Dieser Aspekt habe aber auch Nachteile: Unser Gehirn bewertet es als anstrengend, Menschen zu begegnen, die andere Werte haben, anders aussehen und einen anderen kulturellen Hintergrund haben, so Degner.

Situation 2: Dating

Ähnlichkeit ist auch in unserem Liebesleben wichtig, sagt der Hamburger Psychologe Alexander Bodansky. So nutzten viele Datingportale Selektionsparameter, die Ähnlichkeiten messen. Bei jungen Menschen ist vor allem ein Verfahren beliebt: das Swipen bei Tinder. Auf der eindimensionalen Grundlage weniger Profilbilder bewerten die User, ob sie den anderen Menschen kennenlernen wollen oder nicht. Manchmal helfen noch kleine Infotexte – Irgendwo zwischen Selbstironie und Liebes-Checklist.

Bei einem Match folgt auf den ersten digitalen Eindruck dann vielleicht ein Treffen im realen Leben. Wie die Vorbereitungen darauf auf beiden Seiten aussehen können, zeigt die Illustratorin Anna Karetnikova in ihrem Comic. Sie selbst hat übrigens kurz vor ihrem letzten Tinder-Date einen Pfirsich gegessen, um süß und appetitlich zu wirken.

„Der Erste Eindruck“ von Anna Karetnikova

Situation 3: Bewerbungsgespräch

Im Job bewertet unser Gehirn vor allem eines, die Kompetenz, so Juliane Degner. Vor meinem letzten Vorstellungsgespräch habe ich mir einen glänzenden Blazer ausgeliehen, die Haare geglättet und fünf Minuten eine Powerpose eingenommen. Die amerikanische Sozialpsychologin Amy Cuddy wurde 2012 für einen TED Talk bekannt, in dem sie erklärte, wir würden besser performen, wenn wir für einige Minuten wie Wonder Woman dastehen.

Power Posing sorge für einen Anstieg des Testosteronspiegels und zu einer Abnahme des Kortisolspiegels. Wir sind also selbstsicherer und weniger nervös, sagt Cuddy. Diese These ist umstritten. Wissenschaftlich bewiesen ist es laut Psychologe Alexander Bodansky jedoch, dass wir besser wirken, wenn wir bestimmte Rituale durchführen. Sie verschaffen uns Selbstbewusstsein. 

Wir performen besser, wenn wir denken, dass bestimmte Handlungen uns dabei helfen besser zu performen

Wir können uns noch so sehr anstrengen und eine Sache trotzdem nicht beeinflussen: Attraktive Menschen kommen besser an. Laut Juliane Degner werden sie im sozialen wie beruflichen Kontext als kompetenter wahrgenommen. Im Job sorgen neben einem symmetrischen Gesicht vor allem dominante Merkmale wie Größe, markante Gesichtszüge, hohe Wangenknochen und ausgeprägte Kieferlinien für Attraktivität. Das gelte sowohl für Männer als auch für Frauen.

Wir wollen und müssen gut ankommen

Aber warum wollen wir überhaupt gut ankommen? Weil wir Menschen im 21. Jahrhundert noch soziale Wesen sind, die nur in Abhängigkeit von anderen existieren können, so Juliane Degner. Kurz gesagt: Wir wollen nicht nur gut ankommen, wir müssen gut ankommen, unserer psychischen Gesundheit wegen. Die sei zu großen Teilen abhängig davon, ob wir uns von unserem sozialen Umfeld akzeptiert fühlen.

Tatsächlich haben wir nur eingeschränkt Einfluss darauf, wie wir auf unser Gegenüber wirken. Und wer sich verstellt, wirkt unauthentisch. Trotzdem: Wäre ich zu spät zum WG-Casting gekommen, hätte vor dem Vorstellungsgespräch keine Power-Pose gemacht, oder hätte Anna ihren Pfirsich nicht gegessen – wer weiß, wie unsere Leben heute aussehen würden.

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Jana Trietsch, Jahrgang 1992, weiß, warum Michel aus Lönneberga in Wirklichkeit Emil heißt. Die gebürtige Darmstädterin verbrachte im Rahmen ihres Medienkulturwissenschaften- und Psychologiestudiums zwei Semester im schwedischen Uppsala und kann seitdem die Bücher ihrer Kindheit in Originalsprache lesen. Nach dem Studium lernte Jana in der Lokalredaktion des „Darmstädter Echos“ ihre Heimat neu kennen. Es folgten PR-Praktika in Stockholm und Berlin im Mode- und Lifestylebereich, die Jana eine Redakteursstelle im Brand Marketing bei Zalando einbrachten. Nebenher schreibt sie als freie Autorin für „Mit Vergnügen“ und „Refinery29“ über Kultur, Mode und Millennials. Manchmal denkt sie dabei an ihren früheren Traum: eine wöchentliche Kolumne, geschrieben in einem roten Ferienhaus in Småland. jt

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