Festgesetzt auf einem Feld im Nirgendwo und spontan geknüpfte Freundschaften – sechs FINK.HAMBURG-Redakteurinnen erzählen ihre witzigsten, skurrilsten und nervigsten Erlebnisse aus dem Zug.

„Zugfahrten haben für mich etwas Romantisches.“

Lissy: Mein letztes Bachelor-Semester habe ich aus der Ferne bestritten. Das hieß für mich: Alle zwei Wochen für zwei Seminare von Hamburg nach Bayern fahren. Wenn man es zusammenrechnet, habe ich zu der Zeit mehrere Tage im Zug verbracht. Auf diesen Fahrten hatte ich viele lustige und unterhaltsame Begegnungen. Wenn sich fünf Mitfahrer*innen eines Abteils ein Handyladekabel teilen, der Reiseproviant an Fremde weitergegeben wird oder ein grimmig aussehender Geschäftsmann einen Anruf mit „Hallo Mamilein“ entgegennimmt, muss man schon mal schmunzeln.

Zugfahrten haben für mich aber vor allem etwas Romantisches: Paare streiten sich im Zug bei der Abfahrt und nehmen sich bei der Ankunft wieder in die Arme, ein älteres Ehepaar picknickt liebevoll mit Tischdecke und Geschirr oder ein Mann auf dem Bahnsteig möchte seiner Freundin im Zug noch unbedingt per Pappschild mitteilen, dass er sie liebt.

Das Schicksal kreuzt für wenige Stunden die Lebenswege unterschiedlichster Menschen, und alle wissen genau, dass sie sich wahrscheinlich nie wieder sehen. Dadurch ergeben sich so süße Begegnungen und Gelegenheiten.

„Wenn ich enttäuscht wurde, dann richtig.“

Melli: Die Deutsche Bahn ist schon seit Langem mein treuer Begleiter. Nicht nur, weil ich nach dem Studium von Nürnberg nach Berlin gezogen bin. Für meine Fernbeziehung bin ich von Berlin regelmäßig nach Hamburg gependelt.

Ich wurde von der Bahn tatsächlich seltener enttäuscht, als ich dachte. Einmal traf es mich dann aber mit voller Wucht: Am Tag einer Rückfahrt aus Hamburg nach Berlin erwischte mich eine Bronchitis und Fieber.

Als ich in Hamburg in den ICE einsteigen wollte, zeigte sich das Übel in seinem ganzen Ausmaß: Von insgesamt 16 Waggons fehlten acht, auch der mit meinem reservierten Sitzplatz. Viele Leute standen schon in den Gängen. Kein Sitzplatz war mehr frei. Da der nächste ICE ausfiel, wollte natürlich niemand aussteigen. Inklusive mir, die mit Bronchitis und Fieber nur nach Hause wollte. Ich stellte mich also dazu.

Es kam aber noch besser: Weil der Zug so überfüllt war, konnte er aus Sicherheitsgründen nur mit halber Geschwindigkeit nach Berlin fahren. Anstatt zwei, stand ich also mehr als vier Stunden in den überfüllten Gängen.

„Bahnfahren ist immer wieder ein Abenteuer.“

Lea: Bahnfahren ist für mich immer wieder ein kleines Abenteuer. Ich bin ziemlich viel mit der Bahn unterwegs, kreuz und quer durch die Republik. Ein netter Mitreisender hat mir schon mal fünfzig Kilometer Taxifahrt von einem in Husum gestrandeten Zug nach Dagebüll zur letzten Fähre nach Amrum spendiert. Ich habe auch schon mit einem Junggesellenabschied im Gang eines Großraumwagens auf dem Boden gesessen – wir ruderten zu Achim Reichels „Aloha heja he“ und als Dankeschön für’s Mitmachen bekam ich einen Wodka-Ahoi.

Nicht vergessen werde ich eine Fahrt mit dem Metronom von Hamburg nach Hannover: Wir starteten kurz vor 8 Uhr abends im Hauptbahnhof – und schafften es nicht einmal bis nach Harburg. Kurz hinter Wilhelmsburg bremste unser Zug scharf, es zischte und knallte. Draußen sahen wir helle Lichtblitze und Rauch: Unser Zug hatte die Oberleitung mitgenommen.

Es folgten spannende Einblicke in das Notfallmanagement der Bahn. Vier Stunden dauerte es, bis der Oberleitungswagen endlich da war, um den Zug zu erden. In der Zwischenzeit erzählte der Lokführer fröhlich über Lautsprechen, dass er sich in solchen Situationen dringend eine Toilette auf der Lok wünscht und wir Fahrgäste teilten uns Gummibärchen und Schokolade.

„Als Pendlerin hat die Bahn mein Vertrauen verspielt.“

Sandra: Liebe Deutsche Bahn, ich habe dir einige Chancen gegeben, über verpasste Anschlüsse, Zugausfälle und nicht existente Sitzplatzreservierungen hinweg gesehen. Als Pendlerin hast du mein Vertrauen nun endgültig verspielt.

