Die beiden Hauptdarsteller der Vorstellung Allens Düütsch sind auf der Bühne des Ohnsorg-Theaters. Foto: Oliver Fantitsch
Die Allens Düütsch Vorstellung im Ohnsorg-Theater. Foto: Oliver Fantitsch

Das Ohnsorg-Theater ist für seine Stücke auf Plattdeutsch berühmt. Doch junge Leute besuchen das Hamburger Theater kaum noch. Dabei machen die Vorstellungen Spaß – auch ohne Plattdeutsch zu sprechen oder die 70 überschritten zu haben.

Bier-, Schnaps und Weinflaschen liegen in jeder Ecke, die Pizzaschachteln stapeln sich, an der Wand hängt eine Tafel, die zeigt, wie viel die Mitbewohner der WG getrunken haben. Der Italiener Enzo stolpert im Bademantel in diese Überreste der gestrigen Party und jammert über seinen Kater. Die Französin Virginie liegt im Bett, noch ohne Hose, neben dem Typen, den sie letzte Nacht abgeschleppt hat. Der Wiener Rudi, der laut Strichliste in der letzten Nacht am meisten Drinks hatte, erscheint zuletzt und muss sich bei seinem syrischen Mitbewohner Tarek erstmal Geld für die Miete leihen. Allens Düütsch – oder wat? heißt die Produktion im Ohnsorg-Theater – und die Darsteller sind ziemlich jung.

Im Publikum dagegen wechseln sich weiße Haarschöpfe mit Glatzen ab, vereinzelt sieht man ein paar Hörgeräte: U-40er sind die Ausnahme, U-30er eine Sensation. In der Luft hängt das Parfüm einer Mittsiebzigerin, die sich auch nach Vorstellungsbeginn noch mit ihrem Nachbarn unterhält. Die ersten Worte von der Bühne gehen im Gemurmel des Publikums unter.

Ein anderes Ohnsorg-Theater als vor 60 Jahren

Auch im Vergleich zu den anderen Schauspielhäusern in Hamburg ist das Publikum im Ohnsorg-Theater älter. Obwohl man inzwischen den Stücken gut folgen kann ohne Plattdeutsch zu sprechen, denn seit letztem Jahr gibt es immer mehr Vorstellungen, in denen sich die hoch- und plattdeutsche Sprache abwechseln. So versucht das Plattdeutsch-Theater, junge Leute anzuziehen: „Die Idee ist, mit Zweisprachigkeit Menschen, die kein Platt sprechen, Berührungsängste zu nehmen. Das wird von Anbeginn auf der Studiobühne praktiziert und hat sich hier sehr bewährt. Ob das am großen Haus funktioniert, muss man sehen. Wichtig ist nicht an jedem Wort „kleben“ zu bleiben, wenn man Platt nicht kann und sich darauf einzulassen. Man hört sich recht gut ein“, sagt die Schauspielerin Birte Kretschmer.

Das Publikum im Ohnsorg-Theater nimmt seine Plätze ein. Foto: Tobias Zuttmann
Das Publikum im Ohnsorg-Theater nimmt seine Plätze ein. Foto: Tobias Zuttmann

Hochdeutsch im Ohnsorg-Theater ist ein großer Schritt für das Haus, denn das Plattdeutsche hat hier eine lange Tradition. 1902 wurde das Theater als Theatervereinigung gegründet, seit 1910 legt es besonderen Wert auf die niederdeutsche Sprache. Lange Zeit sah es aus, als ob die Plattdeutschsprechenden aussterben würden. Das zeigt eine Studie des Instituts für niederdeutsche Sprache aus dem Jahr 2016: Nur 16 Prozent der Norddeutschen gaben an gut oder sehr gut Plattdeutsch zu sprechen, 1984 waren das noch 35 Prozent. Inzwischen wird einiges gegen das Vergessen der Sprache getan, Niederdeutsch findet sich heute sogar im Schulunterricht wieder.

Gerade die Generationen der 20- bis 50-Jährigen spreche kaum noch Plattdeutsch, deshalb sei es für das Ohnsorg-Theater besonders schwer, diese Altersgruppen anzusprechen, sagt die Dramaturgin Cornelia Ehlers: „Das Ohnsorg-Theater ist in der älteren Generation durch die Fernsehaufzeichnungen seit den 50er Jahren berühmt. Unter den jüngeren Leuten ist es nicht mehr so bekannt. Da müssen wir ein bisschen was tun.“

Was ist eigentlich typisch deutsch?

Mit der Universität Hamburg gibt es eine Kooperation, zum Beispiel die „Freikarte“ ist auch gut angelaufen.  „Und natürlich werben wir auch dort, aber das wird nicht so gut angenommen, wie wir uns das wünschen würden“, sagt Cornelia Ehlers.

Dabei ist auch die Auswahl der Stücke für ein junges Publikum interessant. Bei Allens Düütsch – oder wat? muss die Multikulti-WG durch einen Fehler der Behörde einem Beamten vorspielen, eine deutsche Familie zu sein, ansonsten fliegen alle aus der Wohnung. Also überlegen der Syrer Tarek, die Französin Virginie, der Italiener Enzo und der Wiener Rudi: Was ist eigentlich typisch deutsch?

