In der Street Art School auf St. Pauli treffen sich Künstler*innen, um sich über ihre Kunst auszutauschen und voneinander zu lernen. Mit der Kunst auf der Straße befinden sie sich aber auch immer in einer Grauzone.

Die Sprühdosen stehen nach Farben sortiert in bunten Getränkekisten. Die Kisten sind übereinander gestapelt. Geht man den weißen Flur zum Atelier entlang, riecht es wie in der Farbabteilung eines Baumarkts. Die Street-Art-Künstler*innen art.omato, Späm und xxreizendxx sitzen im Atelier und arbeiten an ihren Werken. An den Wänden und der Decke des Ateliers kleben bunte Sticker und Paste-ups. Hier ist das legal.

Street-Art-Begriffe:

Graffitis (Plural von ital. graffito) sind Schriftzüge und Bilder, die meist mit Sprühdosen aufgetragen werden.

Bei Paste-ups handelt es sich um vorbereitete Kunstwerke (oft auf Papier), die mit Leim oder Kleister an Wände geklebt werden.

Sticker sind von Künstler*innen gestaltete Aufkleber, die oft auch eine politische Aussage beinhalten.

Writing ist eine Form des Graffiti, bei der die künstlerische Gestaltung der Buchstaben im Vordergrund steht.

Tags sind die Kürzel und Pseudonyme der Künster*innen, um die Werke als ihre Kunst zu kennzeichnen.

2014 hat Olaf Terhorst die Street Art School auf St. Pauli gegründet. „Sie ist eine Begegnungsstätte. Ein Ort, um sich kreativ auszuleben und neue Techniken zu lernen“, sagt er. Das Gemeinschaftsatelier des gemeinnützigen Vereins diene als Raum zur freien Entfaltung der Kreativität. Hier treffen sich die Künstler*innen, um an ihren Werken zu arbeiten und um sich mit anderen auszutauschen.

Öffentlichen Raum mitgestalten

„Als ich das erste Mal meine Sticker geklebt habe, fühlte ich mich ein bisschen wie ein Gangster“, sagt art.omato und lacht. Sie ist erst seit eineinhalb Jahren Mitglied der Street Art School und probiert sich noch aus. Street-Art bedeutet für sie Freiheit. „Es ist eine kostenlose Kunstform“, sagt sie. „Street-Art ist einfach auf der Straße.“ Man müsse nur die Augen offen halten und den Blickwinkel verändern. Die Künstlerin findet, dass es in der Gesellschaft mehr kreative Freiräume geben müsse, die für jede*n verfügbar sind.

„Street-Art hat für viele eine politische beziehungsweise gesellschaftskritische Position“, sagt Olaf Terhorst. „Für einige Street-Art-Künstler ist sie Ausdruck des Protestes gegen die ungefragte Kommunikation durch Werbung und Politik sowie die gefühlte Machtlosigkeit bei der Gestaltung des öffentlichen Raumes.“ Die Künstler*innen nehmen sich das Recht ihre Stadt mitzugestalten, mit der Kunst im urbanen Raum können sie das.

Der Street-Art-Künstler Späm steht genau für diese Position. Er versteht die Kunst als eine Gegenbewegung zur omnipräsenten Werbung in der Stadt. Seit über elf Jahren ist Späm in der Szene aktiv und von Anfang an Mitglied der Street Art School. „Wir werden ja auch nicht gefragt, ob wir die ganzen Werbeplakate sehen wollen“, sagt er. „Wir nehmen uns das Recht heraus, unsere Kunst auf die Straßen zu bringen.“

Reiz des Verbotenen

Xxreizendxx arbeitet an der Sprühstation im Atelier. Sie schaltet die Abzugshaube an, ein Dröhnen durchdringt den Raum. Sie stellt die Sprühdosen zurück in die Getränkekisten und stellt sich zu den anderen an die Tische in der Mitte des Ateliers.

Sprühdosen liegen farblich sortiert in Getränkekisten.
Farblich sortierte Sprühdosen im Atelier. Foto: Lisa Sophie Kropp

„Die Street-Art-Szene und vor allem Graffiti leben auch vom Illegalen. Der gewisse Kick gehört für manche einfach dazu“, sagt Olaf Terhorst. Er wünscht sich mehr legale Flächen in der Stadt und glaubt, dass diese auch genutzt werden würden. „Ich weiß aber auch, dass der Protest bleiben würde. Reclaim your city.“ Legale Flächen würden nicht verhindern, dass Street-Art-Künstler*innen in die Stadtgestaltung aktiv eingreifen wollen.

