Harriet Dohmeyer hat mit gerade mal 23 Jahren einen Verlag gegründet, zwei Reiseführer veröffentlicht und schließt bald ihr Masterstudium ab. Welche Rolle dabei ihre 13.000 Follower bei Instagram spielen, erzählt sie im Interview.

Welcher Ladenbesitzer verkauft die exotischsten Kakteen? Wo werden die Kaffeebohnen besonders liebevoll geröstet? Auf ihrem Reise-Blog „Fräulein Anker“ hat Harriet Dohmeyer die Antworten. Als Gründerin des „Ankerwechsel Verlages“ hat die 23-Jährige kürzlich zwei Reiseführer veröffentlicht, einen für Hamburg und einen für Kopenhagen. Bei einem Flat White in einem ihrer Hamburger Lieblings-Cafés erzählt sie, warum das Gründen für sie der beste Weg war und wieso man keine Angst davor haben muss.

FINK.HAMBURG: Wie kamst du auf die Idee, den Ankerwechsel Verlag zu gründen?

Harriet Dohmeyer: Mich hat es gereizt, nach einem Städtetrip mal keinen Blog-Beitrag, sondern ein Buch zu schreiben. Ich wollte ein hundertprozentiges Ich-Projekt und meine Bücher nicht über andere publizieren lassen. So hatte ich alle Freiheiten in Gestaltung und Layout. Die Bücher standen für mich im Fokus und nicht der Verlag. Ich wollte keinen klassischen Reiseführer für die breite Masse schreiben. „Hallo Hamburg“ und „Hallo Kopenhagen“ richten sich an ein Publikum, das sich für Genuss interessiert – sei es in Form von hochwertiger Gastronomie oder spannenden Kulturorten.

Ein Blick in "Hallo Hamburg" erschienen im Ankerwechsel Verlag
Ein Blick in „Hallo Hamburg“. Foto: Luisa Höppner

Muss man unbedingt BWL studieren, um zu gründen? 

Nein. Man sollte vielleicht jemanden, der sich auskennt, das Ganze einmal durchrechnen lassen. Aber man braucht kein BWL-Studium, um eine Excel-Tabelle zu erstellen. Trotzdem hat mir das Bachelor-Studium in BWL einige Ängste genommen. Denn gerade in Deutschland ist Gründen nicht einfach. Man muss vieles anmelden, Steuern und Gesetze bedenken. Dort, wo mir die Kompetenzen gefehlt haben, wie Grafik oder Recht, habe ich mir Unterstützung geholt. Ich glaube, insgesamt ist es einfach wichtig, sich vorab zu überlegen: Was will ich machen? Wie kann das aussehen?

Der Instagram-Account zu deinem Blog Fräulein Anker hat mittlerweile fast 13.000 Follower. Wie wichtig war dein Netzwerk für die Gründung? 

Ein wertvolles Netzwerk besteht auch aus realen Menschen. Zitat Harriet Dohmeyer, Gründerin vom Ankerwechsel Verlag

Durch meine Reichweite wusste ich, es gibt Leute, die sich für meinen Blickwinkel auf Städte interessieren. Ich werde ernst genommen, weil ich journalistisch arbeite. Im Vordergrund steht nicht meine Person, sondern der Ort, die Läden, die Besitzer und der Kaffee. Aber mein Netzwerk besteht vor allem in Hamburg nicht nur aus Online-Followern, sondern aus vielen Menschen, die ich durch die Arbeit an meinem Blog kennengelernt habe. Einige dieser Menschen führen tolle Läden, in denen jetzt meine Bücher liegen.

Hast du Vorbilder? 

Dadurch, dass meine Mama selbstständig ist, war mir diese Arbeitsweise nie vollkommen fremd. Dazu kommt, dass ich durch den Blog seit Jahren Menschen kennenlerne, die eine Leidenschaft haben, sei es für Pflanzen, Kaffee oder nachhaltige Kleidung. Dazu lese ich ganz viel und höre Podcasts, in denen Gründerinnen und Gründer interviewt werden. Diese Geschichten motivieren mich.

Harriet Dohmeyer, die Gründerin vom Ankerwechsel Verlag, hat eine Vorliebe für guten Kaffee.
Harriet Dohmeyer mag ihren Flat White mit Latte Art in Blattform. Foto: Luisa Höppner

Und wie oft hattest du Zweifel?

