0151 65683368 lautet sie – es ist die Nummer des Kältebus. In den kalten Monaten fahren Ehrenamtliche in einem roten Bus durch Hamburg und versorgen Obdachlose mit Essen, Schlafsäcken oder einem Platz in der Notunterkunft. FINK. HAMBURG-Reporter Benedikt Scherm war dabei.

„Mirco mag nichts Süßes“, sagt Thomas während er die Plastiktüte mit dem Essenspaket nochmal aufknotet und einen Schokoriegel herauszieht. Knoten wieder zu, noch kurz einen Becher mit heißem Tee füllen und dann geht es los. Raus aus dem Bus, rein in die Kälte. Und rein ins Gebüsch. Hier an einer vierspurigen Straße, die Hamburg-Ottensen mit Altona verbindet, säumen ein paar kahle Sträucher den Gehweg. Mittendurch klettert Thomas nun, nach einigen Schritten ist er auf einem ausgetretenen Trampelpfad. Noch kurz unter ein paar Ästen wegducken und schon ist er da, bei Mirco.

Flankiert von einer graffitibesprühten Wand und einem Metallzaun ist ein kleines Zelt aufgebaut. Nur wenig Licht dringt noch von der Straße hier rein, sodass Thomas seine Taschenlampe anschaltet. „Mirco? Bist du da Mirco?“, ruft er. Erst leise, dann immer lauter. Im Zelt rührt sich nichts. Nochmal rufen. Wieder keine Reaktion. Vorsichtig hebt Thomas die Plane des Zeltes an. Eingemummelt in einen Schlafsack zeichnen sich die Umrisse einer Person ab. „Mirco?“. Keine Reaktion. Kein Atemzug, der verrät, ob hier jemand nur schläft oder womöglich Schlimmeres passiert ist.

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Kältebus Hamburg
Schläft da jemand nur tief oder ist womöglich schlimmeres passiert? Foto: Benedikt Scherm

26 tote Obdachlose

Auszuschließen ist das nicht. Leider. 26 Menschen sind in diesem Jahr bereits auf Hamburgs Straßen gestorben, zwölf mehr als im Jahr 2020. Erst vor kurzem hat es Claudio erwischt, erzählt Thomas: „Sie haben ihn aus dem Bahnhof Sternschanze rausgejagt und dann ist der bei der Kälte hinter einem Container verstorben.“ Der 44-Jährige war im Stadtteil bekannt, „er war der Michael Jackson von der Schanze“, sagt Thomas.

Damit so etwas so gut es geht verhindert wird, ist Thomas heute zusammen mit seiner Kollegin Cara im Kältebus unterwegs. Seit Herbst 2020 fährt der Rentner im Kältebus mit, meist einmal die Woche, manchmal sogar öfter. Die 23-jährige Cara ist heute erst das zweite mal mit an Bord.

Der Bus fährt unter der Trägerschaft des „CaFee mit Herz“ aus St. Pauli jeden Tag von November bis März durch Hamburg. Unter einer Handynummer sind die beiden in den Abendstunden erreichbar und kümmern sich flexibel, wenn Bürger:innen einen Menschen in Not entdeckt haben. Kommt einmal kein Anruf rein, fahren die Ehrenamtlichen bereits bekannte Übernachtungsplätze, die „Platten“, ab und sehen nach dem Rechten.

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Kältebus hamburg
Täglich von 19 bis 24 Uhr unterwegs - die Helfer:innen des Kältebus. Foto: Marieke Weller.

So wie bei Mirco. Der ist inzwischen zum Glück aus seinem Schlaf erwacht und blinzelt die beiden Ehrenamtlichen mit müden Augen an. „Du hast mir einen ganz schönen Schrecken eingejagt, ich hab mir schon Sorgen um dich gemacht. Alles gut bei dir?“, sagt Thomas mit breitem hanseatischem Einschlag. „Alles gut. Hab nur gepennt“, grummelt es aus dem Zelt. „Wir haben dir was zu essen und einen Tee mitgebracht.“ – „Danke“.

Tee, Socken, Isomatte

Danke. Das Wort fällt an einem Abend im Kältebus unzählige Male, ehrlich ist die Dankbarkeit, die Cara und Thomas entgegengebracht wird. Mal ist es nur ein warmer Tee, mal ein Paar warme Socken oder eine Isomatte. Und manchmal auch das komplette Programm. Gerade als die beiden wieder aus dem Gebüsch auftauchen, ruft eine Mitarbeiterin der Bahnhofsmission an. Sie hätten da einen Rollstuhlfahrer, dem es nicht gut gehe. Ob sie die Möglichkeit hätten, ihn mitzunehmen? „Klar. In 15 Minuten sind wir da!“.

