Drei Stunden, 50 Songs, ein Erfolg: Lin-Manuel Mirandas „Hamilton“ feiert Deutschlandpremiere in Hamburg. Ob Alexander Hamilton & Co. mit der englischen Version mithalten können? FINK.HAMBURG hat sich das Musical angeschaut!

Von Caroline Fechner und Stine Schumacher

Nach drei Jahre langer Übersetzungsphase präsentiert der US-amerikanische Schauspieler, Komponist, Songwriter und Rapper Lin-Manuel Miranda in Zusammenarbeit mit Kevin Schroeder und Sera Finale sein Werk auf Deutsch. Erstmals wird das Erfolgsmusical vom Broadway nicht auf Englisch aufgeführt. Die Verantwortung ist groß: Viele Musicalliebhaber*innen sind gespannt, ob die Lieder überhaupt auf Deutsch funktionieren. Ob sie vor Freude oder doch aus Wehmut weinen müssen? Eine „Hamilton“-Kennerin und eine Unkundige der FINK.HAMBURG-Redaktion waren bei der Deutschlandpremiere dabei! 

Die Revolution beginnt!

„Hamilton“ ist eine Geschichte über Alexander Hamilton, einen der Gründerväter der USA. Mit einer eleganten Mischung aus Humor und Ernsthaftigkeit schafft Lin-Manuel Miranda ein sehenswertes Musical. Er nimmt die Zuschauer*innen mit auf eine Reise in das 17. Jahrhundert, bringt sie zum Lachen und lässt sie über drei Stunden und zwei Akte mitfiebern. 

Schauspielkunst bis ins Detail

Mit den fantastischen Choreographien erwecken die Darsteller*innen der deutschen Version von „Hamilton“ die Geschichte zum Leben. In einheitlichen Kostümen tanzen die Darsteller*innen immer wieder beeindruckend synchron über die Bühne. Das trägt die einzelnen Szene, ohne aus der Geschichte rauszureißen.

Der Cast wurde nach dem Motto „keine Regeln und Tabus“ ausgewählt. So wurden die Rollen sehr divers besetzt und die – salopp gesagt – weiße Geschichte der Gründung von Amerika elegant in die heutige Moderne versetzt. Da auch schon die Originalbesetzung des Broadway-Musicals sehr divers aufgestellt war, wird es die „Hamilton“-Begeisterten freuen, dass es in Deutschland ebenso umgesetzt wurde.

Auch von den Stimmen können „Hamilton“-Neulinge und Kenner nur begeistert sein: Die Stimmfarben der Darsteller*innen ist so unglaublich ähnlich zu der Originalbesetzung, dass einem glatt entfällt, dass die deutsche Übersetzung nicht das Original ist.

Benet Monteiro verkörpert als Alexander Hamilton eine überzeugende und authentische Hauptfigur. Sein Ehrgeiz und seine Sturheit reißen das Publikum mit.

Besonders viel Applaus erntete King George, gespielt von Jan Kersjes. Sobald er die Bühne betritt, ist die Stimmung ausgelassen: Das Publikum feiert seinen Humor und die Art, wie er seine Figur verkörpert. Stolzierend nimmt er die gesamte Bühne ein, obwohl er meistens solo auftritt. Dabei erzählt er von seiner Liebe zur Monarchie, die gestürzt werden soll. Er ist sich jedoch sicher, dass er selbst vermisst werden würde.

Für eine rasante Wendung der Stimmung sorgen die Schuyler Schwestern Eliza (Ivy Quainoo), Angelica (Chasity Crisp) und Peggy (Mae Ann Jorolan). Mit ihren starken Stimmen ziehen sie das Publikum sofort in den Bann. Mit ihrem Auftritt wird es emotional.

Aufregend einfaches Bühnenbild 

Das Bühnenbild ist sehr einfach gehalten. Dreh- und Angelpunkt: Auf dem Boden der Bühne befindet sich eine Drehscheibe. Während Darsteller*innen in ihrer Bewegung einfrieren, bringt die Drehscheibe Bewegung in das Bühnenbild. Einfach, aber sehr effektvoll.

