Kriminelle nutzen Kryptowährungen als anonymes Zahlungsmittel, El Salvador hat Bitcoin schon als offizielle Währung eingeführt,  und viele Menschen hoffen auf das schnelle Geld. Aber was genau ist das eigentlich, so eine Kryptowährung?

Mit Bitcoin reich werden. Das ist ein Traum, den heute viele hegen. Doch was sind Kryptowährungen eigentlich? Das erklärt Frau Prof. Dr. Heike Neumann, Expertin auf dem Gebiet der Kryptografie und Professorin für angewandte Mathematik und Software Engineering an der HAW Hamburg. Sie sieht Kryptowährungen sehr kritisch: „Ich würde keinen Cent in Bitcoin investieren. […] Das sind nur Spekulationsobjekte, die auch noch viel Strom verbrauchen. Das Letzte, was man in einer Klimakrise möchte.“

Um Dr. Neumanns Aussage besser einordnen zu können, schauen wir uns das Thema Kryptowährungen im folgenden ganz genau an.

Was ist eine Kryptowährung?

[Eine Kryptowährung] ist der Versuch, ein Zahlungssystem aufzusetzen, das ohne eine Zentralbank oder finanzielle Aufsicht klarkommt. Sie versucht, mithilfe eines Netzwerks im Internet eine Vertrauenswürdigkeit und Nicht-Fälschbarkeit des Geldes herzustellen. – Prof. Dr. Heike Neumann

Eine Kryptowährung ist also eine Alternative zum Euro, dem Dollar oder jeder anderen staatlichen Währung. Aber anstelle einer Bank, welche das Geld ihrer Kund:innen auf Konten verwaltet, wird der Besitz auf einer Blockchain festgehalten. Auf dieser ist für alle zu jeder Zeit einsehbar, wem wie viele digitale Münzen gehören. Dabei muss allerdings niemand einen Klarnamen angeben, denn es wird anonym gehandelt.

Woher kommen Kryptowährungen?

Die Idee einer kryptografischen Währung ist schon älter. Bereits 1983 veröffentlichte der amerikanische Kryptograf David Chaum die erste digitale Währung namens „ecash“. Bekanntheit erlangte die Idee 2008, als ein anonymer Entwickler unter dem Pseudonym Satoshi Nakamoto Bitcoin erfand.


Mit dem steigenden Wert des Bitcoins erfreuten sich auch andere Kryptowährungen größerer Bekanntheit und neue Währungen kamen auf den Markt. Die Startbedingung dabei ist immer dieselbe. Es braucht einen Algorithmus, nach dem die Coins errechnet werden, und eine handvoll Menschen, die mitmachen, richtiges Geld einzahlen und hinterher behaupten, sie hätten virtuelles Geld, so Neumann.

Sind Kryptowährungen unabhängig von Staaten?

Liest man auf Twitter oder in Foren zum Thema nach erklären viele Anhänger:innen von Kryptowährungen ihre Motivation wie folgt: sie wollen die neuen Währungen nutzen, weil sie mit einer Kryptografie arbeiten wollen, die nicht von staatlichen Behörden vorgegeben ist: „Schaut man sich aber Bitcoin an, sieht man, das basiert auf einer von der NSA standardisierten Blockchain“, erklärt Neumann. Seit den 70er-Jahren veranstaltet die National Security Agency (NSA) Ausschreibungen für Verschlüsselungen und überarbeitet diese. Das National Institute of Standards and Technology (NIST) veröffentlicht diese Verschlüsselungen anschließend als Standards. So wurde auch der SHA-256-Algorithmus veröffentlicht. Dieser ist die Grundlage der Bitcoin-Blockchain.

Während es also keine staatliche Kontrolle für Kryptowährungen und deren Handel gibt, sind die digitalen Währungen auch nicht unbedingt komplett frei von Verbindung zu Staaten.

Warum haben Kryptowährungen einen Wert?

Bitcoins können genau wie Aktien gehandelt werden. Foto: Chris Liverani
Bitcoins können genau wie Aktien gehandelt werden. Foto: Unspash / Chris Liverani

Wer einen Bitcoin besitzt, hat also nur einen Strang aus Zahlen und Buchstaben im Internet. Mehr nicht. Das ist bei einem Aktienhandel anders: Die Aktie eines Unternehmens zu kaufen, sichert den Käufer:innen eine Dividende zu. Kauft man Aktienoptionen, kann man bestimmte Aktien zu einem gesicherten Preis kaufen oder verkaufen. Investiert man in Immobilien, werfen diese Miete ab. Ein Bitcoin bietet nichts dieser Art.

