Ganz Deutschland diskutiert über die Legalisierung des Containerns. Doch was ist eigentlich Containern? Worum geht es in der aktuellen Debatte? Und welche Probleme, Chancen und Lösungsansätze existieren? Ein Überblick.

Wie ist der aktuelle Stand?

Laut Schätzungen der Naturschutzorganisation WWF werden in Deutschland pro Jahr 18 Millionen Tonnen Lebensmittel in den Müll geworfen. Das entspricht etwa einem Drittel der jährlich produzierten Lebensmittelmenge für die Bundesrepublik. Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) schätzt die Zahl auf elf Millionen Tonnen.

Was ist containern?

Containern wird auch Mülltauchen genannt. Dabei handelt es sich um die Mitnahme weggeworfener Lebensmittel. Meist holen sich Menschen, die containern gehen, die weggeworfenen Lebensmittel der Supermärkte aus den Abfallcontainern.

In Lebensmittelketten fallen täglich große Mengen Abfall an. Der Grund in den meisten Fällen: ein abgelaufenes Mindesthaltbarkeitsdatum oder Druckstellen auf Obst und Gemüse. Doch die Lebensmittel sind oft noch genießbar.

Deshalb gehen viele Menschen in Deutschland containern. Doch das ist eine Straftat. Erst Anfang des Jahres wurden zwei Studentinnen in Bayern wegen Diebstahls verurteilt, da sie aus den Mülltonnen eines Supermarktes Salat und Gemüse mitnahmen.

Das soll sich laut Hamburgs Justizsenator Till Steffen (Die Grünen) nun ändern. Er setzt sich für die Legalisierung des Containerns ein. Doch sein entsprechender Antrag auf der Konferenz der Justizminister*innen in der vergangenen Woche scheiterte. Das Containern bleibt verboten – vorerst. Denn nun möchte Steffen das Containern zumindest in Hamburg entkriminalisieren. Hierfür hoffe er auf Unterstützung der Staatsanwaltschaft, sagte er dem Bayerischen Rundfunk.

Vor Kurzem erlaubte das Bremer Kaufhaus Lestra das Containern. Mit Hinweisschildern auf ihren Abfallbehältern weisen sie darauf hin, welche Lebensmittel ohne Bedenken weiterverwertet werden können.

Lebensmittelverschwendung in Deutschland in Zahlen
Erstellt von Nina Maurer mit Piktochart / Zur Übersicht wird hier das generische Maskulin verwendet / Quelle: WWF

Wie ist die aktuelle Rechtslage?

Laut Gesetz gilt das Containern aktuell als Diebstahl. Der Grund: Lebensmittel sind so lange Eigentum des Supermarktes, bis sie von einem Entsorgungsdienst abgeholt werden.

In einigen Fällen gilt Containern zusätzlich als Hausfriedensbruch. Denn viele Supermärkte sichern ihre Abfallbehälter mit Zäunen und Gittern vor Eindringlingen. Aus Unternehmenssicht ist dieser Schritt verständlich: Sollte ein Konsument erkranken, könnten die Lebensmittelketten dafür belangt werden.

Warum gehen Menschen containern?

Manchen Menschen in Deutschland fehlt vermutlich das Geld, um genügend Lebensmittel im Supermarkt zu kaufen und sie wollen nicht als Bedürftige zu einer Tafel gehen. Viele gehen aber auch aus Überzeugung gegen die Lebensmittelverschwendung containern. Ein paar wenige sammeln Essen wohl auch aus Abfallcontainern, weil es aktuell im Trend liegt.

FINK.HAMBURG hat mit Max Sager (Name von der Redaktion geändert) über das Containern gesprochen. Sager geht seit zehn Jahren containern. Anfangs wollte er nur wissen, ob es tatsächlich wahr sei, dass Supermärkte zahlreiche Lebensmittel wegwerfen, die noch genießbar sind, erzählt er. Was er vorfand, schockierte ihn: „Manchmal finde ich 20 bis 30 Kilogramm Fleisch- oder Wurstwaren in nur einer Tonne!“

„Auf einer Tour finde ich Essen für eine ganze Woche.“

Heute will Sager durch das Containern einen Beitrag gegen Lebensmittelverschwendung leisten. „Auf der anderen Seite der Erde arbeiten Menschen hart, es sterben massenweise Tiere und Ressourcen werden verbraucht“, sagt er. „Und dann landen die produzierten Lebensmittel einfach in der Tonne. Lebensmittel, die wir zu Hause niemals wegschmeißen würden.“ Auf einer Tour finde er in den Containern Essen für eine ganze Woche. „Oftmals muss ich Lebensmittel zurücklassen, weil meine Taschen einfach voll sind.“

Ist es gefährlich, Lebensmittel aus dem Müll zu verzehren?

