Das Deutsche Derby in Hamburg ist für viele ein Ereignis. Sie putzen sich raus, fachsimpeln und wetten auf ihr Favoritenpferd. Doch dieses Jahr kamen zwei Pferde ums Leben. Tierschützer kritisieren die Veranstaltung heftig. Ein Ortsbesuch.

Die Horner Rennbahn im Osten Hamburgs. Es riecht nach Bratwurst, Popcorn und frisch gemähtem Rasen. Der Wind weht, mit 18 Grad ist es für Anfang Juni recht kühl. Trotzdem ist der Tag schön, oder wie Hamburger*innen sagen würden: Immerhin regnet es nicht. Menschen, ob jung oder alt, strömen von den U-Bahnhaltestellen und Parkplätzen zum Haupteingang an der Rennbahnstraße. Es ist der vierte Renntag des 150. Deutschen Galopp-Derbys 2019.

Auf dem 6,4 Hektar großem Gelände der Horner Rennbahn finden bis zu 50.000 Besucher*innen Platz. Damit ist es das größte seiner Art in Deutschland. Das Deutsche Galopp-Derby ist seit 1898 ein Pferderennen auf einer Rennbahnlänge von maximal 2.400 Metern. Wenn nicht gerade Derby-Woche ist, beherbergt die Galopprennbahn eine Minigolf-Anlage, einen Freizeitpark und einen Verein für deutsche Schäferhunde mitsamt Hundezone.

Hier wird gefachsimpelt, Nieten liegen verstreut

Wer am Derby-Montag oder -Mittwoch zur Horner Rennbahn kommt, kann die Stehplätze und den sogenannten Sattelplatz kostenlos betreten. Irreführenderweise ist mit Sattelplatz aber nicht der Ort gemeint, an dem die Pferde gesattelt werden. Sondern in der Regel die ganze Rennbahn.

Acht Rennen stehen insgesamt an diesem Mittwoch an, darunter das beliebte aber auch risikoreiche Seejagdrennen am Abend. Jedes Rennen wird nach seinem Preisgeld-Sponsor benannt. Das höchstdotierte Rennen heute: Der „Sparkasse Holstein Cup“ mit einem Preisgeld von insgesamt 55.000 Euro.

Blick von der Tribüne auf das Rennbahngelände und das Ziel
Blick von der Tribüne auf das Rennbahngelände. Foto: Laura Bieler

Das erste Rennen ist vorbei. Die Sieger: Stute Ida Alata und Jockey L. Delozier. Abgekämpft, aber stolz trabt die Stute zum Absattelring, um dort eine Abkühlung zu erhalten.

Fuchsstute Ida Alata wird von einem Stallmädchen zum Absattelring geführt
Stolze Sieger des ersten Rennens des Tages Jockey L. Delozier auf Stute Ida Alata. Foto: Laura Bieler

Fotograf*innen strömen hinterher während Zuschauer*innen klatschen und jubeln. Oder sich ärgern. Denn so manch eine*r hat das Glück herausgefordert und auf ein oder mehrere Pferde gewettet. Zwei Damen schimpfen auf sich selbst. „Hättest du doch bloß die Platzwette genommen“, sagt die eine. Platzwette bedeutet, dass das Pferd unter den ersten drei Pferden durchs Ziel galoppieren soll. „Ja, so ein Mist. Fünf Euro in den Sand gesetzt“, schimpft die andere. Trotzdem schlagen sie erneut das Rennprogramm auf und markieren mit einem Kugelschreiber ihren nächsten Favoriten.

Wie wird gewettet?

Bei Pferdewetten kann man unterschiedliche Wetten abgeben. Die einfachste Wette ist die Siegwette, also welches Pferd als erstes über die Ziellinie galoppiert. Wetttipps gibt’s im Rennprogramm und vom Moderator im Führring. Dort kann man auch selbst die Pferde vor dem Rennen in Augenschein nehmen. Quoten und Gewinnchancen errechnen sich aus den Einsätzen (50 Cent Mindesteinsatz). Wird viel Geld auf ein Pferd gesetzt, ist die Quote niedrig, die Rendite bei Gewinn aber leider auch.

Die große Anzeigetafel im Innenraum des Rennbahngeländes zeigt die Wettquoten. Fünf Wetthäuschen gibt es allein auf dem Platz vor dieser Tafel. Der Rennbahn-Moderator gibt die Quoten durch und informiert über frühere  Siege der Pferde. Wo man hinschaut, überall sehen Zuschauer*innen gebannt auf die Monitore und fachsimpeln. Ringsherum liegen Nieten auf dem Boden.

Laut dem Hamburger Renn-Club wäre ohne den Wettumsatz die Finanzierung des Galopprennsports nicht möglich.