Der einzige Wert der Kryptowährung ist der, welcher der Markt ihr zuordnet, erklärt Prof. Dr. Neumann. Soll Gewinn mit einem Bitcoin gemacht werden, muss sich eine zweite Person finden, welche den Coin für einen höheren Preis abkauft, als ursprünglich dafür bezahlt wurde. Andere Möglichkeiten gibt es nicht, um mit der Währung Geld zu machen. Die Kryptowährung hat als Anlage also nur so lange Wert, wie andere Anleger:innen der Meinung sind, es würde sich lohnen, sie für mehr Geld zu kaufen.

In gewisser Weise gleicht Bitcoin Gold. Auch der Wert von Gold ist davon abhängig, dass andere bereit sind, mehr zu zahlen, als man selbst ursprünglich bezahlt hat. Der große Unterschied ist jedoch, dass Gold einen eigenen Nutzen hat. Gold als Edelmetall für Schmuck hat einen Wert. Gold als Metall für Kontakte auf Platinen hat einen Wert. Es gibt einen Bedarf für Gold. Bitcoins haben keinen Verwendungszweck. Es gibt keinen natürlichen Bedarf an Bitcoins. Sobald sich keine Anleger:innen mehr finden, die bereit sind, mehr für einen Bitcoin auszugeben als die Summe, für welche der Coin eingekauft wurde, verliert die Währung an Wert.

Woher kommen neue Coins?

Neue Einheiten einer Kryptowährung werden durch sogenanntes "minen" erzeugt. So heißt der Prozess, bei dem eine große Zahl an Computern neue Einträge in einer Blockchain auf Validität prüft. Der Computer, der dabei am schnellsten ist, erhält als Belohnung eine Einheit der Kryptowährung. Das wird auf der Blockchain vermerkt und der Prozess beginnt von vorn.

Die Müzen repräsentieren Währung auf der Blockchain Foto: Unsplash / Kanchanara
Die Münzen repräsentieren eine Währung auf der Blockchain Foto: Unsplash / Kanchanara

Sind Bitcoin & Co endlich?

Braucht Europa weitere Euros, kann die Europäische Zentralbank theoretisch mehr Münzen und Scheine drucken. Bei Kryptowährungen geht es nicht so leicht. Zumindest nicht auf lange Sicht. Die digitalen Währungen existieren auf einer Blockchain. Ihre Besitzer:innen werden hier vermerkt. Jeder Eintrag auf einer Blockchain, wie ein Bitcoin, hat eine Art Namen, unter dem er aufgelistet ist. Dieser wird Hash genannt. Ein Hash besteht aus einer bestimmten Menge Zeichen, die bestimmte Eigenschaften aufweisen. Mögliche Eigenschaften wären "enthält nur Zahlen" und "fünf Zeichen lang" und "mindestens vier Zeichen sind eine 0". In der Realität sind diese Hashes allerdings deutlich komplizierter.

In unserem Beispiel, haben Hashes drei Bedingungen. Zusammen ergeben sie die möglichen Hashes 0000X, 000X0, 00X00, 0X000, X0000. X kann immer alles zwischen 0 und 9 sein. Also 50 mögliche Kombinationen.

Bei unserem Beispiel gäbe es nur 50 mögliche Hashes und danach wären alle Kombinationen aufgebraucht. Bei einer Blockchain wie Bitcoin sind es natürlich deutlich mehr Möglichkeiten, das Prinzip bleibt aber dasselbe. Irgendwann sind aber auch dort alle Kombinationen aufgebraucht. Dann gibt es keine neuen Coins mehr. Auch Belohnungen für das Verifizieren von Transaktionen gäbe es dann nicht mehr in Form von Coins. Zwar liegt dieser Zeitpunkt in weiter Zukunft, er könnte jedoch eintreten.

Wie sicher sind Kryptowährungen?

Für Kryptowährungen gibt es keine Sicherheit, erklärt Neumann: „Das ist der Unterschied zu einem staatlich regulierten Finanzsystem, das man so doof finden kann, wie man will. Da stecken gewisse Garantien dahinter.“ So sind Besitzer:innen von Bitcoin und anderen Kryptowährungen immer mehreren Gefahren ausgesetzt. Beispielsweise kann der Markt jederzeit inflationieren, wenn ein:e Großanleger:in aussteigt. Hier gibt es kein Unternehmen, das Anteile zurückkaufen würde, um seinen Wert zu stabilisieren oder Ähnliches.

Es gibt auch keine Instanz, welche Diebstähle verfolgt oder Transaktionen rückgängig macht. Werden Bitcoins gestohlen, sind sie weg.

Miner sind die Instanzen, welche für eine Blockchain neue Blöcke zusammenstellen, überprüfen und eintragen. Unter dem Begriff werden Einzelpersonen, Gruppen und Unternehmen zusammengefasst.

