Udo Lindenbergs Ausstellung „Panik City” auf der Reeperbahn hat ein Makeover bekommen. Information trifft auf Unterhaltung – ist da noch Platz für Kritik?   

Draußen ist es taghell, doch in der „Panik City”-Ausstellung auf der Reeperbahn wird es dunkel: Der Guide schließt die Tür. Die Zuschauenden sitzen gespannt im ersten Raum der Ausstellung über den Rockstar Udo Lindenberg. Während die Lichtsäule, die aus dem Flur durch den Schlitz scheint, immer schmaler wird, beginnt ein großer Bildschirm zu leuchten.  

Das Zimmer ist wie eine Raucherlounge eingerichtet: Dick gepolsterte, große Ledersessel und ein Sofa bieten dem Publikum komfortable Plätze. Passend zu der Einrichtung erscheint der Zigarre rauchende Udo Lindenberg auf der Leinwand. Die Zuschauenden sehen den Rockstar altern, große Shows spielen und tanzen. Der Rock n‘ Roll Lifestyle – Alkohol, über die Stränge schlagen, „eine gesunde Portion Narzissmus”, wie Udo in einem der Filmschnipsel sagt, kommt zur Sprache. Eine Erwartung wird erzeugt: Im nächsten Raum folgt kein stiller Museums-Rundgang, sondern Infotainment. Wie viel Platz lässt das für eine kritische Auseinandersetzung mit Rockstar-Problemen, wie beispielsweise Alkoholismus, zu denen sich Lindenberg in dem gezeigten Film selbst bekennt.   

Der Begriff „Infotainment” bezeichnet Darstellungsformen, in denen Unterhaltung und Informationen vermischt werden.  

Von Raum zu Raum in Panik City”

Im zweiten Raum erzählt Udo, der wieder auf dem Bildschirm zu sehen ist, aus seiner Kindheit und Jugend. Verschiedene Akteure aus dem Leben des jungen Rockstars, wie sein Manager, Nachbar, alte Freunde oder seine Schwester, treten auf. 

Der dritte Raum handelt von Udos Verhältnis zur DDR. Im vierten Raum können Besucher*innen „Ich mach mein Ding” singen. Im fünften Raum können die Zuschauer*innen auf Touchscreen-Tischen Udos Likör-Malerei nachmalen. Es gibt verschiedene seiner Motive als Ausmalbildchen. Im letzten Raum bekommt jede*r eine VR-Brille, um ein Konzert von Udo zu erleben. 

Panik City Ausstellung – In diesem Raum können Besucher Udos Lindenbergs Likörbilder nachzeichnen.
Lindenberg zeigt, wie er seine Likör-Bilder malt. Foto: Jelko Wronski

Alte Technik, neue Aufmachung

„Die Technik der Ausstellung läuft seit acht Jahren gut”, erzählt Florian Zimpe zufrieden. Er ist als Techniker von Anfang an dabei: „Ich kenne wirklich jedes Kabel hier.” In der „Panik City”-Ausstellung spielt die Technik eine besondere Rolle: Die Zuschauenden werden durch den Einsatz der Bildschirme und interaktiven Elemente geführt. Zimpe hat die Ausstellung mitaufgebaut und weiß, wie und warum die jeweilige Technik zum Einsatz kommt.  

Jetzt hat die Ausstellung ein „Upgrade” erhalten, wie Zimpe sagt. Der DDR-Raum wurde erneuert. Empfangen werden Besucher*innen von der Imitation eines Stasi-Offiziers, der erzürnt aus Akten über Lindenberg vorliest. Danach ist Udo in Erich Honeckers ehemaligem Büro zu sehen. Er hat die Schuhe ausgezogen und zeigt dem imposanten Schreibtisch den Mittelfinger. 