Katharina Riehn ist Professorin an der HAW
Katharina Riehn ist Professorin für Lebensmittel-Mikrobiologie und -toxikologie an der HAW. Foto: Katharina Riehn

Es sei nicht auszuschließen, dass sich auch gesundheitsgefährdende Produkte im Müll befinden, meint Katharina Riehn, Professorin für Lebensmittelmikrobiologie und -toxikologie an der HAW Hamburg. Mit FINK.HAMBURG hat sie über die gesundheitlichen Auswirkungen des Containerns gesprochen. „Prinzipiell ist es natürlich zu begrüßen, dass der hohe Anteil weggeworfener Lebensmittel reduziert werden soll.“ Von außen seien erheblich wertgeminderte oder sogar gesundheitsgefährdende Produkte für Verbraucher*innen allerdings nur schwer zu erkennen.

„Grundsätzlich sollte man leicht verderbliche und damit kühlpflichtige Produkte, also insbesondere Fleisch, Fisch, Meeresfrüchte, frische Milch, Eier und Erzeugnisse daraus sowie Backwaren mit nicht durchgebackener Füllung meiden“, sagt sie. Alle anderen Lebensmittel sollten vor dem Verzehr unbedingt gründlich auf Schimmelbildung geprüft und möglichst durcherhitzt werden.

Was halten Menschen, die containern gehen, von der Absicht des Justizsenators?

„Ich bin super froh, wenn die Politiker in unserem Land uns unsere Supermarktcontainer aufschließen“, sagt Moritz Al-Hashimy. Er ist in den letzten fünf Jahren etwa acht Mal in Hamburg containern gegangen. Meistens sammelt er in der Schanze, Altona, Eimsbüttel und dem Karoviertel. „Endlich beginnen die Menschen einzusehen, dass Humanität uns näher sein sollte als Kapitalismus. Lebensmittel sollen Menschen satt machen!“

Max Sager glaubt nicht an eine Legalisierung des Containerns. „Ich weiß, dass viele Supermarktketten kein Interesse daran haben, die Lebensmittelverschwendung zu stoppen oder öffentlich werden zu lassen, wie viele genießbare Lebensmittel sie wegwerfen.“ Sollte das Containern legalisiert werden, würden es viele Menschen austesten, sagt er. „Für die Supermärkte bedeutet das, zumindest in ihrer Vorstellung, Geldverlust.“

„Ich habe jedes Mal Angst!“

Trotzdessen hofft Sager auf den Erfolg des Justizsenators und ein entsprechendes Gesetz. „Es würde mich sehr beruhigen, wenn das Containern nicht mehr strafbar wäre. Einfach weil ich jedes Mal Angst habe und mich dann nicht mehr sorgen müsste.“

Was sagen Verbraucher*innen zur möglichen Legalisierung?

FINK.HAMBURG war auf Hamburgs Straßen unterwegs und hat Verbraucher*innen nach ihrer Einschätzung zu einer Legalisierung des Containerns befragt.

Wie sieht die gesetzliche Regelung in anderen Ländern aus?

Im Zusammenhang mit dem Thema Containern wird oft die gesetzliche Regelung in Frankreich als Vorbild herangezogen. Dort müssen Supermärkte ab einer bestimmten Größe ihre unverkauften, aber noch genießbaren Lebensmittel an Tafeln und soziale Einrichtungen abgeben. Auch in Tschechien sind Supermärkte verpflichtet ihre Lebensmittel an Wohltätigkeitsorganisationen zu spenden.

Doch diese Gesetze funktionieren nur in der Theorie, wie Sager von einem Freund, der in Frankreich containern geht, erfahren hat. „Manche Supermärkte übergießen die Lebensmittel in der Tonne einfach mit Waschmittel, um das Gesetz zu umgehen.“

„Was in Frankreich per Gesetz geregelt wurde, ist in Deutschland längst Gang und gäbe“

Laut Mathias Paul, Sprecher des BMEL, hinkt der Vergleich mit Frankreich: „In Frankreich liegt die Zahl geretteter Lebensmittel bei 46.200 Tonnen. In Deutschland retten allein die Tafeln pro Jahr über 260.000 Tonnen Lebensmittel aus Supermärkten.“

Grundsätzlich sei es dem BMEL zufolge wichtig, mehr Menschen über das Thema aufzuklären und der Lebensmittelverschwendung entgegenzuwirken. Viele Menschen wissen nicht, dass Lebensmittel teilweise auch nach Ablauf des Haltbarkeitsdatums noch verzehrt werden können. „Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist kein Verfallsdatum“, sagt Paul. Das BMEL will die Lebensmittelverschwendung bis zum Jahr 2030 halbieren.

