Hamburg in der NS-Zeit: Der vergessene Widerstandskämpfer

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Helmuth Hübener leistete mit drei Freunden Widerstand gegen das NS-Regime. „Nieder mit Hitler“ stand auf Flugblättern, die sie im Jahr 1941 in Hamburger Arbeitervierteln verteilten. 1942 wurde Hübener im Alter von 17 Jahren hingerichtet. Seine Geschichte ist heute fast in Vergessenheit geraten.

Ein Text von Max Nölke und Tobias Bug mit Illustrationen von Sarah J. Ejim

Drei Briefe durfte Helmuth Hübener am 26. Oktober 1942 noch schreiben. Mit verschnörkelter, kindlicher Schreibschrift und klarer, schöner Schreibe ging eine seiner letzten Botschaften an die Familie Sommerfeld, die er seit Kindertagen kannte: „Heute Abend wird dieses qualvolle Leben enden. Ich hätte es auch nicht länger ertragen“, schreibt Hübener. „Mein Vater im Himmel weiß, dass ich nichts Schlechtes getan habe.“

Am nächsten Tag starb der 17-Jährige durch das Fallbeil. Als jüngster vom Volksgerichtshof verurteilter Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus. Doch kaum jemand kennt seine Geschichte. Karl-Heinz Schnibbe, Hübeners Mitstreiter, erinnert sich: „Er sah sehr früh den Betrug, auf welchem das Reich aufgebaut war, und sein Standpunkt war der, dass alle die Wahrheit wissen müssen, wie es um Deutschland steht.“

Helmuth Hübener leistete Widerstand, als das NS-Regime gerade auf den Höhepunkt seiner Macht zusteuerte. Halb Europa hatten die Nazis im Frühsommer 1941 bereits okkupiert, mit England befand man sich im Luftkampf, deutsche Armeen kämpften in Nordafrika, Jugoslawien und Griechenland. Der Angriff auf die Sowjetunion erfolgte am 22. Juni.

Hitler, der Volksverderber

In dieser Zeit tauchten in den Hamburger Arbeitervierteln Rothenburgsort, Hammerbrook und Hamm Flugblätter auf. Flugblätter, die das NS-Regime kritisierten, Hitler als Volksverderber betitelten und ihn für den Tod unzähliger Zivilisten verantwortlich machten.

Der Autor dieser Zettel war der damals 16-jährige Helmuth Hübener. Er wäre am 8. Januar dieses Jahres 95 Jahre alt geworden, wenn die Nazis ihn nicht enthauptet hätten.

Hübener kam 1925 in Hamburg als Sohn von Emma Kunkel, geborene Guddat, auf die Welt. Seinen leiblichen Vater Karl Oswald lernte er erst im Alter von 14 Jahren kennen.

Hübener trat 1939 der Hitlerjugend bei

Mutter Emma hatte wenig Zeit für ihre Kinder, sie arbeitete viel. Trotzdem war die Familie arm. Helmuth Hübener wuchs mit seinen Brüdern Hans und Gerhard bei den Großeltern im Louisenweg 137 b in Hamburg-Hamm auf. Den Namen bekam er von seinem Stiefvater Hugo Hübener, der ihn adoptierte, als er Helmuths Mutter heiratete.

Helmuth Hübener gehörte, wie seine Mutter und die Großeltern, der Kirchengemeinde der Mormonen an – eine christliche Glaubensgemeinschaft. Er war Mitglied einer Pfadfindergruppe, die 1934 vom Regime verboten wurde. Dieses Ereignis hat wahrscheinlich Hübeners Widerstand ausgelöst. Besonders empörte ihn, dass die Gemeinde auf Druck der Nationalsozialisten ihre Kult- und Versammlungsräume für Juden verschloss.

Dennoch trat Helmuth Hübener 1939 der Hitlerjugend bei. Er soll dort zahlreiche Konflikte ausgetragen haben, wehrte sich gegen den Drill und die Maßregelungen.

Foto von Helmuth Hübener in der Ausstellung über den Widerstandskämpfer. Foto: Max Nölke
Foto von Helmuth Hübener in der Ausstellung über den Widerstandskämpfer. Foto: Max Nölke

Widerständler durch und durch

August Meins, sein Klassenlehrer an der Oberbauklasse der Schule Brackdamm, erkannte schon früh, dass Hübener anders war als die anderen Schüler*innen. „Er war Widerständler durch und durch“, sagte er später in einem Gespräch mit dem Autoren Ulrich Sander, der ein Buch über die „Helmuth-Hübener-Gruppe“ schrieb. „Aber es war ein vorsichtiger Widerstand.“ Dennoch habe ihn jeder gespürt.

