Die Hamburger Familienforscherin Franziska Jahn hat sich nach ihrem Geschichtsstudium selbstständig gemacht — und zeigt damit, was man als Historikerin außerhalb des Denkmalschutzes eigentlich noch so machen kann. 

Umgangssprachlich als Ahnenforschung bekannt, beschäftigt sich die Hilfswissenschaft der Genealogie mit der Geschichte einer Familie und bestimmten Verwandtschaftsbeziehungen. Darin geht es vor allem um die wissenschaftliche Recherche und Auseinandersetzung mit alten Urkunden, Kirchenbüchern und anderen historischen Quellen. Oft werden die Vorfahren in Stammbäumen aufgelistet. In den USA ist die Ahnenforschung bereits ein beliebtes Hobby und auch in Deutschland gibt es mittlerweile professionelle Familienforscherinnen und -forscher. Franziska Jahn ist eine davon. Nach ihrem Geschichtsstudium hat sie sich als Familienforscherin selbstständig gemacht. Mit FINK.HAMBURG spricht sie über ihren Berufsalltag, detektivisches Geschick, einen verschollenen Cousin in Kanada und was für Herausforderungen es als Gründerin gibt.

FINK.HAMBURG: Seit wann arbeitest du als Familienforscherin? 

Franziska Jahn: Beruflich mache ich das Ganze seit etwa dreieinhalb Jahren. Das ist bei mir eine ziemlich private Geschichte. Für meine Masterarbeit brauchte ich ein paar Zeitzeugen aus der eigenen Familie. Damals gab es so eine Art Mysterium bei uns, dass ich einen Cousin in Kanada habe. Niemand konnte ihn jedoch ausfindig machen. Auch offizielle Stellen nicht. Schließlich habe ich ihn dann gefunden. Da habe ich mir gedacht, warum kann ich anderen Leuten eigentlich nicht dabei helfen, das gleiche Aha-Erlebnis und die gleichen tollen Gefühle zu haben?

Ahnenforscherin Franziska Jahn
Familienforscherin Franziska Jahn. Foto: Sophie Schreiber

Wie sieht dein Berufsalltag aus? 

Das kommt immer ganz darauf an, was für eine Anfrage kommt. Es sind Privatleute, die auf mich zukommen. Meistens betreiben diese Leute Familienforschung bereist als Hobby und kommen dann alleine nicht mehr weiter. Ganz typisch ist, dass Leute etwas auf dem Dachboden gefunden haben und jetzt beispielsweise mehr über ihre Oma erfahren wollen. Entweder beginne ich dann direkt mit der Archivarbeit oder ich beschäftige mich mit offiziellen Stellen wie Standesämter, Meldeämter und betreibe sehr viel Bürokratie, um an Informationen heranzukommen. Es bleibt natürlich auch nicht aus mit dem ein oder anderen Friedhof oder Bestatter in Verbindung zu treten. Aus diesen Unterlagen versuche ich dann, einen Stammbaum zu entwickeln.

Was ist der Vorteil daran, dich als Ahnenforscherin zu beauftragen, anstatt selbst Nachforschungen anzustellen?

Ich habe genau das einfach gelernt. Ich bin Historikerin. Vom Bachelor bis zum Doktor weiß ich, wie man Archivarbeit betreibt. Und das ist der Vorteil. Ich denke, Kulturwissenschaftler, die in Archiven arbeiten, können das auch. Mein Schwerpunkt lag immer in Sozialgeschichte, das hat Vorteile. Es ist wichtig zu wissen, wann welcher Krieg war oder wo sich welche Militäreinheiten befand. Ich muss mich einfach mit der europäischen manchmal auch mit der asiatischer Geschichte auskennen, um zu wissen, wann sind wir wie geprägt worden und durch was. Deshalb denke ich, ist es auf jeden Fall sinnvoll, einen Historiker ran zu lassen. 

Hebt es dich von anderen Ahnenforscherinnen und -forschern ab, dass du nicht nur Archive durchforstest sondern auch Zeitzeugen besuchst? 

Natürlich gucke ich mir meine Konkurrenz auch an. Ich denke schon, dass mich das abgrenzt. Schon in meiner Masterarbeit habe ich die Methode der Oral History angewandt.  Ich rede sehr viel mit den Menschen. Dokumente und Fotos sind wichtig. Die Gespräche sind das Allerwichtigste. Vielleicht kritisieren das auch einige an mir, ich bringe da so etwas persönliches, intensives und gefühlvolles mit rein. Aber Familiengeschichte ist eben auch etwas sehr persönliches und intimes. Das kann und sollte, denke ich, auch nicht jeder machen. 

