In Stockholm gibt es einen Chor, in dem bis zu 600 Menschen singen – ohne es zu können. Das macht glücklich! Nach diesem Vorbild kommen dienstags nun auch Menschen in der Hamburger Neustadt zusammen. Ein Besuch bei Hamburg Singt.

Spätestens bei „Lady Marmelade“ ticken die Leute aus und schmettern gemeinsam „Voulez-vous coucher avec moi?“ in Richtung Bühne. In der zweiten Reihe tanzt eine ältere Dame auf der Stelle und schnippt mit den Fingern im Takt. Drei Plätze weiter reißt eine Frau am Ende der Strophe ihren Kopf nach oben und schüttelt ihre blonden Haare. Neben ihr steht ein Mann im blauen Anzug. Er öffnet seinen Mund so weit, dass er einer Kiefersperre gefährlich nahe zu kommen scheint.

Ob die drei die Töne treffen, ist nicht wichtig. Bei Hamburg Singt können Menschen dienstags ab 19.00 Uhr in der City Church Hamburg für zehn Euro anderthalb Stunden lang Teil eines Chors sein – egal wie sie dabei klingen.

Für den Klang im Saal sind Chorleiter Niels Schröder, eine Band und die Sängerinnen Jessy Martens und Esther Jung verantwortlich. Gemeinsam begleiten sie den Chor durch den Abend. Die Band spielt live, Martens und Jung übernehmen die schwierigen Stellen und Schröder leitet die Menschenmasse an.

Chorleiter Niels Schroeder steht auf der Bühne mit der Band
Chorleiter Niels Schröder und die Band von Hamburg Singt. Foto: Simon Schröder

Dafür rennt er über die Bühne, reißt die Arme hoch, stößt die Hände in die Luft, redet mit dem Publikum und singt nebenbei auch noch mit. „Das Tollste ist, dass es glücklich macht“, sagt er über seinen Chor und sieht einem dabei direkt in die Augen.

Die Schweden als Vorbild

Entstanden ist Hamburg Singt durch Schröders Arbeit als Chorleiter bei Gospelkonzerten. Am Ende dieser Konzerte animierte er das Publikum zum Singen, erzählt er. „Irgendwann ging das so weit, dass wir die Texte auf eine Leinwand geschmissen haben, damit die Leute gut mitsingen konnten. Am Ende war das immer der netteste Moment des Konzertes.“

Dann erfuhr er durch eine Freundin von einem Chor in Stockholm. Dort sangen gemeinsam bis zu 600 Menschen, ohne es zu können. So kam ihm die Idee: Das was am Ende der Gospelkonzerte passierte, sollte man die ganze Zeit machen. Es folgten ein Jahr Vorbereitung und die Premiere im Jahr 2013.

Saalplan und Anweisung, wer sich wo hinsetzen kann.
Wer keine Ahnung hat, setzt sich einfach in die Mitte. Foto: Simon Schröder

Sechs Jahre später ist der Chor immer noch ein Erfolg. Bis zu 500 Leute singen hier regelmäßig mit. An diesem Dienstagabend stehen die Leute bis auf die Straße, um einen Platz zu bekommen. Trotz Hamburger Schietwetter und Temperaturen unter zehn Grad Celsius.

Dafür wird es den Leuten bei der Sitzordnung so einfach wie möglich gemacht. Wer Sopran singt, setzt sich nach links, Alt und Tenor gehen nach rechts. Wer seine Stimmlage nicht kennt, sucht sich einen Platz in der Mitte.

C oder D? Noten lesen muss niemand!          

Während des Singens steht der Text auf drei großen Leinwänden. Noten gibt es hier nicht. Dafür zeigen Pfeile an, wann die Menge höher und wann sie tiefer singen muss. So schaffen es alle bei dem „It“ aus Queens „I Want It All“ ein wenig höher zu trällern. Zur Not reißt Schröder aber den Arm nach oben. Dann sind alle im Saal abgeholt.

