Einen dementen Angehörigen zu pflegen ist nicht leicht.
Einen dementen Angehörigen zu pflegen ist nicht leicht. Im Workshop "BasisQ" werden Angehörige darauf vorbereitet. Bild: Thoya Urbach

Wenn ein Mensch an Demenz erkrankt, verändert das nicht nur sein Leben, sondern auch das der Angehörigen. An der HAW Hamburg können Studierende und Mitarbeiter nun lernen, wie sie damit umgehen können.

Die Mutter, die Großeltern oder der Partner – viele Menschen haben in ihrem Umfeld Personen, die an Demenz erkrankt sind. Eine neue Workshop-Reihe des Competence Center Gesundheit (CCG) bietet Unterstützung: In dreistündigen Workshops werden den Teilnehmern grundlegende Fähigkeiten zum Umgang mit Demenzkranken vermittelt. Die Schulungsleiter geben Tipps, beraten individuell und nehmen den Teilnehmern die Angst vor der Krankheit. Im Interview mit FINK.HAMBURG erzählen Ralf Schattschneider, Geschäftsführer des CCG, und Johannes Stratmann, Pflegefachkraft, Schulungsleiter und Student im Bachelor Pflegeentwicklung und Management, von ihren Erfahrungen.

FINK.HAMBURG: Wo setzt der Workshop „BasisQ Demenz“ an?

Stratmann: Im Grunde genommen geht es um die Fragen: Wie denkt und fühlt ein Demenzkranker? Und was kann ich tun, um den Demenzkranken in seiner Situation zu verstehen? Reaktionen von Demenzkranken, wie zum Beispiel Zurückweisung, sind den Teilnehmern später viel verständlicher.

Was macht Ihr Projekt einzigartig?

Schattschneider: Wir haben unter der Leitung von Prof. Dr. Susanne Busch ein Tandemkonzept entwickelt, mit dem nur wir arbeiten. Das Besondere ist, dass die Schulung von einem betroffenen Angehörigen und einer Person aus dem pflegerischen Feld geleitet wird. Dadurch sind die Bezugsmöglichkeiten natürlich viel breiter. Wenn ein Angehöriger einen Demenzkranken über mehrere Jahre begleitet hat, kennt er sich aus. Ob im Krankenhaus, beim Einkaufen, im Eiscafé oder im Urlaub die Person weiß mit diesen Situationen umzugehen. Es ist eine Art Testballon an der HAW in Zusammenarbeit mit dem Familienbüro

Johannes Schratmann und Ralf Schattenreiter
Schulungsleiter Johannes Stratmann (links) und Ralf Schattschneider (rechts) am Campus Berliner Tor. Foto: Anika Schnücke

Stratmann: Und durch die Einbindung von Profis aus dem pflegerischen Feld sind auch die Phasen und Entwicklungen der Erkrankung bekannt. Trotz meiner zwölf Jahren Erfahrung als Pfleger im Seniorenheim habe ich über meine Schulungstätigkeit viel dazugelernt. Teilweise ist es so, dass ich mich zurückhalte und moderierend arbeite.

Was ist Ihre Motivation die Schulungen zum Thema Demenz zu geben?

Stratmann: Man kann den Leuten vor Ort wirklich helfen. Oftmals hilft bereits ein kleiner Rat und das finde ich so gut an diesem Konzept: Jeder Teilnehmende bekommt Tipps für den Alltag und kann die Krankheit und den Betroffenen viel besser verstehen. Dadurch nimmt man oft auch ganz viel von dem Druck und der Hektik aus dem Alltag, wenn man anders mit Demenzkranken umgeht, als man es ohne dieses Wissen machen würde.

demenz ist eine reise

Vom Verstehen ins Nicht-Verstehen

Vom Wissen ins Nicht-Wissen

Vom Schnellen ins Langsame

Vom Denken ins Fühlen

Das Gedicht „Demenz ist eine Reise“ stammt von Demenzexpertin Sandra Eisenberg. In Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Susanne Busch, Leiterin des Competence Center Gesundheit (CCG), ist sie Initiatorin und Konzeptgeberin des „BasisQ“-Projektes.

Was möchten Sie den Teilnehmern vermitteln?

