Wo (fast) alles ein zweites Leben bekommt

Besuch im Repaircafé

Das Foto zeigt den Eingang zum Café ella. Die Tür steht offen. Das Gebäude ist ein Backsteinhaus. Neben der geöffneten Tür stehen Aufsteller, die Flyer und einen Teil der Speisekarte zeigen.
Der Eingang zum Café ella in Langenhorn. Hier findet das Repaircafé Langenhorn statt.

Einen kaputten Toaster wegwerfen? Nicht im Repaircafé. Hier wird fast alles repariert. Über Ehrenamt, Elektroschrott und wie Reparaturen durch die EU-Richtlinie „Right to Repair“ einfacher werden sollen.

Eine Lötstation, meterweise aufgerollter Lötzinn, ein Multimeter mit Messleitungen, ein hellblauer Transformator, eine Mehrfachsteckdose, ein geöffnetes Schraubendreher-Set, ein orangener Kaffeebecher und eines kleines weißes Sparschwein mit bunten Punkten – all das und einiges mehr liegt zerstreut auf einer Reihe von Klapptischen. Stimmen füllen den Raum, Stühle rücken über den Boden, es knistert, knackt und raschelt. In der Mitte vom Tisch: Die Reparatur mit der Nummer E7 – ein defekter Katzentrinkbrunnen.

Das Bild zeigt einen hellblauen Katzentrinkbrunnen mit einem weißen Deckel. Auf dem Trinkbrunnen ist ein stilisiertes Katzengesicht mit Nase und Schnurrhaaren zu erkennen. Der Brunnen liegt auf einem Tisch zwischen Blättern, Kabeln und Werkzeug.
Der defekte Katzentrinkbrunnen. Foto: Alina Lewandowitz

„Manchmal braucht man ein bisschen Geduld!“ – Oliver Reichhelm versucht bereits seit 15 Minuten den Brunnen zu reparieren. Eine weiße Schwanenhalslampe wirft helles Licht auf seinen Arbeitsplatz. Mit einer Lupe untersucht er die Pumpe des Brunnens genau. An den Nachbartischen finden weitere Reparaturen statt: ein Wasserkocher, ein Kassettenrecorder und ein Standmixer. Reichhelm ist einer von 15 Ehrenamtlichen, die sich an fünf bis sechs Terminen im Jahr dafür einsetzen, alte und defekte Geräte zu reparieren.

Das Konzept Repaircafé

Das Bild zeigt älteren Mann, der im Licht einer gebogenen Schreibtischlampe und mithilfe einer Lupe ein weißes Gehäuse betrachtet. Er sitzt vorgebeugt an einem Tisch, auf dem viel Werkzeug liegt.
Oliver Reichhelm versucht den defekten Katzenbrunnen zu reparieren. Foto: Alina Lewandowitz

Gegründet wurde das Repaircafé im Stadtteil Langenhorn im Jahr 2018. Das Konzept: „Hilfe zur Selbsthilfe“. Besucher*innen sollen selbst reparieren oder aktiv in die Reparaturen eingebunden werden, Reparateure erklären ihre Vorgehensweisen und geben ihr Wissen weiter. Mitmachen kann jede*r, bei elektrischen Geräten ist aus Sicherheitsgründen eine entsprechende Ausbildung nötig. Insgesamt gibt es in Hamburg zwölf Repaircafés. Weiter Standorte befinden sich in Altona, Barmbek, Barmbek-Süd, Bergedorf, Eidelstedt, Hamm, Harburg, Langenhorn, Sasel, Stellingen, St. Georg und Wilhelmsburg.