Pferdeliebhaber? Muss nicht sein

Etwas weiter vom Trubel um Foodtruck-Festival, Kinderhüpfburgen und vom Presserummel entfernt, sitzen jene Besucher, die sich lieber selbst Verpflegung mitbringen. Sie haben keine Lust sich ein Bier für sechs Euro zu kaufen. Dazu gehören auch Rainer Willemsen (64) und sein Sohn Martin (25). Die beiden sitzen, nicht weit vom nächsten Wetthäuschen entfernt, mit einem Bier in der Hand in ihren Campingstühlen und schauen gemeinsam ins Rennprogramm.

Vater und Sohn sitzen beide in Campingstühlen mitsamt Bier am Rand der Rennbahn und schauen sich das Rennprogramm an
Martin (25) und sein Vater Rainer Willemsen (64) sind Wettliebhaber: Sie sind seit Jahren beim Galopp-Derby dabei, die ganze Woche lang. Foto: Laura Bieler

„Seit 1980 bin ich jedes Jahr hier. Ich hab jetzt schon fast 40-jähriges Jubiläum“, sagt Rainer Willemsen. „Ich wette grundsätzlich nur einmal im Jahr, da nehme ich mir dann sogar Urlaub.“ Der Wetteinsatz kommt aufs Rennen an. „Am Ende geht man oft mit einem leichten Minus nach Hause, aber das ist, wie wenn man mal ins Theater oder ins Kino geht. In einem Jahr hab ich sogar 1.300 Deutsche Mark mit einem Einsatz von zehn Deutschen Mark beim Derby-Sonntag gewonnen“, erzählt Rainer Willemsen.

Sein Hobby teilt er mit seinem Sohn. „Ich komme von klein auf immer mit meinem Papa mit“, sagt Martin Willemsen. „Ich bin früher zwar mal geritten, Pferde sind aber nicht gerade meine große Leidenschaft. Wir sind einfach wegen der Atmosphäre und wegen des Wettens hier.“

200 Meter von Rainer und Martin Willemsen entfernt, sitzt ein Pärchen mit dem Rücken zu den Pferden und genießt die Abendsonne. Sie ist „krankgeschrieben“, er hat Urlaub. Die beiden wohnen in einer Parallelstraße der Rennbahnstraße und kommen seit Jahren her. „Wir wetten auch mal, aber nur aus Spaß und mit kleinen Einsätzen“, erzählt er. Trotzdem habe er schon 130 Euro mit einem Einsatz von zehn Euro bei einer Siegwette gewinnen können. Wegen der Vollblüter sind die beiden aber nicht hier: „Pferde mögen wir eigentlich gar nicht so gern. Wir sind eher Hundefreunde.“

Schicke Kopfbedeckungen wie in Ascot

Ausgefallene Hüte gibt’s nur am Derby-Wochenende zu sehen? Oder gar nur in Ascot? Stimmt nicht. Auch am profanen Mittwoch legen manche Besucher*innen der Horner Rennbahn viel Wert auf ihr Erscheinungsbild. Während andere die Pferderennen bei einem kühlen Bierchen in der Sonne genießen, sitzen sie gut gekleidet in der VIP-Loge auf der Tribüne und werden vom Catering bedient. Viele von ihnen sind wegen des „Sparkasse Holstein Cups“ da.

Zwei Damen mit Fascinatoren und ein junges Mädchen in der Mitte mit Strohhut
Die Landtagsvizepräsidentin von Schleswig-Holstein, Annabell Krämer (rechts, FDP), mit Tochter Emma und Freundin Heinke Herbst (links). Foto: Laura Bieler

Auch Schleswig-Holsteins Landtagsvizepräsidentin Annabell Krämer (FDP)  besucht seit 20 Jahren gemeinsam mit Freund*innen die Horner Rennbahn. „Wir kommen jeden Renntag hierher und machen uns immer schick, nicht nur am Derby-Wochenende“, sagt Krämer. Ihre Tochter Emma war schon im Babybauch mit dabei.

Hutwettbewerb
Traditionell findet jedes Jahr am Derby-Sonntag ein Hutwettbewerb auf der Horner Rennbahn statt. Ob Mann, Frau oder Kind – jeder mit einer Kopfbedeckung darf teilnehmen. Wer siegt, dem winken Preise wie Designertaschen, maßgeschneiderte Einzelteile oder Schmuck.

Heute durfte die Elfjährige auch wetten. Ihre Mama hat allerdings den Wettschein für zwei Euro bezahlt, denn Minderjährigen ist das Wetten untersagt. Beim dritten Rennen, der Young Turf Day Trophy, hat Emma eine Platzwette platziert. Und ein glückliches Händchen gehabt: Der Vollbluthengst Anarchy ist als zweites Pferd über die Ziellinie galoppiert.

Unten im Tribünengebäude ist es dunkel. Nur wenige Leuchtröhren tauchen die Halle in gelb-grünes Licht. Hier und da hängen kleine Fernseher an den Wänden und zeigen Wettquoten und Bilder von der Rennbahn. So manch einer, der hier herumhängt, geht kaum für ein Rennen raus. Hier geht es nur um das kleine Stück Papier und das Kreuzchen an der richtigen Stelle.