Hübener habe seinen eigenen Kopf gehabt, wurde daher in der Klasse gehänselt. Seine schulischen Lieblingsgebiete seien Geographie und Geschichte gewesen, erzählte Meins. Denn Hübener sah früh die politischen Zusammenhänge, die anderen verborgen blieben.

Seine ablehnende Haltung gegen das NS-Regime verstärkte sich, als er 1940 im Bismarckbad neben dem Alten Altonaer Bahnhof den Kommunisten Josef Wieczorek kennenlernte. Wieczorek traf sich dort mit anderen kommunistischen Jugendlichen. Dessen Mutter Ida erzählte später von den Treffen im Schwimmbad: „Da haben sie den Hübener dann so weit gekriegt, dass er einsah, dass es nicht christlich ist, was Hitler jetzt macht.“

Auf „Schwarzhören“ stand Zuchthaus oder Tod

Helmuth Hübener begann 1940 mit dem Rundfunkgerät seines Halbbruders Gerhard den deutschen Nachrichtendienst des Britischen Rundfunks BBC abzuhören. Den Auslandsfunk, sogenannte „Feindsender“, hatten die Nazis bereits 1939 verboten. „Feindsender“ waren solche, die die Propaganda der Nationalsozialisten untergruben und die deutsche Berichterstattung korrigierten. Hörer*innen erfuhren dort von Militäroperationen und millionenfachen Morden in den Konzentrationslagern.

Was diese Menschen – im Deutschlandfunk wird von bis zu 15 Millionen Deutschen gesprochen – mit dem Abhören dieser Sender taten, nannte sich „Schwarzhören“. Ein Verbrechen, auf dem Zuchthaus oder die Todesstrafe stand.

Die BCC war wie Rauschgift

Der prominenteste deutsche Sprecher, der für die BBC eigene Sendungen produzierte, war Thomas Mann. Der Schriftsteller nahm von 1940 bis 1945 58 Sendungen aus dem Exil in Los Angeles auf. Er nannte Hitler einen „blutigen Komödianten“, Siege der Deutschen „hohl, sinn- und hoffnungslos“ und sprach von der „Hölle über Deutschland“. Eine Stimme der Vernunft aus dem fernen Amerika.

Die Sendungen waren gespickt von Gastbeiträgen: Sigmund Freud und Albert Einstein kamen zu Wort, die deutsche Schauspielerin Lucie Mannheim sang Schlager mit satirischen, die Nazis diffamierenden Texten: „Der Führer ist ein Schinder, das weiß man ganz genau. Zu Waisen macht er Kinder, zur Witwe jede Frau.“

Thomas Mann sitzt mit einem Schriftblatt vor einem Mikrofon. Foto: Eric Schaal / Weidle Verlag
Thomas Mann produzierte von Amerika aus deutsche Sendungen für die BBC. Foto: Eric Schaal / Weidle Verlag

Flugblätter aus dem Kirchenbüro

Hübener ließen diese Nachrichten keine Ruhe. Er begann, die wichtigsten Berichte mit einer Schreibmaschine seiner Gemeinde aufzuschreiben. Die Flugblätter im DIN-A6-Format druckte er im Kirchenbüro: in einer Auflage von 60 Exemplaren. Zunächst verteilte er sie alleine an Bekannte, in Briefkästen, befestigte sie an Anschlagtafeln oder verschickte sie mit der Post.

Im Sommer 1940 weihte er seinen Freund Karl-Heinz Schnibbe ein. „Dir ist wohl nicht zu helfen“, sagte Schnibbe als Hübener ihn fragte, ob er mitmachen wolle. Als die beiden im August 1940 das erste Mal BBC hörten, war Schnibbe sprachlos. Einmal angefangen, konnten die beiden das Radio kaum noch ausschalten. „Das war wie Rauschgift, der BBC London. Und das wussten die Nazis, und darum war es so streng verboten.“

Trotzdem nahm er ein paar Flugblätter mit auf den Heimweg. Schnibbe legte die kleinen Zettel in Telefonzellen am Straßenrand. „Mensch, wie ich zu Hause war, ich hatte einen Durchfall, ich war richtig krank.“ Aber nächsten Tag habe Schnibbe gedacht, „so schlimm ist das ja gar nicht. Ich mache mit.“

