Wenn Behzad Safari sich im filmRaum umblickt, dann denkt er an ein Wort mit K. Krise ist es jedoch nicht. Das Wort, an das der Kinobesitzer denkt, ist Kontinuität, denn die ist der Schlüssel zu seiner großen Mission: Filme zu Brücken werden zu lassen. 

Foto: Elena Bock

Würde man einen Regisseur beauftragen, den perfekten Charakter für die Besetzung eines Kinobetreibers zu casten, Behzad Safari wäre sich seiner Rolle sicher: Schwarze Sneaker, übereinandergeschlagene Beine in schwarzen Jeans, schwarzer Hoodie, darüber ein Filzmantel – natürlich schwarz. Wache Augen in einem müden Gesicht, umrahmt von einem Kranz graumelierter Haare.

Im Hintergrund fällt die Sonne auf uneben verklebte, mit Luftblasen gesprenkelte Filmplakate – die Tapete einer ganz persönlichen Leidenschaft. Zu jedem Poster kann Behzad eine Geschichte erzählen. Während die Wand im Rücken so von einer großen Portion Idealismus zeugt, erzählen die Akten, die sich anklagend auf der Tischplatte türmen, vom Gegenteil. Und Behzad sitzt mittendrin.

Schon vor Corona hatte es der Besitzer des Eimsbütteler Programmkinos mit Krisen zu tun. Immer hat sich eine Lösung aufgetan. 2015 stopfte eine Crowdfunding-Kampagne die Finanzlöcher. Im Pandemiejahr hält er sich mit Online- und Open-Air-Formaten über Wasser. Auf einen Plan B folgt der nächste. „Ich habe aufgehört, die Frage nach dem Danach zu stellen. Das was zählt ist die Situation, in der man gerade steckt. In jeder Krise geht es darum, das was ist zu begreifen und zu akzeptieren. Erst dann kann man umdenken, Dinge anders machen.“ Behzads Umgang mit schweren Zeiten folgt einer simplen Philosophie: Wenn man abwartet, dann wartet man für immer.

Mut zum Makel 

Der filmRaum in der Müggenkampstraße ist ein Ort mit Charakter – Behzads Charakter. Der Inhaber und sein Kino sind so verwoben, dass sie die gleiche Ausstrahlung besitzen: Offenheit, Wärme und etwas anderes, das sich erst nicht recht greifen lässt. Als Behzad versucht das Dichtungsgummi der Hintertür zu reparieren und es schließlich mit einem wohlwollenden „Tja“ einfach baumeln lässt, wird klar, welches der dritte, schwer greifbare Charakterzug ist: der Mut zum Makel.

Der filmRaum von Außen
Eingang zum fimRaum an der Müggenkampstraße. Foto: Elena Bock

Laut Behzad wird die Branche von einer Hochnäsigkeit beherrscht, auf die er im filmRaum bewusst verzichtet: „Wir begegnen dem Ganzen sehr schlicht“, sagt Behzad und nimmt die eckige Brille ab. Im Schoß lässt er sie von einer in die andere Hand wandern. „Unser einziger Anspruch ist es, Filme bestmöglich zu präsentieren.“ Mit Autoren- und Kurzfilmen jenseits des Mainstreams hat sich Behzad seine eigene cineastische Nische geschaffen. Das persönliche Vorwort, mit dem er jede Vorführung beginnt, ist längst selbst zum Kulturgut geworden.

Der Schlüssel: Kontinuität

Der filmRaum ist ein Spiegel dessen, was Behzad unter Film versteht. Immer fundiert, nie arrogant. „Behzads selbstverständliche und gleichzeitig exklusive Art gibt einem das Gefühl, am richtigen Ort zur richtigen Zeit zu sein“, so Kinobesucherin Dagmar Brudnitzki. Ahnung vom Metier, davon hat Behzad eine ganze Menge: Mit 23 Jahren emigrierte der Iraner nach Hamburg, nahm hier ein Filmstudium auf. Doch der Weg in die Branche war hart: Zu begrenzt das damalige Angebot, die fremde Kultur als erschwerender Faktor.

Es war dieser Moment, in dem Behzad das erste Mal von seinem Glauben an die Kontinuität profitierte. Projekt für Projekt begann er eigene Filme zu drehen. Als das Geld knapp wurde eröffnete Behzad ein Café, kurze Zeit später einen Filmverleih im Nachbarhaus. „Geplant war nichts davon. Das Leben hat mir Möglichkeiten zugespielt, ich habe sie angenommen.“ Angespornt von seiner Liebe zum Kunstwerk Film begann er Vorstellungen im Freundeskreis zu veranstalten, bot Filmemacher:innen eine Plattform. Der Verleih wurde zur Adresse für Wertschätzung, Diskurs und eine geteilte Leidenschaft. Das Publikum wuchs, die Idee blieb – und schenkte Behzads Kino schließlich seinen Namen: Ein Raum für Film.

Raum für Film

Ein Ort für die Massen ist der filmRaum bis heute nicht: Auf Polstersesseln und den obligatorisch roten Samtstühlen finden gerade einmal 40 Kinoliebhaber:innen Platz. Trotzdem kommt es vor, dass man auf dem Weg zur Kasse über das ein oder andere Paar ausgetreckter Beine stolpert. Mit Extraplätzen nimmt es Behzad nämlich nicht so genau. Sein Credo: Ein guter Film lässt sich, wenn es sein muss, sogar im Stehen genießen.

filmRaum von Innen
Der filmRaum verbindet Kino mit Wohnzimmer. Foto: filmRaum

Pflege, Politik oder Sport: Viele Hamburger:innen zeigen gesellschaftlichen Einsatz – und das auf ganz unterschiedliche Weise. FINK.HAMBURG erzählt die Geschichten von 25 Menschen – etwa einem Rikschafahrer, der Senior:innen kutschiert oder einem Pfarrer, der Predigten im Internet versteigert. Das ist alles andere als langweilig, Ehrensache.