Es war an einem warmen Maitag, als ich statt zweieinhalb mehr als fünf Stunden zur Arbeit brauchte. Der Grund waren defekte Bremsen und ein Getriebeschaden. Die Konsequenz: Nachdem schon am Morgen ein Zug auf der Strecke abgeschleppt werden musste, strandete ich abends auf dem Rückweg mit rund 35 weiteren Fahrgästen auf einem Feld mitten im Nirgendwo.

Von Hilfe keine Spur. Aussteigen durften wir aus Sicherheitsgründen auch nicht. Nur dem Einsatz des engagierten Lokführers hatte ich es zu verdanken, dass ich doch noch Zuhause ankam. Er brachte den Zug wieder zum Laufen.

Erstattet wurde mir nichts, denn ich hatte ein Monatsticket – abgesehen davon, dass die Fahrgastrechte-Formulare in dem Zug gerade vergriffen waren. Ich hoffe, du verstehst, warum ich mittlerweile lieber Auto fahre.

„Sogar eine lange Freundschaft habe ich im Zug geknüpft.“

Carlotta: Die Strecke von Hamburg-Altona bis Westerland auf Sylt hat sogar eine eigene Facebook-Gruppe. Aber wer hier in den Zug steigt, wird auch offline schnell Teil einer Community. Der günstigste Weg auf die Insel zu kommen, ist, sich zu fünft ein Kleingruppenticket zu teilen. Das macht dann nur 7,48 Euro pro Nase, statt 29 Euro für ein Einzelticket.

Wenn ich alleine reise, ist es daher mittlerweile Tradition, vor der Abfahrt bei den Fahrkartenautomaten an den Ferngleisen rumzulungern und auf Reisende zu warten, die ein Ziel auf derselben Strecke haben.

Mit ein bisschen Glück wird man selbst schnell als Inselurlauber eingestuft und direkt angesprochen. Egal ob Dienstagmittag oder an einem Sonntagmorgen um 6.15 Uhr: Alleine gefahren bin ich noch nie. Auf der dreistündigen Fahrt lerne ich dann häufig mehr als nur die Namen und Reiseziele meiner spontan Mitreisenden kennen. Schnell entwickeln sich Gespräche, Reise-Proviant wird geteilt. Sogar eine lange Freundschaft habe ich auf dieser Fahrt schon geknüpft. Dass man eigentlich alleine unterwegs war, vergisst man spätestens dann, wenn der*die Kontrolleur*in inbrünstig mit „Wir gehören alle zusammen!“ begrüßt wird.

„Nehmen Sie doch einfach den nächsten Zug.“

Antonie: Ich wollte mit dem ICE von Hamburg nach Berlin fahren und mein Fahrrad mitnehmen. Da ich mich nicht entscheiden konnte, wann genau ich fahren wollte, buchte ich mein Ticket erst eine Stunde vor Abfahrt. Pünktlich positionierte ich mich also mit Drahtesel und Koffer am Gleisabschnitt der Fahrradabteile.

Doch ich war nicht die Einzige. Um mich herum standen etliche Menschen mit Fahrrädern und Gepäck. Der Zug fuhr ein und mein Gleisabschnitt blieb leer.

In den Lautsprechern knackte es und eine Stimme verkündete, dass heute der Zug leider ohne Fahrradabteil fahren würde. Laut Ansage sollten wir einfach den nächsten nehmen. Daraufhin brach Panik aus.

Ich frage mich bis heute, wie es möglich war, eine Stunde vor Abfahrt den Zug trotzdem noch zu buchen. Das Bahnpersonal verwies mich am Ende auf die Regionalbahnen. Statt knapp zwei war ich fast fünf Stunden unterwegs. Das Geld gab es leider auch nicht zurück.

Titelfoto: Unsplash

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Lea Zurborg, Jahrgang 1995, geht in ihrer Freizeit auf Glitzersockenjagd. Ihr liebstes Paar ist eines mit Pinguinmotiv. Schon immer balanciert sie auf dem Grat zwischen Wissenschaft und Journalismus: Nach einem freiwilligen Jahr in der Kultur- und Wissenschaftskommunikation studierte sie Biochemie in Hannover. Neben dem Studium jobbte sie in einem Schülerlabor und absolvierte die studienbegleitende Journalistenausbildung an der Katholischen Journalistenschule ifp in München. Unter anderem beim "Ostfriesischen Kurier" und bei den "Kieler Nachrichten" lernte sie lokale Berichterstattung und wie guter Onlinejournalismus funktioniert. Ins Labor kehrt sie vorerst nicht zurück, erforscht aber dafür nun ihre neue Heimat Hamburg. Kürzel: lzu