Das Bild zeigt einen älteren Mann, der zwischen zwei Tischen, auf denen verschiedenes Werkzeug liegt, steht und in die Kamera lächelt. Er trägt ein kariertes Hemd, ein Namensschild und eine blaue Jeans. Im Hintergrund ist ein roter Vorhang zu sehen.
Ludwig Emminghaus, Gründungsmitglied des Langenhorner Repaircafés. Foto: Alina Lewandowitz

Ludwig Emminghaus ist Gründungsmitglied des Langenhorner Repaircafés. Sein Aufgabenbereich: mechanische Reparaturen wie Fahrräder, Stühle oder auch Rollatoren. Die Idee, sich in einem Repaircafé zu engagieren, kam mit dem Beginn seiner Rente und dem Wunsch, „irgendwas Sinnvolles“ zu machen. Das nötige Wissen hat er sich über viele Jahre angeeignet. So war er lange in der Rennrad-Szene aktiv und hat sein Rad selbst zusammengebaut. Mittlerweile engagiert er sich seit über zehn Jahren in verschiedenen Repaircafés. Ihn motiviert vor allem der gesellige Aspekt: „Es ist die Freude daran, mein Wissen nochmal einzusetzen, um den Leuten die Fahrräder zu reparieren und dabei auch ein Kontakte zu knüpfen und Klönschnack zu halten.“ erzählt Emminghaus.

Der Großteil der Reparaturen entfalle auf Elektrogeräte. Weitere zehn Prozent seien defekte Fahrräder, die übrigen zehn Prozent „alles mögliche“, erzählt Emminghaus. Im Laufe der Zeit seien schon über 1000 Dinge repariert worden. Die Reparaturquote unterscheide sich je nach Kategorie: Fahrräder könnten fast immer repariert werden, Haushaltsgeräten und Handys hätten eine Quote von etwa 50 Prozent. Nachhaltigkeit ist Emminghaus’ Einschätzung nach kaum der ausschlaggebende Grund, ein Repaircafé zu besuchen. Wichtiger seien der finanzielle Aspekt und emotionale Bindungen zu alten Geräten.

Mechanische Reparaturen sind einfacher zu lernen: Wenn Emminghaus einen Fahrradreifen aufzieht, schauen die Besuchenden zu, sie wollen für die Zukunft lernen – Hilfe zur Selbsthilfe eben.

Right to Repair: Wird Reparieren einfacher?

Der defekte Katzentrinkbrunnen liegt noch vor Oliver Reichelm auf dem Tisch. Schon seit über einem Jahr ist er kaputt erzählt der Besitzer, David Zechmeister. Nur ein halbes Jahr, habe der Brunnen überhaupt funktioniert.

Ein defekter Katzentrinkbrunnen – ein Gerät unter Tausenden: Zahlen des Umweltbundesamts zeigen, dass sich die Anzahl verkaufter Neugeräte in Deutschland von 2013 bis 2023 – mit einem Anstieg von 1,6 auf 3,2 Millionen Tonnen – etwa verdoppelt hat. Die Menge an Elektroschrott wächst – die Quote an tatsächlich reparierten Geräten bleibt jedoch überschaubar: von insgesamt rund 920.000 Tonnen Elektroaltgeräten, die im Jahr 2024 gesammelt wurden, lag der Anteil der reparierten Geräte bei nur zwei Prozent. Der Großteil der in Deutschland gesammelten Geräte, etwa 758.000 Tonnen, wird recycelt.

Eine im Juni 2024 beschlossene Richtlinie der europäischen Union (EU) „Right to Repair“ soll Reparaturen für Verbraucher*innen zukünftig attraktiver gestalten und für Hersteller Anreize schaffen, recyclingfähige Produkte mit langer Lebensdauer zu produzieren. Zu den geplanten Maßnahmen zählen unter anderem: eine längere Bereitstellung von Ersatzteilen, leichter zugängliche Reparaturinformationen und eine verlängerte Gewährleistung nach einer Reparatur. Bis zum 31. Juli 2026 müssen die EU-Mitgliedsstaaten die Richtlinie in ihr nationales Recht übernehmen.

Die EU-Richtlinie betrachtet Emminghaus differenziert: Die geplante Stärkung der Werkstätten-Infrastruktur, die längere Versorgung mit Reparaturteilen und die verlängerte Garantiefrist beschreibt er als „den richtigen Ansatz“. An manchen „verquasten“ Formulierungen stört er sich jedoch. Etwa der Titel: „Recht auf Reparatur“ – „Willst du das vor Gericht einklagen?“, fragt er.