Die Buehne von oben, man sieht den Text von Queen I Want It Alll.
Das System ist einfach. Zeigt der Pfeil nach oben, singt die Menge höher. Foto: Simon Schröder

Geprobt werden die Lieder im Sitzen. Strophe für Strophe singt Schröder mit der Menge die Lieder bis zum Ende. Ist er zufrieden, stehen alle auf. Denn singen mit viel Luft und lauter Stimme, geht nur im Stehen.

Damit nicht alles gleich klingt, versucht Schröder „es bunt zu halten“. Bei „Bang Bang“ von Jesse J, Ariana Grande und Nicki Minaj wird gerappt und bei Tina Turners „Paradise Is Here“ wieder gesungen. Ein bisschen erinnert die Veranstaltung an Massenkaraoke. Nur dass sich hier niemand schämen muss oder sechs Bier braucht, um den Text zu grölen.

Gemeinsames Singen macht glücklich

Die Mundwinkel gehen nach oben, der Fuß wippt im Takt und man fängt an sich zu entspannen. Sorgen haben hier keinen Platz.

Es hänge immer von der Erfahrung ab, ob eine Person gerne singe oder nicht. Man könne nicht sagen, dass Singen auf einer Skala von Eins bis Fünf glücklich mache, sagt der Musikpsychologe Clemens Wöllner von der Universität Hamburg.

Gefühle lassen sich nun mal schwer messen. Es gibt keine Messwerte für Liebe, Trauer oder Glück. Wie sich jemand fühlt, ist immer individuell.

Was sich allerdings messen lässt, ist die Ausschüttung von Hormonen im menschlichen Körper. So fand der Musikwissenschaftler Gunter Kreutz von der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg in einer Studie durch die Entnahme von Speichelproben vor und während zwei Chorproben heraus: Beim gemeinsamen Singen wurde das Hormon Oxytocin ausgeschüttet. Dieses Hormon ist auch als Kuschelhormon bekannt und tritt auf, wenn sich Menschen miteinander sozial verbunden, also zum Beispiel als Teil einer Gruppe fühlen.

Zum Schluss gibt es ein Konzert

Das erklärt auch, warum man sich bei Hamburg Singt wohlfühlt. Hier singt keiner allein, sondern alle zusammen. Niemand zögert, sich beim Abschiedslied „In Hamburg Singt Man Tschüss“ bei seiner Nebenfrau oder seinem Nebenmann einzuhaken.

Vorher gibt es aber noch ein Konzert. „Bang Bang“, „I Want It all“, „Paradise Is Here“, „Lady Marmelade“, „Talking‘ About a Revolution“, „Falling Slowly“ und „I’m So Excited“ – die Songs des Abends sind noch mal zu hören. Der Rap von „Bang Bang“ sitzt zwar nicht mehr ganz so sicher, aber egal. Mittlerweile haben auch die Neuen verstanden, dass man hier keine Fehler machen kann. Alle singen alles mit.

Als das Licht angeht, bleiben die meisten Leute noch sitzen. Es wird nicht mehr im Takt geschnippt, die Haare nicht mehr geschüttelt und auch kein Kiefer strapaziert, aber die Leute lächeln immer noch. „Ich glaube, man geht glücklicher nach Hause, als vorher“, sagt Schröder.

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Simon Schröder, Jahrgang 1992, fehlt als Schönwetter-Surfer nur eines an seiner geliebten Heimatstadt: Dauersonne. Deshalb entflieht er jeden Sommer Hamburgs Schmuddelwetter und arbeitet als Wellenreitlehrer an der französischen Atlantikküste. Sein Studium der Kulturwissenschaften in Lüneburg war ihm zu theoretisch. Praktische Arbeit fand er nach seinem Abschluss bei den Online-Magazinen "Zeitjung" und "Bento". Mit seinem Gespür für Menschen interviewte er Pornoproduzenten, Freier und Lehrer. Wenn er es an seinem Schreibtisch nicht mehr aushielt, kochte er im Nil und Salt & Silver. Für seine zwei Mitbewohner macht er noch heute seine raffinierte Bolognese. Geheimzutat: Schokolade. Das würde er aber nie jemandem verraten. Kürzel: sis