Im herbstlichen Hamburg zeigen sie sich aktuell von ihrer buntesten Seite: Doch nicht nur optisch werten Hamburgs Straßenbäume das Stadtbild auf. Gerade im urbanen Raum sind Bäume von Bedeutung – und haben es durch veränderte Klimabedingungen zunehmend schwer. 

Illustrationen: Leonie Mirau

Linde, Eiche, Ahorn oder Kastanie – mit dem Ende des Grundschulalters schwindet bei Vielen auch das Wissen über heimische Baumarten. Dabei stehen Bäume nicht nur im ländlichen Raum, sie prägen selbst in Großstädten das Straßenbild. So auch in Hamburg: In der Hansestadt wachsen knapp 225.000 Straßenbäume. Die Vielfalt der Kronen ist dabei auf rund 300 verschiedenen Baumarten aus 81 Gattungen zurückzuführen.

Kleine Baumkunde

Der Bestand von Hamburgs Stadtbäumen unterteilt sich in knapp 225.000 Straßenbäume, die auf öffentlichen Straßenflurstücken wachsen, cirka 600.000 Parkbäume, die in städtischen Grünanlagen stehen und Bäume auf Privatgrundstücken (keine Datenerfassung).

Warum brauchen Städte überhaupt Straßenbäume?

Illustration Ahornblatt

Sie sind hübsch anzusehen. Stadtbäume erfüllen aber eine Reihe weiterer Aufgaben, die über die ästhetische Aufwertung hinausgehen. So absorbieren sie Schadstoffe aus der Luft und reduzieren den Feinstaub. Sie befeuchten die Luft, bieten Schutz vor Sonne und Wind und können zudem den Stadtlärm um bis zu 10 Dezibel dämpfen. Durch natürliche Kühleffekte übernehmen Straßenbäume klimatisch eine große Aufgabe. Als Lebensraum und Nahrungsgrundlage sorgen sie außerdem für Biodiversität im urbanen Raum.

Hamburg ist durch seine hohe Zahl an Baumgattungen in dieser Hinsicht sehr gut aufgestellt. Das bestätigt Björn Marzahn von der Behörde für Umwelt, Klima, Energie und Agrarwirtschaft (BUKEA): „Hamburgs Artenreichtum unterstützt die biologische Vielfalt bei Insekten, Vögeln oder Kleinsäugern und reduziert zudem Ausbreitung und Folgen von Krankheiten und Schädlingen. Nach der Bewertung der Baumarten bezüglich der Biodiversität verfügen die drei Hauptbaumgattungen der Hamburger Straßenbäume – Linde, Eiche, Ahorn – über ein gutes bis sehr gutes Potenzial. Sie stellen knapp 60 Prozent des Straßenbaumbestandes.“

Stadtbäume haben es schwer

Damit ein Baum seinen wichtigen Aufgaben nachkommen kann, müssen seine Grundbedürfnisse erfüllt sein: Licht, Luft, Wasser und eine Menge Platz. Es liegt somit auf der Hand, dass Bäume von Natur aus nicht für den Straßenrand geschaffen sind. Sie können noch so beharrlich und standhaft wirken, Bäume sind in urbanen Umgebungen mit Extrembedingungen konfrontiert: Verletzungen durch Baustellen, mineralarme Böden, Flächenversiegelungen, der Einsatz von Streusalz.

Um den innerstädtischen Baumbestand zu erhalten, ist besondere Fürsorge gefragt. Illustration Buchenblatt In Hamburg gibt es dafür eine eigene Spezialeinheit. Mehr als zwanzig speziell ausgebildete Baumkontrolleur:innen gewährleisten – ganz in TÜV-Manier – in regelmäßigen Abständen die Verkehrssicherheit der Straßenbäume. Hinzu kommen Gesundheitschecks und die Entwicklung von Abwehrstrategien gegen Baumkrankheiten. Doch die größte Gefahr für Straßenbäume lauert nicht in der Stadt selbst.

Stressfaktor: Klimawandel

Baumsterben ist eines der großen Klimaschlagwörter unserer Zeit. Neben ausgedünnten Waldflächen hinterlässt der Klimawandel auch innerstädtisch seine Zeichen. Durch Hitze- und Trockenperioden, Starkregen und Unwetter tragen Straßenbäume schon jetzt deutliche Schäden davon. Hierzu zählen limitiertes Wachstum, frühzeitige Fällungen und einer verkürzte Lebensdauer (siehe Monitoring Programm „Stadtbäume im Klimawandel (SiK): Monitoring und Anpassung“). Eine Faktenlage, die Fragen aufwirft: Gehen Hamburg die Bäume verloren?

