Kaum Maßnahmen und steigende Zahlen: Corona breitet sich auch in Hamburg wieder aus, viele melden sich krank. Wie die Regierung mit der Sommerwelle umgeht, wie viel Aufmerksamkeit Long-Covid bekommen sollte und ob wir gut auf den Herbst vorbereitet sind, hat FINK.HAMBURG den Epidemiologen Prof. Dr. Ralf Reintjes gefragt. 

Von Sarah Böse und Marie Arnemann

Es ist der dritte Sommer mit Corona und die Zahlen steigen – trotz warmer Temperaturen und viel frischer Luft. Seit dem Frühjahr gibt es kaum noch Maßnahmen zur Eindämmung des Virus: keine allgemeine Maskenpflicht, eine Testpflicht nur für spezielle Anlässe. Großveranstaltungen wie Festivals finden statt. Zudem sind Schnelltests nicht mehr kostenfrei. Dabei trifft Corona nun immer mehr. Oftmals sind die Verläufe zwar mild, aber je mehr Menschen erkranken, desto häufiger werden auch langwierige Verläufe.

Bis zu 15 Prozent aller Erkrankten haben mit Long-Covid und zwei Prozent mit Post-Covid zu kämpfen, schätzt die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin. Long-Covid bedeutet: Die Symptome nach einer Erkrankung sind auch nach mehr als vier Wochen noch nicht abgeklungen, bei Post-Covid bestehen diese länger als zwölf Wochen. Ursächlich kann Long- oder Post-Covid noch nicht therapiert werden, behandelt werden die Symptome.

Als wäre all das nicht beunruhigend genug, sorgt auch eine neue Omikron-Subvariante zusätzlich für Bedenken. Ist die momentane Sorglosigkeit angebracht? Und wie sind wir auf den Herbst vorbereitet? Für eine Einschätzung hat FINK.HAMBURG sich mit Prof. Dr. Ralf Reintjes unterhalten. Reintjes ist Professor für Epidemiologie und Surveillance an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) Hamburg und war als Berater für die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sowie für die Europäische Union tätig.

FINK.HAMBURG: Die Saisonalität des Virus liegt eigentlich im Herbst und Winter. Jetzt steigen die Zahlen aber bereits im Sommer. Kam dieser Anstieg unerwartet?

Reintjes: So ganz unerwartet ist das nicht. Wenn man das aus epidemiologischer Sicht betrachtet, haben wir ein Virus, das sich sehr gut übertragen lässt. Wir haben diese Übertragung einigermaßen reduziert, durch zum Beispiel Abstand halten, Masken tragen und andere Maßnahmen, die dazu geführt haben, dass die Leute sich nicht zu nahe kommen. Unter diesen Rahmenbedingungen war das Infektionsgeschehen relativ stabil. Wenn wir das beibehalten hätten, hätte man davon ausgehen können, dass in der warmen Jahreszeit die Zahlen zurückgehen – wenn die Leute mehr draußen sind und respiratorische Viren sich insgesamt nicht so gut übertragen lassen. Das haben wir in den letzten zwei Jahren auch gesehen.

Und was ist dieses Jahr anders?

Reintjes: Noch bevor die Infektionen richtig runtergegangen sind, haben wir fast alle Maßnahmen aufgehoben. Vor allem gab es keine Verpflichtung mehr dazu, in Innenräumen Masken zu tragen, sodass das Virus bessere Möglichkeiten hatte, sich zu übertragen. Der Effekt der warmen Jahreszeit geht nun unter. Und wenn dieser für uns positive Effekt im Herbst und Winter ganz wegfällt, wird das dazu führen, dass die Zahlen, die jetzt schon extrem hoch sind, wahrscheinlich noch deutlich höher werden.

Der Chef der WHO warnt vor einer Sommerwelle. Würden Sie sagen, dass wir uns jetzt bereits in dieser Welle befinden?

Reintjes: Ja, das kann man mittlerweile ganz deutlich sagen. Die aktuellen Zahlen sind absolut nicht vergleichbar mit dem, was wir zum Beispiel im letzten Winter hatten. Nicht von der Größe, sondern von der Vollständigkeit her. Im letzten Winter wurden viel mehr Leute getestet. PCR-Tests waren eigentlich noch Standard. Man musste sich testen lassen, damit man zum Beispiel längere Zeit zu Hause bleiben konnte. Das ist jetzt alles weggefallen. Nun werden Leute auch noch weiter demotiviert, sich testen zu lassen. Selbst bei den Schnelltests, die nun Geld kosten. Somit müssen wir davon ausgehen: Viel weniger Leute werden getestet und trotzdem haben wir noch diese wirklich hohe Zahlen. Berechnet man die Dunkelziffer mit ein, kann man davon ausgehen, dass sehr viele Menschen, denen man begegnet, gerade das Virus verbreitet.

