„The Cake General“ ist ein skurriler Film über die langweiligste Stadt Schwedens und die größte Butterbrottorte der Welt. Und das soll man sich freiwillig ansehen? Ja unbedingt – nicht nur wegen der authentischen Achtzigerjahre-Optik.

November 1984: Zum ersten Mal muss das schwedische Möbelhaus mit den vier Buchstaben eine Filiale wegen schlechter Umsätze schließen. Ort dieses historischen Ereignisses ist Köping, eine Kleinstadt etwa 150 Kilometer westlich von Stockholm. Wenige Monate später verkündet der Fernsehsender SVT, dass Köping offiziell zur langweiligsten Stadt Schwedens gekürt wird. An dieser Stelle beginnt „The Cake General“, der Debütfilm des Moderatorenduos Filip Hammar und Fredrik Wikingsson, der nordischen Version von Joko und Klaas.

Auch die Anfangssequenzen von „The Cake General“ sind skurril: Hauptcharakter Hasse P., gespielt von Mikael Persbrandt, hüpft auf bunten Sprungfeder-Sneakern mit Zigarette im Mundwinkel durch seine graue Heimatstadt. Auf seinem Weg grüßt er die Menschen aus Köping: Einen Teenager, der Bauchplatscher vom Zehn-Meter-Sprungbrett macht, um zu beweisen, dass dabei nicht die Gedärme aus dem Körper springen. Einen Bäcker, der seit dem Tod seiner Frau keinen Ton mehr gesprochen hat und an der Unfallstelle campiert.

Schnell wird klar: Dieser Film erzählt nicht die Geschichte einer einzelnen Figur, sondern die, der Bewohner der Kleinstadt. Mehrere Handlungsstränge laufen parallel, lose verknüpft durch den wahnwitzigen Plan von Hasse P., mit der längsten Sandwichtorte der Welt ins Guinness-World-Records-Buch einzugehen und so der Demütigung Köpings ein Ende zu setzen.

Skurrilität in Pastell

Nicht nur sind die Charaktere extrem unterhaltsam, auch die Bildästhetik überzeugt. So ist der Film mit Pastellfilter gedreht, der an das Kino der Achtziger erinnert und bereits im Frühjahr die Kinobesucher von „Call me by your Name“ begeisterte. Dazu kommen: 101 Minuten voller Schnauzbärte, toupierten Locken und Trainingsanzügen aus Ballonseide. Das gefällt denen, die sich selbst noch gut daran erinnern können, früher so ausgesehen zu haben. Und denen, die in Second-Hand-Läden einkaufen, um diesen Look heute zu pflegen.

Im Soundtrack folgen Eigenkompositionen des schwedischen Singers/Songwriters Lars Winnerbäck auf Klassiker, die jeder Kinobesucher mitsummen kann. Passagen, wie die „La La Land“-esque Liebesnacht von Hasse P. und seiner fünften Ehefrau, wirken durch die bedeutungsschwangeren Melodien so überzogen, dass sie nur ironisch gemeint sein können.

Amüsant, ohne stumpf zu werden

Filip Hammar hatte die Idee zur Geschichte. Er erlebte sie zu großen Teilen selbst als neunjähriger Junge in Köping. Es gibt eine Menge zu lachen, vor allem nachdem man erfährt, dass große Teile der Geschichte wahr sind. Als die beiden Produzenten zum Ende des Films den echten Hasse P. kurz vor seinem Tod treffen, müssen einige der Zuschauer die Taschentuchpackung hervorholen.

Besucher von „The Cake General“ müssen schon eine gewisse Schwedenaffinität mitbringen, um sich für Smörgåstårta, Ton, Humor und Soundtrack in Originalsprache begeistern zu können. Trotzdem ist er auch für ein internationales Kinopublikum interessant – mit der Großstadt-Kleinstadt-Thematik können sich vermutlich Zuschauer von Boston bis nach Usedom identifizieren. Eines bleibt auf jeden Fall im Kopf: Die Stimme des kleinen Filip, der erklärt, wofür Hasse P. und seine gigantische Sandwichtorte steht: Dafür, sich zu trauen, besonders zu sein.

FINK.HAMBURG hat die beiden Regisseure im Rahmen des Filmfests 2018 bei Zimtschnecken und Franzbötchen zu einem Interview getroffen.

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Jana Trietsch, Jahrgang 1992, weiß, warum Michel aus Lönneberga in Wirklichkeit Emil heißt. Die gebürtige Darmstädterin verbrachte im Rahmen ihres Medienkulturwissenschaften- und Psychologiestudiums zwei Semester im schwedischen Uppsala und kann seitdem die Bücher ihrer Kindheit in Originalsprache lesen. Nach dem Studium lernte Jana in der Lokalredaktion des „Darmstädter Echos“ ihre Heimat neu kennen. Es folgten PR-Praktika in Stockholm und Berlin im Mode- und Lifestylebereich, die Jana eine Redakteursstelle im Brand Marketing bei Zalando einbrachten. Nebenher schreibt sie als freie Autorin für „Mit Vergnügen“ und „Refinery29“ über Kultur, Mode und Millennials. Manchmal denkt sie dabei an ihren früheren Traum: eine wöchentliche Kolumne, geschrieben in einem roten Ferienhaus in Småland. jt