Ein Apfel mit wenigen Druckstellen liegt im Mülleimer.
Obst und Gemüse wird oft in Müll geworfen, wenn sie nur wenige Druckstellen haben. Illustration: Sarah J. Ejim

Nicht nur aus gesundheitlichen Gründen steht das Ministerium einem Anti-Wegwerfgesetz kritisch gegenüber. Bei diesem müsste neben der Lebensmittelsicherheit auch berücksichtigt werden, wer die Lebensmittel aus Supermärkten abholt. „Den Tafeln ist nicht damit gedient, wenn sie unabhängig ihres Bedarfs große Mengen an Lebensmitteln erhalten, die sie nicht verteilen können“, sagt der Sprecher des BMEL.

Was wird in Deutschland bereits gegen Lebensmittelverschwendung getan?

Mit der Initiative „Zu gut für die Tonne!“ gibt das BMEL Tipps, wie sich verschiedene Lebensmittel am besten frisch halten und wie Lebensmittelverschwendung in Privathaushalten vermieden werden kann. Die vom Ministerium entwickelte „Beste Reste“-App schlägt Verbraucher*innen Rezeptideen zu Lebensmitteln vor, die sie noch zu Hause haben. Auch andere Apps existieren.

Auf Nachfrage von FINK.HAMBURG sagten die Rewe-Group, Aldi Nord und Lidl aus, dass sie seit mehreren Jahren ihre übrigen Lebensmittel in der Regel an gemeinnützige Organisationen und die Tafel spenden. Mats Regenbogen, Erster Vorsitzender der Hamburger Tafel, bestätigt dies gegenüber FINK.HAMBURG. Bei den Lebensmitteln handele es sich meist um leicht beschädigtes Obst und Gemüse sowie um Produkte, deren Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen sei und die daher nicht mehr verkauft werden dürfen.

Seit Februar 2019 werden die Molkereiprodukte der Penny-Eigenmarke mit einem Hinweis versehen, dass diese womöglich nach Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums noch verzehrt werden können. Aldi Nord und Lidl kennzeichnen ihre Produkte rechtzeitig vor Ablauf der Haltbarkeit und bieten diese reduziert an. Auch das noch verzehrbare Brot vom Vortag verkauft Aldi Nord zu einem reduzierten Preis. Die verdorbenen und zu sehr beschädigten Lebensmittel verwertet Lidl zum Teil weiter: Aus ihnen wird Bio-Methan hergestellt.

Titelillustration: Sarah J. Ejim

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Reiterhof, Tech-Konzern, Streetfood-Märkte – Nina Maurer , Jahrgang 1994, treibt die Neugier. Als Kind fand sie ihr Glück auf dem Rücken der Pferde. Reitlehrerin wurde sie aber nicht: Nach einem Freiwilligen Sozialen Jahr in einer Schule für Kinder mit Behinderung studierte sie Ökotrophologie in Hamburg. Ihre Begeisterung für Essen und Kommunikation vereinte sie als Werkstudentin und Volontärin in einer PR-Agentur. Für Food-Marken durchforstete sie sämtliche Blogs Deutschlands. Seit 2018 arbeitet sie in der Unternehmenskommunikation des Tech-Konzerns NXP. Wenn sich Nina nicht gerade mit künstlicher Intelligenz beschäftigt, stöbert sie in der Hamburger Gastro-Szene nach rohem Fisch und Kurzkornreis. Auch zu Hause experimentiert sie gerne: ob Sushi, Curry oder Kürbissuppe – Hauptsache viel Ingwer. Kürzel: nim
Lisa Sophie Kropp, Jahrgang 1994, braucht zum Feierabend kein Bier, sondern ein Stück Käse. Für ihren Bachelor in Inklusiver Pädagogik pendelte sie drei Jahre lang von Hamburg nach Bremen und kann seitdem in jeder Bahn schlafen. Nach dem Studium lernte sie in Australien Wein herzustellen, schlürfte Pho in Vietnam und ergriff auch in Thailand Pad Thai für gutes Essen. Zurück in Hamburg stieg sie konsequenterweise als freie Mitarbeiterin des Magazins „Food and Travel“ ins Berufsleben ein. Für das „Hamburger Abendblatt“ schrieb sie über die besten Grillplätze und das Kulturprogramm Harburgs. Neben den Deichtorhallen und dem Deutschen Schauspielhaus findet man Lisa häufig im Abaton. Sie liebt deutsche Filme – aber nicht Matthias Schweighöfer. Der ist ihr zu cheesy. Kürzel: lis