Viel mehr als ein paar Tische, Stühle, Lampen und Treppen braucht es nicht, um Zuschauer*innen in den Bann zu ziehen. Einfache Handlungen schaffen plötzlich Räume, die vorher gar nicht da gewesen sind: Aaron Burr (Gino Emnes) schlägt einen Bogen und es wird sofort deutlich, dass er das Büro von George Washington (Charles Simmons) betritt. 

Besonders auch das Zusammenspiel von Lichteffekten und Sound sorgt für ein beeindruckendes Musicalerlebnis. Das Timing ist perfekt, als sich King George sich auf seinen Stuhl setzt und gleichzeitig die Musik und das Licht abrupt aus gehen. 

… und das auf Deutsch?

Revolutionär ist auch die Übersetzung. Musical-Liebhaber*innen, die schon mit der Originalversion vertraut sind, mögen hier etwas stutzig werden: Funktionieren die Songs überhaupt auf Deutsch? Die Antwort ist ganz klar ja. Die Übersetzung des Stückes ist so gut gelungen, dass weder Inhalt noch Witz verloren gehen. Auch die Wortwahl und der Satzbau der Lieder sind wirklich nah an dem Original, sie lassen das Publikum staunen.

Trotzdem lässt es das Publikum schmunzeln, als aus dem englischen „Satistfaction“ das deutsche Wort „Satisfaktion“ wird, das im Duden als durchschnittlich selten verwendet markiert ist. Einige Wörter wurden sogar auf Englisch gelassen. Für die jüngeren Zuschauer wird das kein Problem sein, die ältere Generation könnte das vielleicht nicht verstehen. Es handelt sich hierbei jedoch um eher unwichtige Wörter (meist kurze Ausrufe der Darsteller*innen), dass es das Verständnis des Stückes nicht beeinflusst.

Wegen der sprachlichen Anpassung werden stellenweise Wörter sehr schnell gesungen: 25.000 Worte, teilweise sogar 144 pro Minute. Die Sätze sind dadurch – vor allem für Zuschauer*innen, die noch nicht mit dem Musical vertraut sind – teilweise unverständlich. Sie müssen jedoch keine Angst davor haben, die Handlung nicht zu verstehen: Die Inszenierung sorgt dafür, dass sie der Geschichte problemlos folgen können. 

„Hamilton“-Liebhaber und Neulinge kommen auf ihre Kosten

Treuen Fans kann die Angst und Neulingen die Skepsis genommen werden: „Hamilton“ ist absolut gelungen! Hamburg hat seinen „Schuss“ genutzt und ein Musical kreiert, das mit der englischen Originalfassung absolut mithalten kann. Die Besetzung, das Bühnenbild, Licht und Ton sowie die Übersetzung konnte durchgehend überzeugen. Und wer sich unsicher ist, ob ein Musical über einen Gründungsvater der USA überhaupt unterhaltsam sein kann: Seht es selbst. Die FINK.HAMBURG-Redaktion beantwortet diese Frage mit einem eindeutigen ja!

Am 8. Oktober feierte „Hamilton“ im Stage Operettenhaus in Hamburg Premiere. Das Musical wird voraussichtlich bis zum 29. September 2023 zu sehen sein.

Vorheriger ArtikelFinken an Bord bei der Filmfest-Hafenrundfahrt
Nächster ArtikelGendern: Warum überhaupt?
Stine „die Maschine“ Schumacher hat ihren Spitznamen durch ihre hervorragenden Reflexe im Tor bekommen. Seit zwölf Jahren spielt sie Fußball, verlagerte ihre Karriere dann aber doch lieber in die Öffentlichkeitsarbeit von Eintracht Braunschweig. In der Abteilung absolvierte sie im Rahmen ihres Bachelorstudiums Kommunikationsmanagement ein Praktikum. Aber Fußball ist nicht ihre einzige Leidenschaft: Die 1999 geborene Harsefelderin ging nach dem Abitur als Au Pair nach Italien – auch um ihrem Lieblingssänger Eros Ramazzotti etwas näher zu sein. Dort vertiefte sie ihr Interesse am Fotojournalismus. Bei der Orangenschlacht in Ivrea oder beim Kochen mit der Gastfamilie – immer war die Kamera dabei. Was kann Stine eigentlich nicht? Ganz einfach: lügen. Nicht mal zur Not. Kürzel: stm