Panik City Ausstellung – Lindenbergs DDR-Geschichte auf Röhrenfernsehern
Im DDR-Raum werden Ausschnitte aus Lindenbergs Vergangenheit auf Röhrenfernsehern gezeigt. Foto: Jelko Wronski

Ein paar Schritte weiter wird auf Bildschirmen, die wie alte Röhrenfernseher aussehen, erzählt, wie Udo eine Show in der DDR spielte. In der linken Ecke steht ein goldener Trabi. Er ist dem Trabi nachempfunden, den Lindenberg 1996 zu seinem 50. Geburtstag geschenkt bekam. Das Ende der DDR wird auf der zum Bildschirm umgebauten Windschutzscheibe des Autos gezeigt. Das Besondere an der Ausstellung sei, dass die Technik in das Design der Ausstellung integriert ist, sagt Zimpe.  

Mehr Technik, weniger Persönlichkeit

Auch der Ablauf der Touren wurde geändert. Die Umstellung bewirkt vor allem eines: mehr Einsatz von Technik und weniger Einsatz der Guides. Zwischen den Räumen gibt es eine kleine Überleitung, auch für Fragen stehen die Guides zur Verfügung, der Rundgang sieht das aber nicht zwingend vor.  

Das wird von allen akzeptiert, manchen Guides „blute aber das Herz”, erzählt Alexandra Bensien. Sie steht heute hinter dem Empfang, ist seit einem Jahr im Museum tätig und weiß, wie wichtig der persönliche Kontakt vielen ihrer Kolleg*innen ist. Statt Erzählungen gibt es in jedem Raum Bildschirme. Udo ist dort zu sehen. Er erzählt von sich oder erklärt die interaktiven Elemente – ein automatisierter Rundgang. Das Museum könnte, solange die Technik funktioniert, rund um die Uhr laufen. Lediglich vor dem letzten Raum bekommen die Besucher*innen eine Einführung durch den Guide, der erklärt, wie die VR-Brillen funktionieren.  

Steht Entertainen über Informieren?

In diesem Raum wird Udo Lindenbergs Kindheit nacherzählt
In diesem Raum wird Udo Lindenbergs Kindheit nacherzählt. Foto: Jelko Wronski

Ob beim Malen am LED-Tisch oder mit VR-Brille im Konzert: Auf den Entertainment-Faktor wurde in der „Panik-City”-Ausstellung zweifellos geachtet. Doch es bleibt die Frage, ob die Freude an der Technik noch Raum für eine kritische Auseinandersetzung mit den Inhalten lässt. Schließlich stand Lindenberg in den Medien bereits mehrfach in der Kritik – früher wegen seines Alkoholkonsum, heute wegen alter, fragwürdiger Songtexte. 

In Liedern wie „Nina” (1976) oder „Lolita” (1991) singt Lindenberg von der Zuneigung zu Minderjährigen. In den vergangenen Jahren gab es immer wieder öffentliche Kritik an diesen Texten – etwa im „Spiegel” oder im „Deutschlandfunk“. Lindenberg selbst äußerte sich dazu nicht. In der Ausstellung sind die Songs kein Thema. 

„Unsere Ausstellung konzentriert sich kuratorisch auf die kulturell einflussreichsten und bedeutendsten, teils politischen, teils emotionalen Meilensteine”, schreibt Axel Strehlitz, Geschäftsführer der „Panik City” in einer Mail an FINK.HAMBURG. „Lieder wie „Nina” oder „Lolita” spielten in dieser Auswahl keine Rolle, da sie im Gesamtkatalog seines Werkes nicht die Relevanz besitzen.” 

Kritische Rückfragen zum Song „Nina”

An manchen Besucher*innen sind Lindenbergs Zeilen jedoch nicht unbemerkt vorbeigegangen. „Das war häufiger mal Thema. Wir sind auch von Gästen darauf angesprochen worden”, erzählt Gunnar Dettmer. Seit Eröffnung der Panik City ist er dort als Guide angestellt. 

