Fotos: Pixabay Illustration: Christina Höhnen

Wir werden von Chemtrails vergiftet, von Echsenmenschen regiert und die Erde ist flach. Das Hamburger Ehepaar Waschkau kennt fast jede Verschwörungstheorie und sagt dem Wahn den Kampf an. 

In vielen Verschwörungsforen heißt es, sie sollen Teil der Skeptikersekte in Deutschland sein. Skeptiker, die im Hintergrund die Fäden ziehen. Sogenannte Desinformanten. Wer Alexa und Alexander Waschkau in ihrer Wohnung besucht, hat Zweifel an diesen Anschuldigungen. Es ist Abend, das Ehepaar sitzt in seiner modern eingerichteten Edelstahlküche, eine Katze schmiegt sich ans Stuhlbein und im Hintergrund surrt der Trockner. Alles wirkt normal.

Die Fakten

Die Waschkaus machen einen Podcast. Er heißt „Hoaxilla“, benannt nach „hoax“, dem englischen Wort für Falschmeldung oder Scherz. Jede Folge dauert ungefähr eine Stunde und hat eine eigene Thematik. Das Repertoire reicht von Social-Bots, Fake News und Außerirdischen über Chemtrails und 9/11-Verschwörungstheorien bis hin zur ausgehöhlten Erde oder der „BRD GmbH“.

„Jedes Thema, das wir gemacht haben, liegt uns am Herzen“, sagt Alexander Waschkau. In den letzten sieben Jahren hat das Paar 209 Folgen produziert. Themen werden oft an sie herangetragen: „Wir bekommen mehr Vorschläge als wir in den nächsten sieben Jahren behandeln könnten“, sagt Alexander Waschkau und schmunzelt. „Es gibt immer wieder neues völlig verrücktes Zeug.“

Hoaxilla
Kämpfen gegen Verschwörungstheorien: Alexander und Alexa Waschkau. Foto: Hoaxilla Presseportal

Alexander Waschkau ist Diplom-Psychologe und forscht an der Universität Hamburg. Alexa Waschkau ist Kulturwissenschaftlerin und hat sich schon während ihres Studiums mit modernen Sagen und Erzählformen beschäftigt. Sie stellte fest, dass bestimmte Geschichten immer weiter erzählt und für wahr gehalten werden. Die Spinne in der Yucca-Palme ist so ein Klassiker unter den urbanen Legenden. Dabei geht es um eine Vogelspinne, die ein Nest in der ursprünglich aus Madagaskar stammenden Yucca-Palme gesponnen hat und in einem deutschen Wohnzimmer den Bewohner beißt, der daraufhin stirbt. In einer anderen Variante beißt die Spinne ein kleines Mädchen. Eines Tages platzt die Wunde auf und tausend kleine Spinnen krabbeln aus ihr heraus. 

Das Ehepaar will mit seinem Podcast aufklären, moderne Sagen und Verschwörungstheorien durch wissenschaftliche Aspekte widerlegen. „Wir versuchen unterschwellig in unserer Arbeit Quellenkritik zu vermitteln, also die Frage, wie man selber die Wahrheit herausfinden kann“, erzählt Alexander Waschkau. Dabei geben sie den Hörern Handlungsempfehlungen: „Wenn jemand zum Beispiel an Chemtrails glaubt, dann geben wir den Tipp, Flightradar und Wettermeldungen zu überprüfen“, sagt Alexander Waschkau.

Dabei arbeitet das Ehepaar eng als Team zusammen: „Wir haben festgestellt, dass die Kombination aus einer Kulturwissenschaftlerin und einem Psychologen, der immer daran interessiert ist, warum Menschen das tun was sie tun, unfassbar gut ist, um modernen Sagen oder Verschwörungstheorien auf den Grund zu gehen“, sagt Alexa Waschkau.