Stratmann: Unsere Ziele sind: Demenz kennen und erkennen, das Erleben Demenzkranker zu verstehen und ihnen angemessen zu begegnen und sie zu unterstützen. Mein Gefühl ist, dass wir diese Ziele immer erreichen. Ganz prägnant für unsere Schulung ist dieses Gedicht von Sandra Eisenberg, das wir im Verlauf der Schulung immer gemeinsam lesen. Für mich gibt es ein Spiegelbild unserer Gesellschaft, denn wir wollen immer alles wissen und verstehen. In der Schulung geht es darum, sich davon zu lösen und mehr auf sein Bauchgefühl und seine Gefühle allgemein zu hören. Wenn man das ein bisschen macht, dann ist die Begegnung mit Menschen mit Demenz eine ganz andere.

Sprechen die Teilnehmer offen über ihre persönlichen Erfahrungen?

Stratmann: Es ist immer unterschiedlich. Man muss gucken, wie es sich entwickelt. Die Schulungen sind quasi auch ein bisschen wie der Umgang mit Menschen mit Demenz: Es ist immer wieder eine neue Begegnung, und man muss sich auch immer wieder neu darauf einlassen. Man darf nie vergessen, dass es ein sehr emotionales Thema ist. Es ist meist eine belastende Situation. Wenn man einen Demenzfall in der Familie hat, sind alle davon betroffen, nicht nur der Betroffene.

Schattschneider: Unser Workshop lebt von den Teilnehmern, die dort vortragen. Daher bemühen wir uns um eine offene Gesprächsatmosphäre.

Wie schaffen Sie es auf Einzelfälle einzugehen? 

Stratmann: Wir lassen zu Beginn der Schulung einmal alle zu Wort kommen. Sei es die persönliche Erfahrung mit Demenz oder die Erwartungen an die Schulung. Inzwischen ist es so, dass die Schulungen immer unterschiedlich ablaufen, ganz individuell angepasst an die Leute und Fragen. Wir versuchen die Dinge aus der Kennenlernrunde aufzugreifen und darauf einzugehen. Es gibt aber kein Patentrezept für den Umgang mit Demenzkranken. Ich sage den Leuten immer: Versuchen Sie sich auf der Gefühlsebene zu nähern, auch wenn es manchmal länger dauert – lassen Sie sich darauf ein.

Schattschneider: Außerdem ist es eine Basisschulung. Da kann nicht alles gemacht werden. Unser Hauptbotschaft ist: Versteht den Erkrankten und dass dies nun seine Welt ist. Es hilft, wenn man als Angehöriger versteht, dass man beispielsweise nicht belogen wird, sondern derjenige gerade in seiner eigenen Welt lebt und Aussagen trifft, die für ihn in dem Moment richtig sind. Man muss sich ein Erfahrungswissen aufbauen. Wir können dazu den Anstoß geben und hoffen, dass sich bei jedem Teilnehmer individuell ein Erfahrungswissen aufbaut.

Was ist der Unterschied zwischen Demenz und Alzheimer?

Alzheimer ist die bekannteste und häufigste Form von Demenz. Sie wird auch Altersdemenz genannt. Insgesamt gibt es viele verschiedene Formen von Demenz.

Was sind typische Beispiele aus dem Demenz-Alltag?

Stratmann: Eine typische Situation könnte der 80. Geburtstag sein: Alle sitzen zusammen am Tisch und dann sagt der an Demenz erkrankte Mensch „Ich werde heute 40“. Warum fängt die Hälfte der Leute an, mit ihm zu diskutieren? Das gibt dem Erkrankten ein schlechtes Gefühl. Warum nicht einfach sagen: „Ja, wir feiern heute deinen 40. Ich freue mich schon auf deinen 50.“ Die einzigen, die wirklich was ändern können, sind wir, weil wir gesund sind. In dem Moment ist die Grundbotschaft am wichtigsten, und die versuchen wir zu vermitteln.

„Die einzigen, die wirklich was ändern können, sind wir, weil wir gesund sind.“

Gibt es Heilungschancen? 

