Eine Nahaufnahme von ChefOtter. Dem wichtigsten Roboter des RobOtter-Clubs.
Eine Nahaufnahme von ChefOtter. Dem wichtigsten Roboter des RobOtter-Clubs. Foto: Björn Rohwer

Ein Spielplatz für Studierende – zumindest auf den ersten Blick. Beim Roboter-Wettkampf Eurobot erfolgreich zu sein, ist aber keineswegs ein Kinderspiel. Wir haben uns vom RobOtter Club Hamburg zeigen lassen, wie faszinierend der Roboterbau ist.

Autonome Roboter, die Bälle werfen, Bauklötze stapeln und mechanische Bienen anstupsen: Der RobOtter Club der HAW Hamburg baut genau solche Roboter und das sogar ziemlich gut. Dieses Jahr haben die jungen Männer als Deutscher Vizemeister den Einzug ins Finale der Roboter-Weltmeisterschaft Eurobot in Frankreich geschafft. Dort belegten sie im vergangenen Mai einen stolzen 18. Platz von über 30 Teams. Das Thema des Wettkampfes: Robot Cities – Build a better World. Die Roboter mussten hier verschiedene Aufgaben lösen. Das Sortieren von Bällen stand dafür, Wasser zu säubern, das Stapeln von Bauklötzen dafür, Häuser zu bauen.

Den Club um Mechatronik-Student und Teamleiter Cagri Erdogan gibt es seit acht Jahren. FINK.HAMBURG sprach mit ihm, seinem Teamkollegen Ivan Belyaev und Robin Auffermann, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Department Maschinenbau und Produktion, über den Wettbewerb, den Roboterbau und Otter.

FINK.HAMBURG: Was machen die Roboter bei dem Eurobot-Wettbewerb?

Erdogan: Grundsätzlich läuft es so, dass die Roboter auf das Spielfeld fahren und verschiedene Aufgaben lösen müssen. Diese unterscheiden sich von Jahr zu Jahr, aber es geht immer darum, etwas zu sammeln, zu sortieren, zu schießen, etwas zu transportieren oder aufeinanderzustapeln. Jedes Team hat dieselbe Aufgabe. Das hat nichts mit Künstlicher Intelligenz oder Machine Learning zu tun. Der Roboter denkt nicht, er führt nur aus, was wir ihm vorgeben. Dabei müssen Elemente auf dem Spielfeld statisch sein. Das Einzige, was sich bewegt, sind die Roboter. Ein Szenario mit dynamischen Elementen wie Fußgängern, Kindern, Autos oder Fahrrädern könnten diese Roboter nicht bewältigen. Die Teams treten gegeneinander an. Allerdings dürfen die gegenerischen Roboter dabei nicht zerstört werden. Es geht darum, den Gegner zu erkennen, auszuweichen und einen neuen Weg zu suchen.

Die beiden Roboter vom RCHH – ChefOtter und MaxOtter.
Die beiden Roboter vom RCHH – ChefOtter und MaxOtter.

Wie lief der Wettbewerb für Euch?

Erdogan: Bei den deutschen Meisterschaften haben wir noch jede Runde über 100 Punkte gemacht – und dann das Finale wegen eines kaputten Tasters verloren.

Auffermann: Der Taster ist dafür da, Hindernisse zu erkennen. Wenn der Taster nicht auslöst, dann erkennt der Roboter ein Hindernis nicht, fährt immer weiter, bleibt hängen, dreht sich im Kreis und weiß gar nicht mehr, wo er ist.

Erdogan: Die Bälle fallen runter, verteilen sich auf dem Spielfeld und der Roboter fährt weiter. Wenn er dann an eine Kante kommt, liegen ja die Bälle vor ihm. Er öffnet den Arm, aber nichts passiert, weil er zu weit weg ist. Der Roboter ist komplett verwirrt.

Das Spielfeld beim Eurobot-Wettbewerb

Wie viel kostet eigentlich die Teilnahme am Wettbewerb?

Belyaev: Wir stellen jedes Jahr fest, dass es immer Teams gibt, die aus 20 bis 30 Leuten bestehen und die eine Finanzierung von 20.000 bis 30.000 Euro bekommen. Das sind super Profis, alles funktioniert, alles sieht top aus – optisch und elektrisch. Oft schaffen sie dann jedoch nicht einmal ein Drittel der Aufgaben, weil sie einfach zu viele Ressourcen in falsche Aufgabenfelder stecken.

Erdogan: Dieses Jahr hat ein Team aus Algerien den zweiten Platz gemacht. Das algerische Team hatte anfangs richtig Schwierigkeiten und wenig Geld zur Verfügung. Und dann haben sie sogar die Roboter aus dem russischen Team besiegt. Egal wie günstig die Roboter sind, man kann es trotzdem schaffen. Genauso wie beim Fußball ist einfach Taktik nötig.

Cagri Erdogan, Ivan Belyaev und Robin Auffermann vom RobOtter Club der HAW Hamburg.
Cagri Erdogan, Robin Auffermann und Ivan Belyaev (v.l.) vom RobOtter Club der HAW Hamburg. Foto: Björn Rohwer.

Und wie seid Ihr auf den Namen “RobOtter Club” gekommen?

Erdogan: Das war meine Idee. Ich war unterwegs und habe ein Plakat von dem Otterzentrum gesehen. Da dachte ich: Okay, Otter….RooobOtter! Und dann haben wir als Logo den Otter genommen.