„Wenn der positive Effekt der warmen Jahreszeit im Herbst und Winter wegfällt, wird das dazu führen, dass die Zahlen wahrscheinlich noch deutlich steigen.“

Kann man den aktuellen Zahlen überhaupt noch trauen?

Reintjes: Zumindest kann man den Trend gut erkennen. Was man aus den Zahlen herauslesen kann: Corona verbreitet sich stark. Das kann man mit Sicherheit sagen. Aber zu sagen, was das genau bedeutet, ist mit den reinen Meldezahlen nicht möglich. Es gäbe Möglichkeiten, das genauer zu überprüfen, etwa über sogenannte Sentinel-Erhebungen wie bei der Bundestagswahl. Bei der Bundestagswahl weiß man Monate vorher, wie das Ergebnis ungefähr ausfallen wird. Nicht alle Leute werden ständig befragt, sondern ein kleiner, repräsentativer Teil der Gesellschaft. Genauso könnte man das auch regelmäßig bei der Corona-Pandemie machen.

„Es gibt ganz viele asymptomatische Infizierte und je mehr diese unentdeckt bleiben, desto besser kann sich das Virus verbreiten.“

Noch mal zu den Bürgertests: Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) hat gesagt, die Tests seien jetzt aussagekräftiger. Und zwar dadurch, dass sie etwas kosten. Grundlose Tests würden wegfallen, die die Statistiken sonst verfälschen würden. Stimmen Sie zu?

Reintjes: Nein. Solch eine Aussage von jemandem, der behauptet, dass er sich mit dem Thema gut auskennt, ist erschreckend. Daran kann man gut erkennen, dass Herr Lauterbach, den ich eigentlich sehr schätze, ein recht guter Gesundheitsökonom ist, aber kein Infektionsepidemiologe. Ein ganz entscheidender Faktor bei Corona ist, dass nicht jeder, der infektiös ist, auch schwere Symptome hat. Es gibt ganz viele asymptomatische Infizierte und je mehr diese unentdeckt bleiben, desto besser kann sich das Virus verbreiten.

Mittlerweile gibt es Medikamente zur Behandlung von Covid. Können wir jetzt mit Covid wie mit einer Grippe umgehen? 

Reintjes: Das wäre schön, wenn wir irgendwann mal dahin kämen, dass man Covid als normale Erkältungskrankheit mit guten Behandlungsmöglichkeiten betrachten kann. Ich hoffe, dass wir da irgendwann sein werden. Das wäre eine Lösung. Aber soweit, dass wir wirklich Medikamente haben, die breit verfügbar die Erkrankungen reduzieren und vor allem auch die Infektionsgefahr beeinflussen, sind wir leider noch nicht. Noch sind wir in einer relativ frühen Phase bei den Behandlungsmöglichkeiten. Im klinischen Einsatz sind sie „relativ“ hilfreich, aber für den breiten Einsatz bei Hunderttausenden von Infizierten sind sie ambulant nicht einfach oder nicht effektiv einsetzbar.

Thema Impfungen: Bei einigen laufen jetzt bereits die Zertifikate zum Beispiel der dritten Impfung aus. Sollte es eine Empfehlung für alle geben, sich erneut impfen zu lassen? Beziehungsweise wann sollte man sich wieder impfen lassen?

Reintjes: Diese Frage stelle ich mir auch. Ein angepasster Impfstoff sollte eigentlich schon seit langer Zeit auf dem Markt sein, aber er lässt noch auf sich warten. Der Impfstoff, wie er zurzeit zur Verfügung steht, reduziert wahrscheinlich zum Großteil schwere Krankheitsverläufe. Wenn man eine relativ hohe Wahrscheinlichkeit hat, sich zu infizieren und nicht sonderlich jung ist oder Vorerkrankungen hat, dann ist das sicherlich keine schlechte Idee, in absehbarer Zeit sein Immunsystem dahingehend zu trainieren, dass es mit einer Infektion besser zurechtkommt. Wenn wir als Gesellschaft weiterhin mit der Infektionsgefahr so umgegangen wären, dass das Virus sich nicht so unglaublich weit verbreitet, dann hätten wir diese Impfung erst im Herbst und Winter benötigt. Angesichts der aktuellen Situation laufen wir aber alle gerade in ein sehr hohes Risiko. Die Krankenhauszahlen nehmen langsam wieder zu, in verschiedenen Ländern steigen auch die Sterbezahlen wieder. Je mehr Leute betroffen sind, desto mehr werden auch dabei sein, die schwerere Verläufe haben.

