Wir hören ständig verschiedene Geräusche: Vogelgezwitscher, Wind, Straßenlärm, Gespräche. Damit uns das nicht überfordert, filtern wir Gehörtes instinktiv und blenden vieles aus. Aber was passiert, wenn wir genau hinhören? Wie klingt die Stadt, in der wir leben?

Die Teilnehmer*innen des “Soundlandschaft”-Workshops schulen mit einem Soundwalk ihr Gehör. Bei diesem Spaziergang hören sie ganz genau auf ihre Umgebung. Sie gehen durch die Straßen und konzentrieren sich bewusst auf das, was sie hören. Die Gruppe geht langsam, achtet auf all die Geräusche, die man sonst automatisch ausblendet. Wer nicht weiß, was diese 20 Personen gerade tun, den könnte diese Szene irritieren. Eine so große Gruppe läuft normalerweise nicht einfach schweigend herum. Sie sagen nichts, sie hören nur. Sie hören auf den Klang der Stadt, auf die Geräusche ihrer Nachbarschaft. Wenn sie auch nur etwas schneller, etwas formierter gehen würden, würde es bedrohlich wirken. Nicht umsonst ist ein Schweigemarsch ein Protestwerkzeug.

Wenn man schweigend spazieren geht, hört man, wie die eigenen Schritte klingen. Man hört das raschelnde Geräusch, wenn man über Gras geht und wundert sich, wie laut Kies knirscht. Man hört Dinge, die einem sonst nie auffallen: Gespräche aus den Häusern, Stimmen, die durch Wände dringen. Hecken werden zu Vorhängen, die den Klang dämpfen. Man hört, wie laut ein vorbeifahrendes Auto ist und wie sich der Klang des Motors nähert und entfernt.

Transcorner: Kreativität auf die Straße bringen

Der Workshop ist Teil des Transcorner-Projektes. Unter der künstlerischen Leitung von Emilie Girardin werden in verschiedenen “Labs” Inhalte für das Solipolis-Festival im September entwickelt. Das Projekt besteht aus drei Teilen: Sound, Text, Performance. Für jeden Bereich gibt es verschiedene Workshops, in denen jede*r mitmachen kann. “Wir wollen kreative Energie in den öffentlichen Raum bringen”, sagt Girardin.

Nach dem Soundwalk nehmen die Teilnehmer*innen Geräusche auf und mischen daraus den Sound ihrer Nachbarschaft. Ziel des Projektes ist es, die Stadt auf neue Art zu entdecken und die Neugierde auf einen kreativen Zugang zum öffentlichen Raum zu wecken. “Wir versuchen, eine Bewegung zu gründen, damit auch andere Leute Lust bekommen, spontan etwas Kreatives auf der Straße zu machen”, sagt Markus Posse, Mitorganisator und Performance-Künstler.

Cornern wird kreativ

Trancorner-Mitorganisator Markus Posse

Inspiriert vom “Cornern” soll mehr Kunst im öffentlichen Raum entstehen. Das spontane Miteinander beim Cornern wird als Begegungsform genutzt und mit kreativen Aspekten bereichert. Diesen Zugang kann man auf unterschiedliche Arten finden. Im “Soundlandschaft”-Workshop liegt der Fokus auf den Geräuschen die das Stadtbild prägen.

Der Sound einer Stadt verrät, wer dort wahrgenommen wird: Kirchenglocken beispielsweise prägen den Klang der Stadt, Muezzinrufe hört man in Hamburg nicht. Die Erlaubnis hätte die Centrum-Moschee am Steindamm. “Aktuell haben wir daran aber kein Interesse”, sagt Herr Güngör, Sekretär der Moschee. Springbrunnen werden seit Jahrhunderten als Klangelement in die Stadtplanung einbezogen. Sie dienen als Dämpfer des Lärms auf großen Plätzen und an Straßen.

Lärm beeinflusst die Stadtplanung

Immer noch spielt Lärm in der Stadtplanung eine große Rolle. Es ist genau festgelegt, wie viel Lärmemission, so das Fachwort, in welcher Gegend erlaubt ist. In Wohngebieten muss es ruhiger sein als in Industriegebieten. Nach diesen Lärmemissionsvorgaben werden Bebauungspläne entwickelt und somit über die Entwicklung der Stadt entschieden.

Auch im Alltag begegnen einem immer wieder Regeln, die Geräusche betreffen. Altglas darf nur zu bestimmten Zeiten weggeworfen werden, Rasenmähen ist sonntags nicht erlaubt und wer zu laut ist, ist ein Ruhestörer.

Wenn man achtsam ist und genau hinhört, fällt einem auf, wie sehr einen Geräusche beeinflussen. Man hört Jahreszeiten und Tageszeiten, denn jede Zeit hat ihren eigenen Sound. Zum Beispiel denkt man bei spielenden Kindern oder Vögelgezwitscher automatisch eher an den Frühling oder Sommer. Und die klare, kalte Luft im Winter überträgt Klänge anders als warme, feuchte Sommerluft. Man hört, ob man zu Hause oder in einer fremden Stadt ist. Manche Geräusche wecken Emotionen: Wut, Trauer oder Angst. “Wenn man zuhört, erfährt man viel über die Stadt”, sagt Kathrin Wildner, Stadtethnologin und Leiterin des Workshops.

Die Ergebnisse werden im Frappant vorgestellt

Die Teilnehmer*innen des “Soundlandschaft”-Workshops haben in Altona, Wilhelmsburg und auf der Veddel Geräusche gesammelt. Die Band Shkoon hat den Workshop begleitet und mit ihrer musikalischen Erfahrung dafür gesorgt, dass aus den Geräuschen Sounds gemischt werden können.

Shkoon-Mitglied Thorben Beeken

Was genau aus den Geräuschen entsteht, ist unklar. Das Endprodukt wird am 23. Juni 2018 auf der “Transcorner Soundscaping Party” im Frappant präsentiert.

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Pia Siber, Jahrgang 1992, hat schon einmal einem Huhn das Radfahren beigebracht. Geboren ist sie in Bremen, aufgewachsen aber auf dem Dorf. Ihre Schule ging pleite, aufs Abitur hat sie sich deshalb zu Hause vorbereitet. In Bremen hat sie Politikwissenschaft studiert, machte währenddessen PR für ein Wissenschaftskolleg und arbeitete für die „taz“, Radio Bremen und „Bento“. Ihr größtes Opfer: Nachdem sie einen Bulli ein halbes Jahr lang zum mobilen Heim ausgebaut hatte, entließ sie ihre Hündin Nala damit hinaus in die Welt – in menschlicher Begleitung. Jetzt wohnt sie in einer WG in Hamburgs Dorf: Altona. Vielleicht findet Pia hier endlich Zeit zum Akkordeonspielen oder zum Boxen. Priorität hat aber erstmal die Suche nach den besten Pommes der Stadt. Kürzel: ps