Anni auf dem Kulturfloß Schaluppe
Anni auf dem Kulturfloß Schaluppe. Foto: Laura Lagershausen

Nicht nur Wohnraum ist in Hamburg knapp. Auch Freiräume für die Kultur sind Mangelware. Aus der Not heraus entern erste Freigeister die Wasserflächen der Stadt. Zwei Projekte: die Schaluppe und das Archipel.

Von öffentlich nutzbaren Flächen auf dem Wasser träumt man in vielen Städten – denn Freiräume werden immer knapper in Metropolen wie Berlin und Hamburg. In der Hauptstadt fliehen Kreative auf Kulturflößen vor der Gentrifizierung in die Rummelsburger Bucht. Und auch der Elbe tut sich was: Als alternative Wohnform spielen Hausboote in Hamburg eine größere Rolle. Und erste Kulturprojekte ziehen auf das Wasser. Zwei davon sind die Schaluppe und das Archipel.

Das zweistöckige Kulturfloß Schaluppe.
Das zweistöckige Kulturfloß Schaluppe. Foto: Laura Lagershausen

Die Schaluppe ist ein Kulturfloß, das im Mai 2017 nach zwei Jahren Planung und Bau eingeweiht worden ist. Ursprünglich wurde das Projekt von vier Freunden initiiert: „Wasser sollte für jeden ein zugänglicher Raum sein. Jeder hat das Recht auf Stadt. Da in Hamburg das Wasser zur Stadt gehört, sollten wir hier auch das Recht auf Wasser haben“, sagt Anni, eine der Mitgründerinnen. „Wir sehen das Wasser als einen Lebensraum, der genutzt werden sollte.“

Die Freunde gründeten den Verein für mobile Machenschaften. Ihre Idee, ein Floß zu bauen, das Kunst- und Kulturprojekten in Hamburg eine Plattform bietet, fand immer mehr Unterstützung. Das Kollektiv startete eine Crowdfunding-Aktion, um ihre Pläne zu finanzieren und sammelte 20.000 Euro ein. Insgesamt wurden 30.000 Euro in die Schaluppe investiert.

Schaluppe: soziokulturelles Zentrum auf dem Wasser

Das 15 Meter lange und fünf Meter breite Floß wurde im Sommer 2016 von fünfzig Ehrenamtlichen gebaut – darunter Eventmanager, Sozialpädagogen, Ingenieure und Kulturwissenschaftler. Jeder konnte dabei seine jeweilige Kompetenz gut einsetzen. „Wir haben auch Schiffsbauer bei uns im Team. Schließlich ist es bei einem so großen Projekt nicht möglich, einfach ein Konstrukt zusammenzuschustern und auf das Wasser zu setzen“, so Anni. 

Die Schaluppe soll ein soziokulturelles Zentrum sein. Das Team träumt von Kino auf Hamburgs Kanälen, Theater auf der Süderelbe, regionalen Kreuzfahrten und Workshops auf dem Wasser. Eintritt soll für die Events nicht verlangt werden: „Wer kein Geld dabei hat, zahlt nichts. Wer spenden will, der spendet.“

Archipel: eine Insel für Begegnungen ohne Mauern

Auch auf dem Archipel sind die Events kostenlos. Die schwimmende Kultur-Insel  besteht aus vier verbundenen Stahlpontons und ist im Veringkanal der Elbinsel Wilhelmsburg befestigt. Gegenüber liegt der kleine Nachtclub TurTur, nicht weit entfernt gibt es Cafés und Ateliers im kreativen Reiherstiegviertel.

Das Archipel wurde von drei ehemaligen Studierenden der Hochschule für bildende Künste gebaut. „Die Grundidee war es, dass sich verschiedene Leute bei zu verschiedenen Anlässen hier auf dem Archipel begegnen sollen“, sagt Finn, einer der Initiatoren.  „Außerdem ist man hier auf unserer Insel zwar im öffentlichen Raum und es gibt keine Mauern – dennoch ist das Gefühl intimer, als mitten in der Stadt“, ergänzt Mitinitiatorin Nuriye. Das Besondere am Kulturraum auf dem Wasser: Er ist mobil. „Wir können an unterschiedlichen Orten andocken“, so Nuriye.