Das „Recht auf Reparatur“ soll zunächst nur für bestimmte Produktgruppen gelten, darunter große Elektrogeräte wie Wasch- und Spülmaschinen, Kühlschränke und Fernseher, aber auch Smartphones, Tablets und Staubsauger. Viele typische Kleingeräte wie Kaffeemaschinen, Toaster oder Wasserkocher sind nicht eingeschlossen. Daran stößt sich Emminghaus, im Repaircafé machen Kleingeräte den größten Anteil der Reparaturen aus. Er gibt aber auch zu, dass die Reparatur von günstigen Kleingeräten, in keinem Verhältnis zum Preis stehen. Die Kosten einer Reparatur überschreiten schnell den ursprünglichen Kaufpreis. Für diese Kleingeräte müsse es mehr staatlich geförderte, lokale Initiativen wie Repaircafés oder Offene Werkstätten, geben.

(Fast) alles kann repariert werden

Etwa eine halbe Stunde ist vergangen: Reichhelm versucht die Pumpe des Katzentrinkbrunnens zu reparieren. Er vermutet, dass ein defekter Dichtungsring das Problem verursacht. Reichhelm denkt laut, darüber bindet er David Zechmeister in die Reparatur ein. Kurz wird das Gespräch durch das Aufheulen eines Standmixers unterbrochen.

Weitere Minuten vergehen, Reichhelm stellt fest, dass der Trinkbrunnen heute nicht repariert werden kann. „Einen Versuch war es wert“, er entschuldigt sich bei Zechmeister und gibt ihm einen Tipp mit auf den Weg: Eine kleine Brunnenpumpe könnte Abhilfe verschaffen.

Das Bild zeigt verschiedene Personen, die sich an einer Reihe von Tischen gegenübersitzen. Es werden mehrere Reparaturen gleichzeitig durchgeführt, die Personen im Bild unterhalten sich. Sechs der insgesamt zehn abgebildeten Personen sind nur mit dem Rücken zu sehen.
An dieser Tischreihe werden elektronische Reparaturen durchgeführt. Foto: Alina Lewandowitz

Mehr als nur Reparieren

Inmitten von Zangen, Schraubendrehern und vielen Kabeln haben sich Oliver Reichhelm und Noah Schmidt ein wenig Platz freigeräumt für eine kurze Pause zwischen den Reparaturen. Sie essen ein Stück Kuchen und trinken Kaffee. Im Hintergrund piepst irgend etwas gelegentlich, auch der Messerschleifer am anderen Ende des Raums surrt hin und wieder. Schmidt ist 24 Jahre alt – deutlich jünger als die anderen Reparateure. Er engagiert sich seit zwei Jahren hier. Er hat eine abgeschlossene Ausbildung als Elektroniker, inzwischen studiert er Psychologie. Sein Ehrenamt wollte er nicht aufgeben, die Gespräche bereichern und das Reparieren gleicht ihn aus. Auch für Reichhelm geht das Ehrenamt über das reine Reparieren hinaus: „Was mir Spaß macht, ist die Freude der Leute,“ erzählt er.

Die nächsten Besucher kommen herein, ein Vater mit seinem Sohn. Die Kaffeepause ist vorbei, Reichhelm widmet sich der nächsten Reparatur: Nummer E12 – ein elektrisches Rennboot.

Pilea, Monstera, Strelitzia: Alina Lewandowitz, geboren 2001 in Northeim, teilt ihre Wohnung mit über 30 Pflanzen. Die Frage nach ihrem Liebling – schwierig, wie die für Eltern nach dem Lieblingskind. Für ihr duales Studium in Marketing und Digitale Medien zog es Alina nach Düsseldorf, parallel arbeitete sie im Mediaagentur-Netzwerk Omnicom Media. In Hamburg wollte sie eigentlich nur ein Semester bleiben – mittlerweile sind es mehr als drei Jahre. Nach ihrem Studium blieb sie der Agenturwelt treu und arbeitete bei Hearts & Science in der Strategie. Ihre Lieblingspflanze? Wahrscheinlich die Pilea, denn die hat sie aus einem kleinen Ableger großgezogen. Kürzel: alo

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