Der Hamburger Klimaplan ist vielversprechend. Jedoch widersprüchlich und ignoriert große Potentiale. Hier muss Hamburg Verantwortung übernehmen. Ein Kommentar von Nikolas Baumgartner.

Die Stadt Hamburg wächst. Knapp 1,8 Millionen Menschen sind wir mittlerweile. Wir wohnen in beheizten Wohnungen, gehen online mit Fernsehern, Computern und Smartphones, jede*r Zweite hat sein*ihr eigenes Auto und die Passagierzahlen im Flugverkehr und bei Kreuzfahrten nehmen stetig zu. Die Hamburger*innen gönnen sich. Und das trotz prognostizierter Horrorszenarien, wie den Anstieg der Meeresspiegel.

Sämtliche deutsche Nordsee-Küstengebiete sind von den möglichen Überflutungen betroffen. Um das zu verhindern, werden kilometerweit Deiche erhöht. Das sind kostspielige politische Maßnahmen, die notwendig sind, denn Europa verfehlt seine Klimaziele für 2020 deutlich. In der restlichen Welt sieht es teilweise noch schlimmer aus und vorhergesagte Folgen, wie heftige Regenfälle, extreme Hitzewellen und das Abtauen der Pole, nehmen kontinuierlich zu.

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Ausdehnung des Meereises im arktischen Sommer seit 1980
Im Durchschnitt nimmt die Eisfläche am Nordpol um fast 90.000 Quadratkilometer jährlich ab. 1980 war die Sommer-Eisfläche noch mehr als doppelt so groß wie heute. Quelle: br.de

Die Entwicklungen des Klimawandels sind sichtbar. Fachleute, Forschung und Wissenschaft sind sich einig. Zweifel können mit Fakten widerlegt werden. Fakten könnten politische Wahlen entscheiden. Eine Demokratie lebt schließlich von aufgeklärten Wähler*innen.

Der Hamburger Klimaplan für die Zukunft

Wir produzieren zu viel CO2. Hamburg macht 0,02 Prozent der Weltbevölkerung aus. Und trotzdem verursachen wir 0,04 Prozent des weltweiten CO2-Ausstoßes. Die Höhe der Zahlen mag lächerlich klingen, aber verdeutlicht, wie weit wir von unserem Beitrag für eine klimaneutrale Welt entfernt sind.

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CO2-Emissionen nehmen von der Energienutzung in Hamburg ab. Seit 2014 jedoch in der Produktion von CO2 durch die Inbetriebnahme des Kohlekraftwerk Moorburg zu.
Je nach Betrachtungsweise: Verbrauch (Verursacherbilanz) oder Produktion (Quellenbilanz) von Energie, entwickelt Hamburg gegenläufige Trends. Quelle: Behörde für Umwelt und Energie (BUE)

Seit 2014 werden in Hamburg durch die Inbetriebnahme des Steinkohlekraftwerks Moorburg (Titelbild) sogar noch deutlich mehr CO2-Emissionen in die Atmosphäre geleitet. Mehrere hundert Tonnen Kohle verheizen die Kraftwerke Moorburg, Tiefstack und Wedel pro Stunde. Kontinuierlich abnehmend, aber noch für mindestens fünf Jahre.

Bis 2030 schreibt das Klimapaket der Bundesregierung den schrittweisen Kohleausstieg vor. Diesen Sommer zog der Hamburger Senat das Ende der Kohle für Hamburg zeitlich vor. In Wedel soll bis 2025 und in Tiefstack bis 2030 Schluss mit der Verheizung der treibhausgasreichen Kohle sein.

Eine der Maßnahme des Hamburger Klimaplans ist es, auf Alternativen für die Energieversorgung der Digitalisierten umzustellen. Die Ideen sind vielversprechend. Dazu gehören die Einbindung und der Ausbau von Wind- und Solarenergie, Unternehmen sollen ihren eigenen Strom produzieren und bisher ungenutzte Abwärme verwerten. Überflüssiger Strom soll ins Netz eingespeist oder in Methan und Wasserstoff gespeichert und weiter in Gas-und Dampfturbinen-Anlagen verwertet werden.

Noch ist es zu früh, hier von einem Erfolgsprojekt zu sprechen. Erstmal wird das „Schaufenster-Projekt“ bis Ende nächsten Jahres erprobt. Wenn es sich bewährt, soll es zur Blaupause für andere deutsche und europäische Regionen werden. Der Beginn der Baumaßnahmen ist ab Herbst 2021 geplant.