Der Markt ist auch abhängig von Minern. Sie müssen jede Transaktion verifizieren und schaffen neue Münzen. Hören Miner auf, ihre Rechenleistung zur Verfügung zu stellen, kann nicht mehr gehandelt werden und es gibt keine neuen Münzen. „Die Währung fällt in sich zusammen.“ erklärt Neumann.

Des Weiteren ist die Verschlüsselung der Bitcoin-Blockchain nicht unhackbar. „Wenn man sich anschaut, was an echter Kryptografie dahinter steht, sind das eine handvoll zusammengepuzzelte Algorithmen. Die sind nicht schlecht“, sagt Neumann, "aber wir wissen aus der Forschung, dass die Fallstricke im Detail liegen. […] Ich bin zutiefst überzeugt, wenn man sich ernsthaft mit der Bitcoin-Software befasst, kann sie geknackt werden.“

Fördern Kryptowährungen Kriminalität?

Europol Bericht zu Cryptowährungen Foto: Europol
Europol-Bericht zu Kryptowährungen. Foto: Europol

Ja. In einem Bericht von Europol aus dem Jahr 2021 heißt es: „Kryptowährungen wurden als Teil von Geldwäschesystemen eingeführt und werden häufig mit verschiedenen Delikten in Verbindung gebracht, darunter Betrug und Drogenhandel. Sie werden auch häufig als Zahlungsmittel für illegale Waren und Dienstleistungen genutzt, die online und offline angeboten werden“.

Zusammengefasst: Kryptowährungen sind für Geldwäsche, illegale Käufe und Verkäufe aller Art sehr praktisch, weil sie anonym sind. Deshalb werden sie häufig dafür verwendet.

Sind Kryptowährungen umweltschädlich?

Absolut. Genau wie NFTs benötigen Kryptowährungen in ihrer gegenwärtigen Form eine Blockchain zur Verifikation ihrer Echtheit. Diese Blockchains brauchen eine große Menge Rechenleistung und damit verbunden Strom. Allein Bitcoin hat, so Schätzungen der University of Cambridge, einen jährlichen Stromverbrauch von 128,5 Terrawattstunden pro Jahr. Das ist mehr als Norwegen im Jahr an Strom benötigt. Die gesamte Menge an erneuerbar erzeugtem Strom, die China in einem Jahr produziert, reicht nicht aus, um den Bedarf von Bitcoin zu decken.

Zwar gibt es Alternativen, wie Blockchains weniger Strom verbrauchen könnten, diese würden allerdings zu größerer Angreifbarkeit oder einem höheren Zeitaufwand bei Transaktionen führen, so Neumann. Zum Beispiel könnten Miner mehr kommunizieren, statt in reinem Wettbewerb zu liegen, oder das Minen könnte mit energiesparenderen Verschlüsselungen betrieben werden.

Sind Kryptowährungen die Währungen der Zukunft?

Ob Kryptowährungen das Bezahlmittel der Zukunft sind, wird sich noch zeigen. Dass die Idee einer Währung ohne staatliche Regulation und Zentralbank viele Menschen anspricht, ist mittlerweile klar. Sonst wären Bitcoin und andere Kryptowährungen nicht derart bekannt geworden. Allerdings haben diese neuen Währungen eine große Bandbreite an neuen Problemen. Sie sind hackbar, umweltschädlich und haben nicht die Sicherheiten wie klassische Währungen.

Die Ratingagentur Fitch jedenfalls stufte das Land El Salvador gerade erst als weniger kreditwürdig ein, unter anderem weil Bitcoin dort als offizielle Währung zugelassen wurde.

Sind diese Probleme lediglich Kinderkrankheiten und können ausgebessert werden? Bringt ihre Umweltschädlichkeit die Kryptowährungen als Massenwährung zu Fall? Das wird sich zeigen müssen.


Titelbild: Simon Uhl

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1997 bekam Google seinen Namen – so auch Simon Uhl. Eine weitere Gemeinsamkeit: die Informatik. Aber Google liebt Big Data, Simon setzt sich aktiv dagegen ein. Seine Bachelorarbeit schrieb der gebürtige Stuttgarter über Datenjournalismus und baute ein Google-Street-View für das Stuttgart im Jahr 1942. Die schwäbische Kehrwoche lässt der selbsternannte Chaosmensch lieber ausfallen. Er versichert, dass sein Chaos einer eigenen Ordnung folgt. Simon liebt internationale Filme und geht mehrmals in der Woche ins Kino – für Film- und Musikfestivals reist er überall hin. Seinen Namen konnte er auch schon einmal auf der Leinwand bewundern: Bei einer Fußball-Dokumentation, für die er Kamera und Schnitt gemacht sowie zahlreiche Interviews geführt hat. Sonst schreibt er für nischige Online-Magazine über In-Vitro-Fleisch, Start-ups oder Computer-Hardware. (Kürzel: uhl)