Eingang Hamburger Großmarkt: Hamburgs grünes Herz.
Die Schranken auf dem Hamburger Großmarkt öffnen sich nachts im Sekundentakt für Lieferwagen. Foto: Valentina Rössel

Seit Jahrzehnten beziehen Gastronomen, Einzel- und Wochenmarkthändler Frischwaren über den Hamburger Großmarkt. Nachts, wenn der Rest der Stadt noch schläft, werden hier Obst, Gemüse und Blumen gehandelt. In diesem Jahr feiert der Hamburger Großmarkt sein sechzigjähriges Standortjubiläum.

Es ist fünf Uhr morgens. Die Straßen in der Hamburger Innenstadt sind noch leer. Ein Großteil der Stadt schläft noch. Nicht aber auf dem Hamburger Großmarkt. Hier verlassen im Sekundentakt Lieferwagen das Gelände über das Tor Ost. In einem Auto stapeln sich Kartoffelsäcke bis zur Decke. Einige Fahrzeuge haben bereits ihre Verkaufswagen angehängt, vom Großmarkt geht es direkt weiter zum Wochenmarkt.

Auf dem Hamburger Großmarkt kaufen Wochenmarkthändler*innen, Gastronom*innen und Supermärkte ihre Frischwaren. Auf dem 27 Hektar großen Marktgelände werden Obst, Gemüse, Kräuter, Nüsse, Blumen und Gewürze angeboten. Fisch und Fleisch werden auf dem Großmarkt nicht gehandelt. Seit 1962 befindet sich der Großmarkt auf seinem jetzigen Gelände in Hammerbrook. In diesem Jahr feiert der Standort sein sechzigjähriges Jubiläum.

„Einmal Großmarkt, immer Großmarkt“

Wer aus dem Süden über die Elbbrücken in die Stadt fährt, erkennt das Gebäude des Großmarktes schon von Weitem an dem wellenförmigen Dach: Drei Wellen, die von der Elbe in die Stadt schwappen – so heißt es.

Langjähriger Mitarbeiter auf dem Hamburger Großmarkt: Joachim Köhler
Hat 47 Jahre auf dem Hamburger Großmarkt gearbeitet: Joachim Köhler. Foto: Valentina Rössel

„Der Standort ist ideal. Dicht an der Autobahn, dicht an der Stadt. Was will man mehr“, sagt Joachim Köhler. Köhler hat 47 Jahre als Einkäufer für Obst und Gemüse auf dem Hamburger Großmarkt gearbeitet. Heute führt er Besuchergruppen durch die Hallen: „Einmal Großmarkt, immer Großmarkt.“

Bevor der Großmarkt an seinen heutigen Standort in Hammerbrook zog, befand er sich in den nahegelegenen Deichtorhallen. Diese wurden zu klein und die Stadt baute von 1958 bis 1962 den Großmarkt auf seiner heutigen Fläche.

Die feierliche Einweihung im Februar 1962 musste allerdings verschoben werden. Auch der Hamburger Großmarkt blieb von der großen Sturmflut nicht verschont. Am 4. Juni 1962 weihte der damalige Hamburger Bürgermeister Paul Nevermann den Großmarkt schließlich ein.

1,5 Millionen Tonnen Ware im Jahr

Juni, 60 Jahre später, der Wind weht über den Parkplatz des Großmarktes. Es ist so früh am Morgen schon hell. In der Ferne ist der Hamburger Michel zu erkennen. Während für viele der neue Tag bald beginnt, läuten die Mitarbeiter*innen hier auf dem Hamburger Großmarkt bald den Feierabend ein. Auf dem Gelände verabschieden sich zwei Mitarbeiter: „Schönen Feierabend!“ Die meisten haben bereits zwischen 21 und 22 Uhr mit ihrer Arbeit begonnen.

Ein Verkaufsstand auf dem Hamburger Großmarkt.
Auf dem Großmarkt stapeln sich Obst und Gemüse auf Paletten. Foto: Valentina Rössel.

Auf der Südseite des Geländes werden die Lkws mit Waren be- und entladen. 80 bis 100 Stück sind es täglich – je nach Saison. Gehandelt wird auf dem Großmarkt sechs Tage die Woche – das ganze Jahr über werden hier 1,5 Millionen Tonnen Ware umgeschlagen. Warenwert: 2 Milliarden Euro.