Nicht, wenn es nach der BUKEA geht: „Bei unseren knapp 225.000 Illustration Lindenblatt Straßenbäumen sind wir aktiv dabei, den Baumbestand auf den Klimawandel einzustellen. Hier experimentieren wir schon sehr und tauschen uns auch intensiv mit der Wissenschaft und anderen Städten aus“, so Björn Marzahn. Ihm zufolge stellen gerade Bestandsbäume mit großem Kronenvolumen leistungsstarke Klimaanlagen für die urbane Hitzevorsorge dar. Auch bieten sie eine Vielzahl von wertvollen Strukturen, wie zum Beispiel Brutplätze oder Höhlungen für Tiere, Pflanzen und Pilze, die jungen Bäumen noch fehlen. „Jeder große, über 80 Jahre alte Baum ist eine Kostbarkeit, die unbedingt erhalten werden müsste“, stimmt Harald Vieth von der Baumschutzgruppe des NABU-Hamburg zu.

Mit der Baumschutzverordnung ist die Bewahrung des Baumbestands in Hamburg sogar gesetzlich verankert: „Die Hamburger Baumschutzverordnung verbietet Fällungen von Bäumen, die in 1,30 Meter Höhe einen Stammdurchmesser von 25 Zentimeter haben. Aber die Behörde erteilt nicht selten Ausnahmegenehmigung für Investoren“, kritisiert Vieth. So kommt es jährlich zu Hunderten von Fällungen. Oktober bis Februar ist Baumfällsaison, daher sind die Fällungen gerade wieder in vollem Gange.

Neupflanzungen: Die Suche nach dem Zukunftsbaum

Einfach nachpflanzen? Eine komplizierte Angelegenheit: „Straßenräume stellen Extremstandorte für Bäume dar, die bei Neupflanzungen eine standortgerechte Baumartenwahl erfordern. Für Neu- und Nachpflanzungen wurde bereits vor Jahren ein Qualitätsstandard festgelegt“, sagt Björn Marzahn. Grundsätzlich werden die Auswahlkriterien dabei von der umliegenden Leitbaumart bestimmt. Auch Baumeigenschaften wie Stadtklimatauglichkeit oder Sturmfestigkeit, ökologische Eigenschaften wie Streusalztoleranz oder Hitzebeständigkeit und die Wertigkeit im Hinblick auf Blütenbildung oder Illustration Eichenblatt Biodiversität bestimmen die Auswahl. Zusätzlich muss klimatischen Veränderungen Rechnung getragen werden: „Es werden sich Baumarten durchsetzen, die mit den zu erwartenden Klimabedingungen besser umgehen können“, sagt der Experte von der BUKEA. „Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen auf, dass auch nicht heimische Straßenbaumarten ökologisch bedeutsam sein können.“ Wachsen etwa bald (echte) Palmen in Hamburg?

Der NABU bewertet die behördlichen Nachpflanzungen kritisch: „Der sogenannte „Ausgleich“ ist eine Augenwischerei, selbst dann, wenn die Bäume 1:1 ersetzt würden“, so Harald Vieth. „Fachleute schätzen die Lebenserwartung jetzt neugepflanzter Straßenbäume nicht höher als 50/60 Jahre.“ Auch die Ansiedlung nicht-heimischer Arten stuft der NABU als bedenklich ein: „Versuche, Bäume aus südlichen Regionen oder gar chinesische Baumarten zu pflanzen, sind problematisch. Unklar ist etwa, wie einheimische Tierarten auf diese Bäume reagieren werden. Der wesentliche Aspekt der Artenvielfalt wird von den meisten Baumschulen und zum Teil von den Behörden gar nicht oder nicht ausreichend beachtet.“

Was wächst eigentlich in meiner Straße?

Neugier geweckt? Mit dem Straßenbaumkataster hat die Stadt Hamburg ein einzigartiges Tool entwickelt, das detaillierte Informationen über Hamburgs Straßenbäume bereitstellt.Illustration Platanenblatt Auf der interaktiven Karte ist jeder Baum, der auf öffentlichem Flurstück steht mit einem individuellen Steckbrief versehen. Nicht nur für neugierige Anwohner:innen eine Bereicherung, sondern vor allem für die behördliche Baumpflege ist das digitale Tool eine große Erleichterung.

Einen Schritt weiter geht Berlin: Die Plattform „Gieß den Kiez“ zeigt nicht nur Alter und Baumart, sondern auch den Wasserbedarf der Straßenbäume an. Anwohner:innen können sich so eigenständig an der Bewässerung beteiligen, diese dokumentieren und ihren Baum sogar „abonnieren“. Digital koordinierte Arterhaltung!

Ob Hamburg oder Berlin: Deutschlandweit kämpfen die Städte um ihre Straßenbäume – und bieten dem Klimawandel mit der Unterstützung von Wissenschaft und innovativen Ansätzen die Stirn.

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