Chris S. kennt Hamburg von einer Seite, die viele nicht sehen. Sieben Jahre lebte er auf der Straße. Heute führt er beim „Rundgang Nebenschauplätze“ von Hinz & Kunzt an Orte, die damals für ihn überlebenswichtig waren.

Koffer rattern über den Boden. Der Wind zieht biestig durch eine Straße am Hamburger Hauptbahnhof. Vor der Zentralbibliothek sitzen ein paar Menschen auf Bänken. Es werden immer mehr. Bald stehen zwanzig zusammen. Vor ihnen sitzt Chris S.*. Neben ihm sein Hund Struppi. Chris und Struppi – das klingt ja fast wie „Tim und Struppi“ aus den berühmten Abenteuerromanen. Und auch dieses Paar hat Geschichten zu erzählen. Jedoch nicht von fernen Ländern, sondern von Nächten im Freien. Von Alkohol und Einsamkeit.

Chris war sieben Jahre obdachlos. Der 54-Jährige bringt heute als Stadtführer seine Gäste an Orte in Hamburg, die lange für ihn wichtig waren. Manchmal überlebenswichtig. Statt zur Elbphilharmonie geht es bei dieser Stadtführung zu Notunterkünften. Organisiert werden sie vom Straßenmagazin „Hinz & Kunzt“.

Chris sitzt mit seinem Hund Struppi auf einer Bank. Zwischen seinen Fingern hält er eine Zigarette.
Chris und Struppi vor der Zentralbibliothek. Foto: Franziska Schwarz

Chris zeigt Hamburg aus einer anderen Perspektive

Chris trägt eine schwarze Jacke über einem Hoodie, darunter blitzt ein blaues Schalke-T-Shirt hervor. Auf dem Kopf sitzt schief eine beigefarbene Kappe. Er trägt einen grauen Schnurrbart. Sein Gesicht hat viele Falten. Während er spricht, drehen seine Finger fast ununterbrochen eine Zigarette.

Das Format, dass ehemals obdachlose Menschen durch die Stadt führen, gibt es seit 25 Jahren. Chris ist seit zehn Jahren dabei. Die Gäste zahlen zwölf Euro, ermäßigt sieben. Jeden Sonntag findet der offene Rundgang statt. Unter der Woche können Gruppen die Führung buchen.

Was ist „Hinz & Kunzt“?

Das Sozialunternehmen aus Hamburg ist das auflagenstärkste Straßenmagazin Deutschlands. Ziel ist es, Menschen in Existenznot eine eigene Einnahmequelle und neue Perspektiven zu ermöglichen. Grundlage dafür ist das Vertriebsmodell des Magazins: Obdachlose kaufen das Magazin für 1,40 Euro und verkaufen es für 2,80 Euro weiter. Der Verkauf erfolgt an rund 700 Standorten in Hamburg und Umgebung, aktuell sind etwa 500 Verkäufer*innen aktiv.

Das Magazin erscheint monatlich mit einer Auflage von rund 45.000 Exemplaren und finanziert sich zu etwa einem Drittel aus Vertrieb und Anzeigen sowie zu zwei Drittel aus Spenden. Die meisten Mitarbeitenden haben selbst Obdachlosigkeit erlebt.

Der Wichernhof von außen.
Der Wichernhof in der Norderstraße. Foto: Franziska Schwarz

Die Route führt durch das Hamburger Münzviertel. Dass Chris zwischendurch stehenbleibt, und auf sein Handy schaut, ist nicht ungewöhnlich: Er platziert Sportwetten. Er ist Fußballfan. Seine Vereine: der FC Schalke und der FC St. Pauli. Dann geht es weiter.

Er erzählt vom Drob Inn, einer Beratungsstelle inklusive Drogenkonsumraum, in dem Abhängige Informationen, Gesellschaft und sauberes Besteck bekommen. Auch können sie Substanzen auf ihre Zusammensetzung überprüfen lassen. Danach geht es weiter in den Schultzweg und die Norderstraße. Dort zeigt Chris von außen den Wichernhof, in dem viele Sozialwohnungen liegen, und das „Herz As“, eine Tagesaufenthaltsstätte, in der Obdachlose kostenlos zu Mittag essen können.