Angekommen an den Containern, in denen die Bahnhofsmission im Moment renovierungsbedingt untergebracht ist, zeigt sich, wie flexibel der rote Bus ist. In wenigen Minuten ist eine Rampe an der Hintertür installiert und der Mann im Rollstuhl kann hoch geschoben und fixiert werden. Ob die rote Nase vom Alkohol oder von der Kälte kommt, lässt sich nicht eindeutig sagen, jedoch ist klar, dass der ältere Herr die heutige Nacht nicht auf der Straße verbringen sollte. Also auf zur Notunterkunft in der Friesenstraße im Stadtteil Hammerbrook.

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Die Mitarbeiter:innen der Bahnhofsmission und des Kältebus arbeiten Hand in Hand. Foto: Benedikt Scherm

Trotz Notunterkünften auf der Straße

Rund 400 Schlafplätze stellt die Stadt Hamburg dort kostenlos zur Verfügung, damit ist es die größte Übernachtungsstätte des Winternotprogramms. Insgesamt gibt es rund 1030 Übernachtungsplätze für die gut 2000 Hamburger Obdachlosen. Trotz der winterlichen Temperaturen ziehen es viele Obdachlose vor, auf der Straße zu übernachten. Spricht man mit ihnen, sagen viele, sie hätten Angst vor Gewalt oder Kriminalität in den Unterkünften.

Auf der Fahrt in die Friesenstraße lässt das starke Händezittern des Mannes nach, er kann den Becher Tee ruhig halten und stellt sich mit Vor- und Nachnamen vor. Aus Frankfurt komme er eigentlich, dort sei es nachts nicht so kalt, sagt er lachend und sein hessischer Dialekt unterstreicht Ersteres deutlich. Warum es ihn nach Hamburg verschlagen hat, geht dann unter, denn der Bus kommt an der Friesenstraße an.

Ein Rollstuhlfahrer sitzt im Kältebus.
Angekommen an der Friesenstraße. Foto: Benedikt Scherm.

Ein gutes Dutzend Männer steht vor der Tür, einige mit Spirituosen in der Hand, mittendrin Security-Mitarbeiter. Cara und Thomas wissen: Gleich wird es stressig. Denn der rote Bus ist hier bekannt und in dem Industriegebiet ist an diesem kalten Novemberabend sonst wirklich nichts los. Während sie die Sicherungsmechanismen am Rollstuhl lösen, kommen schon die ersten Fragen nach Essen oder Schlafsäcken. „Was braucht ihr denn Schlafsäcke, ihr habt doch hier einen Schlafplatz. Und Essen gibt es hier doch auch“, sagt Thomas freundlich aber bestimmt. Endlich entdeckt er einen Mitarbeiter der Notunterkunft im Gewimmel und spricht ihn an. Der weiß bereits Bescheid, der Gast im Rollstuhl wurde telefonisch angekündigt. Also schnell den Kollegen mit den wichtigsten Details versorgen und dann zurück in den Bus.

Wo ist die Hilfe wirklich nötig?

Die nächste Anruferin klingelt schon über die Freisprecheinrichtung, ein Mann liege in ihrem Hauseingang und reagiere nicht auf ihre Ansprache. Also wieder nach Ottensen. Auf der Fahrt sprechen Cara und Thomas über die Situation eben vor der Notunterkunft und wie schwierig es ist, herauszufinden, wo ihre Hilfe wirklich nötig sei.

Angekommen in Ottensen finden sie einen Mann um die 40, der zusammengekauert vor einer Haustür sitzt, nicht weit vom Alma-Wartenberg-Platz entfernt, wo reger Betrieb in den Restaurants und Bars herrscht. Er trägt nur einen Schuh, der andere liegt vor ihm auf dem Boden, Socken hat der Mann keine. An einem Bein hat er eine nur schlecht verheilte Wunde. Ob er in eine Notunterkunft möchte, fragt Cara. Der Mann antwortet ein paar Brocken deutsch.

Später im Bus wird er erzählen, dass er aus Polen kommt, so wie rund 15% der Obdachlosen auf Hamburgs Straßen. Gut zwei Drittel waren laut einer Studie aus dem Jahr 2018 nicht aus Deutschland, doppelt so viele wie noch 2008. Spitzenreiter: Polen, Rumänien, Bulgarien.