Ein Kampf gegen einen übermächtigen Gegner

Kurz darauf komplettierten Rudolf Wobbe und Gerhard Düwer die Gruppe. Alle vier Mitglieder waren im Alter zwischen 16 und 18 Jahren. Es begann ein heikler Kampf gegen einen übermächtigen Gegner. Immer auf der Jagd. Die Widerstandsgruppe jagte nach neuen Informationen, die die Verbrechen der Nazis bezeugten. Die Nazis jagten die Macher der Flugblätter mit Losungen wie: „Nieder mit Hitler – Volksverführer, Volksverderber, Volksverräter – Nieder mit Hitler!“

Die Touren der Jungen begannen im Louisenweg, bei Hübeners Großeltern. Dann klapperten sie Telefonzellen, Briefkästen, Hausflure und öffentliche Tafeln ab, wo sie ihre Botschaften verteilten. Niemals gingen sie die gleiche Route. Manchmal sei er auch nicht alle Zettel losgeworden, erzählt Schnibbe. „Dann hab‘ ich sie mit ’nem Streichholz verbrannt. Ich habe nie eins mit nach Hause genommen. Niemals.“

Rudolf Wobbe, Helmut Hübener und Karl-Heinz Schnibbe. Foto: Zentrum für Aus- und Fortbildung
Rudolf Wobbe, Helmuth Hübener und Karl-Heinz Schnibbe (v. l.). Foto: Zentrum für Aus- und Fortbildung

Hübener hatte mittlerweile eine Stelle als Verwaltungslehrling angetreten und im Sozialamt Gerhard Düwer kennengelernt. Sie hatten einen offiziellen Amtsstempel mit einem Hakenkreuz. Einige Schriften stempelte Hübener ab und hing sie an schwarze Bretter von Wohnhäusern, erzählt Schnibbe. „Und dann geht einer hin und denkt, das ist amtlich. Und liest Losungen wie: „Hitler hat die alleinige Schuld! Durch den uneingeschränkten Luftkrieg wurden bisher mehrere hunderttausend wehrlose Zivilpersonen getötet.“

Einige Bürger*innen übergaben die gefundenen Zettel ordnungsgemäß der Polizei. Andere Flugblätter fand die Polizei in einer Telefonzelle in der Süderstraße, Ecke Louisenweg – einen Steinwurf entfernt vom Haus der Großeltern Hübeners. Eine Spur zu Helmuth Hübener gab es da noch nicht.

Die Gruppe fliegt auf

Die vier jungen Männer wollten mehr: Sie nahmen sich vor, die Botschaften auch für französische Soldaten verständlich zu machen. So baten sie einen Kollegen in der Sozialverwaltung, einen Text ins Französische zu übersetzen.

Dabei belauschte sie der Betriebsobmann Heinrich Mohns. Mohns meldete die Unterhaltung. Wenig später klingelte die Gestapo bei Hübeners Großeltern. Sie fanden die Schreibmaschine und neun Ausgaben der Flugblätter. Zwischen dem 5. und 18. Februar 1942 wurden Hübener, Schnibbe, Düwer und Wobbe verhaftet.

Für die Widerstandsgruppe begann eine Tortur. Zunächst brachte die Gestapo sie ins Polizeigefängnis Hütten 42. Täglich wurden die Jungen vernommen. Hübener nahm alle Schuld auf sich, um seine Freunde zu schützen. Die Gestapo aber glaubte ihm nicht, sondern vermutete Hintermänner. Die Ermittler waren der Auffassung, dass ein 17-Jähriger keine Widerstandsgruppe leiten und solch qualifizierte Flugblätter produzieren konnte.

Hübener wurde zusätzlich zur täglichen Vernehmung in die Gestapo-Leitstelle Stadthausbrücke / Neuer Wall gebracht. Dort folterten die Gestapo und die SS-Charge den jungen Hamburger. Später brachten sie ihn ins KZ Fuhlsbüttel.

Hübener entschuldigt sich

Anfang August wurden die vier Jugendlichen gemeinsam mit dem Zug nach Berlin gefahren. „Da hat sich der Helmuth entschuldigt und gesagt, ‚ich wollte euch nicht verraten, aber die haben mich so fertiggemacht'“, erzählt Karl-Heinz Schnibbe. Am 11. August 1942 verhandelte der Volksgerichtshof die Strafsache gegen „Hübener und andere“. Bereits am gleichen Tag fiel ihr Urteil.

