#Fernetstorm Plakat Ottensen Werbeagtentur
Mit diesem Plakat begann der #Fernetstorm. Foto: G.H. Peters

Selbstironie oder Beleidigung: Das Plakat eines Likörherstellers mischt die Werbebranche auf. Ausgerechnet eine Hamburger Agentur hat die provokante Kampagne erstellt – und erntet einen ziemlich kreativen Shitstorm.

Im Herbst 2016 hing in Hamburg ein Plakat mit der Aufschrift „Liebe Hamburger, in Süddeutschland gibt es echt viele Feiertage. Life is bitter.“ Es war Teil der Kampagne von Fernet Branca, einem italienischen Likörhersteller. Dieses Jahr geht die Marke einen Schritt weiter und verteilt mit dem Slogan „Früher gab es hier ehrliche Arbeiter. Jetzt gibt es Werber. Life is bitter.“ eine Spitze gegen die Werbeagenturen in Ottensen.

Das Echo in den sozialen Netzwerken ist enorm: Unter dem Hashtag #Fernetstorm (eine Kombination aus dem Markennamen und dem Begriff Shitstorm) veröffentlichen Hamburger Agenturen eigene Plakatversionen. In zahlreichen Tweets wird außerdem der „Horizont“-Artikel eines Agenturchefs kommentiert, der mit der Branche abrechnet.

Wer steckt hinter dem Plakat?

Die Hamburger Werbeagentur Pilot hat das Plakat für den italienischen Likörhersteller entwickelt und richtet sich damit selbstironisch gegen die eigene Branche. Es hängt in Ottensen, einem Stadtteil, in dem viele Agenturen angesiedelt sind. Die gezeigte Kampagne stellt mit dem Slogan die Bitterkeit des Produkts in den Mittelpunkt und ist, neben Hamburg, auch in vielen deutschen Großstädten und in Wien zu sehen.

So reagierten die Hamburger Werbeagenturen:

Die erste Reaktion auf das Plakat kam von der in Ottensen ansässigen Werbeagentur Scholz & Friends. Auf Facebook postete sie ein Foto eines der umstrittenen Kampagnen-Plakate und „hängte“ via Photoshop eine eigene Werbung daneben. Darin laden sie dazu ein, sich für ein Textpraktikum im eigenen Haus zu bewerben.

In den Kommentaren des Facebook-Posts sammelten sich viele kreative Kommentare und zahlreiche Neuentwürfe. Am Dienstagnachmittag reagierte die Werbeagentur Kolle Rebbe mit dem Foto ihres Agentursitzes aus der Speicherstadt und folgendem Aufruf:

Das Social Media-Team von Fernet Branca antwortete darunter: „Branca-Shots?“. Andere Facebook-User kommentierten mit dem Vorschlag „Agenturensöhne“ oder Gifs.

Auch Hartwig Keuntje, Geschäftsführer der Hamburger Werbeagentur Philipp und Keuntje, äußerte sich in einem Artikel bei „Horizont“ zu den Geschehnissen. Er verteidigt die Kampagne und appelliert an die Kollegen:

 „Jeder halbwegs humorbegabte Werber sollte in der Lage sein, über sich selbst zu lachen.“

Anschließend geht er auf Themen wir Targeting, Influencer und die vielen Werbeawards ein, mit denen sich die Branche immer wieder selbst beweihräuchere. Er empfiehlt mehr Gelassenheit und weniger „moralische Empörung“. Damit geht er, laut „Hamburger Abendblatt“, auf eine Beschwerde ein, die Raphael Brinkert von Jung von Matt/sports beim Deutschen Werberat eingereicht hat.

Auch bei Twitter tobt der #Fernetstorm:

In ihren Beiträgen beziehen sich die Twitter-User vor allem auf den Artikel von Hartwig Keuntje: „Da hat es mal einer auf den Punkt gebracht“ schreibt eine Userin und „So isses!“ ein Mitarbeiter der Agentur Achtung.

Das sagen die Initiatoren:

Auf Nachfrage von FINK.HAMBURG teilt die verantwortliche Werbeagentur pilot mit, dass sie sich über „den starken Buzz“ freue. Die Geschäftsführung der Borco-Marken-Import Matthiesen GmbH & Co. KG, zu der die italienische Likörmarke gehört, teilt mit: „Nur wenige hundert Meter entfernt hängt ein weiteres Billboard mit der Copy ‚In Hamburg arbeiten die besten Werbetexter Deutschlands – und ich. Life is bitter‘. Insofern ist der Vorwurf einer pauschalen Diskriminierung der Branche für uns nicht plausibel.“ Zum eingereichten Beschwerdeverfahren wird das Unternehmen Stellung nehmen, sollte es sich als begründet erweisen.

1 KOMMENTAR

  1. Das ausgerechnet die Gentrifizierungs Branche schlechthin – Marketing Agenturen – sich gedisst fühlen ist wirklich zynisch.
    Wo ist der Aufschrei der die Wahrheit des Werbetext befeuert: Arbeiter die aus ihren über Jahrhunderte hinweg ureigenen Vierteln an den Rand der Stadt gedrängt werden sind der eigentliche Skandal. Das Fernet Branca das einfach nur als „life is bitter“ für sich vermarktet ist einen ehrlichen Shitstorm wert.
    Schade das dies in der Berichterstattung so gar keine Beachtung findet. Stattdessen bekommen die Gentrifizierungs Agentur noch mehr Aufmerksamkeit. Das ist wirklich bitter…bis zum Würgereflex.

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