Sharing is Caring: Getreu diesem Motto tauschen an der HAW Bergedorf Studierende Lebensmittel über einen Fair-Teiler untereinander aus. Doch der Tauschschrank ist meist leer und das Konzept umstritten. Finn Ehlerding erklärt im Interview mit FINK.HAMBURG, warum.

Fair-Teiler sind Orte, zu denen Menschen Lebensmittel bringen und kostenlos von dort mitnehmen dürfen. Sie bestehen meist aus einem Kühlschrank und einem Regal oder Schrank, manchmal auch nur aus einem von beiden. In Hamburg gibt es 14 Fair-Teiler.

Obst, Gemüse, Backwaren: All diese Dinge tauschen Studierende der HAW Hamburg am Standort Bergedorf untereinander aus – in der Theorie. Inspiriert von dem Konzept der Internetplattform Foodsharing, steht seit Dezember 2018 ein Fair-Teiler auf dem Campus. Das Ziel: Lebensmittelverschwendung eindämmen. Doch die Tauschschränke sind meist leer. Grund dafür sind die strengen Vorschriften des deutschen Rechtsstaates.

Aktuell dürfen ausschließlich bei Foodsharing eingetragene Personen Lebensmittel in den Fair-Teiler Bergdorf legen. Diese sogenannten Foodsaver*innen holen Essen direkt von Unternehmen wie Supermärkten, Restaurants oder Bäckereien ab, mit denen Foodsharing eine Kooperation hat. Lebensmittel aus Privathaushalten dürfen nicht geteilt werden.

Um Foodsaver*in zu werden, muss ein Online-Test absolviert und an drei Probeabholungen mit erfahrenen Foodsaver*innen teilgenommen werden.

In verschiedenen Projektgruppen wollen Studierende der HAW Bergedorf nun ein Konzept entwickeln, um dies zu ändern und einen Fair-Teiler auch an anderen Standorten der HAW Hamburg zu etablieren. Masterstudent Finn Ehlerding ist einer von ihnen. Er ist Vorstand des Vereins Fair-Teiler Bergedorf e.V. und Ideengeber des Projektes. FINK.HAMBURG hat ihn zum Interview getroffen.

Wieso ist dir das Thema Lebensmittelverschwendung so wichtig?

Ehlerding: Lebensmittel sind eine Lebensgrundlage. Es wird viel zu viel für die Tonne produziert und die meisten Lebensmittel, die weggeschmissen werden, sind noch genießbar. Deswegen finde ich es unfassbar wichtig, dass diese noch genutzt werden. Unseren Verein müsste es eigentlich nicht geben, wenn die Menschen verantwortungsvoll mit ihren Lebensmitteln umgehen würden. Foodsharing und das gesamte Prinzip des Lebensmittelrettens ist im Endeffekt nur ein Symptom unserer Wegwerfgesellschaft.

Wie bist du auf die Idee für den Fair-Teiler gekommen?

Ehlerding: Vor ungefähr sieben Semestern ging es los, da war ich im dritten Semester des Bachelorstudiengangs Ökotrophologie. Ich habe mitbekommen, dass Kommilitonen aus dem Ingenieursstudiengang angefangen haben, bei Foodsharing Lebensmittel zu retten und diese hier am Standort zu verteilen. Wir wollten das dann ein bisschen größer aufziehen und für alle Leute zugänglich machen.

„Foodsharing ist nur ein Symptom unserer Wegwerfgesellschaft“

Ein Kühlschrank und ein Schrank, beide verschlossen.
Der Fair-Teiler in Hamburg-Bergedorf. Foto: Nina Maurer

Wir funktioniert der Fair-Teiler in Bergedorf?

Ehlerding: Wir betreuen den Fair-Teiler als eingetragener Verein, der vor etwa 1,5 Jahren hier an der Hochschule gegründet wurde. Die Lebensmittel beziehen wir zurzeit ausschließlich über die Plattform Foodsharing.de, das heißt wir haben unter den etwa 65 Mitgliedern des Vereins auch Studis, die sich gleichzeitig bei Foodsharing engagieren und dort Lebensmittel retten. Diese legen sie dann in unseren Fair-Teiler. Abholen darf jeder, der sich einen Schlüssel ausgeliehen und somit unseren Leitsätzen zugestimmt hat.

