Joshi, Sänger der "antifaschistischen Punkband" ZSK, auf einem Konzert. Foto: Ben Kriemann

Vermummte randalieren, Polizisten prügeln auf Demonstranten ein, Streifenwagen brennen: Das Video zum G20-Song der Punkband ZSK wirkt verstörend. Ist der Clip ein Aufruf zur Gewalt? Wir haben nachgefragt.

FINK.HAMBURG: Ihr habt euch mit dem Rapper Swiss zusammengetan und das G20-Protest-Lied „Hamburg 2017“ rausgebracht – wie kam es dazu?

ZSK-Sänger Joshi: Swiss ist Hamburger, insofern betrifft ihn der Gipfel sehr konkret. Und auch uns treibt das Thema schon sehr lange um. Die Idee hatten wir dann auf unserer gemeinsamen Tour irgendwann mal Backstage. Kurz danach haben wir den Song fertiggemacht.

Wenn man sich euer neues Video anschaut, könnte man meinen, es gehe euch um die Konfrontation mit der Polizei und weniger um die Kritik an G20.

Das Video ist einfach eine Collage von weltweiten Protestbildern gegen genau solche Gipfel. Wir freuen uns, dass sich überall auf der Welt so viele Menschen an Demonstrationen beteiligen. Das Block G20 Bündnis finden wir zum Beispiel genau richtig: bunt und groß, aber auch konsequent gegen den Gipfel.

Die Band ZSK. Foto: Micael Santos Graca

Die antifaschistische Punkband ZSK wurde 1997 in Göttingen gegründet. Sie spielten u.a. als Vorband der Toten Hosen, Bad Religion und der Bloodhound Gang. Seit vielen Jahren lebt die Band in Berlin. 2006 starteten sie die Kampagne „Kein Bock auf Nazis“

Aber der Gipfel wird nicht nur groß und bunt sein, sondern es wird wahrscheinlich auch Gewalt gegen die Polizei geben.

Ich mache mir da weniger Sorgen um die Polizisten, sondern viel mehr um die Betroffenen von Polizeigewalt. Das haben wir in den letzten Wochen gesehen: In Nürnberg versuchen Schüler die Abschiebung ihres Mitschülers zu verhindern und werden daraufhin vor laufenden Kameras zusammengeschlagen. Deswegen mache ich mir Sorgen. Nicht um einen Polizisten, der die beste Panzerung hat, die man hier in Deutschland haben kann.

„Es gibt für jede Demonstrationsform Raum“

Es gibt viele Hamburger, die gegen den Gipfel sind. Die gleichzeitig aber auch Angst haben, eingekesselt zu werden. Es wird oft so dargestellt, als ob das von Gruppierungen ausgeht, die euch nahestehen.

Wieso? Die linken Demonstranten kesseln doch niemanden ein, sondern die Polizei. Das ist genau das, was die Polizei immer sagt: „Die Demonstranten sind die Chaoten. Geht nicht auf die Straße, da sind nur Krawallmacher.“ Das ist völliger Quatsch. Die einen wollen Luftballons hochhalten, die anderen mit Sitzblockaden demonstrieren. Und das eine schließt das andere nicht aus. Ich kann allen nur raten: Beteiligt euch an dem Protest. Es gibt für jede Demonstrationsform Raum. Man sollte sich nicht von dem massiven Polizeiaufgebot und den Drohgebärden einschüchtern und sich nicht das Recht auf freie Meinungsäußerung nehmen lassen.

In eurem Video sieht man allerdings wenig von bunten Protesten. Man sieht Schlägereien, Raketen, die abgefeuert werden, und brennende Polizeiautos. Wie soll das nicht abschreckend sein?

Wir zeigen auch viele andere Bilder in dem Video. Da muss man nur genau hinschauen. Zum Beispiel die Bilder vom G8-Gipfel in Heiligendamm. Da haben wir mit 30.000 Menschen friedlich die Zufahrtswege blockiert. Gleichzeitig bringt es aber auch nichts, so zu tun, als gäbe es keine anderen Protestformen. Man braucht nicht so tun, als hätte bei den Blockupy-Protesten in Frankfurt kein Polizeiauto gebrannt. Das war nun mal so. Und das darf man auch zeigen. Ich glaube nicht, dass jemand wegen unseres Videos von den G20-Protesten abgeschreckt wird.