„Das Infektionsrisiko ist riesig und das wird im Herbst nicht weniger, sondern viel größer.“

Das heißt, man sollte besser nicht auf den angepassten Impfstoff warten, sondern sich jetzt schon impfen lassen?

Reintjes: Das muss man selber individuell einschätzen, da der Impfstoff nicht primär vor der Infektion schützt, sondern nur den Krankheitsverlauf abmildert. Ich würde jemanden mit Vorerkrankungen oder vor allem auch mit erhöhten Risiko schon dazu raten, sich jetzt darum zu bemühen. Das Infektionsrisiko ist riesig und das wird im Herbst nicht weniger, sondern viel größer. Das wird auch unsere Gesellschaft weiter beeinflussen. Es werden noch mehr Leute erkranken und fehlen. Viele Bereiche des Lebens werden dadurch beeinflusst. Da man so einem hohen Infektionsrisiko ausgesetzt ist, ist der Individualschutz zurzeit durchaus anzuraten.

Nehmen wir mal an, es würde jetzt wieder eine allgemeine Impfempfehlung für alle geben. Wäre die Stadt Hamburg überhaupt dazu in der Lage, auf die Schnelle alle zu impfen?

Reintjes: Das ist auch ein Aspekt, weshalb wir nicht bis auf die letzte Minute warten sollten, uns impfen zu lassen. Als Gesellschaft sollten wir den Sommer nutzen und bei der hohen Infektionsgefahr schauen, dass man versucht, seinen Impfstatus so gut auf den aktuellen Stand zu bringen, wie eben möglich.

„Was wirklich sinnvoll wäre: Maskenpflicht in Innenräumen.“

Mal abgesehen von Impfungen bzw. Impfempfehlungen, welche Maßnahmen können wir denn im Spätsommer und Herbst Ihrer Meinung nach von der Regierung erwarten?

Reintjes: Wir sollten erwarten, dass Maßnahmen, die nachweislich effektiv sind und die zum großen Teil auch die Gesellschaft nicht stark beeinflussen, auf jeden Fall wieder eingeführt werden. Es gibt genügend Leute in unserer Gesellschaft, die mit einer Erkrankung durchaus große Probleme bekommen können. Konkret: Was wirklich sinnvoll wäre, wäre eine Maskenpflicht in öffentlichen Innenräumen. Wenn nur jeder, der sich bedroht fühlt, eine Maske trägt, dann ist die Luft trotzdem voller Viren. Und dann ist die Frage: Funktioniert der Mundschutz wirklich gut? Leute mit hohem Risiko können ja schon lange nicht mehr ins Restaurant gehen. Aber man müsste zumindest sicherstellen, dass sie im Supermarkt einkaufen gehen können, ohne ein zu großes Risiko einzugehen. Das wäre eine ganz wichtige Maßnahme und würde auch Busse, Bahnen und so weiter beinhalten.

„Wenn sehr große Teile der Bevölkerung nicht zur Arbeit gehen können, weil sie krank sind, dann werden wir große Probleme bekommen.“

Werden noch mal ernsthafte Einschränkungen nötig, auch in Hinblick auf den Winter?

Reintjes: Es kommt drauf an, wie wir alle mit der Lage umgehen. Die Erfahrung zeigt: Wenn man Infektionsschutz nicht zentral regelt, funktioniert das in der Praxis nicht gut. Jeder macht einfach entspannt so weiter wie vorher, was dann natürlich zu einer höheren Infektionsgefahr führt. Je häufiger das Virus übertragen wird, desto mehr Möglichkeiten hat es, weiter zu mutieren und desto mehr neue Varianten werden wir bekommen. In den letzten paar Monaten haben wir so häufig neue Varianten erlebt und jede neue Variante hat die Möglichkeit, viele auch schon mal Erkrankte wieder neu zu infizieren.