Warum ist der Verein verantwortlich für den Fair-Teiler und nicht die Hochschule selbst?

Ehlerding: Wir haben den Verein gegründet, da die HAW keine Haftung für Lebensmittel, die über den Fair-Teiler in Umlauf gebracht werden, übernehmen möchte. Wenn zum Beispiel jemand aufgrund der geteilten Lebensmittel krank wird, könnte diese Person mich als Vereinsvorstand oder den Verein dafür anzeigen. Die Gründung des Vereins war die einzige Möglichkeit, damit der Fair-Teiler an der Hochschule überhaupt starten konnte.

Wie geht ihr mit dem Risiko um, dass eine Person erkranken könnte?

Ehlerding: Wir kümmern uns innerhalb des Vereins darum, dass der Fair-Teiler regelmäßig gereinigt wird. Einmal im Monat werden die Schränke komplett desinfiziert und es gibt eine zusätzliche wöchentliche Reinigung. Außerdem schließen wir bestimmte Lebensmittelgruppen aus. Fleischwaren, Fisch und Eier werden zum Beispiel nicht geteilt, da diese leicht verderblich sind und ein Verderb mit unseren sensorischen Fähigkeiten nicht einwandfrei zu prüfen ist. Wir konzentrieren uns hauptsächlich auf Obst, Gemüse und Backwaren, sowie auf lang haltbare, verpackte Lebensmittel.

Warum ist der Fair-Teiler aktuell leer?

Ehlerding: Das hat mehrere Gründe. Zum einen, weil wir wenig Foodsaver sind, gemessen an der Anzahl Personen, die Lebensmittel entnehmen. Bei uns im Team bestücken sieben Personen den Fair-Teiler. Wenn wir Lebensmittel in den Fair-Teiler legen, ist der Schrank innerhalb von einer Stunde leer.

Der zweite Grund ist, dass wir nur über Foodsharing gerettete Lebensmittel einstellen können. Private Lebensmittel einzustellen ist momentan nicht möglich. Da aber ein Großteil des Lebensmittelabfalls Zuhause anfällt, möchten wir Möglichkeiten schaffen, sicher Lebensmittel von Zuhause im Fair-Teiler zu teilen. Außerdem wollen wir die Gruppe erweitern, die Lebensmittel einstellen kann. Jedes Mitglied unseres Vereins soll die Erlaubnis dafür haben, nicht nur bei Foodsharing eingetragene Personen. Wir arbeiten aktuell an einer Lösung, aber wissen noch nicht, wann es diese geben wird.

Finn Ehlerding vor dem leeren Fair-Teiler. Foto: Nina Maurer
Finn Ehlerding vor dem leeren Fair-Teiler. Foto: Nina Maurer

Warum ist es so schwierig, Lösungen zu finden?

Ehlerding: Das hat rechtliche Gründe. Es gibt keinen Grundsatzbeschluss, der besagt, ob wir Lebensmittelunternehmer sind oder nicht. Wir stellen mit dem Fair-Teiler Lebensmittel zur Verfügung und allein dadurch könnte die Lebensmittelüberwachung, also die Behörde, bereits denken, dass sie uns jetzt auch kontrollieren kann. Das wäre an sich kein Problem, wir glauben, dass wir alles richtig machen, aber es könnten noch mehr Anforderungen auf uns zukommen, die wir uns erstens finanziell nicht leisten können und zweitens auch von der Manpower oder Womanpower nicht abdecken können.

Was für Anforderungen wären das?