„Eine vernünftige Strafverfolgung gegen Polizisten gibt es nicht“

Ist Gewalt gegen Polizisten denn in bestimmten Situationen gerechtfertigt?

Es geht überhaupt nicht um Gewalt. Es geht darum, dass Demonstranten friedlich auf der Straße sitzen und Polizisten ihnen daraufhin Pfefferspray ins Gesicht sprühen. Da erwarte ich, dass es eine vernünftige Strafverfolgung gibt. Und die gibt es leider nicht. Weil solche Strafverfahren gegen Polizisten in der Regel sehr schnell eingestellt werden.

Meint ihr das auch mit eurer Song-Zeile „Man hat es probiert mit Freundlichkeit aber in Zeiten wie diesen muss man deutlich sein“? Das klingt so, als würden aus eurer Sicht Sitzblockaden nichts mehr bringen.

Nein, ganz im Gegenteil. Sitzblockaden bringen was. Genau das ist gemeint. Man darf nur nicht weggehen, wenn die Polizei den Wasserwerfer vor dich stellt oder Durchsagen macht, dass sie dich gleich wegtragen. Wenn man zum Beispiel bei einem Naziaufmarsch immer das tun würde, was die Polizei will, dann würde jeder Naziaufmarsch glatt durchgehen.

Also ist die Polizei Schuld? Und nicht eine Gruppe Demonstranten, die den Vorsatz hat zu randalieren.

Schuld woran?

Für Ausschreitungen und Verletzte. Zum Beispiel beim G7 Gipfel in Genua.

Du meinst die Verletzten in der Diaz-Schule? Als die Polizei nachts reingestürmt ist und Leute halb totgeschlagen hat? Ja, da ist die Polizei Schuld. Und dafür wurden einige Täter auch verurteilt. Da wären Menschen beinahe gestorben, weil die Polizisten so lange auf ihre Köpfe eingeschlagen haben. Ein Mensch wurde an dem Tag erschossen.

„Natürlich kommen auch Demonstranten, die die Auseinandersetzung mit der Polizei suchen“

Kannst du denn ausschließen, dass friedliche Demonstranten von radikalen Linken verletzt werden?

Wieso sollte ein Demonstrant einen anderen Demonstranten verletzen? Das habe ich noch nie erlebt. Wie gesagt: das werden Demonstrationen mit allen Formen des Protests. Und natürlich kommen aus der ganzen Welt auch Demonstranten, die vermutlich die Auseinandersetzung mit der Polizei suchen. Aber deshalb nicht gegen G20 zu protestieren wäre ja so, als wenn man nicht mehr auf das Oktoberfest geht, weil es da vielleicht eine Schlägerei im Bierzelt geben könnte. Das wäre ja schlimm. Ich verstehe nicht, warum das plötzlich so ein Thema ist. Dann dürfte man zu keinem Stadtfest mehr gehen, könnte ja auch was passieren…

„Vor uns muss niemand Angst haben!“

…ein Stadtfest ist nicht gleichzusetzen mit einer Demonstration zu der 100.000 Menschen kommen sollen. Und über ein Stadtfest macht ihr auch kein Video.

Nochmal: vor uns muss niemand Angst haben. Und wenn es Auseinandersetzungen mit der Polizei gibt, muss man eben ein Stück beiseite gehen und so protestieren, wie man das gerne möchte. Das Problem ist die Polizei. Die fahren mitten in die Menge und verprügeln Leute. So kenne ich das. Und das ist für mich das Problem.

Wenn das dein Standpunkt ist: Wie kriegt man dann die Polizei dazu, nicht wahllos Leute zu verprügeln und einzukesseln?

