NFT ist ein Stichwort, das Menschen im Internet immer wieder begegnet: Mal als angeblich fälschungssichere Kunst, mal als prestigeträchtige Wertanlage, mal als streitbares Accessoire auf Twitter. Aber was sind Non-fungible Token eigentlich?

Schon mal was vom Meme „Nyan Cat“ gehört? Diese digitale Regenbogenkatze, die für 580.000 US-Dollar verkauft wurde? Das war der Moment, als NFTs in der allgemeinen Öffentlichkeit besonderes Aufsehen erregt haben. Und auch als Twitter besondere Icons für NFT-Besitzer:innen bekanntgab, lösten sie damit eine heftige Diskussion zwischen Befürworter:innen und Gegner:innen auf der Plattform aus. Aber was genau ist ein NFT? Und warum hat das etwas mit Kunst zu tun?

Was ist ein NFT?

Grundlegend ist ein Non-fungible token (kurz NFT) genau das, was der Name ausgeschrieben bedeutet: eine nicht austauschbare Wertmarke. Um zu verstehen, was genau das bedeutet, führt man sich am besten vor Augen, was das Gegenteil, also eine austauschbare Wertmarke, ist.

Austauschbare Wertmarken begegnen uns jeden Tag, beispielsweise in der Form von Geldstücken. Eine Eineuromünze ist genau einen Euro wert und man bekommt dafür Dinge im Wert von einem Euro. Dabei sind alle Eineuromünzen austauschbar und genau gleich viel wert.

Eine nicht austauschbare Wertmarke wäre in diesem Beispiel eine einzigartige Fehlprägung einer Eineuromünze. Diese existiert nur genau einmal und kann durch keine andere Münze ausgetauscht werden. Sie hat immer den Wert, den Sammler:innen bereit sind, dafür zu zahlen. Dieser Wert kann sich, je nach Nachfrage, verändern.

Infografik zum Thema NFTs: Eine Eineuromünze hat immer den Wert von einem Euro. Sie ist austauschbar. Eine Eineuromünze, die einen Fehldruck hat, hat nicht mehr den Wert von einem Euro, sondern den Wert, den Sammler:innen bereit sind, für den Fehldruck auszugeben. Sie ist einzigartig und nicht austauschbar.
Austauschbare Wertmarken und nicht-austauschbare Wertmarken. Infografik: FINK.HAMBURG | Marina Schünemann

Genauso verhalten sich NFTs zu Kryptowährungen, also digitalen Währungen, die man nicht am Geldautomaten in Form von Geldscheinen in die analoge Welt übersetzen kann.

So wie die Münzen in einer Fabrik geprägt werden, werden NFTs und Kryptowährungen auf der Blockchain gemined. Eine Einheit einer Kryptowährung – zum Beispiel ein Bitcoin – ist genau so viel wert, wie jeder andere Bitcoin und kann dadurch ersetzt werden. Ein NFT ist ein bestimmter Token, der genau das wert ist, was Sammler:innen bereit sind, für ihn zu zahlen.

Dafür, dass es überhaupt neue NFTs und Kryptowährungen geben kann, braucht es die sogenannten Miner. Sie überprüfen die Blockchain und tragen neue Inhalte auf der Blockchain ein. Mehr dazu hier.

So wie auf einer Fehlprägung alles abgebildet sein kann, kann auch ein NFT alles enthalten. In den Token ist ein Link sprichwörtlich eingeprägt und kann zu jeder Art Datei führen. Das kann ein Bild, ein Video oder ein Musikstück sein.

Das NFT fungiert dann als digitale Besitzurkunde. Es sagt aus: Wer diesen Token besitzt, ist Besitzer:in der Datei, auf welche der Link im Token zeigt. Was für Rechte man damit wirklich an dem dahinter liegenden Werk hat, hängt von dem NFT ab.

Diese Besitzurkunden gibt es nur auf der Blockchain. Das bringt einige Nachteile, wie Prof. Dr. Heike Neumann, Expertin auf dem Gebiet der Kryptograpie erklärt. Die Blockchain habe keinerlei Sicherheiten. Diebstahl, Betrug oder andere kriminelle Aktivitäten würden von niemandem überwacht oder verfolgt.

Wofür sind NFTs gut?

Einige Künstler:innen sehen in NFTs die Möglichkeit, ihre Kunst digital besser zu verkaufen. Während es bisher nicht möglich war, eine Version eines digitalen Bildes von einem anderen zu unterscheiden, können Künstler:innen jetzt mit einem NFT das Original ihrer Dateien festlegen.