Die kritischen Rückfragen zu Lindenberg nimmt er ernst, aber auch gelassen. „Das ist eine Provokation, die damals aber auch allgegenwärtig war”, sagt Dettmer. Er selbst sei großer Fan von Lindenberg. Die Sexualisierung Minderjähriger sei zwar ohne Frage „ein absolutes No-Go”, aber er ist sich sicher: „Udo würde solche Sachen heute nicht mehr schreiben. Seine Texte sind anders geworden, reifer.”  Dettmer hält es zwar durchaus für wichtig, solche Entwicklungen zu thematisieren. „Aber ich weiß nicht, ob das hier der richtige Rahmen ist”, sagt er. „Hier geht es mehr um den Entertainment-Faktor.” 

Panik City Ausstellung – Barraum
Im Barraum können Gäste Udos Malereien auf Bildschirmen nachzeichnen. Foto: Jelko Wronski

Strehlitz: Die Sucht ist ein zentrales Element”

Im Gegensatz zu den fragwürdigen Songtexten, ist der übermäßige Alkoholkonsum von Lindenberg in der Ausstellung durchaus ein Thema. Schon im Eröffnungsfilm werden alte Schlagzeilen eingeblendet, die das Trinkverhalten des Musikers kritisieren. Die Sucht ist damit ein zentrales Element, da wir den Menschen Udo Lindenberg in seiner ganzen Komplexität zeigen, ohne etwas zu beschönigen”, sagt Geschäftsführer Strehlitz. 

Trotzdem wird vier Räume später mit Likörfarben gemalt – Lindenberg macht es auf einem Bildschirm vor, während er genüsslich an seinem Cocktail nippt. Daher ist es nicht verwunderlich, dass es auch zum Abschluss der Ausstellung einen Schluck Eierlikör für die Besucher*innen gibt. 

„Das ist dieser Rock’n’Roll-Lifestyle, den Udo früher verkörpert hat und den er immer noch irgendwie verkörpert”, erklärt Dettmer. Ein Drink in der Hand gehöre einfach zu dem Bild des Rockstars, „wie Udos Zigarre, sein Hut und seine Sonnenbrille.” 

Juli Husmann, geboren im Juli 2003, ist nach einer berühmten Schriftstellerin benannt und tatsächlich gerne ”unter Leuten”. Sie stammt aus dem Hamburger Treppenviertel und möchte auch beruflich aufsteigen. In Lüneburg studierte sie Digital Media und Wirtschaftspsychologie, ihr eigentliches Thema aber war schon vorher klar: Juli spielt Hockey, am Wochenende steht sie gern auf der Nordtribüne des Volksparkstadions. Gearbeitet hat sie schon für Sport1, Sky und den Sportteil der Mopo, für “Dein Spiegel” entwarf sie ein WM-Quiz. Beim Streamingdienst Dyn kommentiert sie Frauen-Hockey-Bundesligaspiele. Ihre eigene Profikarriere sieht sie heute eher auf der Pressetribüne als auf dem Feld. Kürzel: hus

Vor Jelko Wronski, Jahrgang 2001, sollte man lieber nicht zu langsam gehen. Der gebürtige Oldenburger hat neben 40 Schuh-Paaren eine ausgeprägte Antipathie – und zwar gegen alle die auf dem Gehweg schleichen. Als Autor von Gedichten und Kurzgeschichten, ob über ein Alien auf einer Hausparty oder zwei verliebte Spielzeugfiguren, steht Jelko für Spannung und Tempo. Bei “Brigitte” (Gruner + Jahr) hat er ein Praxissemester gemacht und später als Werkstudent gearbeitet. Für sein Journalistik-Studium in Hannover führte er Interviews mit einer Sekte oder ging ans eigene Limit für einen 24-Stunden-Dreh beim Technokollektiv. Auch für seine Beiträge gilt: Jelko mag keinen Stillstand.
Kürzel: ski

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