Alle raus aus der Kirche! Zweimal ist der Michel schon abgebrannt. Nun wurde zum ersten Mal geprobt, wie schnell die Kirche im Ernstfall geräumt ist. Rund 1500 Freiwillige halfen bei der Evakuierungsübung.

Kraftvolle Orgelklänge erfüllen die Hauptkirche St. Michaelis. Rund 1500 Besucher*innen lauschen dem Konzert, darunter Kinder und Rentner*innen. Plötzlich stoppt der Organist. Sirenen ertönen. “Verlassen Sie die Kirche ruhig und ohne Panik”, heißt es. Reihen werden gebildet. Zum ersten Mal in der Geschichte des Michels findet eine Evakuierungsübung statt – und 1500 freiwillige Helfer*innen sind dabei.

Üben für den Ernstfall

Ob Gottesdienst, Orgel- oder Chorkonzert – der Hamburger Michel zieht als Hamburgs Hauptkirche große Besuchermengen an. “Regelmäßig sitzen Tausende Menschen in der Kirche”, sagt Marc Fahning, Leiter der Übung. Tatsächlich ist der Michel schon zweimal abgebrannt: 1750 und 1906.

Deshalb rief das zuständige Kirchenteam zur Teilnahme an einer Evakuierungsübung am 20. Juni auf. Ziel war es, möglichst realistisch zu proben, wie Besucher*innen unverletzt und ohne Panik so schnell wie möglich aus der Kirche herauskommen. Gesucht wurden auch Menschen, die einen Rollstuhl nutzen.

Der Orgelspieler spielt im Michel, Polizei sitzt auf den Rängen.
Bevor die Sirene ertönte, gab Magne H. Draagen ein Orgelkonzert. Foto: Lisann Leopold

Die Nachfrage war groß: Die Tickets zur Übung waren schnell vergriffen. Ebenfalls vor Ort waren Anweiser*innen, die den Weg nach draußen gezeigt haben, Vertreter der Feuerwehr und eine große Gruppe angehender Polizist*innen. “Die Teilnahme der Polizeiakademie sei ursprünglich nicht geplant gewesen, aber sie hätte aus eigenem Antrieb an der Übung teilgenommen”, sagt Fahning.

Evakuierung in drei Minuten

Vor dem Michel stehen Menschen für Limonade und Gebäck an.
Vor dem Michel stehen Menschen für Limonade und Gebäck an. Foto: Lisann Leopold

Zurück zur Übung: Auf der Hochempore wacht ein kleines Mädchen durch den Alarm auf. Ihr Vater trägt sie und ihr Kuscheltier in Richtung Ausgang. Die Besucher*innen bewegen sich schnell aber geordnet nach draußen. Menschen im Rollstuhl werden durch den mittleren Gang zum barrierefreien Ausgang geschoben. Kurze Zeit später sind die Sirenen verstummt. Alle Teilnehmer*innen stehen auf dem Kirchenvorplatz. Die Stimmung ist gut. Es gibt Limonade und Gebäck. Im Ernstfall sähe das vermutlich anders aus – da würden die Besucher*innen beispielsweise versuchen, dem Rauch zu entkommen und von Rettungskräften versorgt werden. 

Fahning steht vor dem Michel und beobachtet das Geschehen. Er ist erleichtert. Nach wochenlanger Planung hat alles gut geklappt. “Wir haben in drei Minuten die Kirche leerbekommen”, sagt er. “Viel schneller als erwartet.“ Auch die Menschen, die zum Zeitpunkt des Alarms hoch oben auf dem Turm waren, wurden evakuiert. Das habe etwa sechs Minuten gedauert, so Fahning.

Im Notfall dauert es länger

Schon eine Stunde vorher hatte ausgelassene Stimmung im Saal geherrscht, während Fahning in seiner Eröffnungsrede den Ablauf erklärte. Er wies die Studierenden und Auszubildenden der Polizei darauf hin, dass sie auf den Rängen des Chors sitzen. „Ich hoffe, Sie sind gut vorbereitet“, sagte er und das Publikum lachte. Nervosität war nicht zu spüren.

„Man muss natürlich noch Zeit obendraufrechnen, weil jetzt alle wussten, was passiert“, sagt Fahning. Sollte ein Ernstfall eintreten, würden Überraschung und Panik eine zusätzliche Rolle spielen. Dadurch könnten die Abläufe der Evakuierung mehr Zeit in Anspruch nehmen.

Auswertung der Evakuierungsübung

Marc Fahning, Leiter der Evakuierungsübung im Michel.
Marc Fahning, Leiter der Evakuierungsübung, im Michel. Foto: Lisann Leopold

Um die Übung auszuwerten, nutzt das Team der St. Michaelis Kirche mehrere Analysemittel: Eine 360-Grad-Kamera ist an einem langen Stahlseil befestigt, das senkrecht von der hohen Decke hängt. Mehrere neutrale Beobachter*innen sitzen mit gelben Warnwesten in der Menge verteilt. Ein QR-Code auf der Rückseite des Programmheftes weist auf eine Online-Umfrage für alle Besucher*innen hin. Ein Feuerwehrmann steht auf dem Balkon der großen Orgel und blickt von dort auf die Menschen hinunter.

Nach der Auswertung sagt Michael Kutz, Geschäftsführer des Michels, dass die Übung gut verlaufen sei. Es habe nur an einzelnen Stellen kleine Staus gegeben. Hier müsse es künftig klare Anweisungen geben. Die Mitarbeitenden des Michels würden versuchen, aus der Probe möglichst viel zu lernen, um auf verschiedene Notfälle vorbereitet zu sein. Die Szenarien möchte ich hier gar nicht erst heraufbeschwören”, sagt Fahning abwinkend. Denn trotz gelungener Übung wünscht er sich natürlich, dass daraus nie Realität werden muss.   

Lisann Marie Leopold, geboren 2001 in Hamburg, wäre am liebsten die neue Stimme des HVV: „Ich hab richtig Lust zu sagen: nächste Haltestelle Landungsbrücken.“ Ihre Affinität zur Sprache konnte sie schon beim NDR in Lüneburg zeigen. An der Leuphana lernte sie im Studium der Kulturwissenschaften, gesellschaftliche Strukturen zu hinterfragen. Zum Beispiel, ob Männer bei Instagram lernen können, feministisch zu denken (eher nein). Für FINK schaut Lisann da hin, wo Journalismus oft nicht hinsieht: in die Lebensrealität von Menschen, die etwa von Armut oder Rassismus betroffen sind. Lernen will sie außerdem, Videoreportagen zu vertonen - und so schön zu sprechen wie die Stimme der U-Bahn. Kürzel: leo

Juli Husmann, geboren im Juli 2003, ist nach einer berühmten Schriftstellerin benannt und tatsächlich gerne ”unter Leuten”. Sie stammt aus dem Hamburger Treppenviertel und möchte auch beruflich aufsteigen. In Lüneburg studierte sie Digital Media und Wirtschaftspsychologie, ihr eigentliches Thema aber war schon vorher klar: Juli spielt Hockey, am Wochenende steht sie gern auf der Nordtribüne des Volksparkstadions. Gearbeitet hat sie schon für Sport1, Sky und den Sportteil der Mopo, für “Dein Spiegel” entwarf sie ein WM-Quiz. Beim Streamingdienst Dyn kommentiert sie Frauen-Hockey-Bundesligaspiele. Ihre eigene Profikarriere sieht sie heute eher auf der Pressetribüne als auf dem Feld. Kürzel: hus

Hinterlasse einen Kommentar

Please enter your comment!
Please enter your name here