Grausame Leichenfunde und ein dunkles Kapitel der dänischen Geschichte: Der Thriller „Verachtung“ kommt diesen Donnerstag in die Kinos. Gedreht wurde auch in Hamburg.

Schon der Anfang überrascht: Der dänische Thriller „Verachtung“ startet mit einem Perspektivwechsel. Das Bild steht Kopf. Kahle Birken, die am Ufer eines Sees stehen, wachsen vom oberen Bildrand herab. Es ist das Jahr 1961. Am Wasser entlang rennt die junge Frau Nete in die Arme ihres Freundes. Langsam dreht sich das Bild um 180 Grad. Es ist nicht nur ihr Liebhaber, sondern auch ihr Cousin, von dem sie ein Kind erwartet. Unverheiratet und schwanger vom eigenen Cousin – in den frühen Sechzigerjahren ein Skandal, den Netes Vater mit einigen Jahren Mädchenheim auf der kleinen Insel Sprogø bestraft.

Mumien hinter geblümter Tapete 

Nach „Erbarmen“, „Schändung“ und „Erlösung“ ist „Verachtung“ der vierte Fall von Kommissar Carl Mørck (Nikolaj Lie Kaas) und seinem Partner Assad (Fares Fares), der auf der Romanvorlage von Jussi Adler-Olsen beruht. Der neuste Fall des Sonderdezernats Q ist dabei unweigerlich mit dem unheimlichen Heim auf Sprogø verknüpft.

Hier ermittelt der mürrische Kommissar Carl, der zu viel raucht und unfähig ist, irgendeine Art von zwischenmenschlichen Beziehungen zu führen, zu drei mumifizierten Leichen. Alle standen zu Lebzeiten in Verbindung zum Mädchenheim. Der Fund ist äußerst grausam: Versteckt in einem geheimen Raum hinter einer blau-gelb geblümten Tapete sitzen sich die drei Mumien an einem gedeckten Teetisch gegenüber. Zwischen Teeservice und Spinnenweben sind Leichenteile in Einmachgläsern auf dem Tisch verteilt. 

Die Kellerschen Anstalten 

Der Thriller spricht einen dunklen Teil der dänischen Geschichte an. Das Mädchenheim auf Sprogø aus dem Film war zwischen 1922 und 1961 unter dem Namen Kellersche Anstalt bekannt. Hier wurden Frauen festgehalten, die angeblich eine psychische Krankheit hatten, unverheiratet schwanger waren oder nicht den gesellschaftlichen Normen entsprachen. Klinikleiter Christian Keller bezeichnete die Insassinnen als „leicht debile Frauen, deren erotische Ausstrahlung eine wesentliche Gefahr für die Verbreitung von Geschlechtskrankheiten“ darstelle. 

Keller hielt die Frauen auf unbestimmte Zeit auf der kleinen Insel gefangenen. Sie wurden misshandelt, jeder Würde und Menschlichkeit beraubt und völlig der Macht der Ärzte und Pflegerinnen ausgesetzt. Bis zur Zwangssterilisation, die oft die einzige Möglichkeit war, die Insel zu verlassen. Wer sich dem brutalen Eingriff unterzog, konnte nach Kellers Ansicht keine schlechten Gene mehr verbreiten. Im Durchschnitt hielt man die Frauen sieben Jahre in der Klinik gefangen – ohne dass angeblich nachgewiesene Krankheiten wirklich behandelt wurden. Aller Logik zum Trotz war die Anstalt auf Sprogø angesehen und galt als fortschrittlich.

Ein bisschen Kopenhagen in Hamburg 

Immer wieder springt die Handlung des Films aus der Gegenwart zurück in die Sechzigerjahre zur Hauptfigur Nete. Während Carl und Assad von dem verschrobenen Hausmeister durch das verlassene Gebäude des Mädchenheims geführt werden, singen die Mädchen 1961 im Essensaal. Carls Blick begegnet dem der jungen Frau Nete in den grausamsten Wochen ihres Lebens – über Jahrzehnte hinweg.

„Verachtung“ kritisiert nicht nur die fehlenden Entschädigungen des dänischen Staates gegenüber den betroffenen Frauen aus der Kellerschen Anstalt. Auch Problematiken wie Sexismus, Rassismus und Eugenik werden angesprochen. Mit der Verlagerung der Geschehnisse auf Ereignisse der erzählerischen Gegenwart wird deutlich, dass Regisseur Christoffer Boe trotz Frauenbewegungen wie „Metoo“ immer noch Handlungsbedarf sieht. Denn auch in der im Film beschrieben Gegenwart erleben Frauen Verachtendes von überlebenden Ärzten aus dem Mädchenheim auf Sprogø.

Trotz vieler düsterer und grausamer Momente schaffen es Kommissar Carl und Assad durch humorvoll trockene Wortgefechte die bedrückende Stimmung aufzubrechen. Der Film erzählt langsam, nimmt sich Zeit, die Geschichte zu beleuchten und zu entwickeln. Schnelle Schnitte sind selten, glücklicherweise explodiert in „Verachtung“ trotz spannendem Genre nur ein Auto. Ein Funfact dabei: Gedreht wurde nicht nur in Dänemark, sondern auch am Fischmarkt in Hamburg und im Libeskind-Gebäude der Universität Lüneburg.

Der Film startet am 20. Juni in den deutschen Kinos.

Titelfoto: Zentropa / Henrik Ohsten

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Für Sophie Schreiber, Jahrgang 1994, beginnt ein gemütlicher Morgen nicht nur spät, sondern auch mit einem Frühstück im Bett. Auf Reisen sucht sie hingegen das Abenteuer: Nach dem Abitur durchquerte sie Australien und machte einen Roadtrip durch Deutschland. In Hamburg ist sie allerdings fest verwurzelt. Selbst während ihres Studiums der Kulturwissenschaften in Lüneburg pendelte sie. Ihr Faible für das Schreiben entdeckte sie während eines Praktikums in der Hamburger Redaktion von „Kulturnews“. Dort sammelte Sophie erste Erfahrungen im Lokaljournalismus, führte Interviews und berichtete über Festivals. Ihr Wissen kann sie nun bei FINK.HAMBURG anwenden und vertiefen. Das Pendeln hat damit auch ein Ende und Sophie bleiben morgens ein paar Minuten länger unter der Bettdecke. Kürzel: sch