Belyaev: Das ist auch ein sehr interessantes Maskottchen. Auf den ersten Blick wirkt es wie das Bild eines Löwen, aber scheu und lieb. Otter haben Charme und strahlen gleichzeitig Seriosität aus.

Erdogan: Otter sind sehr sympathische Tiere. Aber auch richtig wild. Ich habe ein Video gesehen, wie eine Otter-Gangster-Truppe ein Krokodil einfach aufgegessen hat. Gleichzeitig kann man Ottern aber auch etwas beibringen. Sie sind clever. Ich denke das passt ganz gut zu uns.

MaxOtter sortiert die Bauklötze in der richtigen Reihenfolge.
MaxOtter sortiert die Bauklötze in der richtigen Reihenfolge.

Wie viele Teilnehmer hat Euer Club?

Erdogan: Aktuell sind wir vier Leute. Bei den deutschen Meisterschaften waren wir noch sieben, aber davon konnten nicht alle mit nach Frankreich kommen. Einige wollten einfach lieber in die Vorlesung gehen. Da haben sie eben etwas Großes verpasst, das wahrscheinlich nur einmal im Leben kommt.

Nur einmal? Was sind denn Eure Pläne für dieses Jahr?

Erdogan: Natürlich haben wir jetzt große Pläne. Wir sind Vizemeister und müssen den Titel verteidigen. Wenn wir das nächstes Jahr nicht hinbekommen, dann wirkt der Titel wie Zufall. Wir müssen ihn also verteidigen und nochmal Vizemeister, Meister oder Dritter werden.

Auffermann: Oder Weltmeister werden!

Erdogan: Niemand hätte damit gerechnet, dass wir deutscher Vizemeister werden. Also warum nicht? Wenn es ein Team aus Algerien mit kaum Ressourcen so weit geschafft hat, dann können wir das auch. Weltmeister ist vielleicht etwas zu groß, aber zumindest unter die ersten Vier zu kommen: Das ist das Ziel.

Turmbau MaxOtter mit Hand
Normalerweise darf mit der Hand nicht nachgeholfen werden.

Und habt Ihr schon begonnen, Euch vorzubereiten?

Erdogan: Noch ist Zeit. Die Aufgabe kommt immer Ende September oder Anfang Oktober. Dann können wir uns überlegen, wie die Probleme zu lösen sind. Das ist der erste Schritt.

TR-Level
Das Technology Readiness Level (TRL) ist eine Bewertungsskala, die den Entwicklungsstand neuer Technologien beschreibt. Das Technology Readiness Level geht von Stufe 1 „Grundprinzipien beobachtet“ bis Stufe 9 „System funktioniert in operationeller Umgebung“.

Auffermann: Danach müssen wir den Fahrantrieb fertigmachen und Prototypen bauen. Erstmal aus Holz oder Pappe. Wenn wir dann ein entsprechendes TR-Level (siehe Kasten) erreicht haben, dann bauen wir den finalen Roboter.

Erdogan: Zum Beispiel habe ich für den Trichter vom kleinen Roboter fünf bis sechs Prototypen gebaut.

Auffermann: Es kann zu vielen Problemen kommen. Rollen die Bälle? Klemmen sie? Wie müssen Radius und Kantenhöhe sein? Das probieren wir dann immer wieder aus und lösen das meiste mechanisch, ohne zu programmieren. Den Rest regeln dann Elektrotechnik oder Programm-Code…

Erdogan: … oder Quick-&-Dirty-Lösungen.

Auffermann: Ja, leider verfliegt am Ende eines jeden Projektes die Zeit. Dann kommt einfach auf eine raue Stelle ein Aufkleber drauf und die Bälle rutschen – nicht immer, aber in 90 Prozent der Fälle. Dann gehört eben auch Glück dazu.

Bienen-Roboter
Wer hätte erkannt, dass dies hier eine Biene ist?

Bis wann habt Ihr das letzte Mal noch an den Robotern gearbeitet?

Auffermann: Als Team saßen wir noch auf dem Weg zum Eurobot hinten im VW Bus und haben programmiert.

Erdogan: Manche arbeiten am Code sogar noch während des Wettbewerbs. Eines der Teams hat in Frankreich noch kurz vor dem Halbfinale etwas umprogrammiert.

Was ist schön am RobOtter Club?

Auffermann: Das Schöne am Club ist, dass man sich ausprobieren kann. Normalerweise hat man eine Vorlesung, lernt Differentialgleichungen und denkt nur an Klausurschreiben und Bulimie-Lernen. Dann merkt man hier, dass man all die Aspekte wirklich einbringen kann, ja sogar muss. Man lernt Teamarbeit und ganz viel Frustrationstoleranz.

Erdogan: Solche Projekte an der Uni bringen immer Vorteile im Berufsleben. Manche Firmen gucken sich eben nicht nur den Notendurchschnitt an, sondern achten auch darauf, dass Studierende ihr Wissen auch praktisch angewendet haben.

Belyaev: Computertechnik hat im Moment auch einen gewissen Prestigewert. Viele Firmen, die ihren Namen auf dem Roboter sehen wollen, bezahlen Geld dafür. Mit diesen finanziellen Mitteln kann man sich ausprobieren und spielen. Man wird Teil eines Netzwerkes von anderen Organisatoren und Teams, die sich gegenseitig unterstützen. Auch außerhalb von Wettbewerben oder Robotertechnik.