Obst und Gemüse aus dem Hamburger Umland

Laut ist es der Großmarkthalle. Kisten klappern aneinander. Die Reifen der Gabelstapler quietschen, wenn die Fahrer*innen in der Kurve bremsen. Es riecht nach frischem Obst: mal nach Bananen, mal nach Äpfeln.

Heiner Wischendorff aus Stelle ist seit 23 Uhr da. Er ist einer von 110 Selbsterzeuger*innen aus dem Hamburger Umland hier auf dem Großmarkt. „Wir verkaufen Topfkräuter aus eigenem Anbau – ungefähr 800.000 Töpfe im Jahr. Die Hälfte aller verkauften Töpfe ist Basilikum.“ Wischendorff führt sein Unternehmen gemeinsam mit seiner Ehefrau bereits in dritter Generation. „Wir beliefern den Hamburger Großmarkt sechs Tage die Woche mit frischer Ware. Drei Tage die Woche sind wir selbst vor Ort und verkaufen die Kräuter am Stand. An den anderen Tagen liefern wir bereits vorbestellte Ware an Zwischenhändler*innen auf dem Großmarkt.“

Obst auf dem Hamburger Großmarkt.
Erdbeeren, Ananas, Pfirsiche – das Angebot auf dem Großmarkt ist vielfältig. Foto: Valentina Rössel.

Wischendorff produziert das ganze Jahr über. Das machen aber nicht alle Selbsterzeuger*innen so. Gerade im Winter entscheiden sich einige Landwirt*innen nicht auf den Großmarkt zu kommen: „Die Energiepreise sind angestiegen. Das Heizen der eigenen Flächen ist im Winter oft zu teuer. Viele Landwirt*innen in der Region stellen ihre Produktionen dann ein“, sagt Joachim Köhler.

Gegen 23 Uhr kommen auch die ersten Kund*innen. Die Anfahrten seien zum Teil sehr lang. „Es gibt Kund*innen aus Bremen, Berlin, Usedom, Sylt und sogar aus Dänemark. Auf dem Großmarkt sind sie meistens zwischen 23 und 2 Uhr früh. So schaffen sie es bis zum Morgen wieder nach Hause“, erzählt Köhler. Im Anschluss sei es etwas ruhiger. Ab 3 Uhr kämen dann die städtischen Kund*innen und Wochenmarkthändler*innen. „Feierabend ist, wenn der letzte Kunde seine Bestellung abgeholt hat – Morgenmuffel können wir hier nicht gebrauchen.“

Großmarkt: Hamburgs größte Sparkasse

Nicht jeder kann auf dem Großmarkt einkaufen. Dazu wird ein Marktschein benötigt. Viele Kund*innen geben ihre Bestellungen im Vorhinein bei den Großmarkthändler*in per Telefon oder Mail auf. „Wir hatten allerdings auch mal eine Kundin, die dachte, der Großmarkt sei wie ein Supermarkt: Sie hat Waren eingeladen und geglaubt, sie könne am Ausgang bezahlen“, erinnert sich Köhler.

Bezahlt wird häufig mit Lieferschein. Köhler erklärt: „Ein guter Zahler ist, wer seine Ware gleich bezahlt. Aber die meisten lassen immer eine Rechnung stehen: Die alte Rechnung wird bezahlt und die neue bleibt offen. Man sagt auch, der Großmarkt ist die größte Sparkasse Hamburgs. Nur nimmt man hier keine Zinsen.“

„Weihnachten kann ich die Füße hochlegen“

Auf dem Hamburger Großmarkt wird nicht nur Obst und Gemüse verkauft. Über Durchgangstüren erreicht man den Blumengroßmarkt in der benachbarten Halle. Hier duftet es nach Rosen. Schnittblumen in allen Farben stehen in gelben Plastikeimern und warten auf ihre Käufer*innen. Dass Blumen, Obst und Gemüse nebeneinander verkauft werden, war nicht immer so auf dem Hamburger Großmarkt. Nachdem der Obst- und Gemüsemarkt die Deichtorhallen bei seinem Umzug nach Hammerbrook freimachte, zog der Blumenmarkt dort ein. Bis 1984 wurden Blumen hier angeboten. Ein Beschluss von Senat und Bürgerschaft 1981/82 führte beide Großmärkte auf dem Gelände in Hammerbrook erstmalig zusammen.