Gab es eine besonders berührende Geschichte, die du erlebt hast?

Ich habe mal herausgefunden, dass eine ältere Dame adoptiert wurde und das nicht wusste. Das erfordert dann natürlich auch Fingerspitzengefühl. Das hatte sie natürlich nicht erwartet.

Ist die professionelle  Familienforschung auch etwas für den Geldbeutel eines Studierenden? 

Mein Stundenlohn liegt bei 70 Euro. Ich weiß aber auch, was ich tue. Ich bin nicht die kleine Hobbyforscherin. Wenn jemand mit einem kleinen Budget auf mich zukommen würde, dann lasse ich mich auch mal darauf ein, zehn Monate 35 Euro abzustottern. Ich habe oft auch ein kleines Budget gehabt. Wenn einem das wirklich wichtig ist und man ehrlich miteinander spricht, warum nicht. Mir ist es auch noch nie passiert, dass ich keine Lust auf etwas hatte, weil das ein Standardfall ist. Ahnenforschung ist auch ein bisschen wie historisches „Bunte“ lesen. Also wer hat denn da mit wem und wie ist das entstanden. Das ist echt ulkig manchmal.

Bei dem Stundenlohn lohnt es sich ja auch, selbst ein Unternehmen zu gründen. 

Mich mit Erbenermittlung und Ahnenforschung selbstständig zu machen, hatte viele Gründe. Vorrangig ist es ein tolles Gefühl, sein eigener Chef zu sein. Auch das Tragen der alleinigen Verantwortung ist tatsächlich großartig. Die freie Zeiteinteilung spielt natürlich auch eine Rolle. Die bedeutet aber auch, dass ich manchmal Dinge an den Wochenenden erledige. Nicht zuletzt hat mich meine frühere Erfahrung mit Arbeitgebern motiviert, eine bessere zukünftige Arbeitgeberin zu werden.

„Man muss für die Selbstständigkeit gemacht sein.“

Was ist die größte Herausforderung für dich als Gründerin

Meiner Meinung nach muss man für die Selbstständigkeit gemacht sein. Im normalen Angestelltenverhältnis ist rundum für dich gesorgt. Das ist als Selbstständige naturgemäß anders. Ich halte mich selbst für einen recht mutigen Menschen. Aber wichtig ist vor allem, dass man weiß, was man kann und somit selbstbewusst dahinter stehen kann. Das ist die Basis. Gepaart werden muss das dann noch mit einer gesunden Portion Ehrgeiz und Offenheit.

Wie schaffst du es, so etwas wie Buchhaltung selbst zu machen, ohne BWL studiert zu haben? 

Man muss nicht immer alles selbst machen. Wichtig ist, dass man Partner an seiner Seite weiß, die einem verlässlich und vertrauensvoll behilflich sind. Es ist unter anderem unabdingbar, einen guten Steuerberater zu haben. So kann ich mir sicher sein, dass alles seine Richtigkeit hat.

Hast du noch Tipps für die eigene Ahnenforschung? 

Dokumente sammeln ist eigentlich der Anfang. Und tatsächlich auch zuhören. Das ist ganz wichtig. Ich weiß auch aus eigener Erfahrung, dass Familienfeiern langweilig sein können und immer das Gleiche erzählt wird und nicht immer unbedingt das Richtige. Es werden ja auch viele Mythen in Familien erzählt. Meistens stimmt das Mittel daraus aber schon. Solange die Großeltern noch leben auch mal nachfragen, wer ist denn das auf dem Foto. Das hilft.

Vorheriger ArtikelStart-Up: Proteinbier statt Eiweißshake
Für Sophie Schreiber, Jahrgang 1994, beginnt ein gemütlicher Morgen nicht nur spät, sondern auch mit einem Frühstück im Bett. Auf Reisen sucht sie hingegen das Abenteuer: Nach dem Abitur durchquerte sie Australien und machte einen Roadtrip durch Deutschland. In Hamburg ist sie allerdings fest verwurzelt. Selbst während ihres Studiums der Kulturwissenschaften in Lüneburg pendelte sie. Ihr Faible für das Schreiben entdeckte sie während eines Praktikums in der Hamburger Redaktion von „Kulturnews“. Dort sammelte Sophie erste Erfahrungen im Lokaljournalismus, führte Interviews und berichtete über Festivals. Ihr Wissen kann sie nun bei FINK.HAMBURG anwenden und vertiefen. Das Pendeln hat damit auch ein Ende und Sophie bleiben morgens ein paar Minuten länger unter der Bettdecke. Kürzel: sch

Hinterlasse einen Kommentar

Please enter your comment!
Please enter your name here