Minderjährige durften laut Nazi-Gesetzgebung vom Volksgerichtshof nicht zum Tode verurteilt werden. Doch die Nazis fanden eine plausible Rechtfertigung, um bei Hübener eine Ausnahme zu machen: „Es lassen sich in dem Hergang der Tat keine Merkmale finden, die für die Tat eines noch nicht ausgereiften Jugendlichen sprechen. Damit war der Angeklagte wie ein Erwachsener zu bestrafen.“

die haben mich so fertiggemacht

Am 27. Oktober 1942 wurde Helmuth Hübener im Strafgefängnis Berlin-Plötzensee hingerichtet. Schnibbe, Düwer und Wobbe erhielten Freiheitsstrafen zwischen vier und zehn Jahren. 2010 starb Karl-Heinz Schnibbe einen natürlichen Tod. Er war der letzte Überlebende der Hübener-Gruppe.

Die Hinrichtung Hübeners sprach sich in der Mormonengemeinde herum, erzählt das Gemeindemitglied Irmgard Becker. Trotzdem wurde alles totgeschwiegen. „Über die Hinrichtung wurde in der Gemeinde nicht gesprochen, wie überhaupt über politische Sachen“, so Becker. „Es ist schade, wirklich schade um Helmuth.“

Ida Wieczorek, Mutter des Kommunisten Josef Wieczorek, beschrieb Hübener als sauberen, feinen Jungen, den sie direkt ins Herz geschlossen habe. Sie sei nicht darüber hinweg gekommen, „dass die Nazis das wagten, ihm mit 17 Jahren schon den Kopf abzuhauen.“

 

 

Warum kennt kaum jemand Helmuth Hübener?

Wer die Ausstellung zum Gedenken Helmuth Hübeners in der Verwaltungsschule nahe dem Berliner Tor besucht, wer in die leeren Gänge blickt, in das Gesicht des Jungen mit den schwarzen Haaren und den dunklen Augen, wer die Geschichte dieses jungen Widerstandskämpfers gegen die Nazis liest, der fragt sich: Warum kennt eigentlich niemand Helmuth Hübener?

Rainer Hering, Professor für Geschichte an der Universität Hamburg, erklärt: „Helmuth Hübener hatte nach dem Ende des ‚Dritten Reiches‘ keine Erinnerungslobby, die sein Schicksal publizistisch öffentlich machte.“ Anders als etwa die Weiße Rose, eine Münchner Widerstandsgruppe um die Geschwister Scholl.

Mahnmal Geschwister Scholl
Mahnmal mit Flugblättern am Geschwister-Scholl-Platz in München, wo die Weiße Rose aktiv war. Foto: Michael F. Schönitzer

Herkunft und Religion beeinflussten die Wahrnehmung

Hübeners Herkunft habe die Erinnerung an sein Wirken entscheidend beeinflusst, so Geschichtsprofessor Hering. Er kam aus einer einfachen Arbeiterfamilie und gehörte nicht dem Bildungsbürgertum an. Auch seine Religionszugehörigkeit habe eine Rolle gespielt. „Er war Mitglied der Mormomen und gehörte nicht einer christlichen Konfession an“, erklärt Hering. Dieser Aspekt sei für die Wahrnehmung seines Widerstandes nicht zu unterschätzen.

„Hübener passte in den späten Vierziger- und vor allem den Fünfzigerjahren nicht in klassische Widerstandsbilder“, sagt Hering. Das habe sich erst in den späten Sechziger- bis Achtzigerjahren des 20. Jahrhundert geändert. „Zu diesem Zeitpunkt waren wesentliche Erinnerungsfelder in der Öffentlichkeit schon besetzt.“

Was heute von Helmuth Hübener bleibt, ist ein Stolperstein vor dem Haus Sachsenstraße 42 in Hammerbrook, der Helmuth-Hübener-Gang in St. Georg, die Stadtteilschule Helmuth Hübener und die Hübener-Ausstellung in der Verwaltungsschule, die an ihn erinnert. Die Ausstellung dokumentiert die letzten Tage des junge Hamburgers. Auch die Angst, die ihn umgab, als er seine letzten Worte an Familie Sommerfeld richtete – ehe die Nazis seinem Leben ein Ende setzten.

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Die Hübener-Ausstellung in Hamburg ist in der Verwaltungsschule im Normannenweg 26 nahe des Berliner Tors zu sehen. Sie wurde von HAW-Studierenden entworfen. Die dauerhafte Ausstellung ist frei zugänglich.

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