Wird es schlimmer? – Unzufriedenheit, das Internet und soziale Netzwerke

Verschwörungstheoretiker sollte man nicht als bloße Spinner abtun. Nicht nur im Internet tauchen immer häufiger abstruse Theorien auf. Auch der Kopp-Verlag der sich unter anderem auf Verschwörungstheorien und Literatur für Reichsbürger spezialisiert, bekommt mittlerweile immer mehr Aufmerksamkeit. Verschwörungstheoretiker stehen demnach mit derzeitigen gesellschaftlichen Entwicklungen im Kontext.

Man muss sich fragen, wodurch Verschwörungstheorien entstehen. Und welche Personen an welche Ideologien glauben. Michael Butter ist Professor für Amerikanistik an der Universität Tübingen und Verschwörungstheorie-Experte. Er macht deutlich, dass gegenwärtige Verschwörungstheorien Reaktionen auf Krisen sind – von Menschen, die sich abgehängt fühlen. „Insofern sind Verschwörungstheorien in den Gruppen, die auch diese ganzen großen populistischen Bewegungen tragen, momentan weit verbreitet. Also zum Beispiel bei Pegida oder auch der AfD“, sagt Butter.

Quelle: Facebook

Auch den aktuellen Rechtsruck sieht Alexander Waschkau darin begründet: „Wenn man sich in dem Gebiet bewegt und recherchiert, bemerkt man einen deutlichen Anstieg von öffentlichem Antisemitismus. Zum Beispiel für die Verschwörung von Banken oder die Theorie, dass sechs jüdische Familien die Welt beherrschen. Das sind Ressentiments, die mehrere Jahrhunderte alt sind, die plötzlich wieder aufkommen. Es gibt immer wieder Menschen, die so unzufrieden sind, sich so hilflos und machtlos fühlen, dass sie auf diese hereinfallen.“

Quelle: Facebook

Ein Beispiel für die Aktualität solcher Theorien sind Reichsbürger. Noch vor zehn Jahren galten Anhänger der Bewegung als Spinner. Sie wurden als harmlos abgetan. Vor einem Jahr wurde in Bayern ein Polizist erschossen, der dem Reichsbürger Wolfgang P. die Waffensammlung abnehmen sollte. Seitdem wird die Bewegung von Politik und Justiz ernst genommen. Kürzlich fiel das Urteil mit Symbolkraft: Wolfgang P. wurde zu lebenslanger Haft verurteilt. Inzwischen geht der Verfassungsschutz von bundesweit rund 15.000 Reichsbürgern aus.

Wird es also schlimmer? Durch das Internet und die sozialen Medien sind Verschwörungstheorien sichtbarer geworden. „Ich weiß nicht ob die Anzahl der Verschwörungstheoretiker größer wird, aber sie haben durch das Internet auf jeden Fall mehr Möglichkeiten, sich zu äußern“, stellt Alexander Waschkau fest.

Quelle: Facebook

Zudem ist sich der Diplom-Psychologe sicher, dass es immer mehr Menschen gibt, die unzufrieden mit ihrem Leben sind und die Gründe dafür nicht bei sich suchen. „Es ist ja viel bequemer zu sagen, die Regierung ist schuld, die Fremden sind schuld, die Flüchtlinge sind schuld, dass es mir gerade nicht gut geht. Ich glaube, das ist einer der Aspekte, der dazu führt, dass immer mehr Menschen sich Verschwörungstheorien zuwenden“, sagt Alexander Waschkau.

Quelle: Facebook

Ein weiteres Problem sieht er in der Quellenkritik des Internets. Suchmaschinen filtern nicht die Qualität der Quelle. Somit findet der User alles, was er will und muss sich nicht damit befassen, ob der Inhalt denn der Wahrheit entspricht oder Ergebnis einer unseriösen Quelle ist.  „Wenn ich jetzt also google, ob Deutschland eine GmbH ist, dann werde ich ganz viele Internetseiten finden, die mir sagen: Ja, das ist so. Und da wird dann eben Quantität mit Qualität verwechselt. Wenn das 20.000 Internetseiten schreiben, dann muss ja was dran sein“, so Alexander Waschkau. Auch 9/11 bringen die Waschkaus mit der aktuellen Lage in Verbindung: „Mit den Anschlägen aufs World Trade Center 2001 hat es wirklich eine Zeitenwende gegeben. Ich befürchte, dass vieles, was wir politisch und auch verschwörungstheoretisch erleben, damit zu tun hat und darin begründet ist“, so Alexa Waschkau.