Digitale Ausstellung des NFT Museum Hamburg
Digitale Ausstellung des NFT Museums Hamburg, Foto: Simon Uhl

Willkommen im NFT-Museum

In Hamburg gibt es für NFTs ein Museum – geführt und zu großen Teilen auch gefüllt von den Künstlern Roman Gilz und Ekkehart Opitz. Für die beiden ist die NFT-Verkaufsplattform Open Sea eine neue Möglichkeit, ihre Kunst zu verkaufen. Gilz erzählt: „Für mich als Fotograf war das immer schwierig. Meine Bilder können überall im Netz geklaut werden. Jeder kann sie sich einfach runterziehen.“ Um das in Zukunft zu verhindern, setzt er auf NFTs: “Wenn ich ein großes Werk hochlade, ist es durch die Kennung erkennbar, dass es meins ist. Damit haben wir endlich eine digitale Urheberschaft, die keiner anzweifeln kann“, so Gilz.

Für Künstler:innen hat der neue digitale Markt aber noch mehr Vorteile: „Es gibt jetzt auch die Möglichkeit, dass ich ein NFT kaufe und zu einem gewissen Datum wird daraus ein anderes Werk“, sagt Opitz. Wie man sich das vorstellen kann? Etwa verkaufte Warner Brothers auf der Plattform Nifty’s Bilder von Charakteren, welche zum Veröffentlichungsdatum des Films „The Matrix Resurrections“ ihr Aussehen veränderten. Grenzen hätten NFT-Kunstwerke nicht, so Opitz: „Alles geht.“

Sind NFTs immer Originale?

Ganz so einfach ist es jedoch nicht: Ein:e Künstler:in kann das Original des digitalen Werkes hochladen und zu einem NFT machen. Allerdings sind nicht alle angebotenen NFTs automatisch Originale. Um das zu verstehen, hilft ein bekanntes Dackel-Hund-Gleichnis: Jeder Dackel ist ein Hund, aber nicht jeder Hund ist ein Dackel. Übersetzt heißt das: Jedes Original kann ein NFT werden, aber nicht jedes NFT ist ein Original.

Jede Person kann jede Datei hochladen und Services nutzen, um damit ein NFT zu erstellen. Das führt zu zwei Problemen: Zum einen müssen die Uploader:innen nicht die Künstler:innen sein, welche das Werk erschaffen haben. Jede:r kann das tun und so jede Kopie eines digitalen Kunstwerks verkaufen. Das kommt so häufig vor, dass die Kunstplattform Deviantart einen Service hat, um Künstler:innen darüber zu informieren, wenn ihre Bilder zu NFTs gemacht wurden.

Damit haben mittlerweile neben Künstler:innen auch große Marken wie das Modelabel Hermès zu kämpfen. Das Unternehmen ist bekannt für seine Edel-Handtaschen – vor allem das Modell Birkin. Bilder dieser Handtasche bedeckt von Fell werden auf NFT-Plattformen zum Kauf angeboten. Allerdings nicht von Hermès, sondern der Künstlerin Mason Rothschild. Diese sogenannten Meta-Birkins sind nun Gegenstand einer Klage von Hermès gegen Rothschild.

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Das zweite Problem ist, dass der Token einen Link enthält, welcher auf eine Datei auf einem Server zeigt. Nicht das Werk selbst ist abgelegt. Da das Werk also nicht Teil der Blockchain ist, kann es verändert oder ausgetauscht werden, nachdem es als NFT verkauft wurde. Das wäre so, als ob man an einem Tag die „Mona Lisa“ in einem Bilderrahmen bestaunt und am nächsten Tag lächelt einem zum Beispiel Donald Duck entgegen.

Was ein NFT also wirklich am Ende aussagt, ist, dass die Besitzer:innen des Tokens Geld für eine Urkunde ausgegeben haben, welche auf eine Datei verweist und sagt, diese gehöre ihnen. Ob es sich dabei um ein Original handelt und ob in Zukunft der Link im Token weiter auf dieses Werk zeigen wird, kann einem das NFT nicht garantieren.

Warum würde jemand ein NFT kaufen?

Reiz des Besitzes

Die Gründe ein NFT zu kaufen, decken sich mit anderen Kunstkäufen. Erstens, um sagen zu können: „Ich besitze die ‚Mona Lisa’“. Zwar kann sich jede:r eine gute Replika des Werkes für wenige hundert Euro kaufen, niemand würde aber das Original und die Replika gleichsetzen. NFTs ermöglichen das für digitale Werke. Während jede:r, der/die möchte, „Nyancat“ einfach abspeichern kann, kann nur die Person, die das NFT gekauft hat, sagen: „Ich besitze Nyancat“.

