Foto: Martin Müller-Wolff

Hamburg nennt sich selbst gern Wasserstadt. Elbe, Alster und Hafen prägen zwar das Stadtbild. Allerdings: Als Wohnraum werden die Wasserflächen kaum genutzt. Warum eigentlich?

Amelie Rost ist Architektin und Hausboot-Besitzerin – und gleich in dreifacher Weise mit dem Wasser verbunden: Sie lebt nicht nur auf einem 110 Quadratmeter großen Hausboot im Eilbekkanal, sondern arbeitet auch auf einem Boot am Victoriakai-Ufer in Hammerbrook. Außerdem schreibt sie derzeit an der HafenCity Universität an ihrer Promotion zu schwimmender Architektur. „Es fühlt sich immer noch surreal an, mitten in der Stadt im Wasser zu sein“, sagt sie. „Es ist eine sehr besondere Wohnsituation.“

Die Hausboot-Architekten Amelie Rost und Jörg Niderehe
Die Hausboot-Architekten Amelie Rost und Jörg Niderehe. Foto: privat

Auf das Thema Hausboot kam sie durch ihren ehemaligen Partner Jörg Niderehe, ebenso Architekt, der in Los Angeles bei einem Auslandssemester auf die alternative Wohnform aufmerksam wurde. In Hamburg gewann das Paar 2007 einen Architekten-Wettbewerb der Stadt, bei dem zehn Liegeplätze in der Uferstraße in Eilbek vergeben wurden. Damit sollte die Hausbootkultur in Hamburg angekurbelt werden. Die Ausschreibung hatten die beiden durch Zufall gefunden – den Wunsch, das Wasser als Lebensraum zu erobern, gab es schon länger:

„Das Wasser als Stadtfläche sollte meiner Meinung nach für alle da sein. In Städten wie Amsterdam funktioniert das hervorragend.“

In der niederländischen Hauptstadt Amsterdam liegen rund 2500 Hausboote an den Ufern der Stadtkanäle. Sogar ein schwimmendes Viertel gibt es am östlichen Rand der Stadt in IJburg. Das Viertel auf dem Wasser besteht aus 55 Treib-Häusern und 20 Pfahlbauten. Die Stadt Hamburg wollte schon 2004, nach einem Ideenwettbewerb, das Wohnen auf dem Wasser fördern. 2008 wurde wiederum eine politische Zielsetzung formuliert, Hamburg-Mitte als „den Bezirk am Wasser“ zu profilieren. Gemessen an den Zahlen hinkt der Bezirk den Plänen eher hinterher. Insgesamt sieht es aktuell nicht besser aus: Der Stadt zufolge gab es im April 2017 nur ungefähr 36 Hausboote – hierunter fallen offiziell genehmigte und tolerierte Lieger.

Mitten in der Stadt und doch in der Natur

Nachdem die Baugenehmigung erteilt und das Grundstück erschlossen war, dauerte der Bau des Hausboots von Amelie Rost rund neun Monate. „Da wir keinerlei Vorerfahrungen hatten, haben wir uns in der Bauphase oft mit unseren Nachbarn getroffen und Arbeitsgruppen zu verschiedenen Themen gebildet“, sagt Amelie Rost. „So hat jeder vom Wissen der anderen profitiert.“ Im Alltag liegen die Schwierigkeiten vor allem in der Instandhaltung: Jeden Wintermonat packt Amelie Rost den Rumpf des Bootes in eine Art Mantel zum Schutz gegen das Eis ein. „Es ist schon mehr zu tun als mit einem normalen Haus. Der große Vorteil ist, dass man zentral in der Stadt, aber trotzdem in der Natur lebt.“ Die Architektin liebt es vor allem, direkt vom Boot aus schwimmen gehen zu können – auch wenn das eigentlich nicht erlaubt ist: „Hier schwimmt man unter einer Brücke durch und hat gleichzeitig Flugzeuge über sich. Das ist schon besonders.“

Auch Martin Müller-Wolff, Innenarchitekt, lebt auf einem Hausboot in der Uferstraße und sieht den besonderen Wert am Leben auf dem Hausboot im intensiven Kontakt zur Natur: „Das Objekt bewegt sich, wenn es stürmt. Man lebt im Unterdeck unterhalb des Wasserspiegels. Dadurch sieht man viele verschiedene Wasservögel auf Augenhöhe vorbei schwimmen oder sogar als direkte Nachbarn auf der von uns gepachteten Wasserfläche ihre Nester bauen. Das Glitzern des Wassers spiegelt sich an den Decken aller Zimmer wider.“