Finanziert wird das Projekts durch verschiedene Institutionen, wie der Hamburgischen Kulturstiftung. Die Errichtung der schwimmenden Plattform dauerte nur knapp drei Monate – bis heute ist der Bauprozess aber nicht abgeschlossen, da sich das Archipel an die jeweiligen Bedürfnisse anpassen lässt. Das Archipel kann als Bühne, Forschungsstation, Küche, Kino, Marktplatz oder Bewegungsraum genutzt werden. „Wir wollen keinen einer bestimmten Gruppe oder Szene zugeordneten Raum, sondern einen Raum der Treffpunkt für viele ist”, so Nuriye.

Letzten Sommer wurde das Archipel zur Radiostation. Vom „Radio Archipel“ aus wurden eine Woche lang Musik- und Wortbeiträge gesendet. Auch Konzerte und Yoga-Session fanden auf den Pontons statt. Finn und Nuriye betonen, dass das Archipel im Sommer frei zugänglich ist und jeder hier mit einer Limo auf dem Wasser chillen kann.

Workshop zur alternativen Hafennutzung ab 29. Mai

Die Bauer des Archipels finden, dass die Wasserflächen in Hamburg vielfältiger genutzt werden sollten. Wasser sei in Hamburg entweder der Industrie, der Touristik oder eher wohlhabenden Menschen vorbehalten. Die Auflagen der Stadt seien streng. „Es ist unheimlich schwierig, eine Baugenehmigung zu bekommen“, sagt Nuriye. „Einer meiner Professorinnen hat einmal versucht schwimmende Ateliers auf dem Wasser zu bauen.“ Sie sei an den Behörden gescheitert.

Gemeinsam wollen Nuriye und Finn nun über eine alternative Hafennutzung nachdenken und laden vom 29. Mail bis 1 Juni zu einem viertägigen Workshop, bei dem alle Interessierten willkommen sind. Ein Hot-Tub, eine Art Whirlpool, soll in die Mitte der vier Pontons gebaut werden. An vier Tagen werde währenddessen diskutiert und die Ergebnisse anschließenden präsentiert. Die Plattform im Kanal ist dafür der perfekte Ort. “Das Archipel ist ein politisches Projekt – ein Zugang zu den sonst wenig nutzbaren Wasserflächen“, so Finn.

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Zu jedem Bier bestellt sich Lesley-Ann Jahn, Jahrgang 1992, einen Strohhalm — der verbessert angeblich den Geschmack. Auch sonst fällt die gebürtige Itzehoerin, die für ihr Germanistik-Studium nach Hamburg gezogen ist, knallharte Urteile in den Szenevierteln. Als Redakteurin für einen Hamburger Zeitschriftenverlag schaute sie zum Beispiel kritisch in die Küchen und auf die Ladentheken der Stadt. Als sie einmal für einen Artikel 30 Tage lang vegan, koffein- und alkoholfrei leben musste, litt sie dabei entsetzlich am Kaffeeentzug. Lesleys Freunde kommen bei ihr in den Genuss von selbstgemachten Kuchen und gesunden Gerichten.
Lisa-Marie Eichhorn, Jahrgang 1989, schläft besonders gut ein, wenn auf dem Bildschirm „Ultimate Fighting“ läuft. Sie kommt aus der Nähe von Stuttgart und interessiert sich für eine Vielzahl von Themen, von Deutschrap bis Stadtpolitik. Studiert hat sie an der Universität Hamburg, und zwar Deutsche Sprache und Literatur mit dem Schwerpunkt Medien und Theater. Sie hat schon für Medien von „Bild“ bis „Tagesschau“ gearbeitet. Damit finanziert sie das, was sie am liebsten ständig macht: ausgedehnte Reisen.