Eigentlich wurde der „Krisenherd“ gegründet, damit Menschen über Sorgen und Krisen sprechen können. Heute wird gemeinsam gekocht, gelacht, diskutiert – und keiner ist allein. Ein Dienstagabend im Café Kölibri auf St. Pauli.

Der Hein-Köllisch-Platz, zwischen Reeperbahn und Elbe gelegen, hat etwas von einem italienischen Dorf. Es duftet nach Kaffee und Blumen. Die Kirschbäume blühen, darunter stehen Bänke. Ein älterer Mann hat seinen Rollator neben sich geparkt und sitzt auf der Bank in der Sonne.

„Michael, du sitzt auf meinem Platz“, sagt eine Frau. Sie hat rote Haare, trägt einen rosa Mantel und hat einen alten Chihuahua an der Leine. „Eigentlich könnte man auf die Bänke auch Namen schreiben“, erzählt Elke. Es kämen eh immer dieselben Anwohnenden her. Vor die Tür gehen, ohne jemanden zu treffen, den man kennt? Unmöglich.

Hein-Köllisch-Platz auf St. Pauli. Ein rotes Gebäude, davor blühende Kirschbäume
Hein-Köllisch-Platz auf St. Pauli. Foto: Emely Dirks

Die Ruhe vor dem Kiez

Dass ein paar Luftmeter von dieser Idylle die Reeperbahn mit ihren lauten Bars liegt, merkt man hier nicht. Nur Wenige verirren sich in diese Gegend von St. Pauli, erzählt Elke, die hier seit über zehn Jahren wohnt. So, als gäbe es eine unsichtbare Linie, die diesen Ort vom restlichen Geschehen auf St. Pauli trennt. Am Rand des Platzes: das Café Kölibri.

Jeden Dienstag findet hier ab 16:30 Uhr der „Krisenherd“ statt. Ein Treffpunkt für alle, die Gemeinschaft suchen.

Eingang eines Cafes. Über der Tür hängt ein Schild wo : Köllibri drauf steht
Cafe Köllibri auf St. Pauli. Foto: Emely Dirks

Ein Raum für Austausch in Krisenzeiten

Den “Krisenherd” gibt es seit 2022. „Im Feburar begann der Russland-Ukraine-Krieg und dann kamen die ganzen Diskussion um die Explosionen von Nebenkosten, Gaspreisen und steigener Inflation. Da haben wir uns gefragt was wir für die Nachbarschaft tun können“, erzählt Steffen Jörg. Er arbeitet als Sozialarbeiter bei der Gemeinwesenarbeit St. Pauli – kurz: GWA. Die GWA beschäftigt sich mit Stadtteil- und Kulturarbeit auf St. Pauli. Zentrum ist das Café Kölibri.

Ein klassisches Café ist das aber nicht. Es lebt von seinen Veranstaltungen: Seminare, Workshops, das Streusel-Café am Donnerstag, bei dem gemeinsam gebacken wird, oder das Küchenkonzert am letzten Freitag im Monat. Und eben der „Krisenherd“.

Die Idee dahinter: ein Ort, an dem Menschen über Sorgen und Ängste sprechen können, ohne Druck. Hier wird gemeinsam gekocht, gegessen und geredet. Die GWA stellt dafür die Räume zur Verfügung. Wie der Abend abläuft, entscheiden die Teilnehmenden selbst. Finanziert wird der Krisenherd vom FC St. Pauli und Spenden.

offenes Kochbuch mit zwei Rezepten.
Kochbuch mit den Rezepten vom Krisenherd. Foto: Emely Dirks

Ein Gefühl von Familie

An diesem Dienstag hat Bernhard das Rezept ausgesucht. Beim Kochen unterstützen ihn zwei weitere Teilnehmerinnen. In einer Chatgruppe wird besprochen, wer welche Aufgaben übernimmt: Rezept, Einkaufen, Schnibbeln, Aufräumen. Zubereitet werden heute Spaghetti mit „irgendeiner scharfen Soße“, dazu Gurkensalat. Gekocht wird meistens für 20 bis 30 Personen.

Das Geschehen in der Küche gleicht dem in einer Familie. Chaotisch, angespannt, gleichzeitig intim. „Ist das die ganze Soße?“, fragt Bernhard und guckt misstrauisch in den Topf. Tina beugt sich stirnrunzelnd über das handgeschriebene Rezept. Dann kippt sie den Rest der roten Soße hinterher. Sie ist fast jeden Dienstag hier. Vor ein paar Jahren ist ihr Mann gestorben und sie könne einfach nicht so gut kochen – erst recht nicht allein, sagt sie.

kleiner schwarzer Hund mit grünem Halsband auf einem grauen Sofa
Hündin Olga. Foto: Emely Dirks

„Das könnte jetzt sehr scharf sein“, sagt Bernhard. Tina schaut ihn ernst an, dann lachen beiden. „Wird schon passen“, kommt es von rechts. Birgit schneidet die Gurken für den Salat. Mit dabei: Hündin Olga. Wer sich dem Sofa nähert, auf dem die schwarze Hündin liegt, wird liebevoll empfangen.