“Hausboote sind etwas für Individualisten“

Martin Müller-Wolff meint, dass Wasser in Flüssen und Seen Natur sei und deshalb wie Parks der Öffentlichkeit jederzeit zugänglich sein sollten. Kanäle hingegen seien künstlich für einen bestimmten Zweck – in der Regel als Verkehrsweg – errichtet. Deshalb sei es dort verbreitet, dass sich Betriebe der Hafenwirtschaft, Werften und Ähnliches ansiedeln und Wassergrundstücke exklusiv nutzen. „In diesem Kontext entstanden die Hausboote und belegen nun Wasserflächen und Uferstreifen als Pächter. Grundsätzlich kann jeder das Wasser nutzen“, sagt er und ergänzt: „In Hamburg sind geeignete Liegeplätze rar, denn diese müssen für die Nutzung mit einem Hausboot die Anschlüsse an das Strom-, Wasser- und Abwassernetz der Stadt haben und verkehrstechnisch angebunden sein.“

Der Stadt zufolge gibt es mehrere Gründe, warum es bislang nur wenige Hausboote in Hamburg gibt: Viele Liegeplätze sind ungeeignet, die Genehmigungsverfahren langwierig. Zudem scheitern potenzielle Hausbootbesitzer oftmals an Kredit-Hürden und falschen Finanzierungsvorstellungen. Trotzdem sei die Nachfrage weiterhin groß: Im Bezirk Mitte sei im April 2017 an drei Genehmigungen und zwei konkreten Projektanfragen gearbeitet worden – im Schnitt würden etwa 40 Anfragen pro Woche reinkommen.

Auch Martin Müller-Wolff weiß aus eigener Erfahrung, dass „vor allem die Errichtung technisch ausgesprochen anspruchsvoll ist. Fast nichts an einem Hausboot ist  ‚Standard‘, sowohl der Entwurf wie auch dessen Umsetzung in die Realität sind Pionierarbeit.“

Das Hausboote als alternative Wohnform dem Wohnungsmangel in Hamburg etwas entgegensetzen könnten, ist bisher nicht absehbar.

Amelie Rost forscht an der HafenCity auch wissenschaftlich zum Thema städtebaulicher Wachstum auf dem Wasser. An der HafenCity Universität arbeitet sie derzeit an ihrer Promotion „Möglichkeitsraum Wasser: Optionen für die Innenentwicklung von Metropolregionen durch schwimmende Architektur“. „Bei der Stadtentwicklung in Hamburg ist das Element Wasser immer noch relativ neu im Gegensatz zu Städten wie Amsterdam. Und Hausboote sind definitiv etwas für Individualisten“, sagt sie. 

Noch ist Hamburg keine Stadt, die den urbanen Lebensraum aufs Wasser bringt. Bislang hat sich nicht viel getan. Allerdings: „Wohnen auf dem Wasser ist eine Wohnform, die wir unterstützen möchten. Die Wasserflächen sollen allgemein mehr genutzt werden, da Hamburg sich dafür sehr gut anbietet“, sagt die Pressesprecherin des Bezirks Mitte, Sorina Weiland, auf Anfrage von FINK.HAMBURG. Lohnen würde sich in Anbetracht des Wohnungsmangels ein Blick auf Projekte wie das schwimmende Wohnviertel IJburg in Amsterdam auf jeden Fall.

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Zu jedem Bier bestellt sich Lesley-Ann Jahn, Jahrgang 1992, einen Strohhalm — der verbessert angeblich den Geschmack. Auch sonst fällt die gebürtige Itzehoerin, die für ihr Germanistik-Studium nach Hamburg gezogen ist, knallharte Urteile in den Szenevierteln. Als Redakteurin für einen Hamburger Zeitschriftenverlag schaute sie zum Beispiel kritisch in die Küchen und auf die Ladentheken der Stadt. Als sie einmal für einen Artikel 30 Tage lang vegan, koffein- und alkoholfrei leben musste, litt sie dabei entsetzlich am Kaffeeentzug. Lesleys Freunde kommen bei ihr in den Genuss von selbstgemachten Kuchen und gesunden Gerichten.
Lisa-Marie Eichhorn, Jahrgang 1989, schläft besonders gut ein, wenn auf dem Bildschirm „Ultimate Fighting“ läuft. Sie kommt aus der Nähe von Stuttgart und interessiert sich für eine Vielzahl von Themen, von Deutschrap bis Stadtpolitik. Studiert hat sie an der Universität Hamburg, und zwar Deutsche Sprache und Literatur mit dem Schwerpunkt Medien und Theater. Sie hat schon für Medien von „Bild“ bis „Tagesschau“ gearbeitet. Damit finanziert sie das, was sie am liebsten ständig macht: ausgedehnte Reisen.

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