Das HausDrei ist ein Ort des Zusammenkommens in Altona und bietet niedrigschwellige Kulturangebote für Groß und Klein an – ist aber unterfinanziert. Dabei ist Jugendarbeit Prävention – und spart letztlich Geld. 

Wenn man im Augustus Lütgens Park in Altona das gelbe, zweistöckige Backsteingebäude umrundet, gelangt man auf einen Platz, auf dem Leute auf Holzstühlen ihren Kaffee genießen, rauchen und quatschen. Kinder spielen auf einem Sportplatz. Die Kleinen klettern ganz nach oben auf das über zwei Meter große Gerüst, Bälle knallen auf den Sportplatz. Es riecht nach Erde, große Kastanienbäume stehen auf dem Platz.

Das ist das Gelände des HausDrei – oder die Villa Kunterbunt von Altona. So nennt Mone, eigentlich Simone Seidel, 35 und Pressesprecherin des Kulturzentrums, das Haus. Das HausDrei ist ein Sozialhaus, das viele kostenfreie Events wie Nachbarschaftstreffen, Flohmärkte und Beratungsangebote für Kinder anbietet. Als Träger der offenen Kinder- und Jugendhilfe (OKJA) wird es durch Förder- und Drittmittel sowie durch Spenden finanziert.

Das HausDrei vom Augustus-Lütgens-Park aus.
Das Kulturzentrum von Altona – das HausDrei – vom Augustus-Lütgens-Park aus.

Das Gebäude war früher ein Krankenhaus, davon merkt man aber nichts mehr: Es riecht nicht nach Desinfektionsmittel, sondern nach frischer Luft, die durch die großen Fenster vom Platz nach innen in den Besprechungsraum dringt. Es ist ein kleiner Raum mit hohen Decken und hohen Fenstern. In der Mitte des Zimmers steht ein großer, ovaler Tisch. Daneben befindet sich eine Tafel, auf der ein Blumenstrauß in einer Vase gemalt ist – das Ebenbild eines Blumenstraußes, der gegenüber auf einem kleinen Tisch in der Ecke steht.

Simone Seidel und Kristina Timmermann stehen vor dem HausDrei.
Simone Seidel (links), die Pressesprecherin des HausDrei, und Kristina Timmermann (rechts), verantwortlich für Kulturveranstaltungen, vor dem HausDrei. Foto: Anna Hillmann

„Ich bin Kristina, ich bin im November schon zehn Jahre hier.“ Kristina, 37, lacht. Sie organisiert die Kulturveranstaltungen im HausDrei. Ihr ist es wichtig, dass jede*r Kultur erleben kann und das Haus für die Menschen aus dem Stadtteil zu öffnen. Für Mone ist HausDrei auch ein Ort der Möglichkeiten. Man kann sich selbst einbringen, selbst kreieren, teilhaben. Rund 80.000 Besucher*innen kommen im Jahr. Das Haus bekommt zwei große Förderungen: eine für den Kinder- und Jugendbereich und eine für den Stadtteilkulturbereich.

Eine 23-Jährige aus der Nachbarschaft erzählt, dass Menschen beim HausDrei über Aktivitäten zusammenkommen: Menschen, die sich sonst nicht treffen würden, lernen sich kennen und merken, „dass wir als Gesellschaft immer viel mehr Gemeinsamkeiten haben, als man manchmal denkt.“

Kürzungen bei der Arbeit mit Kindern

Was auf dem Platz sofort auffällt, ist das weiße Plakat, das über dem Gebäude gespannt ist. Darauf steht: „Keine Kürzungen in der offenen Kinder- und Jugendarbeit!“, daneben in bunter Schrift Begriffe wie Theater, Spaß, Mädchentreff und Spielen. Dass das HausDrei von Kürzungen im Kinderbereich betroffen ist, erzählt auch Marco Wiesmann, 54 und Leiter des Kinderbereichs. Im HausDrei bietet er jeden Tag ein Programm für Kinder bis 12 Jahren an.

Der Kindertreff im HausDrei. Es ist ein Spielplatz draußen, über dem ein gelbes Schild mit "Kindertreff" hängt.
Der Kindertreff vom HausDrei. Foto: Anna Hillmann

Es sind über die Jahre weniger Teilnehmende geworden, erzählt er und schaut durch das Fenster nach draußen zu den Kindern. Er runzelt die Stirn. Die Gründe dafür weiß er nicht. Vielleicht weil es aufgrund der Kürzungen kein permanentes Angebot mehr gibt. „Man muss regelmäßig da sein“, sagt er. Seit Mitte März des Jahres bleibt montags der offene Kinderbereich geschlossen. Mittwochs und donnerstags findet er noch statt, aber wie lange noch, weiß Marco nicht. Auch das Samstags-Kletterangebot und das Boxtraining der Jugendsozialarbeit mittwochs mussten gestrichen werden.