Blumen auf dem Hamburger Großmarkt. Foto: Valentina Rössel
Schnittblumen auf dem Hamburger Großmarkt warten auf ihre Käufer*innen. Foto: Valentina Rössel

Rainer Struß aus Hamburg Ochsenwerder ist Gärtner und bietet Schnittblumen wie Alstroemerien, Freilandrosen und Treibrosen auf dem Blumengroßmarkt an. „Meine Frau fährt seit 30 Jahren zum Großmarkt, davor fuhr mein Vater dahin – auch schon über 40 Jahre.“ Struß und seine Frau fangen meist so gegen 2 Uhr nachts an zu arbeiten, Feierabend ist dann gegen 8 Uhr. Viele Blumen werden vor Ort gekauft, nur ein kleiner Teil der Ware ist vorbestellt, erzählt der Gärtner. „Ich persönlich mag das Marktfahren allerdings überhaupt nicht, da ich kein Händler, sondern Gärtner bin. Meine Frau ist gelernte Bankkauffrau und mag daher den Kundenkontakt und den persönlichen Schnack.“ Struß helfe meist nur beim Aufbau und arbeite dann in der Gärtnerei.

Vor allem während der Sommermonate ist auf dem Blumengroßmarkt für Selbsterzeuger*innen viel los. „Für Rosen geht die Saison von Anfang März bis Anfang November. In dieser Zeit werden Rosensträucher bis zu viermal abgeerntet“, erzählt ein Selbsterzeuger für Rosen in der Halle. „Da arbeite ich meistens von 24 bis 8 Uhr morgens. Dann schlafe ich eine Runde. Ab 14 Uhr noch mal eine Schicht. Dafür können wir dann Weihnachten die Füße hochlegen“, sagt der Händler.

Theater auf dem Hamburger Großmarkt

Auf dem Blumengroßmarkt gibt es im Moment zirka 130 Anbieter*innen, die ihre Blumen verkaufen. „Es waren aber mal doppelt so viele“, sagt der Rosenhändler. Viele Betriebsnachfolgen seien nicht gesichert. Viele Kinder übernähmen die Betriebe nicht. „Auch bei uns ist es absehbar, dass wir den Markt verlassen, da auch bei uns keiner den Betrieb weiterführt“, sagt Struß.

Das Mehr! Theater auf dem Hamburger Großmarkt.
Das Mehr! Theater befindet sich direkt auf dem Hamburger Großmarkt. Seit 2021 läuft „Harry Potter und das verwunsche Kind“. Foto: Valentina Rössel

Bereits 2010 habe es viel freie Fläche auf dem Großmarkt gegeben: „Der Großmarkt war nicht ausgelastet und so ist nach zweijähriger Bauzeit 2015 das Mehr! Theater dort eingezogen“, erzählt Köhler. Mit Platz für 3500 Personen ist es das größte Theater Hamburgs. Seit Dezember 2021 läuft hier auf dem Großmarkt „Harry Potter und das verwunsche Kind“. Wenn die Gäste abends das Theater nach der fast sechsstündigen Vorführung verlassen, bedeutet das für viele Mitarbeiter*innen auf dem Großmarkt Arbeitsbeginn.

Hinweis zu Führungen über den Hamburger Großmarkt: Seit vier Jahren werden nächtliche Führungen über den Markt angeboten. Besucherinnen können zwei Stunden lang gemeinsam mit Joachim Köhler über den Großmarkt laufen. Die Führungen beginnen um sechs Uhr früh. Auch Gruppenanmeldungen sind möglich.

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Das Leben von Valentina Rössel, Jahrgang 1998, läuft in der Regel nach Plan. Für Abwechslung sorgen gelegentliche Abenteuer. Die 23-Jährige probiert gerne Neues: schläft im Outback am Lagerfeuer, reitet Wellen auf Bali, knuspert in Mexiko Heuschrecken. In Norddeutschland geboren, in Köln aufgewachsen, war Valentina schon immer klar, dass sie einmal in Hamburg landen wird. Ihre erste Station war die Pressestelle im Hamburger Rathaus. Dort hat sie als Praktikantin den Ersten Bürgermeister auf Pressetermine begleitet und Social-Media-Posts für den Senat erstellt. Zuvor studierte sie Sprache und Kommunikation in der globalisierten Mediengesellschaft kombiniert mit Medienwissenschaft in Bonn. Die Frage: „Wie viele Heuschrecken kannst du essen?“ war zwar nicht prüfungsrelevant, ihren Bachelor hat sie trotzdem gut bestanden. Kürzel: var

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