Die Bürgermeister von Hamburg und Kiew haben einen Städtepakt geschlossen.
Der Ukraine beizustehen sei „ein Ausdruck von Selbstachtung und der Achtung von Demokratie“, sagte Alt-Bundespräsident Joachim Gauck in der Handelskammer.

Von Lina Gunstmann und Valentina Rössel

Mit einem „Moin Moin an Hamburg“ begrüßte Wladimir Klitschko die Anwesenden im Börsensaal der Handelskammer. Gekleidet in ein schlichtes dunkelblaues T-Shirt saß er am vergangenen Mittwochabend im Büro seines Bruders Vitali Klitschko, dem Bürgermeister von Kiew. Da dieser kurzfristig absagte, sprang Wladimir Klitschko ein. 

Während des Gesprächs erzählte Klitschko von der aktuellen Lage in Kiew. Die Stadt stehe unter täglichem Beschuss. Erst vor einigen Tagen seien sechs Raketen in der Stadt eingeschlagen. „Es gab zum Glück keine Toten, aber viele Verletzte“, so der 46-Jährige. Gleichzeitig berichtete er auch, dass das Leben zurück in der Stadt sei. Fast die Hälfte der Einwohner Kiews seien mittlerweile zurückgekehrt.

Klitschko bedankte sich für die Hilfe, die Deutschland und auch Hamburg leisten. „Einen Krieg kann man aber nicht mit Worten gewinnen. Leider“, sagte er. Das hätten die vergeblichen Gespräche mit Russlands Präsident Putin gezeigt. So sei die Ukraine weiterhin auf die humanitäre und finanzielle Unterstützung angewiesen.

Kiew-Pakt soll auch über Krisenzeiten hinaus bestehen 

Genau diese Unterstützung soll der Städtepakt leisten. Den „Pakt für Solidarität und Zukunft“ vereinbarten die Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) und Vitali Klitschko gemeinsam im April. Aktuell steht die humanitäre Hilfe für die Ukraine im Fokus. Die Handelskammer Hamburg, die Initiative #WeAreAllUkrainians und die Hilfsorganisation Hanseatic Help unterstützen das Bündnis, genauso wie etliche Hamburger Unternehmen.

Neben den Hilfeleistungen zählt auch der symbolische Wert des Paktes. Hamburg macht deutlich, dass die Stadt das gesellschaftliche Engagement fördert. „So senden wir das Zeichen, dass die Ukraine starke Partner an ihrer Seite hat“, sagte Tschentscher.

Beide Bürgermeister betonten, ihre Partnerschaft auch über die Krisenzeiten hinaus vertiefen zu wollen. Angedacht sind Kooperationen zu Themen wie Klimaschutz, Mobilität und Digitalisierung.

„Die Freiheit der Erwachsenen heißt Verantwortung“

Vor etwa 500 Gästen im Börsensaal lobte Alt-Bundespräsident Gauck den Pakt. Deutschland müsse auch weiter der Ukraine politisch, finanziell und militärisch Beistand leisten. „Das ist ein Ausdruck von Solidarität, ebenso wie von Selbstachtung und der Achtung von Demokratie, Freiheit und Rechtsstaatlichkeit“, sagte er unter lautem Klatschen der anwesenden Gäste. Wirklichen Frieden in Europa werde es nur geben, „wenn die Ukraine diesen Krieg gewinnt“.

Der Krieg eines „gewissenlosen Diktators“, so Gauck, greife nicht nur die Ukraine, sondern alle freien demokratischen Gesellschaften an. Russland zwänge seine Feindschaft auf. „Wir sind in Europa nicht mehr länger nur von Freunden umgeben“, so der Alt-Bundespräsident.

Pakt zwischen Hamburg und Kiew: Die Veranstaltung ist beendet. Joachim Gauck verlässt den Saal.
Alt-Bundespräsident Gauck bei der Veranstaltung im Börsensaal der Handelskammer. Foto: Lina Gunstmann

Zum Ende seiner Rede mahnte Gauck, dass Freiheit nicht selbstverständlich ist. Man müsse verantwortungsvoll mit ihr umgehen. „Nur wenn man seine Freiheit für das Wohl der Gemeinschaft nutzt, sind Gesellschaften erfolgreich.“ Aber nicht alle würden Freiheit so verstehen. Das Motto der meisten laute eher: Ich darf alles. Aber das sei pubertär. „Die Freiheit der Erwachsenen heißt Verantwortung.“

Tatjana Kiel übernimmt diese, sie sammelt Spenden und koordiniert Hilfsaktionen. Gemeinsam mit den Klitschko-Brüdern gründete sie die Initiative #WeAreAllUkrainians. Bei der Veranstaltung berichtete sie von ihrer Arbeit.  

Pakt Hamburg Kiew: Malte Heyne. Tatjana Kiel und Peter Tschentscher auf dem Podium.
Handelskammer-Hauptgeschäftsführer Malte Heyne, Tatjana Kiel und Peter Tschentscher (von links nach rechts). Foto: Lina Gunstmann

Die Lage in der Ukraine und damit auch der Bedarf an Spenden ändere sich schnell, sagte Kiel. Der Pakt ermögliche es, die Hilfe besser über die teilnehmenden Unternehmen zu koordinieren,  Spender*innen müssten nicht einzeln angesprochen werden. Kiel betonte, alleine sei die benötigte Hilfe nicht zu leisten: „Am Ende des Tages sind wir eben nur so stark wie unsere Partner.“

Tatkräftige Partner hat der Pakt einige. Budnikowsky sammelte mit einer Aufrundungskampagne Geld ein, Fritz Kola leistete eine Wasserspende und die Hamburger Sparkasse spendete Decken und Babystrampler. Die Otto Group leistete Sachspenden und versorgte die Helfer*innen der Organisation täglich mit Essen. Der HSV richtete Ende Mai eine Benefizveranstaltung im Volksparkstadion aus. Handelskammer-Präses Norbert Aust rief alle Hamburger Unternehmen zu Spenden und Hilfsaktionen auf.

Krisen können überall auftreten

Die Hilfsbereitschaft sei zwar groß. „Trotzdem ist das alles nicht genug, solange dieser sinnlose Krieg läuft“, sagte Klitschko. Er betonte, dass diese Partnerschaft dennoch nicht einseitig sei: „Wir haben wahnsinnig viel anzubieten für die Welt, aber auch für Europa.“ Ukrainer*innen seien gut ausgebildet, könnten viel geben, nicht nur nehmen. „Was wir nicht haben, ist Frieden.“

In einem Punkt waren sich an diesem Abend alle einig: Krisen könnten in jedem Land der Welt auftreten. Tschentscher betonte, dass auch Hamburg die Hilfe anderer benötigen könnte. Daher seien strategische Partnerschaften wichtig. Auch Klitschko forderte zum Ende der Veranstaltung mehr präventives Handeln: „Sicherheit ist zerbrechlich.“ Um in Frieden zu leben, müsse man auf mögliche Kriege zumindest vorbereitet sein.