Warum? Weil die Zuwendung für die Offene Kinder- und Jugendarbeit (OKJA) durch das Jugendamt nicht ausreicht. Die Förderung der Jugendhilfe konnte 2026 zwar laut dem Bezirksamt Altona um etwa zwei Prozent je Einrichtung erhöht werden. Gleichzeitig gibt das Bezirksamt zu, „dass der Förderbedarf durch gestiegene Personalkosten, steigende Miet- und Energiekosten, etc. höher ist.“ Christine Laufert, die Geschäftsleitung des HausDrei sagt: „Das trifft die OKJA besonders hart, weil in diesem Bereich die Zuwendungen und Personalausstattung seit Jahren sehr knapp bemessen sind, das betrifft das ganze System und damit auch viele andere Träger. Das ist so nicht tragbar.“

Auf die Frage, warum der Etat so angesetzt ist, antwortete die Pressestelle der Behörde für Schule und Bildung lediglich: „Die Entscheidung über die Höhe einzelner Zuwendungen erfolgt vor dem Ziel einer größtmöglichen Sicherstellung der Versorgung für Kinder und Jugendliche in Hamburg durch Sicherung der Grundversorgung, Erhalt bewährter Strukturen sowie der gezielten Förderung in Bereichen mit besonderem Bedarf unter Abwägung einer Vielzahl von Kriterien (z.B. Dringlichkeit und Notwendigkeit des jeweiligen Angebots, Wirkung und Reichweite, vorhandene Eigen- und Drittmittel).“ Das Bezirksamt Altona antwortet, die Mittel würden lediglich an die Einrichtungen weitergeleitet.

Was bedeutet das für die Menschen?

Was das Schließen des Kinderbereichs für die Menschen bedeutet? Marco atmet scharf ein. Den Kindern fehle jetzt die Regelmäßigkeit, da ein Tag gestrichen wurde. Marco musste außerdem die Stunden der Honorarkräfte kürzen. Wie es ihm damit geht? „Nicht gut“, sein Blick verändert sich, seine Stimme wird dünner. Was Marco sich von der Politik wünscht? „Mehr Wertschätzung für präventive Arbeit.“ Durch Prävention spart der deutsche Staat sogar: Der deutschen Traumafolgekostenstudie von 2012 zufolge kosten Deutschland die Folgen von Kindesmisshandlung und -vernachlässigung jährlich circa elf Milliarden Euro. Auf die Bürger*innen hochgerechnet sind das jährlich 134,54 Euro pro Kopf.

Ob die Programmkürzungen auch den Kulturbereich betreffen werden? „Im institutionellen Bereich der Kulturförderung gibt es erstmal keine Kürzungen, aber die Erhöhungen sind auch nicht genug“, sagt Kristina.

Niedrigschwellige Angebote

Singende Leute beim Mitmachchor. Die Leiterin Sasa Jansen ist in der Mitte auf der Veranda des HausDrei.
Der Mitmachchor mit Sasa. Foto: Anna Hillmann

Eins der Angebote ist der Mitmachchor mit Sasa. Er findet auf dem offenen Platz statt, deswegen kann jede*r vorbeikommen und auch wieder gehen. Das erzählt auch ein Besucher des Chors: „Ich war bezogen auf das Singen unsicher und für mich war das ein total niedrigschwelliges Angebot.“ Andere Teilnehmende um die 30 schätzen, dass es ein Ort ist, der Nachbar*innen verbindet und kostenlose Veranstaltungen anbietet.

Von dieser Art des Zusammenkommens erzählt auch Mone: kürzlich hat sie mit Menschen hier Tischtennis gespielt. „Die Begegnung hat mich total belebt, besser als jeder Kaffee.“ Kristina erzählt: „Wir kriegen auch Rückmeldungen von Menschen, die sagen, das ist mein zweites Zuhause.“

Zum Beispiel Carla (Name geändert). Sie ist 33 und psychisch krank. Jeden Tag kommt sie ins HausDrei. Während des Singens mit Sasa ist Carla bei Kristina eingehakt. Kristina hilft ihr aus, als ich frage, wie oft Carla kommt: „Du kommst auch immer zum Frühstück her.“ „Kristina hilft mir immer“, sagt Carla und legt ihren Kopf auf Kristinas Schulter. Im Mai zieht Carla nach Bergedorf; aber zum HausDrei will sie immer noch kommen. Am liebsten jeden Tag.

„Bücher sind nicht immer besser als ihre Verfilmungen, aber oft”, sagt Anna Hillmann, Jahrgang 2002. In ihrem Geburtsort Lüneburg hat sie im Rahmen ihres Studiums der Kulturwissenschaften schon Filmszenen neu verfilmt, ihre Bachelorarbeit schrieb sie zum Thema BookTok. Für die Leuphana entwickelte Anna Memes und andere Formate für Instagram. Nach dem Bachelor absolvierte sie Praktika im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit in einer Werbeagentur in Hannover und im Lüneburger Literaturbüro. In ihrer Freizeit tanzt Anna gern, am liebsten zu Afrobeats. Bücher und Filme haben einen hohen Stellenwert in ihrem Leben: Jedes Jahr im Herbst sieht sie „Gossip Girl”, einmal pro Jahr liest sie „Rubinrot” von Kerstin Gier. Das Buch ist besser als der Film, findet Anna. Kürzel: ahi

Hinterlasse einen Kommentar

Please enter your comment!
Please enter your name here