Die Polizei muss sich an Recht und Gesetz halten. Wie oft haben sie schon stundenlang grundlos Leute eingekesselt und Monate später kam dann vor Gericht raus, dass der Kessel nicht rechtmäßig war. Oder die Polizei nimmt wahllos Leute fest – wie bei den Protesten in Dresden. Und dann entscheiden die Gerichte Jahre nach dem Vorfall und nachdem Tausende Euro für Anwälte bezahlt wurden, dass man natürlich bei einem Protest ein Megafon dabeihaben darf. Und dadurch auch nicht automatisch für Ausschreitungen verantwortlich ist.

„G20 wird ein historisches Ereignis“

Ihr seid schon lange politisch aktiv. Glaubst du, G20 wird besonders?

Ja, auf jeden Fall. Das wird definitiv der wichtigste Massenprotest der letzten Jahre. Es wird ein historisches Ereignis in der Geschichte der sozialen Bewegung. Wie damals in Seattle oder beim Gipfel in Genua.

Was gibt der Bewegung so viel Kraft?

Es ist doch eine verrückte Situation: jeden Tag sterben im Mittelmeer Menschen. Gleichzeitig gewinnen Rechtsextreme an Raum, die USA drehen völlig durch und jetzt treffen sich da all die Verantwortlichen in Luxushotels und verbrennen Millionen Euro – nur, um sich selbst zu feiern. Das ist eine ungeheuerliche Provokation. Es ist wichtig, dass da viele Menschen sagen: Wir wollen diese globale Ungerechtigkeit nicht weiter hinnehmen. Weil das Treffen nicht zum Ziel hat, dass es allen Menschen auf der Welt besser geht, sondern nur einigen wenigen. Es geht ihnen nur darum, ihre Machtverhältnisse weiter zu festigen.

In eurem Song heißt es: „Ihr schreibt Verträge, wir schreiben Geschichte“. Wie soll eure G20-Geschichte aussehen?

Dass die Menschen auch noch in 10 oder 20 Jahren sagen: Wahnsinn, da waren damals Hunderttausend Menschen auf der Straße. Die ganze Stadt war auf den Beinen, um zu sagen: „Wir haben keine Lust, dass sich hier 20 Staatschefs treffen und über alles und jeden entscheiden“.

ZSK bei einem Konzert. Foto: Ben Kriemann

ZSK werden auch während des G20-Gipfels in Hamburg sein. Am Samstag, 8. Juli, spielen sie auf dem Lautsprecherwagen bei der Internationalen Großdemo am Deichtorplatz und um 21 Uhr sind sie am FC St. Pauli Stadion bei „Football vs. G20“.

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Johanna Röhr, Jahrgang 1991, sagt gerne etwas, kann aber auch zuhören - am liebsten wenn's um Sport geht. Und das immer brandaktuell auf Twitter. Sie liebt ihre Heimat München, Nilpferdbabys und gute Satire. Noch fühlt sie sich in Hamburg wie im Ausland, aber das wird sich bestimmt noch ändern. Sie ist Social-Media-Redakteurin bei Spiegel Online und Kommunikationstrainerin, hat aber auch schon als Stadionmoderatorin der Frauenmannschaft des FC Bayern gearbeitet. Sie ist Autorin eines Münchner Stadtführers. Modetrends findet sie cool, merkt das aber immer erst, wenn sie vorbei sind.
Lukas Schepers, Jahrgang 1992, arbeitet als freier Journalist unter anderem für das Stadtmagazin Szene Hamburg. Außerdem ist er Mitherausgeber des Literaturmagazins Nous, für das er Lyrik und Prosa schreibt und illustriert. Nach dem Journalismus- und PR-Studium an der Westfälischen Hochschule in seiner Geburtsstadt Gelsenkirchen zog es ihn zusammen mit seinem Hund, der einem Fuchs zum Verwechseln ähnlich sieht, nach Hamburg. Es folgten Praktika und eine Dramaturgie-Hospitanz am Thalia Theater. Wenn Lukas nicht gerade Schallplatten hört, rollt er auch gerne mal mit dem Skateboard durch seine neue Heimat.