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Modellkarte von Leitungen, Wärmekraftwerken und sonstigen Energieerzeugern
Geplante Komponenten der Hamburger Wärme- und Energieerzeugung Quelle: energiepark-hafen.hamburg

Wachstum und Wald

Hamburgs Wirtschaft wächst, viermal so stark wie der deutsche Durchschnitt. Der Senat möchte mit Blick auf das Wachstum kräftig investieren. Die Hamburg Port Authority (HPA) prognostiziert „konsequent steigende Wertschöpfung auf effizient genutzten Flächen“. Eine dieser vom Hafen „genutzten Flächen“ soll der Vollhöfner Wald (Titelbild) werden. Der 45 Hektar große, natürliche Wald ist mittlerweile die größte zusammenhängende Waldfläche der Süderelbmarsch.

Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher unterstützt das Vorhaben der HPA. Komisch, dass derselbe Erste Bürgermeister hinter einem Klimaplan steht, der den Baumbestand in allen Bezirken der Stadt erhalten möchte und aufforsten will. Gesunde Wälder sind wichtig für die Kompensation von Treibhausgasen. Kein Wald entsteht so schnell, wie er gefällt werden kann.

In allen Bezirken Hamburgs aufzuforsten, ist auch deshalb so wichtig, weil wir saubere Luft in Deutschlands Stauhauptstadt brauchen. Viele Maßnahmen des Hamburger Klimaplans versuchen auch dieses Problem anzugehen: Ausbau, Modernisierung und Taktverdichtung im Nahverkehr, autofreie Zonen und Velorouten, um Radfahren attraktiver zu gestalten.

Schadstoff-Riesen im Wasser und der Luft

Längst überfällig sind auch Klima-Maßnahmen für den Hamburger Hafen. Große Containerschiffe und Kreuzfahrtschiffe sollen zukünftig verpflichtend mit Landstrom versorgt werden, damit deren riesige Motoren nicht schmutziges Schweröl verbrennen müssen, während sie im Hafen liegen. Ein Anfang, dem Maßnahmen in der Logistikkette folgen müssen.

Der Senat spricht zwar von einer künftigen Verpflichtung, Landstrom zu nutzen, jedoch findet man kein Wort darüber im Klimaplan. Auch die Finanzierung ist bisher ungeklärt. Freiwillig werden die Reedereien nicht auf den billigeren Treibstoff verzichten. Und Tschentscher spricht gleichzeitig davon, dass der Wettbewerbsnachteil für Reedereien verringert werden müsse. Auch das klingt reichlich widersprüchlich.

Beim Flugverkehr versagt der Klimaplan hingegen völlig. Es findet sich diesbezüglich keine Maßnahme, nur der Verweis auf die Unzuständigkeit und den Forschungsbedarf. Begrüßt wird das Vorhabens des Hamburg Airports, die Flugabfertigung bis 2022 klimaneutral zu gestalten.

Bei der emissionsarmen Mobilität an Land setzt man auf „attraktive Alternativen zur Pkw-Nutzung“. Das ist zu kurz gedacht und sehr wage formuliert. Sicher, Elektrofahrzeuge und Carsharing werden in den nächsten Jahren weiter zunehmen, aber machen trotzdem nur einen Bruchteil im Straßenverkehr aus. Eine Verkehrswende geht nur zu Lasten des Autos.

Bei der Verkehrswende sei noch Luft nach oben, gibt auch der Hamburger Umweltminister Jens Kerstan (Die Grünen) zu. In diesem Punkt reiche der Klimaplan noch nicht aus und müsse überarbeitet werden. In wessen Zuständigkeitsbereich das fallen wird, entscheidet die Bürgerschaftswahl im Februar 2020.

Hoffnung des Klimaplans

Was bei der Diskussion oft zu wenig Gewicht erhält, ist die Tatsache, dass wir uns glücklich schätzen können, in Hamburg zu leben, während andere Teile der Welt durch die Auswirkungen der Klimakatastrophe bereits nicht mehr oder kaum bewohnbar sind. Es ist fünf vor zwölf. Und auch wenn der Hamburger Klimaplan noch erweitert werden muss, ist es der beste, den unsere Landesregierung im Moment hat.

Titelbild: Nikolas Baumgartner/pixabay

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