Stratmann: Eine wirksame medikamentöse Therapie gibt es zurzeit noch nicht. Ansonsten hilft eine gesunde Lebensweise und viel Bewegung, um auch geistig fit zu bleiben. Als Prävention sollte man manche Dinge bewusst anders machen, zum Beispiel rückwärts gehen oder eine Mahlzeit am Tag mal mit links einnehmen. Damit wird das gesamte Gehirn gefordert. Wichtig ist, jeden Tag nicht immer das Gleiche zu machen.

Schattschneider: Die Behandlung von Demenz ist sehr unterschiedlich. Das liegt auch daran, dass es so viele Formen von Demenz gibt. Oft handelt es sich dabei um Mischformen. Es gibt keine Heilung von Demenz, aber die Verläufe können mit Medikamenten und therapeutischen Mitteln beeinflusst werden. Es kommt teilweise auf den Einzelfall an, was funktioniert und was nicht.

Können Sie einen allgemeinen Tipp für den Umgang mit dementen Angehörigen mitgeben?

Stratmann: Man sollte nicht direkt anfangen zu diskutieren. Den Erkrankten manchmal einfach machen lassen. Für Angehörige ist die Situation schwierig, wenn man sieht, dass sich die eigenen Eltern oder Großeltern komplett von der Person wegbewegen, die sie waren. Es kann zum Beispiel sein, dass sie anfangen, mit Händen und Füßen zu essen. Aber wenn man sich darauf einlässt, macht es das für alle leichter. Ein großes Problem ist die Scham vor Nachbarn, Freunden oder Bekannten. Das finde ich erschreckend: Wie viele Leute nicht mehr vor die Tür gehen oder erst abends, um die Fassade aufrechtzuerhalten. Das macht es nicht einfacher – für keinen der Beteiligten.

Gibt es einen Leitsatz, der Betroffenen helfen soll?

Stratmann: Ein ganz prägnanter Satz in unserer Schulung ist: Das Leben geht weg vom Denken ins Fühlen. Das ist für mich ein besonders wichtiger Satz. Wenn man den Menschen auf einer emotionalen Ebene begegnet und ihnen zeigt: „Hey, ich bin offen, ich lass mich auf dich ein“, dann sind die Leute meist viel ruhiger. So kann man den von Demenz betroffenen Menschen viel besser helfen und geht auf die Bedürfnisse des Menschen ein. Das ist das, was wir machen sollten.

Hilfe in Hamburg

An diesen Stellen in Hamburg gibt es Informationen, Schulungen und Unterstützung zum Thema Demenz:

Schulungsangebote der HAW Hamburg

Alzheimer Gesellschaft Hamburg e.V.

Hamburger Angehörigenschule

Lotsenbüro Hamburg

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Anika Schnücke, Jahrgang 1992, stuft sich selber als Gefahr für den Hamburger Verkehr ein. In drei Jahren in der Fahrradmetropole Münster hat sie sich einen rücksichtslosen Fahrstil angewöhnt. Neben ihrem Fahrrad bringt sie ihr Gespür für Lokaljournalismus mit in die Hansestadt. Während ihres Kommunikationswissenschaft-Studiums schrieb Anika in Münster als freie Journalistin für die Lokalzeitung und ein Stadtmagazin. Wie man ernste Themen mit Humor behandelt, lernte sie bei einem Praktikum in der Online-Redaktion der „Heute Show“. Über politische Satire schrieb sie auch ihre Bachelorarbeit. Anika freut sich auf die Einführung von rothaarigen Emojis – obwohl sie findet, dass man sich mit Gifs sowieso viel besser ausdrücken kann. Kürzel: as
Als Fitnesstrainerin spornt Thoya Maria Urbach, Jahrgang 1994, mehrmals in der Woche bis zu 30 Leute zu Höchstleistungen an. Studiert hat sie Kulturwissenschaften in Lüneburg und Barcelona und dabei das Schreiben für sich entdeckt. Bei der „Brigitte“ hospitierte sie in der Onlineredaktion. Während eines Praktikums in der Unternehmenskommunikation bei Deutschlands größter Containerreederei faszinierte sie die Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen aus der ganzen Welt. Die Hamburgerin schippert in ihrer Freizeit gerne mit der Fähre über die Elbe, ist aber auch in anderen Städten unterwegs – etwa in St. Petersburg. Denn etwas Russisch kann sie auch. Kürzel: tmu