Die Kampagne „Fahr ein schöneres Hamburg“ präsentierte ihr zweites Fiete-Fahrrad. Die Räder sollen dazu beitragen, dass mehr Menschen Fahrrad fahren. Gute Idee, schlecht umgesetzt, meint Simon Schröder.

Blauer Sattel, rote Bremshebel und ein alter Mülleimer als Fahrradkorb: Die Hochbahn hat Anfang Dezember den U3-Fiete präsentiert. In einer Kooperation mit der Kampagne „Fahr ein schöneres Hamburg“ wurde es aus einem alten Waggon der U3 upgecycelt und ist bereits das zweite Fiete-Rad. Sein Bruder, der Tattoo-Fiete, ist komplett mit Leder überzogen und tätowiert.

Die Räder sollen die unterschiedlichen Facetten Hamburgs widerspiegeln. Tattoo-Fiete steht für St. Pauli und den Kiez. Der U3-Fiete bringt wiederum ein Stück Hamburger Bahngeschichte auf die Straßen.

Hinter der Kampagne steckt die Idee, Hamburger*innen für den Radverkehr zu begeistern. Sie sollen den öffentlichen Nahverkehr und vor allem ihr Fahrrad häufiger nutzen.

Das ist gut so. Mehr Fahrräder auf den Straßen bedeuten weniger Autos, weniger Stau und eine bessere Luft in der Stadt. Eine prima Idee, aber sie ist nicht zu Ende gedacht.

Ein Fahrrad fürs Museum hilft keinem

Die Fahrräder haben ein gravierendes Problem: Sie sind nicht für den Verkehr gemacht. Der U3-Fiete wird nur zu speziellen Events hervorgeholt. Tattoo-Fiete ist schon Geschichte: Er steht derzeit in einem Glaskasten im Museum für Hamburgische Geschichte.

Was hat sich die Hochbahn dabei nur gedacht? Geht das Unternehmen wirklich davon aus, dass Menschen wieder auf das Fahrrad steigen, nur weil ein Verkehrsunternehmen ein Fahrrad mit Leder überzieht oder aus Teilen der U3 baut?

Immerhin, gemeinsam mit der „Bild“ Hamburg verlost die Hochbahn eine Woche mit dem U3-Fiete. Wer gewinnt, kann sein Auto dann gegen das U-Bahn-Fahrrad tauschen. Klingt verlockend? Nun, es gibt vermutlich Schöneres, als sich Anfang des Jahres sieben Tage lang mit dem Fahrrad im Schmuddelwetter durch Hamburg zu kämpfen. Zum Glück gibt’s noch ein Winterset aus Jacke, Handschuhen und Co. oben drauf.

Tattoo-Fiete steht vor einer Mauer.
So sieht der Tattoo-Fiete aus. Foto: Hamburg Marketing GmbH

Die Hochbahn tut sich mit dieser Aktion jedenfalls keinen Gefallen. Aus Schrott geschweißt, suggeriert das Fahrrad Nachhaltigkeit in der Mobilität. Es dient aber vor allem dem Image des Unternehmens. Der Begriff „Upcycling“ ist an dieser Stelle zwar an sich korrekt, verschleiert aber die Tatsache, dass in einer Werbekampagne zwei Fahrräder gebaut werden, die knapp zwei Millionen Hamburger*innen nicht nutzen können.

Da wäre es doch besser, die Tickets für den HVV günstiger zu machen. Alles andere ist Schrott.

Titelfoto: Hamburg Marketing GmbH

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Simon Schröder, Jahrgang 1992, fehlt als Schönwetter-Surfer nur eines an seiner geliebten Heimatstadt: Dauersonne. Deshalb entflieht er jeden Sommer Hamburgs Schmuddelwetter und arbeitet als Wellenreitlehrer an der französischen Atlantikküste. Sein Studium der Kulturwissenschaften in Lüneburg war ihm zu theoretisch. Praktische Arbeit fand er nach seinem Abschluss bei den Online-Magazinen "Zeitjung" und "Bento". Mit seinem Gespür für Menschen interviewte er Pornoproduzenten, Freier und Lehrer. Wenn er es an seinem Schreibtisch nicht mehr aushielt, kochte er im Nil und Salt & Silver. Für seine zwei Mitbewohner macht er noch heute seine raffinierte Bolognese. Geheimzutat: Schokolade. Das würde er aber nie jemandem verraten. Kürzel: sis