Besucher der Diskussionsrunde im Nachtasyl.

Dienstagabend fand im Nachtasyl die Diskussionsrunde Blackbox AfD mit Gästen wie AfD-Politiker Bernd Baumann und Kampnagel-Intendantin Amelie Deuflhard statt. Die Antifa kritisierte die Veranstaltung.

Vor dem Gebäude des Thalia Theaters, direkt am Aufgang zur Theaterbar Nachtasyl, stehen eine halbe Stunde vor Beginn der Diskussionsrunde Blackbox AfD bereits fünf Aktivisten des antifaschistischen, bundesweiten Bündnisses Nationalismus ist keine Alternative. Sie demonstrieren mit einem Banner und verteilen einen offenen Brief an das Thalia Theater: „Keine Bühne für die Alternative für Deutschland (AfD)“.

Banner der Antifa mit der Aufschrift: Deutschland ist keine Alternative! Gegen die Festung Europa und ihre Fans! // Foto: Catalina Langer

Mit den Worten „Meinungsfreiheit ist ein Privileg, um das uns viele Menschen weltweit beneiden“ begrüßt die Journalistin Kathrin Erdmann das Publikum im gut besuchten Nachtasyl. Die Teilnehmer der Diskussionsrunde sitzen am künstlichen Lagerfeuer auf gepolsterten Hockern, das bunt gemischte Publikum dicht an dicht auf Bänken oder auf dem Boden, manche stehen an der Bar. Der Abend wird von den drei Radiojournalisten Axel Schröder, Jörn Strahler-Pohl und Kathrin Erdmann moderiert. Zu Gast sind Parteienforscher Kai-Uwe Schnapp, der Fraktionsvorsitzende der Hamburger AfD Bernd Baumann sowie die Kampnagel-Intendantin Amelie Deuflhard.

Aufhänger der Diskussionsrunde: die Auseinandersetzung mit der Anzeige der Hamburger AfD gegen Amelie Deuflhard im Jahr 2014. Damals arbeitete Deuflhard mit einer Gruppe von sechs Flüchtlingen auf Kampnagel und lässt diese dort wohnen. Die Staatsanwaltschaft ermittelte aufgrund der Anzeige der AfD gegen die Intendantin wegen „Beihilfe zum Verstoß gegen das Aufenthaltsrecht für Ausländer“. Das Verfahren wurde aufgrund mangelnder Beweise im Sommer 2016 eingestellt.

Schon früh wird deutlich: Die AfD hat einige Sympathisanten im Publikum.

Während der ersten zehn Minuten der Diskussion gibt es technische Probleme bei dem Mikrofon des AfD-Fraktionsvorsitzenden Bernd Baumann. Jedes Mal, wenn er sich zu Wort meldet, fällt sein Mikrofon aus, der Ton ist verzerrt oder es ist ein lautes Quietschen zu hören. Baumann lacht: „Also sind wir hier ja doch in einem links-kontrollierten Medienkartell, wenn mein Mikrofon nicht funktioniert! Natürlich nur ein Scherz…“. Schon früh wird deutlich: die AfD hat einige Sympathisanten im Publikum. Während der anfänglichen, technischen Schwierigkeiten gibt es einige laute Zwischenrufe wie „Gibt es hier denn keine Profis?“ oder „Was soll der Mist?“. Die Stimmung ist angespannt.

Nachdem die Situation um die Anzeige gegen Amelie Deuflhard angesprochen wurde, weitet sich die Diskussion aus. Begriffe oder Floskeln wie „Lügenpresse“, „links-grün-versiffte alt 68er“ oder „Ihr seid alle Mainstream“ ziehen sich durch jeden Redebeitrag des AfD-Politikers und durch den ganzen Abend. Im ersten Teil der Veranstaltung nimmt Baumann fast die komplette Redezeit in Anspruch, beteuert, dass in allen Eliten eine siebzig-prozentige Mehrheit politisch links-grün orientiert ist, „das Volk“ dabei immer ausgeschlossen war und die AfD nun endlich einen Gegenpol dazu bieten möchte.

Die Diskussion artet zunehmend aus.