„Die Übertragung von Infektionskrankheiten ist keine Privatsache.“

Wenn wir noch mal auf die Gegenwart schauen: Im Moment, gibt es ja eigentlich kaum Maßnahmen und manche scheinen sich da zu denken: „Wenn ich alles wieder darf, dann mache ich es auch.“ Halten Sie das Verhalten der Leute für leichtsinnig?

Reintjes:  Ja, das ist leichtsinnig. Die Übertragung von Infektionskrankheiten ist keine Privatsache. Wenn wir in einem Raum sind und Sie sind etwa infiziert, dann ist das auch mein Problem, weil ich dann ein großes Risiko habe, selbst infiziert zu werden. Dementsprechend gibt es im öffentlichen Gesundheitswesen große Unterschiede zwischen Infektionskrankheiten und chronischen Krankheiten. Ein Corona-Infizierter ist gleichzeitig Patient und Risiko für andere. Ein Krebspatient ist nur Patient. Dementsprechend ist es ganz wichtig, dass wir ein Bewusstsein dafür entwickeln. Aber nach zweieinhalb Jahren haben wir das  nicht geschafft. Wir haben alle keine Lust mehr darauf. Ich auch nicht. Aber wir müssen weiter daran arbeiten. Ein positives Beispiel ist Japan: Ich war noch vor Corona dort und obwohl es das Virus damals noch überhaupt nicht gab, habe ich in der Bahn niemanden gesehen, der ohne Maske gefahren ist, weil sie sich und die anderen schützen wollen. Es wäre wünschenswert, dass wir dieses Bewusstsein auch entwickeln.

Wir hören vielfach, dass die Virus-Varianten, die jetzt dominant sind, weniger gefährlich seien, weil die Sterberate geringer ist. Stimmt das?

Reintjes: Sie sind weniger gefährlich, wenn man gut geimpft ist. Wenn Omikron in einer Bevölkerung auftaucht, die großteils nicht geimpft ist, dann gibt es große Probleme. Insgesamt haben wir aber keine Garantie, dass die nächsten Varianten immer noch mit unserem alten Impfstoff in ihrer krankmachenden Wirkung so effektiv reduziert werden können. Auf der anderen Seite finde ich, wenn man die aktuellen Zahlen anschaut – auch die Sterbezahlen, die ja nicht bei null liegen, sondern auch in Deutschland in einer Woche immer noch so bei einigen Hundert liegen – kann man nicht von ‚harmlos‘ reden.

Sollten wir Long Covid mehr Aufmerksamkeit schenken?

Reintjes: Das Problem ist, viele Leute denken: „Wenn man Corona bekommt, dann bekommt man es ein Mal und dann ist das Thema durch.“ Das ist ja aber leider nicht der Fall. Selbst bei Omikron gibt es die Möglichkeit, dass man mit der ersten Variante B.1 oder mit B.2 infiziert war und sich mit B.4 oder B.5 wieder infiziert. Und das innerhalb von wenigen Monaten. Damit erhöht man auch das Risiko, dass immer mehr Leute generell die Erfahrung der Erkrankung machen. Und wenn man den Zahlen trauen kann, dass etwa ein Prozent der Personen, die eine akute Infektion durchmachen, Long Covid bekommen – bei Millionen von Fällen in Deutschland ist das eine wirklich nicht zu unterschätzende Anzahl.

Was können wir momentan noch guten Gewissens tun – gerade in Bezug auf Homeoffice oder Büro, Feiern gehen, Festivals, Konzerte, Restaurantbesuche? Jetzt steht ja auch für viele der Urlaub an…

Reintjes: Ich glaube, man kann relativ viel tun, wenn man dabei versucht, sein Risiko zu reduzieren. Man kann sich ja problemlos mit Freunden draußen im Park treffen. Sich draußen treffen, feiern, einfach alles nach draußen verlegen – jetzt im Sommer dürfte das kein großes Problem sein. Wenn man im Homeoffice arbeiten kann, sollte man das tun oder zumindest sollte man nicht alle Leute unbedingt wieder in volle Büros bringen. Besser ist ein Wechsel aus Office und Homeoffice. Man sollte Masken tragen, überall wo man in Innenräumen ist, wo andere Leute sich auch aufhalten. Und in den Urlaub fahren: Solange man sich viel am Strand aufhält, ist es kein Problem. Ob man die ganze Nacht in einer Innenraum-Disco verbringen muss, das muss man selbst entscheiden. Die Erfahrung zeigt, dass die meisten dann mit einer Infektion zurückkommen.

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