Wohnungslos oder obdachlos?

Als wohnungslos gelten Menschen, die keine eigene Wohnung haben, aber in Unterkünften, Notquartieren oder bei Bekannten unterkommen. Obdachlos sind Menschen ohne jegliche Unterkunft, die dauerhaft auf der Straße leben.

Obdachlosigkeit in Hamburg

Laut dem Wohnungslosenbericht des Bundesministeriums für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen aus dem Jahr 2024 sind in Hamburg über 3700 Menschen obdachlos. Chris kennt viele davon. Das seien Menschen, die zuvor gearbeitet hätten, manche hätten sogar studiert, erzählt Chris. „Es kann jeden treffen“, sagt er.

Die häufigsten Ursachen für Obdachlosigkeit sind psychische Erkrankungen wie Depressionen oder substanzbezogene Störungen, etwa Alkohol- oder Drogensucht. Aber auch Schicksalsschläge wie eine Trennung, der Verlust des Jobs oder eine Krankheit können Menschen in die Obdachlosigkeit bringen, heißt es in der Studie „Zusammenhänge zwischen psychischen Erkrankungen und Wohnungslosigkeit“ aus dem Jahr 2022. Kommen dann finanzielle Probleme oder fehlende Unterstützung hinzu, werde es für viele immer schwieriger, wieder in ein geregeltes Leben zurückzufinden, erzählt Chris.

Wie schwierig das Leben auf der Straße ist, zeige sich auch im Alltag: Rund 30 Euro am Tag brauche ein Obdachloser allein für grundlegende Dinge wie Toiletten, Waschmöglichkeiten und Essen, so Chris. Gleichzeitig kritisiert er, wie wenig manche Menschen nachdenken, obwohl sie eigentlich helfen wollen. „Was soll ich mit eurem Brötchen, ich habe zweieinhalb Zähne“, sagt er. Was er meint: Menschen geben Essen oder Geld und sagen dazu, wofür es gedacht ist. Chris findet, dass Betroffene selbst wissen, was sie brauchen.

„Drei Flaschen Wodka am Tag“

Chris erzählt auch seine eigene Geschichte: Er wuchs in Wanne-Eickel im Heim auf. Er erzählt, dass er sexuellen Missbrauch erlebte. Mit 18 Jahren sei er auf sich allein gestellt gewesen, arbeitete zunächst als Dachdecker. Doch mit der Zeit habe der Alkohol überhandgenommen. „Drei Flaschen Wodka am Tag“, sagt Chris. Zweieinhalb Jahre arbeitete er trotz Obdachlosigkeit weiter, dann ging auch das nicht mehr.

„Irgendwann blieb nur noch betteln“, so Chris. Er versuchte in dieser Zeit seinen Humor nicht zu verlieren. Wenn er Passanten ansprach, zeigte er auf seinen Zopf und sagte, er habe „kein Geld, um zum Friseur zu gehen“. Trotzdem, es seien bittere Jahre gewesen. Mit bitteren Begegnungen. Ihm sei zwei Mal Abführmittel in den Kaffee gemischt worden, den ihm Menschen auf der Straße angeboten hätten, erzählt er.

Am 4. Oktober 1995 kam er schließlich zu „Hinz & Kunzt“. An das Datum erinnert er sich genau. An den Tag nicht. „Ich war betrunken“, sagt er. Er fing an, Zeitungen zu verkaufen. Das gab ihm etwas zurück, das ihm lange fehlte: Selbstwert. Statt zu betteln, bot er nun eine Leistung an. Er fand feste Verkaufsorte, arbeitete jahrelang in Itzehoe und lernte dort auch seine Partnerin kennen. Zehn Jahre waren sie zusammen, bis sie an Krebs starb – ein weiterer Einschnitt, durch den er, wie er selbst sagt, erneut depressiv geworden sei.

Trotzdem blieb etwas bestehen, das er sich mühsam aufgebaut hat: Struktur. „’Hinz & Kunzt’ hat mein Leben gerettet“, erzählt er rückblickend.