Spekulation

NFTs ermöglichen, mit digitaler Kunst zu spekulieren. Bei klasssischen Kunstkäufen spekuliert man wahrscheinlich darauf, dass sie in Zukunft mehr Geld wert sind. Dasselbe kann man auch mit NFTs machen.

Geldwäsche und Steuervermeidung

Genau wie bei realer Kunst muss auch bei NFTs nicht unbedingt der Wert steigen, um Kauf und Verkauf lohnend zu machen. Denn Kunst ist bereits seit langer Zeit eine beliebte Methode, um Geld zu waschen und Steuern zu vermeiden. NFTs verstärken diesen Aspekt noch dadurch, dass die Plattformen, auf denen sie gehandelt werden und die Kryptowährungen, mit denen sie bezahlt werden, anonym sind. Damit befasst sich auch die amerikanische Steuerbehörde „IRS“.

Mitgliedschaft in Communitys

Einige NFTs ermöglichen es ihren Besitzer:innen, Mitglied in digitalen Communitys zu werden. Wer beispielsweise in den Bored Ape Yacht Club möchte, muss ein NFT aus der dazugehörigen Reihe besitzen. Sogar einige herkömmliche Social Clubs in New York sollen mit NFTs als Zugangsberechtigung arbeiten.

Sind NFTs umweltschädlich?

NFTs existieren auf einer Blockchain und für das Mining werden große Mengen Strom benötigt. Wie hoch die CO2-Belastung wirklich ist, kann man allerdings nur schätzen. Die Webseite Crypto Art hat den Stromverbrauch eines NFTs bei etwas weniger als dem Strombedarf einer durchschnittlichen Europäerin / eines durchschnittlichen Europäers in zwei Monaten verordnet. Mittlerweile ist die Webseite allerdings offline, da Künstler:innen, die ihre Arbeit als NFTs verkauft hatten, basierend darauf Hass und Beleidigungen im Netz ausgesetzt waren. Das teilt der Künstler hinter dem Projekt mittleweile auf der Webseite mit.
Andere Schätzungen wie die des Künstlers und Programmierers Kyle Mcdonald verorten eine Transaktion mit einem NFT auf Open Sea bei einem CO2-Aufkommen von rund 25 Kilogramm. Ein modernes Auto mit Benzinmotor erzeugt diese Menge Schadstoff in 204 Kilometern Fahrt.

Sind NFTs jetzt gut oder nicht?

Auf der einen Seite sind NFTs für einige Künstler:innen eine positive Neuheit. Digital ein Original verkaufen zu können, ist eine neue Einnahmequelle. Auch die Möglichkeit, überhaupt ein "Original" zu bestimmen, hilft vielen.

Auf der anderen Seite sind NFTs alles andere als umweltfreundlich und auch nicht sicher. Die dauerhafte Gefahr, die eigenen Bilder gegen den Willen als NFT wiederzufinden, erzeugt neue Arbeit für Künstler:innen. Außerdem müssen sie abwägen, ob sie die Einnahmen aus den NFTs wollen, wenn der Preis eine hohe Umweltbelastung ist. Auch Käufer:innen haben keinerlei Gewissheiten und müssen darauf vertrauen, wirklich ein Original zu kaufen und nicht über den Tisch gezogen zu werden.

Zusammengefasst: Die Idee, Künstler:innen die Möglichkeit eines digitalen Originals zu geben, hat Potenzial. NFTs als Lösung dafür hat viele, für einige zu viele, Nachteile.


Titelbild: Simon Uhl

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1997 bekam Google seinen Namen – so auch Simon Uhl. Eine weitere Gemeinsamkeit: die Informatik. Aber Google liebt Big Data, Simon setzt sich aktiv dagegen ein. Seine Bachelorarbeit schrieb der gebürtige Stuttgarter über Datenjournalismus und baute ein Google-Street-View für das Stuttgart im Jahr 1942. Die schwäbische Kehrwoche lässt der selbsternannte Chaosmensch lieber ausfallen. Er versichert, dass sein Chaos einer eigenen Ordnung folgt. Simon liebt internationale Filme und geht mehrmals in der Woche ins Kino – für Film- und Musikfestivals reist er überall hin. Seinen Namen konnte er auch schon einmal auf der Leinwand bewundern: Bei einer Fußball-Dokumentation, für die er Kamera und Schnitt gemacht sowie zahlreiche Interviews geführt hat. Sonst schreibt er für nischige Online-Magazine über In-Vitro-Fleisch, Start-ups oder Computer-Hardware. (Kürzel: uhl)