Regelstudienzeit: realistisches Konzept oder Irrglaube? Deutschen Studierenden werden je nach Fachrichtung des Studiums eine Regelstudienzeit von sechs bis zehn Semestern vorgegeben. Die Wirklichkeit sieht anders aus. 

Laut des Statistischen Bundesamtes betrug die durchschnittliche Studiendauer eines Bachelorstudiengangs im Jahre 2016 rund acht Semester. Auffallend häufig kommen Abweichungen der Regelstudienzeit bei Geisteswissenschaften und Ingenieurwissenschaften vor. Schnell manifestieren sich Vorurteile, wie der Gedanke an faule Langzeitstudierende. Zudem könnte man auf mangelnde Motivation schließen, doch bei den heutigen Erwartungen an Bachelor- und Masterstudierende ist eine Einhaltung der Regelstudienzeit bei verschiedenen Parametern kaum möglich. Doch verlängern die Studierenden aus purer Faulheit oder gibt es stichhaltige Argumente?

Wer die übliche Regelstudienzeit überschreitet, hat meist gute Gründe

Der Druck vieler deutscher Studierenden neben den Vorlesungen arbeiten zu müssen, wirkt sich negativ auf die Länge des Studiums aus. Vielen ist es dadurch nicht möglich, die Regelstudienzeit einzuhalten. Sie leiden unter den Konsequenzen.

Wer sein Studium um drei oder vier Semester verlängert, hat oft gute Gründe dafür. „Das Studium finanziert sich nicht von alleine. Wer kann denn heute noch über die Runden kommen, wenn es keine Möglichkeit gibt, von seinen Eltern Unterstützung zu bekommen“, sagt ein Maschinenbau-Studierender an der HAW Hamburg. Einige Studierende müssen ihr Einkommen mit einem Nebenjob finanziell aufbessern. Das Leben in Großstädten wird zunehmend teurer. Laut der Studie „So leben Studierende in Hamburg“ des Studierendenwerk Hamburgs geht es ohne zusätzliche Finanzierung nicht: 84 % der Durchschnittsstudierenden werden von ihren Eltern unterstützt, 76 % gehen neben dem Studium einer Erwerbstätigkeit nach – trotzdem gibt ein Drittel der Durchschnittsstudierenden an, dass die Sicherung des eigenen Lebensunterhalts nicht sichergestellt sei.

Auch Auslandsaufenthalte, Studienwechsel oder Praktika können für Verzögerungen sorgen. „Natürlich gibt es immer wieder Leute, die einfach gerne studieren, aber der größte Teil kann es aufgrund der Umstände einfach nicht schneller schaffen“, ergänzt der Studierende.

Welche Konsequenzen sieht das Verlängern nach sich?

Für Studierende, die Bafög beziehen, wird es problematisch, wenn sie die Regelstudienzeit überziehen. Mit dem Ende des letzten Regelstudiensemesters wird die Bafög-Förderung gestrichen. Wer also länger braucht, aus welchem Grund auch immer, erhält keine staatliche Unterstützung durch das Bafög-Amt mehr.

Die meisten Studierenden müssen nebenbei arbeiten, um sich überhaupt ein Studium finanzieren zu können und werden dann nach der Regelstudienzeit abgestraft, weil sie nicht schnell und effektiv genug gelernt haben. Nun stellt sich die Frage: Welcher Studierende kann ohne Unterstützung der Eltern von 735 Euro Bafög-Höchstsatz in Großstädten wie Hamburg vollständig den Lebensunterhalt bestreiten? Eine schwierige Lage, die oft nur durch einen Nebenjob zu bewältigen ist.

Nur bei gesetzlich anerkannten Gründen kann eine Förderung über die Regelstudienzeit hinaus bewilligt werden. Als Anlass können Mitwirkung in Hochschulgremien, erstmaliges Nichtbestehen einer Abschlussprüfung bzw. einer Thesis, Behinderungen, Schwangerschaften, Verantwortung für ein Kind unter zehn Jahren sowie ein Verschulden der Universität bzw. der Hochschule sein. Um das Studium nicht wegen fehlender Möglichkeiten abbrechen zu müssen, kann nach Beendigung der Bafög-Leistungen ein zinsloser Studienkredit in Betracht gezogen werden. So können die noch fehlenden Semester finanziert werden.