Geht es in einem Moment noch um Rassismus in der AfD, hinterfragt der Moderator Jörn Straehler-Pohl im nächsten Moment die vermeintlich homophoben Aussagen im Parteiprogramm der Partei. Amelie Deuflhard lässt sich den Kulturbegriff des Fraktionsvorsitzenden erklären.

Mehrfach wiederholt Baumann, wie linksgerichtet Professoren an Universitäten, Lehrer, Medienakteure und Menschen mit hohen Positionen in Kunsteinrichtungen sind und wie „Mainstream“ diese „68er Menschen“ sind. Über die Hälfte des Publikums klatscht begeistert, nickt oder stimmt rufend zu. Der Parteienforscher Kai-Uwe Schnapp hinterfragt, warum der Bundestag dann nicht auch seit Jahren von einer mehrheitlich linksorientierten Regierung besetzt ist. Baumanns Erklärung ist, dass es „die alte“ CDU nicht mehr gebe. Er erzählt Geschichten über Einbrüche in sein Haus, Angriffe auf Parteimitglieder der AfD oder angezündete Autos. Es ist schwierig, ihm zu folgen. Jedes Mal, wenn andere aus der Diskussionsrunde einhaken oder etwas hinterfragen wollen, gibt es wütende Zwischenrufe aus dem Publikum. Einige Besucher werden mehrmals ermahnt und zurechtgewiesen. Die Demonstranten vor der Tür scheinen allerdings verschwunden zu sein.

Zu Beginn der Pause werden Liedtexte ausgeteilt. Alle werden aufgefordert das Lied „Where Have All The Flowers Gone“ mitzusingen. Jemand aus dem Publikum ruft: „Können wir das nicht auf Deutsch singen?“. Das Singen klappt nicht so richtig.

Die Teilnehmer der Diskussionsrunde. Von links nach rechts: Kai-Uwe Schnapp, Jörn Straehler-Pohl, Amelie Deuflhard, Axel Schröder, Bernd Baumann und Kathrin Edermann.

Amelie Deuflhard eröffnet die Diskussion nach der Pause mit einem Lob an Künstler weltweit, an Vielfalt jeder Art und betont, wie froh sie persönlich über die große Diversität in Deutschland und Hamburg ist. Die bisher eher ruhigere, andere Hälfte des Publikums klatscht und jubelt. Baumann stimmt zu, wie wichtig Kunst und Kultur sind, betrauert aber die „permanente Verhunzung von Theaterklassikern“. Das Publikum wird unruhig, viele Menschen schütteln den Kopf und rufen dazwischen.

„Ich bin Flüchtling und AfD-Mitglied!“

Das letzte große Gesprächsthema bietet die Facebook-Seite der Hamburger AfD. Jörn Straehler-Pohl zitiert einen Beitrag und liest einige Kommentare darunter vor. Aus dem Publikum kommen fast pausenlos Zwischenrufe. Jemand ruft „Vier gegen Einen!“. Ein Mann in der ersten Reihe brüllt: „Ich bin Flüchtling und AfD-Mitglied“. Kathrin Erdmann ermahnt das Publikum mehrfach. Kai-Uwe Schnapp bittet Bernd Baumann um eine konkrete Stellungnahme zu den Hass-Kommentaren unter den Facebook-Posts der AfD. Baumann bedauert die Kommentare, Schuld seien fehlende Kapazitäten. Eine 450 Euro-Kraft und sonst nur ehrenamtliche Mitarbeiter wären nicht in der Lage, auf alle Kommentare zu reagieren oder sie zu löschen.

Eine halbe Stunde nach dem angesetzten Ende der Veranstaltung, schließt Katrin Erdmann die Diskussion. Sie bedankt sich bei allen Gästen, den Organisatoren und dem Nachtasyl. Als das Licht wieder angeht rufen ein paar Leute „Nazis raus“, „Scheiß AfD“ oder „Antifa“ – vielleicht doch die Demonstranten von vor der Tür? Dann wird ein zweiter Versuch gestartet, gemeinsam zu singen: Die Liedtexte zu „Take Me Home Country Roads“ werden verteilt. Diesmal singen mehr Menschen mit. Bernd Baumann nicht.