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Eine Käsestulle, etwas Obst, eine Flasche Wasser und eine Süßigkeit - die Essenspakete sind begehrt. Foto: Marieke Weller.

Cara und Thomas haben Mühe, den Mann beim Weg zum Bus zu stützen, er ist etwa 1,90 groß und kräftig, aufgrund seiner Beinverletzung kann er nur schlecht auftreten. Nur zu dritt – mit Hilfe des Reporters – gelingt es ihm, die Stufe in den Bus zu nehmen.

Obwohl es erst Caras zweite Fahrt mit dem Kältebus ist, macht ihr das Engagement Spaß. Als Gesundheits- und Krankenpflegerin ist es die 23-Jährige gewohnt, sich um Menschen zu kümmern. Im Sommer half sie deshalb ehrenamtlich beim Gesundheitsmobil mit, eine Einrichtung, die Obdachlose ohne Krankenversicherung mit ambulanten medizinischen Leistungen versorgt. Thomas arbeitete vor seinem Ruhestand in einer Pflegeversicherung und sagt über sich, dass er ein „Helfersyndrom“ habe. Einige der warmen Klamotten aus dem Kältebus sind Spenden aus seinem privaten Umfeld, manche Süßigkeiten hat er ebenfalls selber mitgebracht. Rund 70 Ehrenamtliche zählen zum Helfer:innenkreis des „CaFee mit Herz“, das im Februar die Trägerschaft des Kältebusses und des Gesundheitsmobils übernommen hat. Vorher war der Verein „Alimaus“ dafür zuständig.

„Ein bisschen Stadttour ist beim Kältebus auch immer dabei“

Noch während der Bus auf dem Weg in die Notunterkunft ist, klingelt die nächste Anruferin. Insgesamt sechs werden es an diesem Abend sein, dazu kommen die Besuche an den bekannten „Platten“. In den fünf Stunden, die der Bus an dem Abend unterwegs ist, geht es pausenlos durch Hamburg, „ein bisschen Stadttour ist beim Kältebus auch immer dabei“, sagt Thomas. St. Pauli, Ottensen, Altona, über die blinkende Reeperbahn nach St. Georg, Hammerbrook, Grindel und wieder zurück. 70 bis 80 Kilometer legt der Bus so an einem Abend zurück.

Als die beiden um kurz vor zwölf langsam den Feierabend ansteuern, kommt erneut ein Anruf. In den Colonnaden liege ein Mann ohne Decke oder ähnlichem Schutz, sagt eine junge Frau am Telefon. Sie habe sich nicht getraut, ihn anzusprechen, da sie alleine unterwegs sei.

Diese Adresse muss Thomas nicht ins Handy eingeben, die Prachtstraße in der Verlängerung des Jungfernstiegs findet der gebürtige Hamburger auch so. Menschenleer ist der Boulevard um diese Uhrzeit, die Schaufenster sorgen in Allianz mit der Weihnachtsmarktbeleuchtung für taghelles Licht.

Der Kältebus steht am Jungfernstieg.
Hamburgs zwei Gesichter – Obdachlosenhilfe am Jungfernstieg. Foto: Benedikt Scherm.

Und da, vor einem Sanitätshaus, liegt ein glatzköpfiger Mann und schläft auf einem Pappkarton. Von einer Mütze oder gar einer Decke ist nichts zu sehen. Als die beiden Ehrenamtlichen an ihn herantreten, wird er wach. Das Lunchpaket nimmt er gerne entgegen, doch in die Notunterkunft möchte er nicht mitfahren. „Da war ich schon mal, da haben sie mir alles geklaut und morgens wirst du wieder rausgeklingelt“, sagt er.

Cara und Thomas respektieren den Wunsch des Mannes und bieten ihm stattdessen eine Isomatte an. Doch aufstehen möchte er ebenfalls nicht. Cara deckt ihn mit einem Schlafsack zu und Thomas reicht ihm eine Mütze aus dem Bus. Bevor sie ein letztes Mal in den roten Bus steigen, stellen sie noch eine Packung Doppelkekse neben den Mann. Gegen die hat er sicher nichts einzuwenden.

Der Kältebus ist von November bis März jeden Tag von 19 bis 24 Uhr unter der Telefonnummer 0151 65683368 zu erreichen.