Gründe für Studienunterbrechungen

Der Anteil Studierender, die ihr Studium für ein Semester oder länger unterbrechen oder verlängern, beträgt in Hamburg 16 Prozent. Laut des Studierendenwerk Hamburgs ist die durchschnittliche Studienunterbrechungsdauer mit 1,9 Semestern etwas kürzer als im deutschen Durchschnitt. Für eine Verlängerung geben Hamburger Studierende folgende Gründe an.

Gründe für die Studienunterbrechung in Hamburg laut der Studie „So leben Studierende in Hamburg“. Infografik: studierendenwerk-hamburg.de

Nicht nur ein möglicher Nebenjob kann zu Verzögerungen des Studiums führen, auch persönliche oder familiäre Gründe können die Semesteranzahl beeinflussen. „Ich habe meine Bachelorarbeit um zwei Semester verschoben, da meine Oma an Demenz erkrankte. Meine beiden Eltern sind frühzeitig verstorben, ich war die einzige Angehörige. Natürlich stellt man dann das eigene Studium zurück!“, erzählt eine Studentin.

Welche Gründe für die Unterbrechung oder die Verlängerung verantwortlich sind, eine Absprache mit den Verantwortlichen des Studiengangs sollte in jedem Fall stattfinden.

Überzieht ein Studierender die vorgesehenen Regelsemester ohne Absprache, sollte immer die generelle Möglichkeit der Verlängerung geprüft werden. In jeder Prüfungsordnung wird die Höchstsemesteranzahl vermerkt, wird diese überschritten, droht die Exmatrikulation.

Regelstudienzeiten an der HAW Hamburg

Auch an der HAW Hamburg gibt es Studiengänge, die im Normalfall mit weitaus mehr Semestern als vorgesehen abgeschlossen werden. Im Studiengang „Maschinenbau und Produktion“ werde im Durchschnitt mit drei Semestern überzogen, so ein Studierender. Laut des Studierendensekretariats der HAW Hamburg wird auch der Studiengang „Bekleidung – Technik und Management“ (BTM) aus dem Department Design, Medien und Information in den seltensten Fällen nach sieben Regelsemestern beendet. „Die Menge an Stoff und vor allem die Vielzahl an Klausuren in Regelstudienzeit zu bewältigen, ist fast unmöglich. Ich glaube, zwei Semester mehr wären bei BTM auf jeden Fall angebracht. Nicht um einfach so Leben zu genießen, sondern um wirklich effektiv zu lernen“, erzählt ein Studierender.

Studieren dient der Weiterbildung und auch dazu, Erfahrungen zu sammeln. „Das Studium sollte uns jungen Menschen Raum zur Entfaltung lassen. Der Druck wegen mangelnden Vermögens sollte keine Abstrafung sein oder Konsequenzen für uns Studenten nach sich ziehen“, so ein Student der Medientechnik.

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Cherifa Akili, Jahrgang 1991, hat einen Spleen: Bevor sie duscht, spült sie die Shampoo-Flasche ab, um nicht mit den daran haftenden Keimen in Berührung zu kommen. So sorgfältig ist die gebürtige Bremerin mit ghanaischen Wurzeln auch, wenn es um Mode geht. Während ihres Bachelor-Studiums „Bekleidung – Technik und Management“ startete sie ihren Blog curlsallover.com mit eigenem Instagram-Account. Dort hat sie 9.000 Follower, denen sie neue Mode- und Lifestyle-Trends zeigt. Außerdem organisierte sie für das Label Closed (ein großes Modelabel) Fotoshootings – von der Auswahl der Fotografen bis zum Druck der Kampagnenplakate. In ihrer Freizeit treibt sich Cherifa mit Hip-Hop und R'n'B im Fitnessstudio zu Höchstleistungen an.
Carl Lukas Gebhard, geboren 1993, ist gebürtiger Hamburger, also fast – er kommt aus Harburg. Seinen Bachelor und Master hat er in Göttingen in Gender Studies gemacht. In Zusammenarbeit mit dem Gleichstellungsbüro Northeim und Einbeck hat er mit Schülerinnen und Schülern Erklärvideos gedreht, zum Beispiel zu Transsexualität und Mobbing. Auch im Newsroom von FINK.HAMBURG setzt er sich für das Thema Gleichstellung ein. Seine Kühlschranktür ist voll mit Magneten aus der ganzen Welt. In Vietnam trank Lukas in sechs Stunden hundert Bier mit einheimischen Senioren – deren Sprache er danach auch etwas verstand. Ein Jahr jobbte er an der Rezeption der einzigen Jugendherberge in Sankt Moritz. Dreimal in der Woche ist er in Hamburg bouldern. Sein Ziel: krass werden. lg