Ehlerding: Es kann zum Beispiel sein, dass uns auferlegt wird, ein komplettes Hygienesystem zu führen. Das hat viel mit Dokumentation zu tun und da spielt auch Rückverfolgbarkeit eine Rolle. Wir hätten dann das Problem, dass aus verschiedenen Gründen nicht alle kooperierenden Unternehmen angeben möchten, dass sie dort teilnehmen. Deswegen können wir oftmals nicht sagen, bei welchem Unternehmen die Lebensmittel gerettet wurden. Das schränkt dann natürlich die Rückverfolgbarkeit ein und die wird vom Gesetzgeber verlangt.

„WIR WÜNSCHEN UNS GEWISSHEIT, DAMIT WIR NICHT IMMER MIT DEM HALBEN BEIN IM GEFÄNGNIS STEHEN“

Wie könnte deiner Meinung nach eine Lösung aussehen?

Ehlerding: Man könnte zum Beispiel Schulungen für die Mitglieder unseres Vereins einführen, in denen wichtige Fragen geklärt werden. Was bedeutet Mindesthaltbarkeitsdatum, warum schließen wir bestimmte Lebensmittelgruppen aus und wie erkenne ich ob ein Lebensmittel noch genießbar ist? Da könnte ich mir auch eine sensorische Schulung vorstellen, in der das Lebensmittel angeschaut wird, daran gerochen und es vielleicht auch verkostet wird. Und es müsste eine Reinigungsschulung geben. Vielleicht müssten diese Schulungen dann auch im Rahmen eines Tests oder eines Gesprächs im Anschluss abgefragt werden.

Im Vordergrund ein Türschild, auf dem Kopierraum steht. Im Hintergrund der Fair-Teiler.
Der Fair-Teiler steht in einem Kopierraum an der Fakultät Life Sciences. Foto: Nina Maurer

Könnte so eine Schulung nicht eine große Hemmschwelle für viele Personen sein, Mitglied bei euch zu werden?

Ehlerding: Ja, das könnte sein. Wir möchten aber, dass sich die Personen intensiv mit dem Thema Lebensmittelverschwendung beschäftigen und dass sie die Inhalte nicht nur mitnehmen, um sich im Anschluss eine Gurke oder ein Brot aus dem Fair-Teiler nehmen zu können. Vielmehr wünschen wir uns, dass sie ihr gewonnenes Wissen im Alltag anwenden und eventuell auch als Multiplikator dienen und die Informationen auch mit ihrer Familie und ihrem Freundeskreis teilen.

Was sind die nächsten Schritte Eures Vereins?

Ehlerding: Wir werden uns jetzt mit der Lebensmittelüberwachung beschäftigen. Wir befinden uns anscheinend in einer rechtlichen Grauzone und würden uns Gewissheit wünschen, damit wir nicht immer mit dem halben Bein im Gefängnis stehen. Wir streben eine Kooperation mit der Behörde für Lebensmittelüberwachung an, in der wir zeigen können, dass wir hier professionelles Equipment und das Know-How haben und dann gemeinsam mit der Behörde ein Konzept entwickeln, das allgemein gültig angewendet werden kann.

Titelfoto: Nina Maurer

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Reiterhof, Tech-Konzern, Streetfood-Märkte – Nina Maurer , Jahrgang 1994, treibt die Neugier. Als Kind fand sie ihr Glück auf dem Rücken der Pferde. Reitlehrerin wurde sie aber nicht: Nach einem Freiwilligen Sozialen Jahr in einer Schule für Kinder mit Behinderung studierte sie Ökotrophologie in Hamburg. Ihre Begeisterung für Essen und Kommunikation vereinte sie als Werkstudentin und Volontärin in einer PR-Agentur. Für Food-Marken durchforstete sie sämtliche Blogs Deutschlands. Seit 2018 arbeitet sie in der Unternehmenskommunikation des Tech-Konzerns NXP. Wenn sich Nina nicht gerade mit künstlicher Intelligenz beschäftigt, stöbert sie in der Hamburger Gastro-Szene nach rohem Fisch und Kurzkornreis. Auch zu Hause experimentiert sie gerne: ob Sushi, Curry oder Kürbissuppe – Hauptsache viel Ingwer. Kürzel: nim