„Street-Art gewinnt ihren Reiz dadurch, dass sie irgendwo auftaucht, wo man nicht mit ihr rechnet“, sagt Späm. Für ihn sei das Überraschungsmoment wichtig. „Da ist etwas, was da nicht hingehört und was gestern noch nicht da war. Ohne diesen Moment würde die Kraft der Street-Art verloren gehen“, sagt er, während er weitermalt. Art.omato reiche auch schon ein kurzer Blick und ein Lächeln, wenn die Leute an ihren Werken vorbeilaufen. „Ich selbst würde lieber auf genehmigten Flächen kleben“, sagt sie.

Kunst oder Vandalismus? Die Grauzonen der Street-Art

Das Centermanagement der Rindermarkthalle stellt der Street Art School eine Wand in ihrem Parkhaus zur Verfügung. Die gesamte Längsseite wurde mit Graffitis, Paste-ups und Stickern besprüht und beklebt „Sprayen, Tags und vor allem Writing ist eine Präzisionsarbeit, die jahrelang intensiv und im Schweiße seines Angesichts geübt werden muss“, sagt Olaf Terhorst. Während er in einem Café von der Street Art School erzählt, werden seine Augen größer und seine Mundwinkel gehen nach oben. Immer wieder nimmt er seine Kaffeetasse in die Hand, aber stellt sie, ohne einen Schluck genommen zu haben, wieder ab. An legalen Flächen könne das künstlerische Talent gefördert und die verschiedenen Techniken in Ruhe perfektioniert werden. Auf der Straße müsse es schnell gehen, um nicht erwischt zu werden.

Olaf Terholz, Mitbegründer der Street Art School, im Atelier.
Olaf Terhorst, Mitbegründer der Street Art School, im Atelier. Foto: Lisa Sophie Kropp

Im Rahmen der Street Art School werden nie illegale Aktionen durchgeführt. Wenn die Künstler*innen sich entscheiden, gemeinsam Paste-ups oder Sticker aufzuhängen, passiert das laut Terhorst privat. Sie bewegen sich dabei in einer rechtlichen Grauzone. Je fester das Kunstwerk mit dem Untergrund verbunden ist, desto schwerer ist das Delikt. Eine Wand zu besprühen oder zu bemalen, gilt als Sachbeschädigung. Seit 2015 gelten auch Paste-ups als Straftat. Sticker gelten meist als wildes Plakattieren, sie werden oft eher als Ordnungswidrigkeit behandelt.

Street-Art ist Kommunikation

Leise Hip-Hop-Klänge vermischen sich mit dem Summen der Abzugshaube im Atelier. Art.omato bespricht mit Späm und xxreizendxx, wie sie den Kleister für ihre Sticker am besten zusammenmischen. Sie sollen ja möglichst lange kleben bleiben. Für die Aktion #streetagainsthate haben sie 920 Sticker von Künstler*innen aus der ganzen Welt als Zeichen gegen den Hass geklebt. Dafür haben sie eine weitere Wand der Rindermarkthalle genehmigt bekommen. „Ich möchte den Blick vom Alltag ablenken und neue Perspektiven schaffen“, sagt art.omato.

Schaut man sich in den Hamburger Straßen genauer um, wird man immer wieder neue Kunst finden: Wo die letzten drei Monate ein Paste-up hing, klebt heute ein Sticker. Die Kunst im urbanen Raum befindet sich immer im Wandel. Für Olaf Terhorst ist Street-Art „ein Geschenk für die Allgemeinheit.“ Sie fungiert als Kommunikation zwischen den Künstler*innen selbst, zwischen ihnen und der Gesellschaft sowie als Kontrapunkt zu Werbung. „Die Street Art School dient als Treffpunkt und unser Atelier bietet diesen Austausch“, sagt Terhorst und nimmt einen großen Schluck Kaffee.

Die Street-Art-Künstler*innen sind mit ihrer Kunst oft in einer rechtlichen Grauzone unterwegs und möchten daher nur mit ihren Künstlernamen genannt werden.

Titelfoto: Lisa Sophie Kropp

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Lisa Sophie Kropp, Jahrgang 1994, braucht zum Feierabend kein Bier, sondern ein Stück Käse. Für ihren Bachelor in Inklusiver Pädagogik pendelte sie drei Jahre lang von Hamburg nach Bremen und kann seitdem in jeder Bahn schlafen. Nach dem Studium lernte sie in Australien Wein herzustellen, schlürfte Pho in Vietnam und ergriff auch in Thailand Pad Thai für gutes Essen. Zurück in Hamburg stieg sie konsequenterweise als freie Mitarbeiterin des Magazins „Food and Travel“ ins Berufsleben ein. Für das „Hamburger Abendblatt“ schrieb sie über die besten Grillplätze und das Kulturprogramm Harburgs. Neben den Deichtorhallen und dem Deutschen Schauspielhaus findet man Lisa häufig im Abaton. Sie liebt deutsche Filme – aber nicht Matthias Schweighöfer. Der ist ihr zu cheesy. Kürzel: lis