Am Anfang der Vorstellung ist der Wechsel von Hoch- und Plattdeutsch recht abrupt, manchmal wird mitten im Satz gewechselt. Der Hauptmieter der WG, Sören Hansen, will in den Urlaub fahren, kriegt seine Reisetasche aber nicht zu, Tarek nimmt ein paar Schritte Anlauf und wirft sich in betont hohen Bogen auf die Tasche. Er tut dabei so als wäre er Turmspringer. Das Publikum bricht in lautes Gelächter aus.

Integration – ein wichtiges Thema in St. Georg

Tarek kommt aus Damaskus und will die deutsche Staatsangehörigkeit. Auch das Stück Plattdüütsch för Anfängers, das Anfang des Jahres gespielt wurde, beschäftigte sich mit dem Thema Integration. Dort lernten Flüchtlinge Plattdeutsch.

„Viele Leute haben beim Ohnsorg-Theater ein konkretes Bild vor Augen, sie denken an das Theater aus den 60er Jahren. Dabei spielen wir viele moderne Sachen, die nichts mit den alten Aufführungen zu tun haben“, sagt Birte Kretschmer.

Sorgt das womöglich für Ärger? „Wir sind ein Volkstheater mit einem sehr gemischten Publikum und werden nicht nur vom gehobenen Bildungspublikum besucht wie beispielsweise die Staatstheater“, sagt Cornelia Ehlers. „Natürlich gab es auch ein wenig Kritik aus dem konservativen Milieu. Aber wir wollen das Thema Integration behandeln, es ist für uns ein wichtiges Thema. Denn wo, wenn nicht hier in St. Georg, ist Hamburg bunt?“

Das Publikum im Ohnsorg-Theater ist älter als in anderen Hamburgern Schauspielhäusern. Foto: Tobias Zuttmann
Das Publikum im Ohnsorg-Theater ist älter als in anderen Hamburger Schauspielhäusern. Foto: Tobias Zuttmann

Die Probleme der Integration spiegeln sich auch im Stück wieder. Der Nachbar der WG, Herr Schröder, könnte wunderbar als Horst Seehofer durchgehen, würde er statt Plattdeutsch Bayerisch reden. Herr Schröder kann die WG nicht leiden und regt sich über die ständigen Partys auf. Vor allem auf den Syrer hat er es abgesehen. Schröder hat genaue Vorstellungen von seinem Deutschland und Tarek passt da nicht hinein. Da gibt es einzelne zustimmende Jawoll-Rufe aus dem Publikum.

Doch Tarek wird als Mustermigrant etabliert, spricht nicht nur Hoch- sondern auch Plattdeutsch, raucht und trinkt nicht – ist das verantwortungsvollste Mitglied der WG. In den zwei Stunden werden die typischen Klischees der Bewohner durchgegangen: die Italiener? Alles Gauner. Die Wiener? Alles Trinker. Und die Deutschen? Klar, die Deutschen sind pünktlich, lieben Ordnung und Regeln, das Auto ist ihnen wichtiger als die Ehefrau. Die Bratwurst ist heilig, und der deutsche Humor, nun ja…

Und die Araber? Sind natürlich alles Terroristen. Oder? Die Vorurteile werden genauer betrachtet und es wird festgestellt: Nicht jeder Deutsche schaut den ganzen Tag nur RTL2 oder trinkt schon mittags Bier. Und nur weil ein Syrer im Haus wohnt, herrscht noch längst nicht die Scharia. Das Stück wirkt dabei ein wenig wie Erziehungsunterricht für die ergrauten Herren im Publikum. Die rufen nun nichts mehr.

Nach der Pause kommt der Beamte und die Multikulti-WG beginnt, die perfekte deutsche Familie zu spielen. Der Wechsel zwischen Platt- und Hochdeutsch wird flüssiger und die Situation immer absurder. Die Zuschauer lachen immer lauter und beklatschen die Pointen.

Vielleicht klappt es ja so dann doch, dass die Haarfarbe weiß eines Tages nicht mehr dominiert im Zuschauerraum.

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Tobias Zuttmann, Jahrgang 1995, ist als Kind so heftig in eine Glastür gelaufen, dass er darin steckengeblieben ist. Heute bewältigt er lieber einen Halbmarathon. Nach dem Ressortjournalismus-Studium im fränkischen Ansbach absolvierte er eine Reihe von Praktika, unter anderem beim WDR, ZDF und „Kicker“. Am längsten blieb er bei ProSiebenSat.1 in der Redaktion der Sportsendung „ran“, denn auf Sport liegt auch im Journalismus sein Fokus. Anschließend folgte die Übernahme als freier Mitarbeiter. Wenn Tobias nicht gerade auf Weltreise ist, kann man ihn während der Football-Saison im ICE auf der Strecke Hamburg-München antreffen, wenn „ran“ wieder mal nach einem kompetenten Sportbericht verlangt. Dafür zeigt er vollen Einsatz: Für acht Stunden Arbeit fährt er innerhalb eines Tages zwölf Stunden Zug. Kürzel: tz