Chris’ heutiges „Spießerleben“

Die Gruppe steht vor dem Hinz & Kunzt-Haus.
„Hinz & Kunzt“ am Berliner Tor. Foto: Franziska Schwarz

An der Steinstraße steigt die Gruppe in die U-Bahn. Chris ruft irgendwann laut durch den Wagen: „Offener Stadtrundgang, nächste Station raus!“ Einige Fahrgäste schauen irritiert, andere lachen. Im Haus, in dem die Redaktion des Straßenmagazins liegt, haben die Teilnehmenden eine Stunde Zeit, in der sie mehr über Chris‘ Leben erfahren und Fragen stellen können. Für Chris ist das längst Alltag. Er arbeitet in Teilzeit, macht Öffentlichkeitsarbeit für „Hinz & Kunzt“ und führt die Rundgänge. Es reicht, um seine Kosten zu decken.

Dass er diesen Job heute macht, war die Idee eines Sozialarbeiters. Chris hatte Zweifel. Nach den ersten Führungen waren die aber schnell vergessen. „Das ist ein geiler Job“, sagt er heute. Seit 2010 lebt er mit Struppi in Wandsbek-Gartenstadt, in einer kleinen Wohnung im Grünen. Er nennt es ein „Spießerleben“.

Chris steht in der Küche im Hinz & Kunzt-Haus. Hinter ihm stehen viele Tassen. Er lächelt.
Chris beim Einschenken von Kaffee im Haus von „Hinz & Kunzt“. Foto: Franziska Schwarz

„Mit Chris ist es wie eine andere Welt“

Chris wünscht sich, dass Menschen die einfachen Dinge im Alltag, „ihr Nutellaglas“, wie er es nennt, nicht als selbstverständlich betrachten. Und dass sie sich trauen, ohne Scheu mit obdachlosen Menschen ins Gespräch zu kommen. Dass das funktioniert, zeigen seine Stadtführungen.

Der Teilnehmer Christoph Ernst steht im Hinz & Kunzt-Haus, hinter ihm hängt an der Wand ein Bücherregal.
Teilnehmer Christoph Ernst. Foto: Franziska Schwarz
Die Teilnehmern Anita Eckhardt steht im Hinz & Kunzt-Haus. Sie lehnt sich an einen Tisch.
Teilnehmerin Anita Eckhardt. Foto: Franziska Schwarz

Die Teilnehmerin Anita Eckhardt, 45, erzählt, sie möchte bewusster hingucken und mehr darüber erfahren, wie eine Stadt mit Menschen umgeht, die Hilfe brauchen. Christoph Ernst spricht von einem Perspektivwechsel: Der 45-Jährige kenne Hamburg gut, laufe oft durch diese Straßen. „Aber mit Chris ist es wie eine andere Welt“, sagt er.

Draußen rauscht der Verkehr weiter, Koffer rollen über den Asphalt, Menschen hasten vorbei. Doch für die, die mit Chris ein Stück gegangen sind, hat sich etwas verschoben. Der Bahnhof ist nicht mehr nur ein Zwischenstopp. Und die Parkbank nicht mehr nur ein Ort zum Sitzen. Chris steht vor der Gruppe, Struppi an seiner Seite, und grinst. „Steh auf, wenn du Schalker bist!“ Sein Lebensmotto, sagt er. „Und das mache ich jeden Tag.“

*der volle Name ist der Redaktion bekannt.

Franziska Schwarz

Franziska Schwarz, geboren 2003 in Bamberg, interessiert das, was Menschen nahe geht. Damit ist nicht ihr ungewollter Auftritt auf einem Selfie von Markus Söder gemeint – da ist sie auf einem Volksfest in Passau so reingerutscht – sondern das, worüber niemand gern spricht: In einer BR-Reportage hat sie über den Alltag in einem Tageshospiz berichtet, für ihren Beitrag “Wenn junge Eltern sterben müssen”, den sie während ihres Journalistik- und PR-Studiums produzierte, gewann sie einen Uni-Preis. In einem Podcast namens “Blank” behandelte sie unter anderem Tabuthemen wie Einsamkeit. In Zukunft würde sie gerne auch mal etwas Leichteres machen: Mensa-Memes zum Beispiel. Kürzel: fan

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