Ich bin sehr selbstkritisch. Ganz lange habe ich gedacht, es wäre doof, viele verschiedene Dinge gut zu finden. Ich dachte, man bräuchte genau ein Talent, eine Leidenschaft. Heute bin ich froh, mich nie festgelegt zu haben. Ich bin Autorin, kann aber auch Fotos machen und reisen. Nur so konnten meine Bücher entstehen.

Was würdest du anderen raten, die gründen wollen, sich aber nicht richtig trauen? 

Es lähmt, alles perfekt machen zu wollen. Zitat Harriet Dohmeyer, Gründerin vom Ankerwechsel Verlag.Es ist wichtig, an sich zu glauben, aber dabei realistisch zu bleiben. Ein erster Schritt kann sein, die Idee aufzuschreiben, um sie zu strukturieren. Häufig gibt es für verschiedene Bereiche auch Vereine oder Verbände, die Informationen und Absicherung bieten. Auch, wenn ich es nicht getan habe: Mit ausgewählten Leuten über die Idee zu sprechen, hilft. Ich bin Perfektionistin, doch viele Gedanken mit „aber“ und „eigentlich“ lähmen und lassen die Hürde, den ersten Schritt zu wagen, immer höher werden. Irgendwann muss man dann aber auch einfach mal machen.

Wie soll es für den Ankerwechsel Verlag weitergehen?

Auf jeden Fall möchte ich den Verlag weiter ausbauen. Vielleicht auch irgendwann dafür mit anderen Autoren und Fotografen zusammenarbeiten. Gleichzeitig möchte ich mich jedoch auch nicht mit zu viel Verlagsarbeit einschränken, um weiter freie Projekte umsetzen zu können. Fest steht: Es wird weitere Bücher geben.

Der Zukunft sieht Harriet entspannt entgegen. Aktuell arbeitet sie für ein freies Projekt an Social-Media-Strategien, schließt bald ihren Master in „Digitaler Kommunikation“ an der HAW Hamburg ab und plant ihr drittes Buch. Welche Stadt es nach Hamburg und Kopenhagen werden wird, verrät sie noch nicht.

In der Serie Gründerinnen beleuchtet FINK.HAMBURG die Hamburger Startup-Szene und stellt Frauen vor, die den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt haben.

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Luisa Höppner, Jahrgang 1994, ist eine Frau, die zu ihrem Wort steht. Einmal meldete sie sich nach einigen Flaschen Bier für einen Marathon am Folgetag an und legte die 42 Kilometer zwölf Stunden später tatsächlich erfolgreich zurück. Luisa hat ihren Bachelor in Kommunikationswissenschaften gemacht und bringt Expertise in den Bereichen Lokaljournalismus, Social Media und Fotografie mit. An einem perfekten Tag erklimmt die geborene Münsteranerin mit einer Kamera um den Hals Berge in Südostasien und kocht danach mit einer Truppe von Leuten ein leckeres Curry. Seit März 2018 wohnt Luisa in einer WG in St. Georg, wo sich ihre vier Mitbewohner an ihrer neuesten Leidenschaft erfreuen: elektronische Musik auflegen. Kürzel: lh
Jana Trietsch, Jahrgang 1992, weiß, warum Michel aus Lönneberga in Wirklichkeit Emil heißt. Die gebürtige Darmstädterin verbrachte im Rahmen ihres Medienkulturwissenschaften- und Psychologiestudiums zwei Semester im schwedischen Uppsala und kann seitdem die Bücher ihrer Kindheit in Originalsprache lesen. Nach dem Studium lernte Jana in der Lokalredaktion des „Darmstädter Echos“ ihre Heimat neu kennen. Es folgten PR-Praktika in Stockholm und Berlin im Mode- und Lifestylebereich, die Jana eine Redakteursstelle im Brand Marketing bei Zalando einbrachten. Nebenher schreibt sie als freie Autorin für „Mit Vergnügen“ und „Refinery29“ über Kultur, Mode und Millennials. Manchmal denkt sie dabei an ihren früheren Traum: eine wöchentliche Kolumne, geschrieben in einem roten Ferienhaus in Småland. jt