
Wer Psychotherapeut werden möchte, hat einen langen Weg vor sich. Ein neues Gesetz hat diesen verändert. Angehende Hamburger Therapeuten, Ausbildungsinstitute und Verbände sind mit der Umsetzung unzufrieden – sie fordern Klarheit und mehr Unterstützung.
Abitur, Bachelor, Master, Ausbildung – der klassische Weg, um eines Tages als Psychotherapeut*in Menschen helfen zu dürfen. Hart war der Weg schon immer, doch seit September 2020 gibt es eine Änderung: Das neue Psychotherapeutengesetz trat bundesweit in Kraft. Seitdem hat sich der Weg in den Beruf für Studierende und angehende Psychotherapeut*innen grundlegend verändert. Inhalte des Studiums wurden aktualisiert und die Psychotherapeutenausbildung, die sich an den Master anschließt, wurde durch eine neue Weiterbildung ersetzt. So sollen Psychotherapeut*innen in Weiterbildung beispielsweise fair bezahlt werden können.
Vor fünf Jahren ist das neue Gesetz in Kraft getreten, genau die Zeit, die Studierende regulär für Bachelor und Master brauchen. Somit wurden nun auch die ersten Plätze für die neue Weiterbildung vergeben.
Isabelle Irnstorfer ist eine der Absolvent*innen, die sich durch diese Änderungen seit der Reform durchkämpfen muss. Sie ist 25 und hat im vergangenen Sommer ihren Masterabschluss mit der Fachrichtung Klinische Psychologie und Psychotherapie in Hamburg gemacht. Obwohl sie noch im Bachelor in das neue Weiterbildungssystem gewechselt ist, macht sie heute doch die alte, an das Studium anschließende Ausbildung als PiA (Psychotherapeutin in Ausbildung). Sie muss also Ausbildungsinhalte und Selbsterfahrung, also die psychotherapeutische Betreuung der Auszubildenden, selbst bezahlen.
Lieber Klarheit als finanzielle Sicherheit
Doch warum hat sie sich dafür entschieden? Ihre Wunschfachrichtung, Tiefenpsychologie für Kinder und Jugendliche, sei als neue Weiterbildung damals nicht angeboten worden, sagt sie. Außerdem wollte sie nicht erneut einen Ausbildungsschritt absolvieren, der von Unsicherheit geprägt ist, weil sie Teil des ersten Jahrgangs ist. Auch wenn sie die Umsetzung nicht optimal findet, sagt sie: „Man weiß, was man kriegt.“
Die Umstellung von der alten Struktur der PiAs auf die, wie es nun nach dem Abschluss des Studiums heißt, Psychotherapeut*innen in Weiterbildung (PiW) sollte angehende Therapeut*innen entlasten. Erstmals werden sie während der Weiterbildung voll bezahlt, haben Anspruch auf Urlaub und Bezahlung im Krankheitsfall. Psychotherapeut*innen in Ausbildung mussten diese aus eigener Tasche bezahlen. Die Länge der Ausbildung variierte, je nach Fachrichtung und ob man seine Ausbildung in Teil- oder Vollzeit absolvierte, meist dauerte es aber drei bis fünf Jahre. Insgesamt mussten Psychotherapeut*innen in Ausbildung mit Ausbildungskosten um die 15.000 Euro rechnen, die Kosten für die Selbsterfahrung und Supervision noch nicht eingerechnet.
Die finanzielle Belastung wurde von vielen alten PiAs durch Nebenjobs ausgeglichen, wodurch sie am auszubildenden Institut nur in Teilzeit angestellt waren. „Das ist im alten System normal, dass man nebenbei irgendwo arbeitet, um das zu finanzieren“, so Irnstorfer. Sie selbst arbeitet vier Tage die Woche am Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) in der Kinder- und Jugendpsychiatrie, Seminare und andere Ausbildungsinhalte finden für sie meist nach der Arbeit statt, oft bis spät abends. Zeit für andere Hobbys bleibe da nicht: „Man muss es schon wirklich wollen, dass man das durchzieht, während man nicht mehr viel Freizeit hat.“
Erstmals Bezahlung während der Weiterbildung zur Psychotherapeut*in
Was hat sich noch geändert? Wer die neue Weiterbildung machen möchte und nach dem 01. September 2020 ein Bachelorstudium in Psychologie begonnen hat, muss im Anschluss den neuen Masterstudiengang Klinische Psychologie studieren. Mit dem „alten“ Bachelor geht das ohne Zusatzqualifikationen nicht. Eine weitere Neuheit: Am Ende des Klinischen Masters machen Studierende die erste Teilapprobation als Psychotherapeut*in. Vor dem neuen Gesetz konnte man erst nach der fertigen Ausbildung approbiert werden. Das bedeutet, bereits nach Abschluss des Masters darf man als Psychotherapeut*in arbeiten. Um über gesetzliche Krankenkassen abrechnen zu dürfen, müssen die Masterabsolvent*innen zusätzlich die Weiterbildung und eine Fachkundeprüfung machen.