Umgang mit Verschwörungstheoretikern 

Wenn jemand von einer Verschwörungstheorie überzeugt ist und daran glaubt, dann ist es schwierig, diese Person wieder von diesen Theorien abzubringen. „Das Problem ist: Jemand, der an Verschwörungstheorien glaubt, der glaubt. Und wenn man in den Bereich des Glaubens kommt, dann wird es schwierig. Man kann schließlich auch keinem gläubigen Katholiken den Glauben an Gott ausreden“, stellt Alexander Waschkau fest.

Stephanie Wittschier, eine ehemalige Verschwörunstheoretikerin, beschreibt, wie die Verschwörungstheorie-Communitys im Netz ihre Mitglieder bewusst von der Außenwelt abschirmen. „Innerhalb der Communitys und Foren wird man die ganze Zeit mit Ideologien überflutet, es wird auf einen eingeredet, sobald man etwas anzweifelt“, sagt Wittschier. Das macht deutlich, dass Fragen und Zweifel nicht zugelassen werden. In diesen Filterblasen wird letzten Endes nur noch das gehört, was gewünscht ist. Oftmals glauben Verschwörungstheoretiker nicht nur an eine bestimmte Theorie, sondern an viele verschiedene. So war es auch bei Stephanie Wittschier: „Am Schluss habe ich an so ziemlich alles geglaubt, bis auf die Theorie der flachen Erde. Sonst tatsächlich an alles, an Reptiloiden, die hohle Erde, einfach an alle möglichen Theorien.“

Bernd Harder, Politikwissenschaftler und Vorstandsmitglied der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften e.V., sagt: „Was man dagegen tun kann und soll, weiß derzeit niemand. Die Forschung ist erst ganz am Anfang.“ Sicher ist, dass Verschwörungstheorien Feindbilder konstruieren, sie tragen zur Radikalisierung bei und bilden Spannungen in unserer Gesellschaft. Auch der Blick auf die Realität wird zugunsten von imaginären Bedrohungsszenarien verstellt. „Beispiele dafür sind der Klimawandelleugner und Impfgegner – hier werden soziales und gesellschaftliches Engagement verhindert“, so Harder.

Anfeindungen im Netz

Alexa und Alexander Waschkau sind regelmäßig Anfeindungen ausgesetzt. „Wenn wir Sachen machen, die in irgendeiner Art und Weise mit dem Dritten Reich oder mit Reichsbürgern zu tun haben, dann sind die Anfeindungen richtig krass. Das geht bis hin zu Dingen, die den Strafbestand der Volksverhetzung, der Bedrohung oder auch Morddrohungen berühren“, erzählt Alexa Waschkau. Wenn diese Bedrohungen strafrechtlich relevant sind, scheut sich das Ehepaar nicht, Anzeige zu erstatten.

Was die sozialen Medien angeht, so sieht Alexa Waschkau Unterschiede und Abstufungen in der „Qualität“ der Anfeindungen: „YouTube ist meistens unterste Schublade, Twitter und Facebook gehen noch. Das strafrechtliche Relevante bekommen wir per E-Mail oder als Kommentar auf unserer Seite, wie zum Beispiel Holocaust-Leugnungen oder die Idee, dass wir doch damals in die Gaskammer gehört hätten.“

An solchen Tagen widmet sich das Ehepaar dann wahrscheinlich lieber wieder Themen wie Bigfoot oder den Riesenkraken.

In der Serie Die Welt der Verschwörung beleuchtet FINK.Hamburg alles rund um das Thema „Verschwörungstheorien“.

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