Hardcore-Wettfans bleiben im Dunkeln

Älterer Mann mit Rucksack steht vor einem kleinen Bildschirm, der die Wettquoten und ein Pferd im Führung zeigt
Unten im Tribünengebäude sind Hardcore-Wettfans anzutreffen. Der Trubel draußen ist ihnen egal. Foto: Laura Bieler

Ganz hinten im Raum: eine Gruppe älterer Herren, die gebangt auf die kleinen Fernseher sehen. „Die meisten setzen nur kleine Beträge zum Spaß. Manche nehmen es hier aber sehr ernst und wollen mit Pferdewetten ihr Geld verdienen“, sagt eine Kassiererin. „Da werden schon mal vierstellige Beträge gesetzt, auch unter der Woche.“

250.934,09 Euro Wettumsatz und 5.900 Besucher*innen – ein zufriedenstellender dritter Renntag für die Veranstalter*innen des diesjährigen Deutschen Derbys. Und auch der Renn-Mittwoch ist in diesem Jahr wieder sehr beliebt, nicht zuletzt wegen des kostenfreien Eintritts. Viele der Besucher*innen kommen nur für das letzte Rennen des Tages: das Seejagdrennen. Die Strecke: spektakulär. Nach einem Drittel der 3.600 Meter durchqueren die Pferde mit ihren Jockeys einen kleinen See im Innenraum der Bahn und müssen einige Meter schwimmen. Sportlich ist das Rennen zwar keine große Herausforderung, aber es sorgt für Nervenkitzel.

Drei Pferde laufen aus dem kleinen See im Innenraum der Horner Rennbahn, eins von ihnen ist reiterlos
Das diesjährige Seejagdrennen auf der Horner Rennbahn endete tragisch. Das reiterlose Pferd starb wenige Momente nach diesem Foto. Foto: Laura Bieler

Doch dieses Jahr endet genau dieses populäre Rennen tragisch. Der zehnjährige Wallach Captain von Trappe lief zu schnell in den See, warf seinen Jockey ab und lief reiterlos noch circa 400 Meter weiter. Dann sprang das Tier über eine Bahnbegrenzung und stürzte in einen Graben. Dabei brach sich das Pferd offenbar das Genick, es starb. Eugen Andreas Wahler, Chef des Hamburger Renn-Clubs, zufolge soll aufgearbeitet werden, wie es zu diesem Unglück kommen konnte.

Tierschützer kritisieren Pferderennen und Wetten

Die Rennpferde im Zieleinlauf
Das Deutsche Derby auf der Horner Rennbahn ist laut Tierschützern Tierquälerei. Foto: Laura Bieler

Auch am letzten Tag der diesjährigen Derby-Woche erlag erneut ein Pferd seinen Verletzungen. Daraufhin demonstrierten Tierschützer*innen des Hamburger Tierschutzvereins vor dem Haupteingang gegen die Pferderennen. Sie fordern, die Rennen einzustellen.

„Ein Mahnmal für verstorbene Tiere auf dem Gelände der Rennbahn wäre das Mindeste“, sagt Sven Fraaß, Pressesprecher des Tierschutzvereins gegenüber FINK.HAMBURG. „Egal, wie fürsorglich die Besitzer angeblich mit den Tieren abseits der Rennbahn umgehen, während der Rennen werden sie versklavt. Schmerzen und Angst vor Peitschenhieben machen ihr oft so kurzes Leben aus.“

Strafanzeige wegen Tierquälerei geplant

Laut den Tierschützer*innen werden die Pferde als Sportgeräte missbraucht, Wettenden gehe es nur um Profit. Die Tierrechtsorganisation Peta will im Laufe dieser Woche sogar Strafanzeige wegen Tierquälerei bei der Staatsanwaltschaft Hamburg gegen den Hamburger Renn-Club und einige Jockeys stellen. Anlass für die Anzeige sei der Tod zweier Pferde während der diesjährigen Derby-Woche.

Der Umgang mit Pferden auf den Rennbahnen sei „ein erheblicher und vermeidbarer klarer Verstoß gegen das Tierschutzrecht“, begründet Jana Hoger, Fachreferentin bei Peta, die Strafanzeige gegenüber FINK.HAMBURG. „Die Tiere erleiden bei den Rennen vermeidbare Schmerzen und Angst – ohne vernünftigen Grund. In diesem Jahr sind bereits acht Pferde auf deutschen Rennbahnen gestorben.“

Auf die Forderung eines Mahnmals reagiert der Hamburger Renn-Club mit einem Verweis auf die Stadt Hamburg, der das Rennbahngelände gehöre. Es sei nicht möglich, so etwas einfach aufzustellen, heißt es auf Nachfrage von FINK.HAMBURG. Die Sicherheit des Geländes für Tier und Mensch habe man im Blick. Man kontrolliere nun die Abwassergräben und analysiere, wie man dafür sorgen könne, dass so etwas nicht noch einmal passiert.

Titelfoto: Laura Bieler