Ob AKK oder Rezo – Hauptsache Ibiza: 2019 gab es viele besondere Ereignisse in den Medien. Vor allem politisch ging es zu Sache. Die FINK.HAMBURG-Redaktion blickt zurück und stellt ihre fünf Höhepunkte vor. 

Was für ein Jahr: 2019 haben wir die FINK.HAMBURG-Redaktion übernommen und dabei viel über journalistisches Handwerk im digitalen Zeitalter gelernt. Wir haben aber auch viel über Journalismus und die Medienwelt außerhalb unseres Newsrooms diskutiert. Und da war einiges los, von der Ibiza-Affäre über das Rezo-Video bis hin zu Greta Thunberg. Das waren unsere wichtigsten Medienthemen in 2019:

Die Ibiza-Affäre

Ich denke, fast jede*r hat so eine Evergreen-Playlist auf Spotify, die spät nach Mitternacht angeschmissen wird. Auf meiner sind Hitmaschinen wie Natasha Bedingfield, Nena, Falco. Und die Vengaboys. Oft wurde ich für meinen Guilty Pleasure „We‘re Going To Ibiza“ belächelt. So benötigte es scheinbar erst einen österreichischen Staatsskandal, um den Song wieder aus der Versenkung zu holen. Aber auch abgesehen von meinem Faible für das Lied war der Ibiza-Skandal für mich das Medienthema des Jahres 2019.

Dass ein österreichischer Vizekanzler, Heinz-Christian Strache, und ein Nationalratsabgeordneter, Johann Gudenus, dermaßen offen dafür sind, einen Rechtsstaat zu untergraben, hätte ich selbst diesen Unsaubermännern nicht zugetraut. Bis dahin dachte ich, solche Leute heißen Vito Corleone oder Frank Underwood. War ja bloß ’ne „b’soffene G’schicht“, wie der mittlerweile zurückgetretene und aus der FPÖ ausgeschlossene Ex-Politiker später in lässiger Strachigkeit zu verstehen gab. Puh, gerade noch mal gutgegangen.

Aber die Affäre hat auch etwas Gutes gezeigt: Missstände unaufgeregt aufzudecken, das ist guter Journalismus. Was für eine Kraft eine Berichterstattung haben kann, hat die Veröffentlichung des Ibiza-Videos durch die „Süddeutsche Zeitung“ und „Der Spiegel“ gezeigt.

Der Umgang der Medien mit der SPD 2019

Mein persönliches Low-Light der Medienereignisse in diesem Jahr kochte schon seit dem Rücktritt von Andrea Nahles als SPD-Vorsitzende hoch und Ende November dann über: Es geht um den Umgang der Medien mit der Wahl des neuen SPD-Führungsduos.

Zunächst glaubte offenbar niemand an einen Stichwahlsieg von Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans. Dieser Eindruck ist dem Urteil in der Berliner Blase von Hauptstadtjournalist*innen zu verdanken, die die öffentliche Debatte bestimmt haben. Diese sind zwar nah am Regierungsgeschehen und damit auch nah am SPD-Establishment dran, aber für basispolitische Tendenzen haben sie kein Gespür. Gepaart mit Selbstbestätigung in der Echokammer Twitter festigte sich die Meinung: Es kann nur Olaf Scholz werden.

Als das Unwahrscheinliche dann doch passierte, war der Tenor im politischen Berlin folgerichtig Entsetzen: Scherbengericht. Die SPD schafft sich ab. Adieu, Sozialdemokraten. Die SPD geht unter und mit ihr die Große Koalition. Knapp 15 Jahre, in denen es sich die Kommentatoren im Stillstand der GroKo gemütlich gemacht haben, sind in Gefahr.

Warum es Esken und Walter-Borjans werden konnten, geht im öffentlichen Diskurs unter, denn es ist wie immer: Das aus persönlichen Befindlichkeiten und Inszenierung genährte Gebrüll ist lauter als die Inhalte.