Für die Studierenden und angehenden Psychotherapeut*innen steht jedoch die Bezahlung während der Ausbildung im Vordergrund. In den Weiterbildungsinstituten sollen sie praxisnah auf den Beruf vorbereitet werden. Bezahlt werden sollen die Psychotherapeut*innen in Weiterbildung für die von ihnen erbrachten Leistungen von den Krankenkassen. Wie genau das funktionieren soll und aus welchen Töpfen das Geld kommt, ist jedoch nicht geklärt. Diese Gesetzeslücke ist für die Zukunft der angehen Psychotherapeut*innen ein großes Problem.
„Hinsichtlich der auskömmlichen Finanzierung der Weiterbildung gibt es leider immer noch keine klaren gesetzlichen Regelungen“, schreibt Kirsten Maaß von der Psychotherapeutenkammer Hamburg auf Nachfrage von FINK.HAMBURG. Um alle Teile der Weiterbildung anbieten und den Psychotherapeut*innen in Weiterbildung ein angemessenes Gehalt zahlen zu können, würden die Weiterbildungsstätten eine zusätzliche finanzielle Förderung benötigen. Dafür sei eine gesetzliche Regelung nötig, so Maaß.
Umstellung läuft nur schwerfällig
Das Fundament für eine arbeitnehmerfreundliche Weiterbildung ist also geschaffen, die Umsetzung und Finanzierung in dem Gesetz aus dem Jahr 2020 allerdings nicht geregelt. Frustrierend für angehende Psychotherapeut*innen, aber vor allem auch für diejenigen, die diese weiterbilden sollen.
Institute und Praxen können bei der Psychotherapeutenkammer des jeweiligen Bundeslandes die Zulassung für die neue Weiterbildung beantragen. Mit der Umstellung zögern sie größtenteils aber aktuell offenbar noch. Die Frist für die Umstellung läuft allerdings 2032 aus, bis dahin müssen alle PiAs die alte Ausbildung beendet haben. Da die Ausbildung meist fünf Jahre dauert, heißt dies auch: Bald können die Institute keine Auszubildenden nach altem System annehmen.
Institute un Psychotherapeut*innen mit der Gesetzeseinführung unzufrieden
Dr. Gerhard Zarbock ist Geschäftsführer und Ausbildungsleiter des Instituts für Verhaltenstherapie-Aus, Weiter- und Fortbildung Hamburg (Ivah), eines von wenigen Instituten in Hamburg, die bereits die Weiterbildung anbieten. Im Juli 2025 hat dort der erste Jahrgang PiWs angefangen. „Wir haben zehn Plätze für Erwachsenenpsychotherapie und sechs Plätze für Kinder- und Jugendpsychotherapie im Verfahren Verhaltenstherapie vergeben“, sagt er. Das soll es auch vorerst gewesen sein: „Wir können leider erst frühestens Mitte 2027 wieder Psychotherapeut*innen in Weiterbildung aufnehmen.“
Allein die Universität Hamburg vergibt jedes Jahr 60 Plätze für den Master Klinische Psychologie. Hinzukommen Absolvent*innen der Medical School Hamburg (MSH), eine private Universität in der Hafencity. Diese beiden sind die einzigen Universitäten in Hamburg, bei denen man jeweils den Bachelor und Master machen kann, der für die neue Weiterbildung Voraussetzung ist. An der MSH können Studierende sowohl zum Wintersemester als auch zum Sommersemester mit dem Master anfangen. Jedes Jahr gibt es also drei Jahrgänge, die potenziell mit dem Klinischen Master fertig werden und sich dann auf einen Weiterbildungsplatz bewerben. Doch wie viele solcher Plätze gibt es aktuell in Hamburg?
Anzahl der Weiterbildungsplätze unklar
Neben dem Ivah listet die Psychotherapeutenkammer Hamburg sechs Weiterbildungsstätten für Psychotherapie für Erwachsene und fünf für Psychotherapie für Kinder und Jugendliche, die für die neue Weiterbildung zugelassen sind. FINK.HAMBURG hat nachgefragt, ob sie bereits Plätze vergeben.
- Michael Schödlbauer ist Geschäftsführer am Adolf-Ernst-Meyer-Institut für Psychotherapie (Aemi). Sein Institut hat laut Psychotherapeutenkammer Hamburg die Zulassung für die neue Weiterbildung in drei Fachbereichen. Doch Schödlbauer zufolge können aktuell keine Plätze angeboten werden: „Aktuell ist eine kostendeckende neue Weiterbildung zu einem als angemessen betrachteten Gehalt und einer vertretbaren Arbeitsdichte nicht möglich. Wir müssen deshalb warten, bis Gesetzgeber und Kostenträger die Finanzierung sicherstellen.“
- Das Institut für Moderne Verhaltenstherapie (Mova) schreibt auf Anfrage von FINK.HAMBURG, dass sie noch bis mindestens 2026 Plätze für die alte Ausbildung vergeben würden. Für 2027 stehe die Entscheidung noch aus. Aufgrund der Doppelbelastung durch Aus- und Weiterbildung nehme man aktuell nur kleine Gruppen an PiWs auf. Eine habe die Weiterbildung im November 2025 gestartet, eine weitere soll im Mai dieses Jahres folgen.