Die Scham nehmen, Hilfe zu suchen

Parallel zum „Krisenherd“ findet eine Sozialberatung statt. Hier können Menschen mit unterschiedlichen Anliegen hinkommen. Sei es, um sich über ihre Rechte zu informieren oder um komplizierte Formulare auszufüllen.

Steffen sagt, dass der „Krisenherd“ auch dafür da sei, Menschen die Scham zu nehmen, sich diese Hilfe zu suchen. Hier merke man bestenfalls, dass man mit seinen Sorgen nicht allein sei.

Essen, das verbindet

Kurz vor 18 Uhr treffen die anderen Teilnehmenden ein. Es sind um die 25. Die jüngsten Teilnehmer: zwei Jungs im Grundschulalter. „Die wissen schon, dass jeden Dienstag Kölibri-Tag ist“, erzählt Mutter Elif. Auch sonst sind alle Altersgruppen vertreten. Darunter auch Elke. Die Teilnehmenden wirken vertraut, fragen wie es einander geht.

„Hier auf St. Pauli sind alle ein bisschen schräg, aber das gibt einem die Berechtigung, selbst schräg zu sein“.

gestapelte Teller auf einer Fläche. Ein Teller ist in der Hand einer Person mit gelbem T-Shirt. Darauf sind Spagetthi mit Tomatensoße
Essensausgabe beim “Krisenherd”. Foto: Emely Dirks

In der Mitte des Cafés stehen viele Tische. Tellergeklimper, Lachen und der Klang verschiedener Gespräche füllen den Raum. Es riecht nach angebratenen Zwiebeln und der frisch geschnittenen Melone auf dem Tisch. Die Soße ist scharf geworden. „Das ist jetzt aber kein Maßstab für das Essen, was es hier sonst gibt“, sagt Elke und mischt den Gurkensalat zu ihren Nudeln. Am Nebentisch redet eine Gruppe über eine Geburtstagsfeier nächste Woche, andere streicheln die Hündin Olga und sprechen über das Küchenkonzert am Freitag.

„Nachbarschaft ist ja ein bisschen wie Familie. Man sucht sie sich nicht aus, aber arrangiert sich trotzdem irgendwie.“

Was motiviert die Menschen, herzukommen? Viele sagen, dass sie das Nachbarschaftsgefühl mögen. Man fühle sich hier weniger allein. „Hier auf St. Pauli sind alle ein bisschen schräg, aber das gibt einem die Berechtigung, selbst schräg zu sein“, sagt Elke. Man unterhält sich mit Menschen, die man sonst vielleicht nie ansprechen würde. „Nachbarschaft ist ja ein bisschen wie Familie. Man sucht sie sich nicht aus, aber arrangiert sich trotzdem irgendwie.“ Die anderen nicken.

Die Krisen sind dem “Krisenherd” abhandengekommen

Was auffällt: Über Krisen redet hier niemand. Steffen, der Sozialarbeiter, sagt, dass die Krisen im „Krisenherd“ ein wenig verloren gegangen seien. Jetzt stehe die Gemeinschaft im Vordergrund.

Elke findet das schade. Es sei wichtig, den Fokus wieder mehr auf Krisen-Themen zu lenken. Sie ist der Meinung, dass es helfen würde, offen über Sorgen zu sprechen. Das sei auch der Sinn des Abends.

Bianca sieht das anders. Sie wohnt nicht auf St. Pauli. Trotzdem ist sie dienstags hier. Sie sagt, sie finde es gut, nicht über ihre Sorgen reden zu müssen. Lieber tausche sie sich über belanglose Dinge aus und genieße es, unter Menschen zu sein. Das lenke sie ab und helfe ihr, ihre persönlichen Krisen für eine kurze Zeit zu vergessen. Am Tisch beginnt eine kleine Diskussion, doch einig wird sich niemand.

Ab 19 Uhr beginnt der Raum sich zu leeren. Manche verabschieden sich direkt nach dem Essen, andere verharren in Gesprächen. Das Aufräumen? Das bleibt an Bernhard und seinem Koch-Team hängen – sonst hat sich niemand dafür gemeldet. Auch das: wie in einer Familie.

Emely Sophie Dirks, geboren 2001 in Paderborn, aufgewachsen in Lippstadt, wollte schon als Kind ein Publikum erreichen. Auch wenn es beim Casting für Schloss Einstein nicht klappte, blieb sie ihrem Traum treu und ging, inspiriert von Carrie Bradshaw, in den Journalismus. Während ihres Studiums der Kommunikationswissenschaft und Ökonomik machte sie Beiträge fürs Uniradio in Münster und sammelte Erfahrungen bei Caren Miosga und bigFM. Am liebsten würde sie irgendetwas tun, das in der Mitte zwischen diesen beiden Stationen liegt: Weder Söder und Gabriel, noch Fragen über Matratzen. Eine eigene Kolumne kann sich Emely immer noch vorstellen, vielleicht sogar über Sex in der Stadt. Nur statt mit einem Cosmopolitan lieber mit einem Espresso aus der eigenen Siebträgermaschine. Kürzel: ems

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