„Alles im filmRaum ist ein Spagat zwischen Formalitäten und Leichtigkeit, zwischen Kunst und Finanzen.“ Obwohl er im nächsten Satz beteuert, noch nie aus rein finanziellen Gründen einen Film gezeigt zu haben, ist die Welt des Kinos auch für ihn zu 90 Prozent ein Geschäft: „Ohne ein Stück vom Kuchen geht man verloren.“ Um diesem Schicksal zu entgehen, verbindet Behzad jeden Tag Sprint mit Langstreckenlauf. Beim Wetteifern um Lizenzen ist Schnelligkeit und Durchsetzungsvermögen gefragt, die Administration verlangt nach Ausdauer. Braucht er eine Pause, streunt Behzad durch fremde Stadtteile. Wilhelmsburg, Ottensen – hier genießt er Anonymität, kommt auch mal zur Ruhe. Am Ende führen ihn seine Wege jedoch immer wieder nach Eimsbüttel. Zurück an den Ort, an dem er sein Glück mit anderen teilen kann.

Geteilt hat Behzad schon immer gern – auf einen altruistischen Unterton verzichtet er jedoch. Zu groß ist die individuelle Erfüllung, die seine Tätigkeit ihm beschert. „Das Geben gibt mir selbst sehr viel – vor allem menschlich. Das ist schon auch egoistisch“, sagt er. Filme sind für ihn kein rein künstlerisches, sondern vor allem ein höchst soziales Gut. „Ich betrachte den Film als integratives Phänomen, das in der Lage ist, gesellschaftliche Werte zu projizieren und Menschen zusammen zu bringen. Sie sind das ideale Medium, um Distanzen zu überbrücken.“ Ausladende Gestik unterstreicht seine Aussage, lässt die Brille in seinen Händen wie einen Dirigentenstab durch die Luft tanzen.

Raum für mehr

Einer Tatsache ist sich Behzad dabei immer bewusst: Das Erlebnis Kino ist ein Privileg. Es sind Faktoren wie Geld, Bildung oder schlicht ein übermächtiger Alltag, die vielen Menschen die Teilhabe verwehren. Es fehlt an Raum, den Behzad schafft: „Durch integrative Kulturprojekte erreichen wir soziale und ethnische Randgruppen, die aufgrund ihrer Lebensumstände kaum die Möglichkeit haben, einfach mal einen Film zu gucken. Wir nehmen sie mit, verschaffen ihnen das Gefühl, Teil dieser Gesellschaft zu sein.“

Filme sind das ideale Medium, um Distanzen zu überbrücken.

In seinem Engagement stützt er sich auf die Zusammenarbeit mit lokalen Institutionen: Gemeinsam mit der Geschichtswerkstatt Eimsbüttel leistet er Mehrgenerationenarbeit, sorgt dafür, dass auch die Ältesten am Kulturgeschehen des Stadtteils teilhaben. Zum Weltfrauentag realisierte er eine Veranstaltung mit der Hochschulgruppe von Amnesty International.

Auch in der Eimsbütteler Lenzsiedlung ist er aktiv: Das interkulturelle Wohnquartier hat sich durch vielseitiges Engagement über die Jahre in ein integratives Nachbarschaftsumfeld verwandelt. „Es ist sehr erfüllend Teil dieses Erfolgsprojekts zu sein. Für die Bewohner zeige ich zum Beispiel Filme in Farsi. Manche von ihnen packen auch beim Sommerkino mit an.“ Sein Open-Air-Kino im Eimsbütteler Stadtpark veranstaltet Behzad seit drei Jahren. Das Motto: Kino schafft Brücken, bringt zusammen.

Zusammenkommen – dieses Schlagwort fällt immer wieder, stets begleitet vom bitteren Beigeschmack der letzten Monate: „Die Pandemie stellt für mich einen Bruch da, sie ist wie ein Gift, das den filmRaum in seiner Philosophie gespalten hat.“ Nach diesem Satz schweift Behzads Blick ab. Für einen Moment ist er das Spiegelbild einer Branche, die ihre „Wir packen das!“-Mentalität verloren hat. Dann kehrt sein Lächeln zurück, natürlich.

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Elena Bock geht nie ohne Vorfreude auf ihr Müsli am nächsten Morgen schlafen. Über ihr Lieblingsfrühstück unterhielt sie sich auch schon mal zehn Minuten mit dem Musiker Harry Styles, als er einen Kaffee bei ihr bestellte. Geboren ist Elena 1995 in Karlsruhe. Für ihren Bachelor in Kommunikations- und Multimediamanagement verschlug es sie zunächst nach Düsseldorf. Dort hat sie neben dem Studium in einer Presseagentur gearbeitet und unter anderem ein Onlinemagazin für Immobilien, Kultur sowie Nachhaltigkeit betreut. In Hamburg entdeckte sie durch Praktika – beim Emotion Verlag und „Women‘s Health“ – das journalistische Arbeiten für sich. Wenn Elena mal eine Auszeit braucht, geht sie alleine ins Programmkino oder liest ein Buch. Ihre Lieblingsautorin war schon immer Cornelia Funke, auch die hat übrigens an der HAW studiert. Kürzel: ebo

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