Das Rezo-Video

Mir bleibt als großes Ereignis in den Medien 2019 besonders die 55-minütige Abrechnung des Youtubers Rezo mit der CDU – und übrigens auch diversen anderen Parteien – im Gedächtnis. Vor allem aber die mediale Debatte, die das Video ausgelöst hat: Über den Umgang der Parteien mit der Kritik, über die Bedeutung von Youtuber*innen im gesellschaftlichen Diskurs, über Meinungsfreiheit. Zahlreiche Medien veröffentlichten Faktenchecks, sogar einen Faktencheck von einem dieser Faktenchecks habe ich gelesen.

Rezo hat mit seinem Video einen Nerv getroffen. Plötzlich wussten Menschen 50+, wer der Mittzwanziger mit den blauen Haaren ist. Sogar mit meiner Oma habe ich über das Video diskutiert. Und die CDU? Die kündigte zwar ein Reaktions-Video mit Philipp Amthor an, veröffentlichte aber schließlich doch nur eine elfseitige Stellungnahme. Schade.

Medien-Ikone Greta Thunberg

Egal, ob sie mit einem Segelboot den Atlantik überquert, eine emotionale Rede beim UN-Klimagipfel hält oder in einem Zug der Deutschen Bahn auf dem Boden sitzt – kaum einer ihrer Schritte bleibt von den Medien unbeachtet und unkommentiert.

Im August 2018 erschien der Name Greta Thunberg das erste Mal in einer deutschsprachigen Zeitung – eine Woche nach ihrem ersten Schulstreik für das Klima. Ende 2019 ist sie in Deutschland die meist gegoogelte Person des Jahres und hat auf Twitter mehr als drei Millionen Follower. Die junge Klimaaktivistin wurde in rasantem Tempo zu einem Teil der Weltpolitik und fällt dabei gleich mehrfach aus der Rolle: Sie ist weiblich, minderjährig, hat das Asperger-Syndrom und hält ihre Emotionen nicht zurück. Auf Twitter, Facebook und in den Parlamenten dieser Welt wird sie dafür gleichermaßen verehrt und gehasst.

Ich könnte gar nicht sagen, was der mediale Greta-Moment des letzten Jahres war. Sie war einfach immer überall. Das ist ein Segen für die Klimabewegung rund um Fridays For Future. Aber wie mag es sich für sie anfühlen?

Als Greta Thunberg im September vor dem Repräsentantenhaus der Vereinigten Staaten sprach, erinnerte sie einfach an eine 16-Jährige Schülerin, und nicht an eine Medien-Ikone: „Ich träume davon, dass mächtige Menschen – genau wie die Medien – diese Krise wie den existenziellen Notfall behandeln, der er ist. So dass ich nach Hause gehen kann zu meiner Schwester Beata und meinen Hund. Weil ich sie vermisse.“

AKK: Geisterfahrerin in der Politik

2019 war für mich das Jahr der AKK. Annegret Kramp-Karrenbauers Ämter als CDU-Bundesvorsitzende und als Verteidigungsministerin haben immer wieder für Aufsehen gesorgt und uns medial durch 2019 begleitet.

Im Dezember 2018 beginnt alles: Annegret Kramp-Karrenbauer übernimmt den Vorsitz der CDU. Bereits im März sorgt sie mit ihrem unmöglichen Karnevalswitz über Intersexuelle für Empörung. Im Mai kommt dann der Höhepunkt ihrer Fettnäpfchen-Karriere: Als sie mit ihrem unbeholfenen Kommentar zum Rezo-Video eine Debatte über Meinungsfreiheit lostritt, die besonders in der Medienwelt diskutiert wird. Ihre Stellungnahme auf Twitter befeuert diese Diskussion, anstatt sie zu verbessern:

Es folgt ein Fehltritt auf internationaler Ebene. Nach ihrem Amtsantritt als Verteidigungsministerin im Juli, verärgert sie im Oktober unter anderem Außenminister Heiko Maas. Diesen hatte sie über ihre außenpolitische Forderung nach einer Sicherheitszone in Syrien nicht vorab informiert. Insgesamt glänzt AKK 2019 vor allem durch Inkompetenz und fehlendes Feingefühl. Ein Gutes hat das Ganze: Nach zehn Jahren wird Annegret Kramp-Karrenbauer 2020 wahrscheinlich nicht als „Putzfrau Gretl“ auftreten.

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