- Einen weiteren Platz für die neue Weiterbildung hat die Praxis Pothmann vergeben.
- Zwei weitere zugelassene Weiterbildungsinstitute haben sich bis zur Veröffentlichung nicht auf die Anfrage von FINK.HAMBURG geäußert.
Zögern die Institute also? „Wir fordern eine gesetzliche Regelung einer kostendeckenden Finanzierung der neuen Weiterbildung und die Klärung vieler nach wie vor offener rechtlicher Fragen in diesem Zusammenhang“, sagt Schödlbauer vom Aemi. Johanna Hollank , Geschäftsführerin am Mova, sieht das ähnlich: „Die Finanzierung wurde viel zu spät mitgedacht und dies führt jetzt zu Schwierigkeiten. Auch die Übergangszeit wurde nicht sinnvoll gestaltet, dadurch entsteht eine zu lange Parallelität von Aus- und Weiterbildung.“
Zarbock vom Ivah ist sich sicher: „Kurzfristig gibt es einen ‚Stau‘ – also viel mehr Bewerber*innen auf die neuen Weiterbildungsstellen, als es Stellen gibt.“ Auch bei den Studierenden sorgt das für Frust. In ganz Deutschland demonstrieren angehende Psychotherapeut*innen für eine geregelte Finanzierung
Sorge um psychotherapeutische Versorgung
Kurzfristig tragen also vor allem Studierende und PiW die Konsequenzen der Gesetzesänderung, langfristig könnten es jedoch die Patient*innen in Hamburg sein, die unter dem neuen Gesetz leiden werden, befürchten Irnstorfer, die Psychotherapeutin in Ausbildung und Zarbock vom Ivah. „Wenn niemand nachkommt, kann man dem hohen Bedarf gar nicht gerecht werden“, so Irnstorfer. Auch Zarbock vom Ivah ist kritisch: „Langfristig wird sich das Angebot an zur Verfügung stehenden Psychotherapeut*innen verknappen, da es viel weniger Weiterbildungsstellen geben wird, als bisher ,alte‘ Ausbildungsplätze zur Verfügung standen“, sagt er.
Kirsten Maaß von der Psychotherapeutenkammer Hamburg blickt weniger pessimistisch in die Zukunft: „Die psychotherapeutische Weiterbildung sichert die Qualifikation des psychotherapeutischen Nachwuchses und damit auch die zukünftige psychotherapeutische Versorgung – im ambulanten und stationären Versorgungsbereich sowie im institutionellen Bereich“, schreibt sie.
Dass es generell Bedarf gibt, ist klar. Eine Befragung der Psychotherapeutenkammer Hamburg aus dem Jahr 2023 ergab, dass Kinder und Jugendliche beispielsweise im Schnitt rund 33 Wochen auf einen Therapieplatz warten, also über ein halbes Jahr. Bundesweit liegt die generelle Wartezeit für einen Therapieplatz bei etwa fünf Monaten.
Durch eine potenziell schrumpfende Anzahl an Weiterbildungsplätzen löst sich dieses Problem nicht. „Ich sehe es als Pflicht der Politik, sich um so ein wichtiges Thema wie die mentale Gesundheit der Bevölkerung zu kümmern“, sagt Irnstorfer, die Psychotherapeutin in Ausbildung. Sie hat allerdings auch Hoffnung: „Das neue System wird irgendwann funktionieren und es wird irgendwann eine Lösung geben. Man muss vielleicht noch bisschen Geduld mitbringen. Aber man sollte sich nicht von diesem schönen interessanten Beruf abhalten lassen.“
Nike Mosa, Jahrgang 2003, war mehr als zehn Jahre im Fechtverein, heute feuert sie lieber regelmäßig ihren Herzensverein St. Pauli im Stadion an. Dagegen spricht auch nicht, dass sie in Regensburg geboren ist, denn Nike ist in Hamburg aufgewachsen. Dort studierte sie Journalismus im Bachelor. Bei ihrem Praktikum bei der “Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung” hat sie sich gefragt, warum auf Twitch Jugendliche Millionärinnen und Millionären ihr Taschengeld spenden und schrieb darüber einen Hintergrundartikel. Aktuell ist sie Teil des Social Media-Teams der Tagesschau. Trotz ihres Bezugs zur digitalen Welt kann Nike auf den Videoassistenten im Fußball verzichten. Dessen Entscheidungen würde sie oft gerne anfechten.
Kürzel: nim







